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„Wir sind überfordert“: Grundschule ruft wegen Sprachproblemen um Hilfe

BERLIN (Mit Kommentar). In einem „Brandbrief“ beklagt das Kollegium einer Grundschule in Berlin-Reinickendorf, dass aufgrund der zunehmenden Sprachprobleme kein zufriedenstellender Unterricht mehr möglich sei. Kein Einzelfall: Jedes zweite bis dritte Kind mit Migrationshintergrund, aber auch jedes zehnte Kind, das mit Deutsch als Muttersprache aufwächst, weist laut einer aktuellen Studie Sprachdefizite auf.

Schwieriger Standort: die Hermann-Schulz-Grundschule in Reinikendorf-West. Foto: Dino Debris / Flickr (CC BY-NC-SA 2.0)

Schwieriger Standort: die Hermann-Schulz-Grundschule in Reinickendorf-West. Foto: Dino Debris / Flickr (CC BY-NC-SA 2.0)

Einem Bericht der „Berliner Zeitung“ zufolge haben die Lehrer der Reinickendorfer Hermann-Schulz-Grundschule „in einem drastisch formulierten Brief“ Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD) um Hilfe gebeten. Der Anlass: Immer mehr nicht-deutschsprechende Roma-Kinder sind zu unterrichten. „Seit August 2011 stellen wir einen ständigen Zuzug von Familien aus dem südosteuropäischen Raum fest“, schreiben die Lehrer. In den vergangenen Monaten seien der Reinickendorfer Grundschule 16 Kinder zugewiesen worden, die „über keinerlei Deutschkenntnisse verfügten“.

In einer ersten Klasse sei schon jedes fünfte Kind ohne Deutschkenntnisse. „Auch der begabteste Pädagoge kann unter dieser Voraussetzung keinen für alle Kinder zufriedenstellenden Unterricht durchführen“, heißt es in dem Schreiben, das die Lehrer selbst als „Brandbrief“ bezeichneten. Da sich die Lehrer auf die nicht-deutschsprechenden Kinder konzentrieren müssten, führe dies „zwangsläufig zu einer Benachteiligung der übrigen Kinder“.

Die  in Reinickendorf-West gelegene Grundschule hat dem Bericht zufolge ohnehin einen sozial schwierigen Einzugsbereich, viele Kinder stammen aus Hartz-IV-Familien, viele Mütter seien alleinerziehend. „Aber nun sind neue Probleme hinzugekommen, bei deren Bewältigung wir uns allein gelassen fühlen“, schreiben die Lehrer. Davon sei man „überfordert“. Das Kollegium der Schule fordert laut „Berliner Zeitung“ nun Kleinklassen und mehr Lehrer, damit die Roma-Kinder zunächst Deutsch lernen könnten. Erst in dieser Woche habe der zuständige Reinickendorfer Oberschulrat der Schule nach monatelangem Bitten in Aussicht gestellt, dass die Schule zwei so genannte temporäre Lerngruppen für diese Kinder einrichten könne und dafür auch mehr Personal erhalte.

Zweifel an Sprachförderprogrammen

Wachsende Sprachdefizite sind bundesweit ein Problem, wie das Berlin Institut für Bevölkerung und Entwicklung in einer neuen Studie feststellt. Als einen wesentlichen Grund für die Sprachdefizite der Kinder machen die Wissenschaftler das fehlende sogenannte Sprachbad aus. So bezeichnen sie den täglichen Umgang mit der Sprache, der für einen mühelosen Erwerb des Deutschen nötig sei. Das sei im Leben vieler Kinder keine Selbstverständlichkeit. So gehe ein Drittel der nicht-deutschsprachigen Kinder in eine Kita, in der die Mehrheit der anderen Kinder ebenfalls nicht mit Deutsch als Muttersprache aufwächst. Es sei daher entscheidend, dass das Personal in den Kindergärten für das Thema sensibilisiert und darin geschult werde, wie es die Sprachkompetenz ihrer Schützlinge fördern kann.

Die Förderung sei aber oft zu kurz, und die Kursleiter seien nicht ausreichend auf ihre Aufgabe vorbereitet. Einzelne Sprachkurse könnten die Sprachförderung im Alltag nicht ersetzen, sondern bestenfalls ergänzen. So zweifeln die Wissenschaftler an der Wirksamkeit von Sprachförderprogrammen in den Kindertagesstätten. An solchen herrsche kein Mangel, aber der Nachweis ihrer Wirksamkeit sei bisher nicht erbracht worden. NINA BRAUN

Zum Kommentar: „Leidtragende sind vor allem die Kinder“

 

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