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(K)eine Frage des Geldes – Lehrer kehren Ost-Ländern den Rücken

BERLIN. Deutschland sucht händeringend gute junge Lehrer. Vor allem im Osten fehlen Pädagogen – hier werden sie oft auch noch schlechter bezahlt. Es droht eine Wanderungswelle.

Der Westen lockt Lehrer auch mit dem Beamtenstatus. Foto: Luis Priboschek

Der Westen lockt Lehrer mit dem Beamtenstatus. Foto: Luis Priboschek

Designer, Medienmacher, hippe Start-up-Unternehmen und Touristen – fast alle wollen nach Berlin. Viele junge Lehrer aber treten inzwischen die Flucht an – sie kehren der Hauptstadt den Rücken, auf der Suche nach besser bezahlten Jobs im Westen. «

Berlin bietet gut ausgebildeten Lehrern keine berufliche Perspektive», kritisiert die Initiative «Bildet Berlin!». Das Problem: Junge Lehrer werden nicht mehr verbeamtet – nicht nur in der Hauptstadt, sondern in mehreren ostdeutschen Bundesländern. Damit gefährdeten die Länder die Bildung ihrer Jugend, kritisieren Lehrer.

Auch Jule Schnack ist geflüchtet. Sie überwindet auf dem Weg zur Arbeit nun jeden Morgen Bundesländergrenzen. Wohnen in Berlin, Arbeiten an einer Brandenburger Oberschule, Aufstehen jeden Morgen gegen 5.00 Uhr. Warum der Aufwand? «Weil mich die Brandenburger sogar hochschwanger verbeamtet haben», sagt die 33 Jahre alte Biologie-Lehrerin. Später könnte sie als Beamtin in die Hauptstadt zurückzukehren.

Berlin und andere ostdeutsche Bundesländer böten Lehrern schlechte Konditionen, erläutert der Präsident der Deutschen Lehrerverbands, Josef Kraus. So versuche Sachsen trotz steigender Schülerzahlen sogar Stellen einzusparen – darüber stolperte gerade erst Kultusminister Roland Wöller (CDU). «Bei den Bedingungen suchen sich junge, mobile und engagierte Lehrer eben etwas anderes.» Dem Osten gehen die Lehrer aus. In Berlin stellten 200 von ihnen einen Antrag auf Freigabe für das kommende Schuljahr. In Sachsen müssen laut Bildungsgewerkschaft GEW sogar pensionierte Pädagogen wieder ran.

Lehrermangel sei kein ostdeutsches, sondern ein bundesweites Phänomen, gibt Bildungsforscher Klaus Klemm zu bedenken. «Auch im Westen werden Lehrer gesucht» – vor allem in Mathematik, Physik und den technischen Fächern. Der Lehrerbedarf wurde zu kurzfristig geplant, jedes Jahr müssten jetzt 28 000 junge Lehrer eingestellt werden, hat die Kultusministerkonferenz errechnet. Viele Schulen stopfen die Lücken mit Quereinsteigern.

Obwohl die Kultusminister sich darauf verständigt haben, dass es keine bewusste Abwerbung von Lehrern in anderen Bundesländern geben soll, müssen Berlin, Sachsen und andere Ost-Ländern offensiv werben. «Man kann feststellen, dass der Konkurrenzkampf zwischen den Bundesländern größer geworden ist», sagt Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD). Berlin lockt junge Pädagogen inzwischen mit mehr Geld. Das Einstiegsgehalt für angestellte Lehrer wurde laut Scheeres um bis zu 1200 Euro pro Monat angehoben.

In den ersten Jahren könnten Angestellte netto sogar mehr verdienen als ihre verbeamteten Kollegen, hat «Bildet Berlin» errechnet. Nach 40 Dienstjahren aber fehlten ihnen im Vergleich mehr als zwei Jahresnettogehälter. Trotzdem scheint die Initiative erfolgreich: Zuletzt bewarben sich in Berlin rund 360 Lehrer aus anderen Bundesländern.

Doch auch ihre Einstellung könnte für Probleme sorgen: Verbeamtete Lehrer aus anderen Ländern bleiben auch in Berlin Beamte. Zwischen Zugezogenen und Einheimischen droht eine Zwei-Klassen- Gesellschaft im Lehrerzimmer.

Um Geld allein geht es aber nicht, wie Jule Schnack deutlich macht. Gleich nach dem Referendariat hat sie sich in Berlin und in Brandenburg beworben. Die Brandenburger antworteten noch am selben Tag, schnell, freundlich. «Berlin war das krasse Gegenteil», erzählt die 33-Jährige. Monatelang keine Antwort, dann eine Einladung zum Lehrercasting mit der Warnung vor langen Wartezeiten. «Ich hab mich nicht willkommen gefühlt.» So schnell könne sie nichts in die Hauptstadt zurücklocken. «Ich hab inzwischen keinen Bock mehr auf Berlin. Früher war ich kein Brandenburg-Fan, jetzt bin ich es.» THERESA MÜNCH, dpa

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