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Streit um das Langzeit-Stillen: Stärkt es Kinder – oder schadet es ihnen?

DÜSSELDORF. Aus den USA ist eine hitzige Diskussion über das Langzeitstillen nach Deutschland herübergeschwappt: Stärkt es die Persönlichkeit von Kindern? Oder schadet es ihnen sogar?

Das Titelbild des "time"-Magazins sorgte in den USA für Aufregung. Foto: Time

Das Titelbild des "time"-Magazins sorgte in den USA für Aufregung. Foto: Time

„Are you Mom enough?“, bist du Mutter genug?, so lautet die provozierende Überschrift. Das dazugehörige Foto provoziert nicht minder: Ein fast vierjähriger Junge steht auf einem Stuhl, nuckelt an der entblößten linken Brust seiner Mutter. Ein Foto, das irritiert. Der Titel des US-Magazins „Time“ hat auch in Deutschland eine breite Diskussion über das Stillen ausgelöst.

„Ich finde das Titelbild einfach abartig“, äußert eine Mutter in einem Forum der Seite  „netmoms.de“. Sie könne die so häufig beschworene Nähe zwischen Mutter und Kind darin nicht erkennen; der Junge sehe nicht besonders glücklich aus, meint sie. Eine andere Mutter meint: „Warum sollte man ein dreijähriges Kind stillen? Wozu soll das gut sein? Da kann doch nur die Mutter nicht loslassen. Mein Kind kann ich auch ohne Brust trösten. An dieser Muttermilch ist nichts Gesundes oder Nahrhaftes. Ich finde Stillen bis zum zweiten Lebensjahr o.k., alles andere ist doch nicht normal.“ Eine andere Mutter hingegen schreibt: „Ich finde es o.k.. Meine Tochter ist zwei Jahre und fünf Monate alt und will auch noch. Ich finde das nicht schlimm. Nur weil unsere kaputte Gesellschaft sagt, dass es nicht normal oder sogar abartig ist, werde ich es auch nicht unterbinden.“

In den USA melden sich auch Prominente zu Wort – aktuell die Sängerin Alanis Morisette. Sie stille, so berichtet die Nachrichtenseite „Stern.de“, ihren 16 Monate alten Sohn Ever Imre nach wie vor. „Ich stille ihn und ich werde ihn stillen, bis mein Sohn sich selbst entwöhnen will“, sagte Morisette in einem Radio-Interview. Sie glaube, dass langes Stillen ihr Kind stärke. „Wenn er groß ist, muss er sich sicher viel weniger ärztlichen Behandlungen unterziehen“, sagte die 37-Jährige. „In dieser wichtigen Phase seiner Entwicklung schütze ich damit seine Sicherheit, sein Wohlbefinden und seine Bindung.“

Morisette sagte, sie sei Verfechterin des sogenannten „attachment parenting. Eine Erziehungsphilosophie, die auf den Kinderarzt William Sears zurückgeht und besagt, dass eine enge emotionale Beziehung zwischen Eltern und Baby die Voraussetzung für eine stabile Entwicklung bis zum Erwachsenenalter sei. Tatsächlich geht es in der Titelstory des „time“-Magazins um die Sears Ideen, der seit vielen Jahren für eine „bindungsorientierte Elternschaft“ wirbt. Nach den Vorstellungen des 72-Jährigen soll die Bindung zwischen Eltern und Kind so eng wie möglich sein. Durch das Schlafen des Kindes im Bett der Eltern, dadurch, dass das Baby eng am Körper getragen wird und durch Stillen bis sich das Kind selbst entwöhnt. Das mache Kinder gesünder und selbstbewusster, so die These des Kinderarztes.

In den USA ist die Diskussion besonders heftig, weil das Stillen in der Öffentlichkeit dort verpönt ist. Auch in Deutschland gibt es langzeitstillende Mütter, doch sie sind eine Ausnahme. Laut der „Deutschen Stillkommission“, so berichtet die „Frankfurter Rundschau“, geben 90 Prozent der Mütter ihren Kindern nach der Geburt die Brust. Nach zwei Monaten seien es 70, nach sechs Monaten unter 50 Prozent. Die Kommission nenne kein Höchstalter, ab dem nicht mehr gestillt werden sollte. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) empfehle, Babys in den ersten sechs Monaten ausschließlich Muttermilch zu geben und bis zum zweiten Lebensjahr oder darüber hinaus ergänzend zu stillen.

Die Frau auf dem „time“-Cover heißt Jamie Lynne Grumet. Die 26-Jährige aus Los Angeles stillt ihren Sohn, der im Juni vier Jahre alt wird. „Ich wollte zeigen, dass es eine normale Option für ein Kind ist und nicht stigmatisiert werden sollte“, sagte sie einem Bericht der „Bild“-Zeitung zufolge. Auch ihren fünfjährigen Adoptivsohn stille sie, seit sie Milch für ihren leiblichen Sohn habe. Von ihrer eigenen Mutter bekam Jamie Lynne Grumet die Brust, bis sie sechs Jahre alt war. Grumet: „Mit sechs Jahren entwöhnte ich mich von allein.“ Sie könne sich bis heute an das Gefühl erinnern, gestillt zu werden, sagte sie zu „Time“: „Es ist sehr warm. Wie, wenn du deine Mutter umarmst. Ich hatte sehr viel Selbstvertrauen als Kind. Und ich weiß, ich hatte es deshalb.“

Die meisten Teilnehmerinnen im Forum von „netmoms.de“ sind demgegenüber skeptisch. „Ich finde es sehr befremdlich, ja – und für mich käme das nicht in Frage“, schreibt eine Mutter stellvertretend für viele. „Und bevor es wieder heißt: ‚Tja, dann gebt ihr eurem Kind keine Nähe, seid nicht bindungsfähig, wollt nicht das Beste für Euer Kind …‘ – doch, das wollen wir! Ich mache aus meinem Kind lieber ein selbstbewusstes, starkes Kind mit eigener Persönlichkeit, statt ihm den eigenen Wunsch nach Nähe und Ersatz für etwas, was Kinder niemals sein dürfen, aufzuzwingen.“ NINA BRAUN

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