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Ist das Kunst? Wie eine Fünfjährige zum malenden Wunderkind wurde

MELBOURNE. Die Australierin Aelita Andre (5) mischt mit ihren Bildern den internationalen Kunstmarkt auf. Können ihre Werke wirklich Kunst sein?

Lakritzschnecken, Playmobil-Kühe und eine Meerjungfrau aus Plastik: das Werk "Africa" der fünfjährigen Aelita Andre. Foto: Defining the Capture / Flickr (CC BY-SA 2.0)

Lakritzschnecken, Playmobil-Kühe und eine Meerjungfrau aus Plastik: das Werk "Africa" der fünfjährigen Aelita Andre. Foto: Defining the Capture / Flickr (CC BY-SA 2.0)

Das Werk „Africa“ besteht aus rot-violetten Farbflächen, die ineinanderlaufen und grob die Form des Kontinents erkennen lassen, dekoriert mit Lakritzschnecken, Playmobilkühen und anderen Kunststofftieren sowie einer Meerjungfrau aus Plastik. Ist das große Kunst? Wenn es nach einigen Kritikern geht, dann ja. „Wie Picasso“, so titelte eine große deutsche Tageszeitung unlängst über die Erschafferin – was erkennbar Quatsch ist, weil ihre Bilder nichts Verstörendes an sich haben, so wie viele der Motive des spanischen Meisters. Sie sind bunt und abstrakt, aber das war’s dann schon mit den Gemeinsamkeiten. Wie sehr der Vergleich hinkt, wird vor allem dann deutlich, wenn man das Alter der Künstlerin erfährt: fünf Jahre. Aelita Andre heißt das Wunderkind aus Australien, und ihre Bilder verkaufen sich mittlerweile für Preise im fünfstelligen Dollar-Bereich. Ein Sammler aus Hongkong zahlte jüngst einen Spitzenpreis von 24.000 Dollar für ein Werk der Kleinen.

Bereits seit drei Jahren ist Aelita Andre auf dem Kunstmarkt präsent. Als „mutmaßlich jüngste Malerin der Welt“ stellte der „Spiegel“ 2009 die damals Zweijährige seinen Lesern vor. Mittlerweile hat das Mädchen seine eigene Webseite, einen Wikipedia-Eintrag, mehr Google-Treffer und Youtube-Videos als manche erwachsene Prominente. Die New York Times, der Guardian, die BBC und andere Fernsehsender haben über sie berichtet. Im vergangenen Jahr, da war Aelita vier Jahre alt, hatte sie ihre erste Einzelausstellung in der New Yorker Agora Gallery. Alle ausgestellten Arbeiten wurden verkauft, für zusammen rund 190 000 Euro. Ihre Kunst wird wechselweise dem „Abstrakten Expressionismus“ oder dem „Surrealismus“ zugerechnet.

„Außergewöhnlich begabt“

Angela Di Bello, Leiterin der Agora Gallery, hält das Kind für „außergewöhnlich begabt“ und mit einem großen Verständnis für Farbe, Komposition und Textur gesegnet. Ihrer Auffassung nach werden die Käufer von Aelitas Arbeiten nicht vom Hype, sondern von der Kraft ihrer Kunst angezogen. Dass die Eltern, russische Immigranten, den Hype allerdings befördern, steht außer Frage. Sie unterstützten ihre Tochter, indem sie Farben kaufen, Verträge aushandeln, den Internet-Auftritt betreuen. In den künstlerischen Prozess, wo beteuern sie, griffen sie nicht ein. Aelitas Vater, Michael Andre, ein Filmemacher, räumt immerhin ein, dass er für die Titelfindung von Aelitas Frühwerken verantwortlich sei. „Ich schaute, ob etwas auf ihren Bildern mir etwas sagte oder ob ich irgendwelche Objekte identifizieren konnte.“ Mittlerweile, insistiert er laut „Rheinischer Post“, tauft Aelita ihre Bilder selbst.

„Bei meinen Gesprächen hatte ich nie den Eindruck, dass sie ihre Tochter auspressen wollen. Mir kam es eher so vor, dass sie wie die meisten Eltern völlig verschossen in ihr Kind und deswegen zu seinen Dienern geworden sind. Mittlerweile haben sie kaum noch für etwas anderes Zeit, als um Aelita zu kreisen und das Management jener Legende zu betreiben, die sie in die Welt gesetzt haben“, schreibt die Journalistin Kate Legge, die die Familie für das „Süddeutsche Zeitung Magazin“ besucht hat. Sie hat das Kind auch gefragt: „Warum malst du so gern?“. Die beruhigend kindgemäße Antwort: „Sag ich dir nicht.“ NINA BRAUN

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