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Kinderhandel in Westafrika – gar nicht so schlimm wie behauptet?

BAYREUTH. Kampagnen westlicher Hilfsorganisationen gegen den Kinderhandel in Westafrika werden den gesellschaftlichen Realitäten dort nicht immer gerecht – sagt jedenfalls die Sozialwissenschaftlerin Prof. Erdmute Alber von der Universität Bayreuth.

Jungen in Benin arbeiten häufig in der Landwirtschaft. Foto: Dietmar Temps / Flickr (CC BY-NC-SA 2.0)

Jungen in Benin arbeiten häufig in der Landwirtschaft. Foto: Dietmar Temps / Flickr (CC BY-NC-SA 2.0)

Internationale Organisationen wie Terre des Hommes, Anti Slavery International oder UNICEF engagieren sich seit langem gegen den Menschenhandel und speziell gegen den Kinderhandel. Doch die Kampagnen entsprächen nicht immer dem Selbstbild der Jugendlichen, die als Opfer eines von Profitgier getriebenen Menschenhandels dargestellt würden. Zu diesem Ergebnis kommt Alber in einer Studie, die sich vor allem mit den Verhältnissen in Benin befasst.

In Benin und anderen westafrikanischen Ländern sei es seit Jahrzehnten üblich, dass minderjährige Dienstmädchen von Agenturen in andere Familien vermittelt würden und minderjährige Jungen in der Landwirtschaft arbeiteten. Weil die städtischen Mittelschichten in Westafrika expandierten, steige die Nachfrage nach diesen jugendlichen Arbeitskräften.  „Internationale Kampagnen haben in Benin bewirkt, dass diese Arbeitsverhältnisse dort zunehmend als Formen von ‚Kinderhandel‘ aufgefasst werden“, berichtet Alber, die in den letzten 20 Jahren regelmäßig in Benin sozialwissenschaftlich geforscht hat.

Gelderwerb erscheint vielen Mädchen attraktiver als Schule

Dabei habe sich die Jugend auch für westafrikanische Mädchen und Jungen zu einem eigenständigen Lebensabschnitt zwischen Kindheit und Erwachsensein entwickelt. Diese Zeitspanne werde entweder für eine Schulausbildung oder für den Gelderwerb genutzt. „Der letztere Weg scheint vielen Mädchen attraktiver, weil sie in der Anstellung als Dienstmädchen eine der wenigen Chancen zum Gelderwerb sehen, die ihnen der Arbeitsmarkt bietet. Hinzu kommt der Wunsch, das Leben in die eigene Hand zu nehmen und die Welt kennenzulernen. Jugendliche beschreiben die Arbeitsmigration daher auch in den Idiomen von Abenteuersuche und Erkenntnisgewinn. So wird häufig formuliert, man begebe sich ‚en aventure‘ und das Arbeiten in der Fremde (meist in der Stadt) ermögliche, dass einem ‚die Augen geöffnet‘ werden“, so heißt es in der Studie.

Ebensowenig wie gleichaltrige Jungen, die Geld in der Landwirtschaft verdienen, empfänden sich minderjährige Mädchen als „gehandelte Kinder“, wenn sie sich für eine Dienstmädchenarbeit außerhalb der heimischen Umgebung entschieden. Im Gegenteil, sie erwarteten für sich einen Freiheitsgewinn. „Oftmals müssen sie ihren Eltern die Erlaubnis dafür abtrotzen, oder sie verlassen heimlich ihren Wohnort“, berichtet Alber.

Trotzdem gebe es keinen Grund, die Arbeitsbedingungen der Jugendlichen zu beschönigen. „Manche Mädchen berichten von Übergriffen seitens der Dienstherren, von fehlendem Arbeitsschutz und von Auseinandersetzungen um den Lohn. Nicht selten werden sie beschuldigt, Geld oder Nahrungsmittel gestohlen oder unterschlagen zu haben. Daher sind zahlreiche Mädchen auf der Suche nach einer neuen Anstellung mit besseren Arbeitsbedingungen. Dabei wird die Möglichkeit, jederzeit gehen zu können, durchaus wieder als Ausdruck eigener Freiheit empfunden“, erläutert Alber.

In der Studie wird deutlich, dass die globalen Kampagnen gegen den Kinderhandel sich an Kindheitsnormen orientieren, die weit entfernt sind von den Lebensentwürfen westafrikanischer Jugendlicher und ihren eigenen Handlungsnormen. Der internationale „Ächtungsdiskurs“ sollte deshalb mit Skepsis betrachtet werden. „Diese Kampagnen sind in Benin umso einflussreicher, als der Staatshaushalt und der Akademikerarbeitsmarkt dort wesentlich von Entwicklungshilfegeldern abhängen. Die Themen und Moden, die internationale Organisationen ins Land hineintragen, stoßen deshalb kaum auf Widerspruch. Auch lokale Politiker schließen sich an – selbst wenn erkennbar ist, dass es sich eher um Lippenbekenntnisse handelt. Denn welcher städtische Haushalt aus der Mittelschicht will heute auf ein Dienstmädchen verzichten?“, meint Alber. „Für afrikanische Jugendliche wäre es viel hilfreicher, wenn eine kritische Diskussion über die ökonomischen und sozialen Ursachen ihrer prekären Lebensverhältnisse geführt würde. Diese Ursachen haben unbestreitbar auch eine internationale Dimension. Weltweite Kampagnen, die einseitig die Profitgier afrikanischer Arbeitsvermittler verantwortlich machen, bedienen nur einmal mehr das Klischee, dass die Menschen in Afrika die Alleinschuld an Misere und Unterentwicklung tragen.“ idw

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