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Verbände fordern: Schluss mit dem Schulsterben

DÜSSELDORF/MÜNCHEN. In den nächsten Jahren und Jahrzehnten droht vielen Schulen die Schließung.

Durch die sinkenden Geburtenraten und das veränderte Schulwahlverhalten der Eltern stehen vor allem viele Grund- und Hauptschulen vor dem Aus. Besonders betroffen sind Einrichtungen auf dem Land. Lehrerverbände aus Nordrhein-Westfalen und Bayern fordern die Landesregierungen auf, sich aktiv dafür einzusetzen, dass die Schule am Ort bleibt.

"Kurze Beine - kurze Wege": Kinder sollen auch zukünftig in ihrem Wohnort zur Schule gehen können, fordern Lehrerverbände; Foto: Jens Weber / pixelio.de

"Kurze Beine - kurze Wege": Kinder sollen auch zukünftig in ihrem Wohnort zur Schule gehen können, fordern Lehrerverbände; Foto: Jens Weber / pixelio.de

Bis 2019 droht rund 400 Grundschulen in Nordrhein-Westfalen die Schließung. Das geht aus dem Gutachten „Kurze Beine – kurze Wege“ hervor, dass der Verband Bildung und Erziehung (VBE) vorgestellt hat. In den vergangenen zehn Jahren sind von den 3.465 Grundschulen bereits 321 geschlossen worden. Die Gründe dafür sind sinkende Schülerzahlen aufgrund der niedrigen Geburtenrate, so der VBE. Besonders problematisch sei die Grundschulversorgung im ländlichen Raum. Hier liegt sie nach Angaben des Lehrerverbandes bei 22 von 53 Städten und Kreisen bereits jetzt deutlich unter dem Landesdurchschnitt. „Es besteht akuter Handlungsbedarf, um die Situation in den Grundschulen insgesamt zu verbessern“, sagte Udo Beckmann, Vorsitzender des Verbandes. Möglichkeiten, einem Schulsterben entgegen zu wirken und ein wohnortnahes Angebot zu sichern, sieht der VBE durch die Herabsenkung der Mindestschülerzahlen von 18 auf elf Schüler pro Klasse und die Verkleinerung der Klassengröße. Er plädiert dafür, künftig höchstens 24 statt – wie bisher – 30 Schüler pro Klasse zu unterrichten. So könnten die Grundschulen auch Lerngruppen bilden, die der Heterogenität der Schülerschaft besser gerecht würden.

„Der VBE fordert die Landesregierung auf, die Demografiegewinne, die in der Grundschule entstehen, weitgehend auch dort zu belassen“, sagte Beckmann. Dadurch und durch die Änderungen der Klassenunter- und -obergrenze sei es möglich, dass Kommunen selbst einzügige kleine Grundschulen mit insgesamt mindestens 44 Schülern als eigenständige Standorte erhalten können. Wie die „Rheinische Post“ berichtet, verlangt der Verband, dass Kinder möglichst nicht mehr als zwei Kilometer laufen und nicht länger als 15 Minuten im Bus sitzen sollen, um zur Grundschule zu kommen.

Schule ist wichtiger Standortfaktor

Die Sicherung eines wohnortnahen Grundschulangebots sei aus kommunaler, sozialer, kultureller und pädagogischer Sicht besonders wichtig, weil durch den Grundschulunterricht die Anknüpfung an die konkrete Lebens- und Erfahrungswelt der Kinder gegeben ist. Die Zusammenlegung von Standorten zu sogenannten Grundschulverbünden – mit einer Stammschule und einem Teilstandort – wird dem Schülerrückgang nach Meinung des VBE nicht gerecht. Laut Beckmann ist dies keine dauerhafte Lösung, sondern es schiebe die Schließung der Schulen lediglich auf.

Die nordrhein-westfälische Schulministerin Sylvia Löhrmann (Grüne) sagte zu dem Gutachten, dass der VBE auf ein „wichtiges Thema“ hinweise. Die rot-grüne Landesregierung wolle in dem mit der CDU vereinbarten Schulkonsens dem Prinzip „Kurze Beine – kurze Wege“ Rechnung tragen und kleine wohnortnahe Grundschulstandorte möglichst erhalten. Erforderlich seien pädagogisch-innovative Konzepte, wie beispielsweise jahrgangübergreifendes Lernen. Dazu werde derzeit an einem „zukunftsfesten Konzept“ gearbeitet.

Auch weiterführende Schulen fürchten Schließungen

Das drohende Schulsterben auf dem Land ist Thema auch in anderen Bundesländern. In Bayern stehen beispielsweise bis 2030 etwa 500 weiterführende Mittel- bzw. Hauptschulen vor dem Aus. Zu diesem Ergebnis kommt die Studie „Die Zukunft der wohnortnahen Schule in Bayern“, die in dieser Woche vom Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverband (BLLV) vorgestellt wurde. Sie hat untersucht, was in Bayern mit Schulstandorten geschieht, wenn weiterhin am dreigliedrigen Schulsystem festgehalten wird oder Mittel-, Real- und Wirtschaftsschulen zusammengeführt werden. Seit 2010 werden Hauptschulen in Mittelschulen umgewandelt, wenn sie ein breites Bildungsangebot aufweisen, sich beispielsweise besonders für die Berufsorientierung der Schüler starkmachen.

Laut der Untersuchung bricht bis 2015 beinahe ein Viertel, bis 2020 mehr als ein Drittel und bis 2030 fast die Hälfte der Haupt- bzw. Mittelschulstandorte weg. In Zahlen bedeutet das, dass 250 (2015), 400 (2020) bzw. 500 (2030) Schulen geschlossen werden müssen. Dies beträfe vor allem den ländlichen Raum. Als Gründe werden auch in diesem Bundesland vorrangig die demografische Entwicklung und das Schulwahlverhalten der Eltern angeführt, die ihre Kinder immer häufiger bei Realschulen oder Gymnasien anmelden.

„Landkreise, Städte und Gemeinden brauchen Lösungen, um die schul- und bildungspolitische Krise zu überwinden, möglichst viele Schulstandorte lange zu halten und attraktive Schulangebote wohnortnah anbieten zu können“, sagte BLLV-Präsident Klaus Wenzel. Wenn weiterhin nichts geschehe und die Regierung am dreigliedrigen System festhalte, drohe eine weitere Verödung der Schullandschaft. Er rief das Kultusministerium dazu auf, auch andere Schulmodelle zuzulassen, um bildungspolitisch nicht abgehängt zu werden. Laut der Studie lassen sich Hunderte Schulstandorte sichern, wenn Jugendliche vor Ort alternative Schulmodelle besuchen dürfen und nicht auf verschiedene Schularten verteilt werden müssen. „Entscheidend ist, dass die Gemeinden gestalten und passgenaue Konzepte etablieren dürfen“, so Wenzel. Nur so könne man verhindern, dass Schüler in großen Schulen mit riesigen Klassen unterrichtet würden und einen langen Weg zu Schule in Kauf nehmen müssten.

Spaenle will möglichst viele Standorte sichern

Der bayerischen Kultusminister Ludwig Spaenle (CSU) wies die Kritik des Lehrerverbandes zurück. Der BLLV sei mit seinem Gutachten zu der Schullandschaft in Bayern „nicht auf der Höhe der Zeit“. Spaenle betonte, dass er möglichst viele Standorte erhalten wolle. „Der Erhalt von Schulstandorten ist ein wichtiger Beitrag zur Sicherung der Lebensqualität“, so der Kultusminister. Ihm zufolge sind die Mittelschule als qualitative Weiterentwicklung und der Mittelschulverbund, zu dem sich selbstständige Mittelschulen zusammenschließen können, wichtige Schritte, um weiterführende Schulstandorte zu sichern. Durch ein Budget an Lehrerwochenstunden in den Mittelschulverbünden und die Unterschreitung von Mindestschülerzahlen sei die Zahl der Schulschließungen bereits deutlich gesunken. Um Grundschulstandorte erhalten zu können, ist beabsichtigt, die Mindestschülerzahl an Grundschulen weiter nach unten zu korrigieren. Der Minister gab zu, nicht alle Schulstandorte erhalten zu können, „aber wir werden alles daran setzen, möglichst viele Standorte zu sichern“, erklärte er. (red)

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