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Auf einem guten Weg – dank Pisa

Ein Kommentar von NINA BRAUN.

Die Bildungsjournalistin Nina Braun. Foto: www.bildungsjournalisten.de

Die Bildungsjournalistin Nina Braun. Foto: www.bildungsjournalisten.de

Die Ergebnisse der ersten Pisa-Studie trafen Deutschland an einer empfindlichen Stelle: an seinem Selbstverständnis als Land der Dichter und Denker nämlich. Das war mit einem Schlag dahin. Plötzlich war klar, dass das deutsche Bildungswesen im internationalen Vergleich nur unterdurchschnittliche Ergebnisse hervorbrachte und – schlimmer noch – ein Viertel der Schülerschaft auf Grundschulniveau beließ. Der Pisa-Schock kam für Experten nicht ganz unerwartet, hatte es doch vier Jahre zuvor bereits den TIMMS-Schock gegeben. Schlechte Leistungen in Mathematik und Naturwissenschaften, die den deutschen Schülern in der TIMMS-Studie 1997 attestiert worden waren, hatte die Öffentlichkeit aber noch schnell verdrängen können. Ein durchschnittliches Leseverständnis nur knapp über dem Niveau von Mexiko und Russland dann nicht mehr. Seitdem ist Bildung in Deutschland ein Thema, bei dem Betroffene (und wer ist das nicht?) emotional in Wallung geraten.

Als erste bekam das die Lehrerschaft zu spüren, die sich zunehmend aufgeregten Eltern gegenübersah. Dann traf es die Politik. Ein Kultusminister konnte vor Pisa problemlos eine ganze Dekade lang amtieren, ohne dass er medial besonders aufgefallen wäre. Heute liegt der durchschnittliche Verbleib im Amt unter dem von Trainern in der Fußball-Bundesliga.  Ministerpräsidenten jeglicher Couleur mussten aufgrund der Schulpolitik krachende Niederlagen hinnehmen (Steinbrück in Nordrhein-Westfalen, Koch in Hessen) – kein Wunder also, dass die Nervosität zunahm und etliche Reformen, auch sinnvolle, überstürzt angegangen wurden.

Pisa beendete eine jahrzehntelange Selbsttäuschung

Und trotzdem: Pisa beendete eine jahrzehntelange Selbsttäuschung, und das ist kaum hoch genug einzuschätzen. Das Argument, die Studie verenge den Bildungsbegriff, verfängt nicht. Denn Pisa misst die Grundlagen, etwa das Leseverständnis, ohne die eine weitere Bildung gar nicht vorstellbar ist. Die wichtigste – und gottlob auch unstrittige – Erkenntnis aus dem internationalen Vergleich ist, dass es individueller Förderung bedarf, um möglichst alle Schüler zu Bildungserfolgen zu führen. Die Strukturdebatten verblassen dagegen. Deutschlands Schulen sind alles in allem auf einem guten Weg.

Wo wir ohne den Pisa-Schock 2001 stünden, lässt sich derzeit in Österreich beobachten. Dort blieb die Aufregung damals trotz ebenfalls mäßiger Resultate aus, weil man sich damit trösten konnte, doch noch vor Deutschland zu liegen. Umso größer ist die Bestürzung jetzt: Bei der jüngsten Erhebung landete Österreich beim Leseverständnis auf dem viertletzten Platz. Zehn vergeudete Jahre für die Schulen dort.

Zum Bericht: „Zehn Jahre Pisa: Schleicher sieht Deutschland noch längst nicht am Ziel“

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