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Bildungsbericht warnt vor Betreuungsgeld

BERLIN (Mit Leserkommentar). Klare Worte im offiziellen Bildungsbericht von Bund und Ländern: Die Wissenschaftler machen gegen das  umstrittene Betreuungsgeld Front. Stattdessen verlangen die Experten mehr Qualität in der frühkindlichen Bildung. 

Das Konzept Betreuungsgeld: Statt Kita Betreuung durch Mama oder Papa - und dafür Geld vom Staat. Foto: Thomas Kohler / flickr (CC BY-SA 2.0)

Städtetags-Präsident Christian Ude (SPD) ist ein Freund klarer Worte: „Volle Pulle auf Kita-Ausbau“, rief der Münchner Oberbürgermeister nach einem Treffen mit Amtskollegen in Kassel aus. Was Ude eint mit anderen Bürgermeistern gleich welcher Partei ist die Sorge, dass zum 1. August 2013 nicht genügend Kinder-Betreuungsplätze zur Verfügung stehen. Denn ab dann haben Eltern auch von Unter-Dreijährigen einen Rechtsanspruch auf ein Betreuungsangebot – und können ihre Kommunen bei Nicht-Einlösung auf Schadenersatz verklagen.

Nicht nur mit einem einzigen Satz, sondern mit einem ganzen Kapitel widmen sich die von Bund und Ländern beauftragten Wissenschaftler im noch unveröffentlichten nationalen Bildungsbericht dem Thema frühkindliche Bildung. Klar und deutlich fallen ihre Warnungen vor dem auch koalitionsintern heftig umstrittenen Betreuungsgeld aus. Sie wollen keine falschen Anreize, die besonders Eltern aus bildungsfernen Schichten dazu verleiten könnten, ihr Kleinkind nicht in eine Kita zu schicken – und damit auf die dringend notwendige frühe Sprachförderung zu verzichten.

Etwa 29 Prozent der Kleinkinder von Eltern mit einem niedrigen Bildungsstand weisen laut Bildungsbericht in Deutschland „eine verzögerte sprachliche Entwicklung auf“. Von den Drei- bis Sechsjährigen werden etwa ein Viertel als „sprachförderbedürftig“ eingestuft. Und darunter sind nicht nur Migrantenkinder.

Die Wissenschaftler sehen den Staat schon jetzt vor erheblichen finanziellen Herausforderungen: Bei Kita-Ausbau und Einlösung des Rechtsanspruchs, aber noch mehr bei dringend notwendigen Qualitätsverbesserungen in Krippen wie Kindergärten, bei der überfälligen Höherqualifizierung und Weiterbildung des Personals und der Schulung von Tagesmüttern. Und nicht zuletzt kommt noch die Mammut-Aufgabe Inklusion hinzu – die Öffnung regulärer Kindergärten für Behinderte -, so wie es die UN-Konvention auch von Deutschland längst verlangt. Aber bei der Umsetzung tun sich die Länder noch allesamt sehr schwer.

1,1 Milliarden Euro kostet ab 2014 das vor allem von der CSU forcierte Betreuungsgeld für daheim erziehende Eltern. Nicht nur die Opposition, auch manch einer aus CDU wie FDP möchte das Geld lieber in den Kita-Ausbau und in Qualitätsverbesserungen stecken. Und so sehen es auch die Wissenschaftler: Bei zusätzlichen Leistungen wie dem Betreuungsgeld bestehe die Gefahr, dass keines der angestrebten Ziele zufriedenstellend erreicht wird.

18 Prozent der Kinder in Deutschland gelten laut Bericht als „armutsgefährdet“, bei zehn Prozent sind beide Elternteile erwerbslos. Und für Kinder mit Migrationshintergrund kumulieren sich diese Risikolagen häufig um ein Vielfaches.

Der bisherigen „selektiven Nutzung“ frühkindlicher Bildung müsse entgegen gewirkt werden, schreiben die Wissenschaftler. Sie wollen die Sprachförderung schon für Kleinkinder deutlich verbessern, das föderale Wirrwarr mit 17 verschiedenen Tests in 14 Bundesländern vereinheitlichen und viel mehr Kinder von Migranten und auch aus anderen Risikogruppen in die Kita locken.

Aber auch an der Qualifikation des Betreuungspersonals, besonders der Tagesmütter, üben die Wissenschaftler trotz Verbesserungen in jüngster Zeit heftige Kritik. So verfügten 41 Prozent der bei den Kommunen unter Vertrag stehenden Tagesmütter nicht über die Minimalqualifikation eines 160-stündigen Qualifizierungskursus. Im Westen nimmt zwar laut Bericht über die Hälfte der Tagesmütter nur bis zu zwei Kinder auf. Der Anteil derer mit mehr als vier Kindern ist jedoch seit 2006 von 11 Prozent auf 28 Prozent gestiegen.

Die Haupt-Profiteure frühkindlicher Bildungsangebote sind aus Sicht der Wissenschaftler derzeit vor allem Familien mit hohem Bildungsniveau – die sich ohnehin intensiv selbst um die Vorbildung ihrer Kinder kümmern, zum Beispiel durch Vorlesen, Wortspiele und Geschichten erzählen. Auch wenn beide Elternteile berufstätig sind und das Kleinkind in einer Kita betreut wird, ließen diese Aktivitäten in der Familie nicht nach, zeigen die Forscher auf. Denn diese Kinder besuchen etwas früher und zu höheren Anteilen eine Tageseinrichtung oder nehmen Tagespflege in Anspruch. „Das Ziel, vor allem Kinder aus bildungsfernen Familien und Kinder mit Migrationshintergrund möglichst frühzeitig kompensatorisch zu fördern, ist offensichtlich noch nicht erreicht“, so das Fazit. dpa

 

Ein Kommentar

  1. Hallo, es geht um die Betreuung von Babys und kleinen Kindern bis zu drei Jahren. Hier von frühkindlicher Bildung zu sprechen, geht m.E. vollkommen am Thema vorbei.
    In dieser Entwicklungsphase kommt es vor allem darauf an, Urvertrauen zu entwickeln. Das kann eine Kita nur unter ganz besonders günstigen Bedingungen leisten. Der Kinderarzt Dr. Böhm spricht davon, dass Kleinstkinder in der Kita Gefahr laufen, emotional massiv überfordert zu werden. Es kann zur Ausschüttung von Stresshormonen kommen ähnlich wie bei einer Gewaltanwendung.
    Wer mehr darüber erfahren möchte, dem empfehle ich diese Seite:

    http://www.familie-ist-zukunft.de

    Dort gibt’s auch das Interview von Dr. Böhm.

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