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„Mein Kampf“ im Unterricht? Streit um Hitlers Machwerk

MÜNCHEN. Sollen Schüler Hitlers „Mein Kampf“ lesen? Der bayerische Kultusminister Ludwig Spaenle (CSU) meint: ja. „Wir können den Quellen nicht ausweichen“, sagt er. Scharfer Widerspruch kommt vom Bayerischen Lehrerinnen- und Lehrerverband (BLLV). Dessen Präsident warnt, dass dies die NPD stärken könnte.

Hitler in seinem Arbeitszimmer auf dem Obersalzberg 1936. Foto: Bundesarchiv/Wikimedia Commons

Hitler in seinem Arbeitszimmer auf dem Obersalzberg 1936. Foto: Bundesarchiv/Wikimedia Commons

Der Freistaat Bayern hält als Rechtsnachfolger des Eher-Verlages, des ehemaligen offiziellen Verlages der NSDAP, die Veröffentlichungsrechte an „Mein Kampf“. Allerdings nur noch bis 2015, denn dann – 70 Jahre nach Hitlers Tod – erlischen die Ansprüche. Im Januar bereits hatte der britische Verleger Peter McGee, unterstützt vom Deutschen Geschichtslehrerverband, von namhaften Historikern kommentierte Auszüge aus Hitlers „Mein Kampf“ in Deutschland veröffentlichen wollen. Das bayerische Finanzministerium klagte dagegen – und bekam Recht. „Mit diesem Thema macht man kein Geld“, so sagte Bayerns Finanzminister Markus Söder (CSU) seinerzeit zur Begründung der Klage.

Die oppositionellen Grünen forderten die Landesregierung damals auf, endlich ein Konzept für den Umgang mit NS-Druckerzeugnissen vorzulegen. Die Tabuisierung der Nazischriften führe dazu, sie mit einer mythischen Aura zu versehen, betonte Sepp Dürr, kulturpolitischer Sprecher der Grünen-Landtagsfraktion. Er forderte, die Dokumente zugänglich zu machen und eine politische, wissenschaftliche und pädagogische Auseinandersetzung mit ihren Inhalten zu führen. „Bücher wie ‚Mein Kampf‘ sind längst im Internet verfügbar“, erklärte Dürr.

Arbeitshilfe für den Unterricht ist geplant

Tatsächlich hat sich die schwarz-gelbe Landesregierung diese Argumentation nun zu eigen gemacht – und in dieser Woche angekündigt, eine kommentierte Ausgabe des Machwerks fördern zu wollen. Das Institut für Zeitgeschichte in München arbeite bereits an einer quellenkritischen Edition der NS-Schrift, die angesichts des ablaufenden Urheberrechts zeitnah fertiggestellt werden soll. Dazu, so kündigte das Kultusministerium jetzt an, soll es eine Arbeitshilfe der Bayerischen Landeszentrale für politische Bildungsarbeit geben – für den Unterricht. „Gerade im Falle der menschenverachtenden Ideologie des Diktators Hitler und seinen wirren, rechtsextremistischen und antisemitischen Grundüberlegungen ist eine intensive Auseinandersetzung mit Originalquellen auch im Unterricht hilfreich und fördert den Lehr- und Lernprozess“, meint Spaenle.

Unterstützung bekommt der Kultusminister vom bayerischen Philologenverband. „Ein Unterricht, der Hitlers krude und hetzerische Ideen offenlegen und entlarven will, muss dazu auch auf seine Originaltexte als historische Quellen zurückgreifen dürfen“,  sagt der Landesvorsitzende Max Schmidt. Mit der Tabuisierung der Behandlung dieser Texte in der Schule vergäbe man eine Chance, über den Nationalsozialismus aufzuklären und Rechtsextremismus zu bekämpfen. „Die Tabuisierung würde diesen Rattenfängern weiter die Möglichkeit eröffnen, von Unwissenheit und Unaufgeklärtheit junger Menschen zu profitieren. Und sie macht auch in anderer Hinsicht keinen Sinn: Denn für manche stellte sie nur einen Reiz dar, erst recht nach dem ´Verbotenen´ zu suchen und sich damit zu beschäftigen“, meint Schmidt.

Den BLLV kann das nicht beruhigen. „’Mein Kampf‘ hat an Schulen nichts zu suchen“, sagt dessen Präsident Klaus Wenzel in einem Interview der „Süddeutschen Zeitung“. Es gebe viel bessere Möglichkeiten, Schüler über den Nationalsozialismus aufzuklären – sie etwa Biographien von verfolgten und ermordeten jüdischen Lehrerinnen und Lehrern recherchieren zu lassen. „Das halte ich für wesentlich sinnvoller, als eine Hetzschrift an den Schulen zu verteilen. Denn letztlich ist ‚Mein Kampf‘doch nichts anderes“, sagt Wenzel und betont: „Ich war selbst 34 Jahre lang Lehrer und habe Siebt- bis Neuntklässler unterrichtet, eine ziemlich problematische Altersklasse. Ich habe es viel zu oft erlebt, dass junge Männer fasziniert waren vom Nationalsozialismus, nachdem er in der Schule durchgenommen wurde. Ich bitte die Staatsregierung, sich das noch mal gut zu überlegen.“ Wenn in der Schule „Mein Kampf“ gelesen würde, legitimiere dies womöglich noch die Aktivitäten der NPD.

Wenzel: „Selbst Erwachsene fallen auf die Nazi-Hetze herein.“

ANDREJ PRIBOSCHEK
(27.4.2012)

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