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Diskussion um Gemeinschaftsschule: Auch Realschule bald am Ende?

STUTTGART (Mit Leserkommentaren). Das grün-rote Reformprojekt Gemeinschaftsschule sorgt für Diskussionen in Stuttgart. Der Städtetag fordert Änderungen und fragt: Stirbt nach der Hauptschule auch die Realschule aus?

Der Städtetag will auch Realschulen den Weg zur Gemeinschaftsschule erleichtern. «Damit nicht nur Haupt- und Werkrealschulen zu Gemeinschaftsschulen werden, müssen auch die Realschulen Anreize erhalten, sich in diese Richtung zu entwickeln», sagte Schulexperte Norbert Brugger in Stuttgart. Sonst bleibe die Hierarchie mit der Gemeinschaftsschule als letztem Glied bestehen. Unter den 40 Starterschulen  für die neue Schulart in Baden-Württemberg sind nur ein Gymnasium und eine Realschule in Tübingen.

In Stuttgart wird offenbar konstruktiv über Schulstrukturen debattiert. (Foto: Uetrecht/Wikimedia CC BY-SA 3.0)

In Stuttgart wird offenbar konstruktiv über Schulstrukturen debattiert. (Foto: Uetrecht/Wikimedia CC BY-SA 3.0)

«Ein unüberwindbarer Stein auf dem Weg zur Gemeinschaftsschule ist für viele Realschulen der verpflichtende Ganztagsbetrieb.» Den lehnten etliche Realschuleltern für ihre Kinder ab, betonte Brugger. Das Kultusministerium und die Grünen erteiltem dem Anliegen postwendend eine Abfuhr: «Die verpflichtende Ganztagsschule ist entscheidend für die pädagogische Qualität der Gemeinschaftsschule», sagte ein Ministeriumssprecher. Auch die Grünen-Bildungsexpertin Sandra Boser nannte den Ganztagsbetrieb einen unverzichtbaren Bestandteil des pädagogischen Konzeptes.

Aus Sicht des Kultusministeriums wächst das Interesse an der neuen Schulart immens. Man rechne damit, dass Anfang Oktober rund 100 weitere Gemeinschaftsschulen beantragt werden; voraussichtlich seien darunter auch Realschulen.

Brugger sagte, Realschulen als «De-Facto-Gemeinschaftsschulen» mit guten Haupt- und schwächeren Gymnasialschülern müssten flexible Regelungen erhalten. So müssten nach einer Orientierungsstufe in den Klassen fünf und sechs auch leistungsdifferenzierte – statt ausschließlich heterogene – Lerngruppen möglich sein. «Wie in Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz sollten Gemeinschaftsschulen in einer Übergangsphase den Umfang des gemeinsamen Unterrichts selbst bestimmen können.» Eine Umorientierung der Realschulen sei notwendig, um im Wettbewerb bestehen zu können.

In zehn Jahren existiere voraussichtlich keine einzige der derzeit noch rund 1000 Haupt- und Werkrealschulen mehr, prognostizierte Brugger. In Tübingen etwa gebe es bereits zum Schuljahr 2012/13 keine Haupt- oder Werkrealschule mehr. Je nachdem wie sich die Gemeinschaftsschule entwickle, werde auch die klassische Realschule in zehn Jahren der Vergangenheit angehören.

Der Schulexperte der CDU-Landtagsfraktion, Georg Wacker, sieht das anders. Die Realschule leiste hervorragende Arbeit und sei daher bei Eltern, Schülern und Betrieben eine hoch anerkannte Schulart, die Bestand haben werde. Vielmehr sehe er die Zukunft der Gemeinschaftsschule trüb. Sie stehe in harter Konkurrenz zu Realschulen und Gymnasien und sei mit dem Stigma der «drittbesten Schule» belegt.

Der Städtetag fordert, den Zusammenschluss von kleinen Werkreal- und Realschulen unter dem Dach einer Verbundschule zu ermöglichen. «In dieser Hinsicht müssten Verbundschulen den Gemeinschaftsschulen gleichgestellt werden – denn letztere dürfen zweizügig sein.» Bislang können sich laut Brugger nur dreizügige Verbundschulen bilden, es sei denn, es handelt sich um Privatschulen. «Eine solche Vorstufe zur Gemeinschaftsschule wird von vielen Eltern als Option gewünscht.»

Von der FDP im Landtag kam Verständnis für die Forderungen des Städtetages: Die Entscheidungsträger vor Ort bräuchten mehr Gestaltungsfreiheit, sagte der FDP-Bildungsexperte Timm Kern: «Wir Liberalen kritisieren an der grün-roten Landesregierung, dass die Gemeinden die Gemeinschaftsschulen nur als schulorganisatorisch-pädagogisches Gesamtpaket übernehmen können, ganz nach dem Motto “Vogel friss oder stirb”.»

Auch für die SPD-Fraktion kann es auf dem Weg zur Gemeinschaftsschule Zwischenschritte geben. «Verbundschulen können dann sinnvoll sein, wenn vor Ort die Gegebenheiten dafür vorliegen», sagte der SPD-Bildungsexperte Christoph Bayer. JULIA GIERTZ, dpa

4 Kommentare

  1. Franz Josef Neffe

    Wohin das Auge schaut, ist Schule das gerade Gegenteil von dem, was Schule bedeutet. Nun machen wir Schulen den Garaus, die gar keine waren. Das finde nich als Ich-kann-Schule-Lehrer schon lustig. Dann konstruieren wir aber fleißig weiter und machen wieder etwas zur Schule, was nur die nächste Variante des Gegenteils von Schule ist. Was soll ich da machen, wenn meine Lachmuskeln schon ganz erschöpft sind?
    Da macht sich ja der liebe Gott als Weltenschöpfer noch richtig bescheiden aus. Der schöpfte aus dem Vollen. Wir konstruieren aus dem Nichts. Eine bemerkenswerte Überbietung der göttlichen Schöpfungsleistung!
    Freundlich grüßt
    Franz Josef Neffe

  2. Was passiert hier, wird versucht alles und alle gleich zu machen.
    Ohje, liebe Linke und Grüne, ohne Elite geht es nicht, auch wenn Ihr euch das in eurem ach so toleranten und schönen Weltbild gerne einreden wollt!!!
    Vor allem, was macht Ihr mit den Migranten deren Eltern die Integration bewusst nicht wollen, die kein Wort deutsch können/können wollen???

    Eine Klasse lernt nur so gut/schnell wie das schwächste Kind es zulässt, ein Porsche fährt auch keine 250 wenn ein Käfermotor verbaut ist!!!

    Und bitte jetzt nicht kommen mit noch mehr Deutschkurse und noch mehr hier und da und trallala, wenn man nicht will(was man natürlich nie offen zugeben wird) dann hat immer mehr Zucker im Popo nur die Wirkung das man bald merkt man kann sich alles erlauben und bekommt immer noch mehr Zucker!!!

  3. Diese Gleichmacherei geht einem zunehmend auf den Zeiger. Es sind nicht alle Kinder gleich. Es wundert einen doch gar nicht, dass immer mehr nur durchschnittlich begabte Kinder auf das Gymnasium flüchten. Das ganze Schulsystem leidet unter dem permanenten Sparzwang aller Bundesländer. Wie langen wollen wir Eltern uns das noch gefallen lassen. Das Maß ist voll!

    • Sparzwang hat sicher auch negative Auswirkungen. Weit schlimmer im Schulsystem ist allerdings der Ideologiezwang durch eine verbohrte und einseitige Interpretation des Begriffs “Gerechtigkeit”. Sie hat längst irrationale, religiöse Züge angenommen.

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