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Immer mehr Schüler in Deutschland schlucken täglich Ritalin und Co.

BERLIN. Hunderttausende von Kindern in Deutschland nehmen täglich Ritalin oder ein ähnliches Stimulans ein. Das darin enthaltene Methylphenidat, ein dem Aufputschmittel Amphetamin verwandter Wirkstoff, soll vor allem bei Hyperaktivität helfen, wird aber offenbar viel zu oft verschrieben.

Betroffen ist statistisch umgerechnet mittlerweile etwa ein Schüler in jeder deutschen Schulklasse – Tendenz stark steigend: Nach einer Studie der Techniker Krankenkasse ist der Anteil der Sechs- bis 18-Jährigen unter ihren Mitgliedern, die Methylphenidat verordnet bekamen, zwischen 2006 und 2009 von zwei auf 2,7 Prozent angewachsen, was einer Steigerung von knapp einem Drittel innerhalb von nur drei Jahren entspricht. Gleichzeitig stieg die Menge der pro jungem Patienten verordneten Menge. Waren es 2006 noch 195 so genannte Tagesdosierungen, kamen 2009 schon 213 auf jeden betroffenen. Auch die regional unterschiedlichen Häufigkeiten der Diagnose „Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung“ (ADHS) lassen sich medizinisch nicht erklären: In Rheinland-Pfalz oder Bremen ist der Anteil solcher Kinder unter den Mitgliedern der Krankenkasse mehr als doppelt so hoch als etwa in Brandenburg oder Mecklenburg-Vorpommern.

Hunderttausende Kinder in Deutschland bekommen täglich Methylphenidat, besser bekannt unter dem Markennamen Ritalin. Foto:

Hunderttausende Kinder in Deutschland bekommen täglich Methylphenidat, besser bekannt unter dem Markennamen Ritalin. Foto: ADHD Center / Flickr (CC BY-NC 2.0)

„ADHS wird vorschnell diagnostiziert und einseitig medikamentös behandelt“, schließt Peter Lehndorfer, Kinder- und Jugendpsychotherapeut aus München und Vorstand der Bundespsychotherapeutenkammer,aus diesen Zahlen. Wie viele Kinder und Jugendliche in Deutschland allerdings von solchen Fehldiagnosen betroffen sind, vermag niemand seriös zu schätzen. Es gibt keine Untersuchungen darüber. Aus Erfahrung weiß der Fachmann allerdings: „Es wird oft auf eine ausführliche Diagnostik verzichtet. Dafür muss man sich nämlich einige Zeit nehmen und genau beobachten – etwa: Wann haben die Verhaltensauffälligkeiten begonnen? Sind sie in einem Zeitraum von mindestens sechs Monaten in mehreren Lebensbereichen immer wieder aufgetreten?“ Schwierigkeiten allein in der Schule reichten für einen sicheren Befund nicht aus. Groß sei auch die Verwechslungsgefahr mit anderen psychischen Erkrankungen. „Depressionen bei jüngeren Kindern können sich ähnlich darstellen“, berichtet Lehndorfer und betont:  „ADHS ist ein komplexer diagnostischer Begriff.“

Aber selbst wenn eine gesicherte Diagnose vorliegt – über die Ursachen sagt sie nichts. Wie auch?  Die Forschung ist sich nicht einig. Um das Thema ADHS tobt ein Expertenstreit, fast ein Glaubenskrieg. Es handele sich lediglich um einen organischen Defekt wie das Fehlen eines Botenstoffs im Gehirn, meinen einige. ADHS  habe vielfältige genetische, psychische, soziale und umweltbedingte Ursachen, die von frühkindlichen Bindungsstörungen bis hin zu Allergien gegen bestimmte Nahrungsmittel reichen, sagen andere. Entsprechend unterschiedlich fallen die Rezepte dagegen aus: Medikamente, vor allem Methylphenidat-haltige Mittel, hier, Psychotherapien dort.

„ADHS-Kinder sind wahnsinnig anstrengend“

In der Praxis allerdings sind Mediziner häufig geneigt, die schnelle Antwort zu geben – Pillen. Lehndorfer wundert das nicht angesichts des großen Problemdrucks, unter dem die betroffenen Kinder, ihre Eltern und auch die Kinderärzte häufig stehen. „ADHS-Kinder sind wahnsinnig anstrengend“, sagt der Psychotherapeut.

So bekommen manche Kinder jahrelang Stimulanzien, ohne dass auch nur einmal versucht wird, das Problem psychotherapeutisch anzugehen und womöglich doch zu den Ursachen vorzudringen. Werden die Tabletten dann abgesetzt, beginnen die Probleme von vorne.  Was ist mit den psychischen Folgen? Laut Bundesärztekammer wird die Wahrscheinlichkeit, dass ein Kind mit ADHS später einmal drogensüchtig wird, durch die Methylphenidat-Behandlung sogar gesenkt. Auch eine ungünstige Persönlichkeitsentwicklung schließt die Bundesärztekammer in solchen Fällen aus. Was aber geschieht mit Kindern und Jugendlichen, die jahrelang Ritalin oder ein ähnliches Mittel aufgrund einer falschen Diagnose verabreicht bekommen? Möglicherweise leiden sie als Erwachsene verstärkt unter Depressionen. Eine Studie der US-amerikanischen Harvard Medical School hat jedenfalls diesen Verdacht genährt, ohne allerdings abschließende Beweise liefern zu können.

Verordnungsfähigkeit ist eingeschränkt worden – aber …

Die Unkenntnis der langfristigen Folgen der Einnahme von Stimulanzien wie Methylphenidat verbunden mit der ausufernden Verschreibungspraxis hat den Gemeinsamen Bundesausschuss, einem Gremium, das den Leistungskatalog der gesetzlichen Krankenkassen bestimmt, nun dazu bewogen, die Verordnungsfähigkeit einzuschränken. Seitdem gilt:

  • „Die Diagnose von ADHS darf sich nicht allein auf das Vorhandensein mehrerer Symptome stützen, sondern sollte auf einer vollständigen Anamnese und Untersuchung des Patienten basieren.“
  • „Die Arzeimittel dürfen nur von einem Spezialisten für Verhaltensstörungen bei Kindern und Jugendlichen verordnet und unter dessen Aufsicht angewendet werden.“
  • „Zur Prüfung des langfristigen Arzneimittelnutzens für den einzelnen Patienten müssen regelmäßig behandlungsfreie Zeitabschnitte eingelegt werden. Es wird empfohlen, die Arzeimittel mindestens einmal im Jahr abzusetzen, um das Befinden des Kindes zu beurteilen.“

„ADHS ist damit keine Domäne der Arzneimitteltherapie mehr“, so kommentiert Psychotherapeut Lehndorfer den Beschluss. Grundsätzlich sollte die Behandlung mit einer Psychotherapie beginnen – also zunächst ohne Medikamente. Lehndorfer: „Bei der Diagnose von ADHS reicht es nicht mehr, ein oder zwei Symptome festzustellen und dann zum Rezeptblock zu greifen. Nutzen und Risiken einer medikamentösen Behandlung müssen jetzt sehr viel sorgfältiger beachtet werden.“

Ob dies allerdings tatsächlich dazu führen wird, dass in Deutschland weniger Methylphenidat auf den Markt gelangt, ist fraglich. Experten sind skeptisch. Denn Kinderärzten, die weiterhin großzügig mit Ritalin und Co. umgehen, drohen keinerlei Sanktionen. Darüber hinaus, so räumt Lehndorfer ein, gibt es vielerorts gar nicht genügend Therapiemöglichkeiten. Im Durchschnitt warten Eltern drei Monate, bis sie mit ihrem Kind einen ersten Termin bei einem Psychotherapeuten bekommen, und weitere drei Monate, bis die Behandlung dann beginnen kann. Zu lang, vor allem in schweren Fällen – so dass der Druck auf Kinderärzte weiterhin hoch sein wird, ADHS-Medikamente zu verschreiben. (bibo)

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