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Studie: Wachsender Druck macht aus Jugendlichen „kleine Erwachsene“

HEIDELBERG. Von Protest keine Spur: Auf unsichere Berufsaussichten und Leistungsdruck reagieren Jugendliche in Deutschland mit Pragmatismus – und dem Streben nach mehr Sicherheit. Das ist ein zentrales Ergebnis der neuen Sinus-Jugendstudie. Ein weiteres: Sozial benachteiligte, leistungsschwächere Jugendliche bekommen eine zunehmende Entsolidarisierung zu spüren.

„Die Jugend gibt es nicht“, stellen die Autoren fest. Jugendliche bewegen sich in unterschiedlichen Lebenswelten – sieben hat das Heidelberger Sinus-Institut identifiziert, nämlich die konservativ-bürgerliche, die adaptiv-pragmatische, die sozialökologische, die experimentalistische Hedonisten, die materialistische Hedonisten, Expeditive und Prekäre. Sie unterscheiden sich zum Teil eklatant.

Die Sinus-Studie hat sieben jugendliche Lebenswelten identifiziert. Grafik: Sinus

Die Sinus-Studie hat sieben jugendliche Lebenswelten identifiziert. Grafik: Sinus

Trotz unsicherer Zukunftsperspektiven ist der Bewältigungsoptimismus unter den meistens Jugendlichen groß. Eine Ausnahme bilden jedoch die Jugendlichen aus prekären Lebensverhältnissen, die sagen: „Wir haben keine Chance auf eine Berufsausbildung und ein Arbeitsverhältnis“. Hinzu kommt, dass Jugendliche aus prekären Verhältnissen gemieden und ausgegrenzt werden – vor allem von Jugendlichen aus der Mitte der Gesellschaft. Politik und Gesellschaft müssen sich dafür einsetzen, dass diese Jugendlichen nicht „abgehängt“ werden, so die Auftraggeber der Studie.

Bei allen Unterschieden zwischen den Jugendlichen fasst die Studie auch allgemeine Befunde zusammen. So gibt es zum Beispiel in allen Lebenswelten trotz unterschiedlicher Wertevorstellungen ein wachsendes Bedürfnis nach Sicherheit, Freundschaft und Familie. Diese „Regrounding“-Tendenzen sind eine Reaktion auf gestiegenen Leistungsdruck, zunehmende Gestaltungsoptionen und die Unsicherheit, wie sich das Leben entwickeln wird. Den meisten Jugendlichen ist bewusst, dass ihre Berufs- und Lebensaussichten unsicher sind. Deshalb verhalten sich viele wie „Mini-Erwachsene“, die immer früher damit beginnen (müssen), das Leben und die Karriere aktiv zu gestalten.

An ihren Schulen wünschen sie sich kompetente, empathische Lehrer mit Ausstrahlung. Sie wollen individuell gefördert werden und praxisnah lernen. Wie wichtig die Orientierung an der Lebenswelt ist, zeigt der Blick auf die prekären Jugendlichen: Für sie haben die Inhalte des Unterrichts wenig mit ihrem Alltag zu tun.

Politikverdrossenheit herrscht bei Jugendlichen nur auf den ersten Blick: Sie interessieren sich kaum für institutionalisierte Politik, Parteien oder Verbände. Fasst man den Politikbegriff aber weiter, sind die Jugendlichen sehr wohl politisch. Sie kritisieren Ungerechtigkeiten in der Gesellschaft, sind bereit sich für andere einzusetzen und engagieren sich gegen konkrete soziale Probleme im eigenen Umfeld. Zwar haben vor allem die „bildungsnahen“ Jugendlichen Interesse an politischen Themen, aber viele sozial benachteiligte Jugendliche äußerten sich über die konkreten Beschreibungen von Ungerechtigkeiten, da sie um diese Themen in ihrem Alltag gar nicht herumkommen.

Viele Jugendliche spüren den Druck einer unsicheren Zukunft und passen sich deshalb an. Foto: PJ Mixer / Flickr (CC BY-NC-SA 2.0)

Viele Jugendliche spüren den Druck einer unsicheren Zukunft und passen sich deshalb an. Foto: PJ Mixer / Flickr (CC BY-NC-SA 2.0)

Sechs Institutionen haben die Untersuchung beim Heidelberger Sinus-Institut in Auftrag gegeben:  die Deutsche Kinder- und Jugendstiftung, der Bund der Deutschen Katholischen Jugend, die Bundeszentrale für politische Bildung, das Bischöfliche Hilfswerk Misereor, die Bischöfliche Medienstiftung der Diözese Rottenburg-Stuttgart und der Südwestrundfunk.

Ulrich Schneider, Sprecher für Jugendpolitik der Grünen-Fraktion im Bundestag, meinte zu der Studie: „Es darf nicht sein, dass jeder fünfte Jugendliche zwischen 14 und 17 Jahren droht, gesellschaftlich abgehängt zu werden.“ Jugendlichen müsse wieder eine Perspektive gegeben werden, sonst würden mehr und mehr künftige Generationen zurückgelassen. „Das darf sich Deutschland nicht leisten“, sagte er.

Presseschau zur Sinus-Jugendstudie: „Ende der Party“

 

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