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Interview: Jugendliche stehen unter Druck

BERLIN. Der Forscher Klaus Hurrelmann warnt, dass junge Menschen durch eine zunehmende berufliche Unsicherheit und die wachsende Informationsflut verunsichert werden. Orientierung ist gefragt.

Was unterscheidet Jugendliche, die heute zur Schule gehen, von denjenigen, die vor zwanzig Jahren zur Schule gegangen sind?

Klaus Hurrelmann: Über allen schwebt ein äußerst unfreundlicher Arbeitsmarkt. Das Unsicherheitspotential hat stark zugenommen. Selbst die sehr guten Schüler können nicht mehr sicher sein, einen Arbeitsplatz zu finden. Die Jugendlichen wissen, dass sie sich sehr anstrengen müssen. Vor allem die Mädchen sind ehrgeiziger geworden

Werden Jugendliche sich trotzdem weiter gesellschaftlich engagieren?

Hurrelmann: Ja, aber auf sinkendem Niveau. Enga gement in Institutio nen wie Parteien oder in sozialen Bewegungen wie Greenpeace stellt für viele Jugendliche angesichts ihrer eigenen unsicheren Lage eine Verzettelung der Kräfte dar. Sie stecken ihre Energie eher in ihr eigenes Fortkommen.

Wie werden Jugendliche sich in zehn Jahren ausdrücken?

Hurrelmann: Der Erwartungsdruck, dass man etwas werden soll, nimmt zu. Deshalb werden Ausweichstrategien durch Subkulturen zukünftig wichtiger werden. Sprache, Umgangsformen, Frisuren und Kleidung, kreativ sein, das alles werden Jugendliche deshalb noch stärker zur Profi lierung nutzen.

Welche Auswirkungen hat die wachsende Bedeutung des Internets auf die Schule?

Hurrelmann: Die Informationsbeschaffung hat sich geändert. Jugendliche werden mit einer Masse an Informationen konfrontiert. Folgen können Überforderung und Orientierungslosigkeit sein. Aufgabe der Lehrer ist es, die positiven Aspekte des Wandels zu nutzen und die negativen Auswirkungen abzumildern.

Wie können Lehrer den Wandel für ihre Arbeit nutzen?

Hurrelmann: Der Lehrer hat kein Informationsmonopol mehr, er wird immer mehr zum Verarbeitungsspezialisten. Zukünftig muss er noch mehr Fragen beantworten wie: Wie schätzt man Dinge ein, wie verarbeitet man sie und wie bezieht man diese Dinge auf sich selbst? Das schafft Freiräume für selbstständiges Arbeiten der Schülerinnen und Schüler. Schule wird für Jugendliche immer mehr zum Bewährungs- und Betätigungsfeld. Sie werden zukünftig noch mehr in der Schule auf Anerkennung und Selbstentfaltung angewiesen sein. Lehrer können die Möglichkeiten der Jugendlichen verbessern, indem sie deren Fähigkeiten aktivieren. Wie der Trainer einer Mannschaft sollte er die Potentiale der Jugendlichen herauslocken, animieren und durch Anerkennung belohnen.

NINA BRAUN FÜHRTE DAS GESPRÄCH.

(das Interview ist erstmals erschienen in Forum Schule 1/2010)

Professor Klaus Hurrelmann ist Sozialwissenschaftler. Er unterrichtete jahrelang an der Universität Bielefeld, aktuell forscht er an der Hertie School of Governance in Berlin. Hurrelmann leitete die Shell Jugendstudie 2010, die im Herbst 2010 erschienen ist.

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