Anzeige


Startseite ::: Praxis ::: Offenlegen, aber fair

Offenlegen, aber fair

Von NINA BRAUN und ANDREJ PRIBOSCHEK
die ersten Plätze in Rankings spiegeln nicht immer die Realität wieder. (Illustration: Stefan Bayer/www.pixelio.de)
Die ersten Plätze in Rankings spiegeln nicht immer die Realität wieder. (Illustration: Stefan Bayer/www.pixelio.de)

LONDON. Leistungsdaten von Schulen sind keine Staatsgeheimnisse mehr. Vergleiche nützen – wenn sie fair sind.

Aktuell vorne liegt die Wycombe Abbey School für Mädchen in Buckinghamshire. Bei den zentralen GCSEE Prüfungen 2008, dem mittleren Abschluss haben 98 Prozent ihrer Schülerinnen die beiden höchsten Leistungsklassen erreicht: Platz eins im Schulranking der britischen „Times“. Ganz hinten (Platz 1202) liegt die Prospect Scholl Reading mit null Prozent derart hoch bewerteten Prüflingen.
Die Folgen sind absehbar: Wycombe wird einen neuen Schub von Anmeldungen erleben, Reading dagegen bei bildungsbewussten Eltern einen schweren Stand haben – pädagogischer Wettbewerb, wie er in Großbritannien seit Längerem herrscht. Auch andernorts werden Schulleistungsdaten veröffentlicht. In den Niederlanden etwa sind Inspektionsberichte und die Ergebnisse von Abschlussprüfungen im Internet abrufbar; Zeitungen erstellen auf dieser Basis Rankings, also Ranglisten. In Skandinavien herrscht eine vergleichbare Offenheit.
In Deutschland dringen ebenfalls immer mehr sensible Schuldaten nach außen. Eine wachsende Zahl von nordrhein- westfälischen Schulen stellt freiwillig Prüfungsergebnisse und Berichte der Qualitätsanalyse ins Internet. In Schleswig- Holstein, Sachsen und Brandenburg veröffentlichen die Kultusministerien mehr oder weniger umfangreiche Schulporträts, einschließlich Sitzenbleiberquoten und durchschnittlichen Prüfungs- oder Testresultaten. Rankings seien daraus noch nicht gemacht worden, heißt es in Potsdam. Eltern würden das Angebot gleichwohl gut annehmen, die Schulen von Anfragen entlastet.
Schleicher fordert einen fairen Vergleich
Auch Andreas Schleicher, Organisator der PISA-Studie, sieht in der Entwicklung hin zu mehr Transparenz einen Fortschritt – jedenfalls solange dabei das Gebot der Fairness nicht verletzt wird: „Durchschnittsnoten sollten nicht der alleinige Maßstab sein.“ Schließlich gebe es andere Qualitätsmerkmale von pädagogischer Arbeit, die dadurch nicht erfasst würden, Kindern aus sozial schwierigen Verhältnissen zu qualitativ hochwertigen Abschlüssen zu verhelfen beispielsweise. Dies dürfe nun aber kein Argument sein, um auf die Veröffentlichung von Schulleistungsdaten zu verzichten – im Gegenteil, meint der Bildungsforscher. Es müssten eben umfangreiche Informationen herausgegeben werden, die ein möglichst vollständiges Bild ergäben. „Wenn man Leistungsunterschiede nicht kennt, kann man sie auch nicht ausgleichen“, sagt Schleicher. Dies sollte dann allerdings auch erfolgen: also Schulen besonders unterstützen, die bei Vergleichen schlecht abschneiden.
Wissenschaftler haben ausgerechnet, dass transparente Schulsysteme bei PISA im Schnitt um 5,2 Punkte besser liegen als solche, die die Leistungen einzelner Schulen wie Staatsgeheimnisse hüten. Das ist für sich noch kein Quantensprung, aber immerhin mehr, als etwa durch eine bessere Ausstattung der Schulen mit Sachmitteln zu erreichen ist, wie Schleicher erklärt. Höher noch als solch ein direkter Effekt aber sei die Wirkung auf das Klima einzuschätzen, in dem pädagogische Arbeit stattfinde. „Transparenz schafft eine Kultur des Austausches. Sie gibt Schulen die Möglichkeit, auch ihre Erfolge herauszustellen“, meint Schleicher. Mit bemerkenswerten Ergebnissen: In Großbritannien beispielsweise sei das Ansehen der Lehrerschaft deutlich gestiegen, seitdem die Öffentlichkeit über deren Leistungen informiert werde. Dort sei allerdings der Fehler gemacht worden, zunächst allein auf Prüfungsergebnisse zu setzen, ein „zu oberflächlicher Vergleich“, wie Schleicher betont. Mittlerweile aber veröffentlicht das Erziehungsministerium umfangreiche Inspektionsberichte.
Die „Times“ setzt allein auf Durchschnittsnoten
Die „Times“ ficht das allerdings nicht an. Sie setzt bei ihrem weit beachteten alljährlichen Ranking weiterhin allein auf Durchschnittsnoten. Was die Leser nicht erfahren: Die hinten liegende Prospect School Reading ist laut Inspektionsbericht eine Brennpunkt-Schule, sie wird überdurchschnittlich häufig von Kindern aus Einwandererfamilien besucht. Die Hälfte der Schüler gilt als besonders förderbedürftig. Der Unterricht, so heißt es in dem Papier, sei trotz der widrigen Umstände zufriedenstellend, mitunter sogar gut und sehr gut. So darf sich die Schule auf ihrer Homepage über das – für ihre Verhältnisse – gute Abschneiden einzelner Schüler freuen. Die in der „Times“-Rangliste führende Wycombe Abbey School ist für diese Kinder ohnehin unerreichbar: Sie ist eines der teuersten Internate in Großbritannien. Nina Braun, Andrej Priboschek

(Artikel erstmals erschienen in Forum Schule 2/2008)




Hinterlasse einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.Benötigte Felder sind markiert *

*