Startseite ::: Politik ::: Missbrauch: Bergmann geht – und wer hilft jetzt?

Missbrauch: Bergmann geht – und wer hilft jetzt?

BERLIN. Christine Bergmann (72) ist als Unabhängige Beauftragte zur Aufarbeitung des sexuellen Kindesmissbrauchs verabschiedet worden. Es soll weiterhin eine unabhängige Anlaufstelle für Betroffene geben – allerdings sind Zuschnitt und personelle Besetzung noch völlig unklar. Betroffenenorganisationen zeigen sich laut „Spiegel online“ irritiert. 

Christine Bergmann scheidet aus dem Amt der Unabhänigen Beauftragten aus - ihre Nachfolge ist noch völlig offen. Foto: www.bettinaflitner.de

Christine Bergmann scheidet aus dem Amt der Unabhänigen Beauftragten aus - ihre Nachfolge ist noch völlig offen. Foto: www.bettinaflitner.de

Nach Übergabe ihres Abschlussberichts im Mai und der Diskussion ihrer Empfehlungen am Runden Tisch „Sexueller Kindesmissbrauch“ sei ihr Auftrag nun abgearbeitet. „Meine Arbeit war nur der erste Schritt“, betont Bergmann.  „Jetzt muss die Politik handeln. Viele Betroffene leiden noch immer unter den Folgen des Missbrauchs und benötigen dringend Hilfen bei Therapie und Beratung.“

Die Unabhängige Beauftragte war von der Bundesregierung im März 2010 eingesetzt worden. Anlässe waren bekannt gewordene Missbrauchsfälle im Bereich der Katholischen Kirche und in Internaten wie der Odenwaldschule. 22.000 Anrufe und Briefe sind seitdem in der Anlaufstelle eingegangen. Die ehemalige Bundesfamilienministerin (SPD) sollte Ansprechpartnerin und zentrale Anlaufstelle sein für von sexuellem Kindesmissbrauch Betroffene, aber auch für Menschen, die Missbrauch in ihrem Umfeld wahrnehmen. Ihr Auftrag umfasste die Aufarbeitung von Missbrauchsfällen in Einrichtungen sowie im familiären Bereich, sie beriet die Bundesregierung und sprach Empfehlungen für Hilfen für Betroffene gegenüber dem Runden Tisch aus. Der war gleichzeitig einberufen worden, um zu klären, wie Opfern besser geholfen werden kann.

Hilfesystem für Betroffene soll aufgebaut werden

Die Bundesministerinnen Kristina Schröder (CDU), Sabine Leutheusser-Schnarrenberger (FDP) und Annette Schavan (CDU) teilen sich den Vorsitz. Zur Mitwirkung wurden Vertreter aus der Wissenschaft und gesellschaftlicher Gruppen eingeladen – unter anderem der Kinder- und Opferschutzverbände, bundesweiter Zusammenschlüsse von Beratungseinrichtungen für Opfer, der Familienverbände, der Schul- und Internatsträger, der Freien Wohlfahrtspflege, der beiden großen christlichen Kirchen, des Rechtswesens, des Deutschen Bundestages sowie aus Bund, Ländern und Kommunen. Auch Bergmann gehört dem Gremium an, das am 30. November zu seiner Abschlusssitzung zusammenkommen wird.

Die bisherige Unabhängige Beauftragte begrüßt, dass jetzt ein Hilfesystem für Betroffene aufgebaut werden soll, das vor allem das Therapieangebot verbessert. „Da gibt es große Lücken, es fehlen etwa Anlaufstellen für erwachsene Männer, für Menschen mit Behinderungen und Menschen mit Migrationshintergrund. Auch auf dem Land fehlen Angebote. Und alle Organisationen müssen jedes Jahr neu um Geld betteln, sie brauchen aber dringend eine gesicherte Finanzierung“, sagte Bergmann in einem Interview mit der „Süddeutschen Zeitung“.

Getragen würden die Kosten vom Bund sowie je nach Verantwortungsbereich von Ländern und den betroffenen Institutionen, teilte Bergmann mit. Allerdings räumte sie ein: „Es fehlen noch konkrete Aussagen zur Finanzierung. Hier müssen sich alle beteiligen – Bund, Länder und Kommunen. Wir brauchen einen Rechtsanspruch Betroffener auf Beratung.“ Finanzielle Entschädigungen sollen zudem die Institutionen leisten, in deren Rahmen der Missbrauch geschah.  Wie hoch die ausfallen können, ist allerdings noch offen. Bergmann fordert eine Orientierung an verbindlichen Standards und an Schmerzensgeldtabellen und erwartet hierzu eine klare Aussage des Runden Tisches. Für Opfer von Missbrauch innerhalb der Familie wird es aber wohl kein Schmerzensgeld geben. „Nach meinen Kenntnissen haben sich Mitglieder des runden Tisches das nicht zu eigen gemacht“, sagte Bergmann der „Süddeutschen Zeitung“.

Bereits in der letzten Sitzung des Runden Tisches im Juni sei die Fortführung einer unabhängigen Stelle und die Weiterführung der telefonischen Anlaufstelle ab 1. November zugesagt worden. „Über die Leitung wird derzeit auf ministerieller Ebene entschieden“, erklärte Bergmann. „Die Unabhängigkeit ist wichtig“, betonte sie, „damit die Betroffenen das Vertrauen in eine solche Stelle behalten und ein unabhängiges Monitoring der Maßnahmen und Aufarbeitung in den Institutionen erfolgen kann.“

Fehlt der politische Wille, die Stelle weiter zu besetzen?

Genau dies ist allerdings unklar. Womöglich werde der Posten dem Familienministerium zugeordnet, berichtet „Spiegel online“. Von Bergmanns eigenem Vorschlag, die Stelle mit einem Sachverständigenrat aufzuwerten oder gar ein Bundesamt gegen sexualisierte Gewalt zu schaffen, sei die Politik inzwischen abgerückt. „Ich befürchte, dass der politische Wille zur Fortführung dieser so wichtigen Position nicht mehr da ist“, sagte Julia von Weiler von Innocence in Danger, einem Verein zum Schutz vor sexueller Gewalt. „Nur die Besetzung der Stelle mit einem externen prominenten Experten gewährleistet, dass die Rechte der Betroffenen wirksam vertreten werden.“

Schröder bestreitet den fehlenden politischen Willen, das Thema weiterhin vorrangig zu behandeln. „Mir ist  ganz wichtig, dass die Anlaufstelle als Hilfeangebot für Menschen, die als Kind sexuelle Gewalt erlitten haben oder erleiden, bruchlos weitergeführt wird“, sagt sie. Wie, das lässt die Bundesfamilienministerin allerdings weitgehend offen. Nur so viel teilt sie mit: Die Stelle werde neue Aufgaben übernehmen. „Zusätzlich wollen wir ein Expertengremium einrichten, das sich mit den Hilfen für Betroffene von sexuellem Missbrauch auseinandersetzen und die Entschädigungsleistungen koordinieren soll. Dieses Gremium wird aber erst nach dem Abschlussbericht des Runden Tisches Sexueller Missbrauch eingerichtet werden, weil dort die Aufgaben noch näher definiert werden müssen“, sagt Schröder. Das kann offenbar dauern.

Noch immer melden sich täglich 40 bis 60 Betroffene

Noch immer gehen in der Anlaufstelle täglich 40 bis 60 Anrufe ein. „Die Anrufzahlen in der telefonischen Anlaufstelle belegen, wie wichtig ein kontinuierliches bundesweites Angebot für Betroffene ist“, betonte Prof. Dr. Jörg Fegert, Ärztlicher Direktor der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie am Universitätsklinikum Ulm und verantwortlich für die Auswertung der Anrufe und Briefe. Es handele sich zwar nicht um eine repräsentative Stichprobe, so Fegert, „die Ergebnisse werfen aber ein Vergrößerungsglas auf das Schlimmste.“ Es meldeten sich vor allem ältere Betroffene in der Anlaufstelle. Viele von ihnen sprachen zum ersten Mal über das Erlebte und hatten meist schweren, mehrfachen und lang anhaltenden sexuellen Missbrauch erlebt. Die Bundesstelle ist kostenfrei unter der Telefonnummer 0800/2255530 erreichbar.

„Betroffene müssen als Expertinnen und Experten in die kommenden politischen Entscheidungen einbezogen werden“, fordert Bergmann. Es sei vieles auf den Weg gebracht worden, aber die Gesellschaft müsse weiter sensibilisiert und die Maßnahmen jetzt auch umgesetzt werden. Auch sie werde das Thema weiter beschäftigen, sagt sie. „Die Schicksale der Betroffenen haben mich tief berührt, das lässt einen so schnell nicht wieder los.“ (red)

Mehr zum Thema

Hinterlasse einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.Benötigte Felder sind markiert *

*