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Für den Notfall: Grundschüler lernen Herzmassage

BERLIN. Wegschauen und weitergehen – das ist auf deutschen Straßen bei Notfällen oftmals Praxis. Die Angst, bei der Ersten Hilfe Fehler zu machen, sitzt bei vielen Menschen tief. In Berlin soll ein spezieller Kurs rund um Herzkrankheiten schon Kindern diese Angst nehmen. Ein Pilotprojekt.

Wo dieses Zeichen zu sehen ist, befindet sich ein Defibrillator. Foto: Barbro Björnemalm / Flickr (CC BY-NC-SA 2.0)

Wo dieses Zeichen zu sehen ist, befindet sich ein Defibrillator. Foto: Barbro Björnemalm / Flickr (CC BY-NC-SA 2.0)

Wenn der Senior im Park plötzlich zusammenbricht, sind Erwachsene oft hilflos – und Kinder erst recht. 150 Schüler aus fünf Berliner Grundschulen sollen jetzt für solche Notfälle besser gewappnet sein. In einem Pilotprojekt im Deutschen Herzzentrum haben die jungen «Herzhelfer» gelernt, wie sie Hilfe holen und auch selbst aktiv werden können. Herzdruckmassagen sind den Grundschülern nun ebenso wenig fremd wie ein Defibrillator. Nach einer Auswertung will das Herzzentrum den eintägigen Kurs möglicherweise berlin- und auch bundesweit anbieten.

«70 000 bis 80 000 Fälle von plötzlichem Herztod werden in Deutschland jährlich registriert. Die meisten Menschen sterben am Herzinfarkt», sagt der Anästhesist und Notarzt Stephan Kurz. Viele Todesfälle seien durchaus vermeidbar. Doch es sei leider oft so, dass die Menschen eher wegschauen als helfen. Erste Hilfe sei für viele erst in der Fahrschule ein Thema und werde oft als lästige Pflicht empfunden. «Wenn Kinder schon früh damit vertraut gemacht werden, ist es für sie eine Selbstverständlichkeit», ist Kurz überzeugt. Denn auch Kinder könnten helfen.

Die Puppe heißt „Herr Meyer“

Wie, das übten Carina und ihre Mitschüler in den Schulungsräumen des Herzzentrums an Puppen und am Telefon. Nach einer kurzen theoretischen Einweisung in Herz und Kreislauf ging es an die Praxis. Stephan Kurz erklärte den Kindern, wann und wie sie einen Defibrillator anlegen und den Anweisungen des Geräts entsprechend das Herz massieren. Die automatisierten Geräte, die Stromstöße abgeben, seien unter anderem in Flughäfen und Einkaufs-Centern zu finden und könnten selbst von Kindern bedient werden, erklärt der Arzt.

«In der Schule haben wir schon auf Bildern gesehen, was zu tun ist. Hier kann ich genau lernen, wo ich anfassen muss», sagt die 12-jährige Carina. Im Nachbarraum übten ihre Mitschüler derweil mit der Projekt-Entwicklerin Bianca Schemel, wie sie telefonisch Hilfe holen können. Im Übungs-Operationsaal erklärte Medizin-Pädagoge anhand der Puppe «Herr Meyer», wie man sich eine Operation am offenen (Silikon-)Herzen vorstellen muss.

Der eintägige Kurs konzentriere sich auf Herzkrankheiten und unterscheide sich damit von anderen Erste-Hilfe-Kursen, erklärt Bianca Schemel. Lehrerin Renate Jacobs ist begeistert: «Es ist super, wenn Kinder frühzeitig lernen, wie sie Leben retten können.» Herz und Blutkreislauf sowie der Notruf seien zwar auch Themen im Unterricht. «Aber hier lernen die Kinder alles ganz praktisch.»

Erste-Hilfe-Kurse in Schulen und Kitas gibt es deutschlandweit schon seit Jahren. Unter dem Motto «Ersthelfer von morgen» schult etwa die Johanniter-Unfall-Hilfe Kindergarten- und Schulkinder in Erster Hilfe. «Die Kinder nehmen das Programm sehr gut an», sagt die Sprecherin der Johanniter-Unfallhilfe, Verena Götze. Auch das Deutsche Rote Kreuz (DRK) engagiert sich. Das Jugendrotkreuz unterstütze beispielsweise mit dem Projekt «Kinder helfen Kindern» Grundschullehrer dabei, Schüler fürs Helfen zu begeistern, sagt Sprecher Dieter Schütz.

Aus Sicht des DRK-Bundesarztes Peter Sefrin fehlt es bislang noch immer an einem obligatorischen Erste-Hilfe-Unterricht in Schulen. Das DRK und andere Organisationen forderten diesen schon seit Jahren. Im Saarland gebe es diese Schulungen inzwischen. Berlin plant diesen verpflichtenden Unterricht laut Bildungsverwaltung nicht. ANJA SOKOLOW; dpa

(21.5.2012)

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