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Streit um Kameras: Überwachung jetzt sogar schon auf dem Schulklo

MILTENBERT/MANNHEIM. Immer mehr Überwachungskameras kommen in Schulen zum Einsatz –  im unterfränkischen Miltenberg sowie in Mannheim sogar auf dem Schulklo. Eltern fehlte dafür das Verständnis.

In Hamburg sind bereits an jeder sechsten Schule Kameras montiert. Foto: Timo Heuer / Flickr (CC BY-NC-SA 2.0)

In Hamburg sind bereits an jeder sechsten Schule Kameras montiert. Foto: Timo Heuer / Flickr (CC BY-NC-SA 2.0)

Immer wieder habe es die gleiche Sauerei gegeben, so berichtet das „Main Echo“: Schüler des Miltenberger Johannes-Butzbach-Gymnasiums hätten mit Toilettenpapierrollen das Klo verstopft, so dass es überlief. Viel Arbeit für die Putzfrauen. Die Schulleitung mochte offenbar nicht länger tatenlos zusehen – und montierte eine Videoüberwachungsanlage im Waschraum der Herrentoilette, um solchen Unfug künftig zu verhindern oder zumindest die Täter ermitteln zu können. Dies sorgte allerdings für Empörung. „Die Schule soll pädagogischen Freiraum bieten, in der Probleme mit Schülern besprochen und nicht mit Methoden gelöst werden wie in George Orwells 1984“, schimpfte etwa der Fraktionsvorsitzende der örtlichen SPD, ein pensionierter Deutschlehrer. Der Elternbeirat schaltete den bayerischen Datenschutzbeauftragten ein. Doch bevor dieser sich mit dem Fall beschäftigte, lenkte die Schulleitung ein – und ließ die Kamera entfernen. Jetzt sollen laut „Main Echo“ die Lehrer die Toiletten verstärkt kontrollieren.

Von einem ähnlichen Fall in Mannheim berichtet die Seite „ladenburgblog.de“. Dort seien im Waschraum einer Männertoilette des privaten Kurpfalz-Gymnasiums Kameras montiert worden. Es habe „Schmierereien und Demolierungen” gegeben, die Toilettenräume habe man frisch renoviert, deswegen seien die Überwachungsgeräte angebracht worden, begründet der Schulleiter dies laut Bericht. Allerdings handele es sich lediglich um Attrappen. Den Datenschutzverein Foebud.org beruhigt das nicht. „Das ist nicht nur eine schlechte Begründung, sondern auch eine Bankrotterklärung gegenüber jedem pädagogischen Anspruch. Wenn sich junge Menschen, die ja noch dabei sind, sich im Leben zu orientieren, sich nur ‚richtig‘ verhalten, weil sie Angst haben, dass sie kontrolliert und erwischt werden, dann ist das sicher kein Gewinn für ihre geistig-moralische Entwicklung“, meinen die Datenschützer – und fordern in solchen Fällen Eltern auf, sich an den Datenschutzbeauftragten ihres jeweiligen Bundeslandes zu wenden. Das Kultusministerium in Stuttgart erklärt auf Anfrage von „ladenburgblog.de“: „Leider kommt es immer wieder an Schulen zu Vandalismus. Um dem vorzubeugen, können Videokameras aufgehängt werden. Nach dem Gesetz ist aber eine Abwägung mit den Interessen der Betroffenen erforderlich. Es ist nicht vorstellbar, dass eine Schule filmt, wer, wann auf die Toilette geht.“

„Videoüberwachung verträgt sich grundsätzlich nicht mit dem Auftrag der Schulen, die Entwicklung der Schüler zu selbstbestimmten mündigen Persönlichkeiten zu fördern“, heißt es in einer Broschüre des Landesdatenschutzbeauftragten von Nordrhein-Westfalen. Deshalb  dürfe nicht in Klassenräumen und schon gar nicht während des Unterrichts aufgezeichnet werden. Für eine Überwachungskamera im Eingangsbereich von Schulen reiche eine abstrakte Gefahrenvorsorge nicht, sondern es müssten belegbare Vorkommnisse in der Vergangenheit und die Befürchtung künftiger schwerwiegender Beeinträchtigungen vorliegen. Eine installierte Videoüberwachung müsse auf ihre Notwendigkeit hin regelmäßig überprüft werden. Für Attrappen würden dieselben Bewertungskriterien gelten.

Weniger Vandalismus – aber nur ein bisschen

Und trotzdem setzen offenbar immer mehr Schulen auf die Überwachungstechnik, um Vandalismus und Gewalt vorzubeugen. In Hamburg sind schon an 49 von 313 Schulen Kameras auf dem Schulhof, in den Fluren und in der Pausenhalle installiert, also an fast jeder sechsten Schule. Dies geht aus der Antwort des Senats auf eine Anfrage von FDP-Schulexpertin Anna von Treuenfels hervor. Genützt hat es allerdings nicht allzu viel: An Schulen ohne Videokameras verzeichneten die Hamburger Behörden im vergangenen Jahr  durchschnittlich 4,2 Fälle von Vandalismus pro Schule – 3,8 Fälle dagegen an Schulen mit Videokameras.

Der Hamburger Soziologe und Gewaltforscher Nils Zurawski meint: „Sinnvoll ist die Video-Überwachung, wenn kein Schüler und kein Lehrer mehr auf dem Gelände ist und wenn in der Schule zuvor oft eingebrochen wurde. Kameras an den Eingängen schrecken Diebe erwiesenermaßen ab.“ Kameras gegen Mobbing und Gewalt lehnt er in einem Gespräch mit der „Zeit“ jedoch ab: „Schwächere schützt man auf diese Weise nicht. Oder man müsste die Kameras überall aufstellen – und alle ständig überwachen. Wie weit will man aber damit gehen: Kameras auf dem Pausenhof, in den Klassenräumen, auf dem Weg zur Schule, auf dem Klo?“ Dann allerdings gebe es ein logistisches Problem: Wer soll die vielen Aufnahmen sichten? NINA BRAUN
(21.2.2012)

Zur Meldung': “Studenten bei Prüfung mit Kamera überwacht”

 

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