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Leben in der ganz eigenen Welt

Ein Klassenzimmer, zwei Welten: Autisten möchten nicht ausgeschlossen sein und Aufgaben trotzdem auf ihre eigene Art machen. (Foto: Alex Büttner)

Ein Klassenzimmer, zwei Welten: Autisten möchten nicht ausgeschlossen sein und Aufgaben trotzdem auf ihre eigene Art machen. (Foto: Alex Büttner)

Die Zahl der Autisten nimmt zu. Weil der Schweregrad der Entwicklungsstörung unterschiedlich sein kann, wird sie nicht bei jedem Betroffenen sofort entdeckt.

Fabian sitzt zwei Meter entfernt von seinen Mitschülern – so als gehöre er gar nicht dazu. Der blonde Junge scheint seine Klassenkameraden aufmerksam zu beobachten und ist mit seinen Gedanken doch ganz woanders. Fabian besucht zwar – wie die anderen Kinder auch – die Irena-Sendler-Förderschule in Euskirchen, und doch lebt er in seiner ganz eigenen Welt. Sein Mitschüler Ben liegt gedankenversunken auf dem Boden und rollt die Eisenbahn über die Schienen. Vor, zurück, vor, zurück, vor, zurück. Diese stereotype Bewegung gibt ihm die Sicherheit, die er braucht. Fabian und Ben sind ganz besondere Kinder, sie sind Autisten.

Autismus ist eine tief greifende Entwicklungsstörung, die wahrscheinlich auf genetische Ursachen zurückzuführen ist. Die Zahl der Autisten hat in den letzten Jahren zugenommen. Nach neuesten Studien leidet ein Kind von 150 Kindern an einer autistischen Störung, wobei Jungen häufiger betroffen sind als Mädchen. Oft wird die Diagnose während der Schulzeit gestellt, manchmal sogar erst im Erwachsenenalter. Autisten sind im täglichen Leben erheblich einschränkt. In der Schule stechen sie vor allem durch ihr Verhalten hervor, gelten als schwer erziehbar und werden häufig gemobbt.

„In der Pause fallen autistische Kinder am deutlichsten auf“, sagt Claus Lechmann, Leiter des Autismus- Therapiezentrums in Köln. Während alle Schüler beim Gong freudig auf den Hof rennen, beginnt für Autisten eine quälende Zeit: Die Kinder müssen in der Pause selbstständig mit Mitschülern umgehen und wissen nicht, was auf sie zukommt. Deswegen versuchen sie, in der Klasse zu bleiben. Sie begeben sich an einen stillen Ort oder hängen sich an die Aufsichtsperson. „Die intuitive Kontaktgestaltung zu Kindern ist für Autisten in der Regel schwer“, betont Lechmann. In der Schule müssten Autisten das soziale Curriculum wie eine Fremdsprache lernen.

Im Unterricht sind die Auffälligkeiten dem Diplom-Psychologen zufolge nicht immer leicht zu erkennen. Autistische Kinder zeigen häufig ungewöhnliche Reaktionen. Sie neigen zu Sprachauffälligkeiten und nehmen Redewendungen wörtlich. Die Aufforderung des Lehrers, „Könnt ihr eure Bücher aus der Tasche nehmen“, versteht ein Autist lediglich als Frage, und nicht als Aufforderung, dies zu tun, so Lechmann. Auch ein extremer Gerechtigkeitssinn und das Beharren auf Regeln können Hinweise sein. „Ein häufiger Knackpunkt ist die Gruppenarbeit“, sagt der Fachmann. Die Abstimmung mit anderen sei schwierig. „Wenn autistische Menschen in der Gruppe arbeiten, haben sie den Drang, die Aufgaben auf ihre Art zu machen.“ Dies führt nicht selten zu Problemen – mit den Mitschülern und den Lehrern.

Solche Situationen kennt Nena Schmidt gut. Sie ist Sonderpädagogin an der Irena-Sendler-Schule und Fachberaterin in Euskirchen. Sie klärt über Autismus auf, besucht Schulen und gibt praktische Tipps für den Umgang mit Autisten. „Da stoßen zwei Welten aufeinander“, sagt sie. „Der Autist lebt in seiner Welt, die die Mitschüler und Lehrer oft nicht verstehen, und umgekehrt. So kommt es natürlich sehr schnell zu Missverständnissen.“ Früherkennung und Förderung sei das A und O, denn so könnten die Besonderheiten der Autisten an Förder- und Regelschulen berücksichtigt und viele Probleme von vornherein vermieden werden.

Anschaulich: Piktogramme helfen Autisten beim Lernen. (Foto: Alex Büttner)
Anschaulich: Piktogramme helfen Autisten beim Lernen. (Fotos: Alex Büttner)

Es ist Freitag, kurz nach 12 Uhr, und in der Euskirchener Förderschule steht Plätzchen backen auf dem Stundenplan. An der Tafel hängen kleine Bilder, die zeigen, was Fabian, Ben und ihre Mitschüler machen müssen, damit aus Mehl, Zucker, Butter und Eiern tatsächlich Plätzchen werden. „Autisten lernen sehr häufig visuell“, erklärt Schmidt. Deswegen stellt sie Aufgaben immer auch in Form von Bildern. Auch die Verhaltensregeln und die Stundenpläne hängen als Piktogramme an der Wand. Die übersichtlichen Stundenpläne haben noch eine andere, für Autisten unentbehrliche Funktion: Sie geben ihnen Struktur. „Alles, was Struktur gibt, bedeutet für Autisten Sicherheit. Je mehr Struktur, desto besser.“ Fabian und seine Mitschüler haben für jedes Fach einen farbigen Schnellhefter, der einen festen Platz in der Klasse hat. Sie sitzen stets am gleichen Platz, und eine spezielle Uhr hilft ihnen, den Überblick über die Stunde zu behalten. Auch die ersten beiden Unterrichtsstunden sowie die Zeiten für Pausen und Mittagessen verändern sich nie. Steht eine neue Sitzordnung oder ein Ausflug an, sollte dies frühzeitig angekündigt werden, empfiehlt Schmidt.

Daneben sind Ruhephasen für autistische Kinder wichtig. „Autisten haben keine selektive Wahrnehmung. Auf sie stürzt alles gleichzeitig ein und dadurch sind sie einem extremen Geräuschpegel ausgesetzt“, erklärt Schmidt. Wenn das Durcheinander und der Lärm für die Kinder unerträglich werden, ziehen sie eine „Auszeit“-Karte und verschwinden für ein paar Minuten im Nebenzimmer. Bei Unverständnis der Mitschüler rät Schmidt, mit der Klasse die Besonderheiten zu besprechen und eigene Erfahrungen mit einer veränderten Wahrnehmung in einem Stationenlauf zu machen. Dabei hören die Kinder beispielsweise über Kopfhörer laute Musik und sollen gleichzeitig einen Text aufschreiben. Sie merken dabei schnell, wie schwierig es für Autisten ist, diesen Lärmpegel zu ertragen. Dann verstehen sie, dass diese ihre Klassenarbeit lieber in einem anderen Raum schreiben.

Autismus zeigt sich vor allem im sozialen Kontext. Gerade deshalb nimmt die Schule – ganz gleich ob Förder- oder Regelschule – in der Erkennung und Therapie von Autismus eine zentrale Rolle ein. Der Kölner Autismusexperte Lechmann sieht die Arbeit mit autistischen Kindern als Herausforderung und Chance zugleich. „Autistische Kinder sind anders, sie reagieren anders und sind nicht leicht zu integrieren. Aber es lohnt sich immer, sich diesen besonderen Menschen zu öffnen.“

Frauke König

Aus: Forum Schule 03/2010

Ein Kommentar

  1. Mag. Corina Doppler

    Ich bin Mutter eines Mädchens mit atypischem Autismus und selbst Psychologin.
    Es freut mich, dass es solche Schulen gibt, wo Kinder mit Autismus die Chance haben, auf ihre Art zu lernen und das Miteinander mit den Kollegen auf entspannte Weise zu erleben. Ein Auszeit-Kärtchen oder die Möglichkeit, in einem anderen Raum die Klassenarbeiten zu schreiben – von sowas kann ich für meine Tochter nur träumen. Leider ist in der Regelschule in Österreich, die meine Tochter besucht, wenig Verständnis und wenig Interesse auch für die Besonderheit solcher Kinder zu spüren und zu bemerken. Ganz besonders schlimm sind die Pausen, aber noch schlimmer ist der Weg zur Schule und von der SChule heim, im Schulbus, wenn keine Aufsichtperson zugegen: Da ist sie den Mobbern hilf- und schutzlos ausgeliefert.

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