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Schluss mit Monoedukation: Wenn sich eine Mädchenschule öffnet

ESSEN. Sie quatschen, lachen, tuscheln. Mädchen stehen vor der altehrwürdigen Ordensschule B.M.V. in Essen. Eine Szenerie wie in den vergangenen 360 Jahren. Jungen gibt es hier nicht – noch nicht. Doch ab dem Schuljahr 2013/2014 will das Gymnasium seine gusseisernen Pforten für sie öffnen. Dazu drängen vor allem der Schülerrückgang und die damit verbundenen wirtschaftlichen Zwänge. Allerdings regt sich Widerstand.

Ende einer langen Tradition: Seit Jahrhunderten wurden in Essen nur Mädchen unterrichtet. Foto: Old Shoe Woman / Flickr (CC BY-NC-SA 2.0)

Ende einer langen Tradition: Seit Jahrhunderten wurden in Essen nur Mädchen unterrichtet. Foto: Old Shoe Woman / Flickr (CC BY-NC-SA 2.0)

Auf Facebook explodiert die Zahl der Einträge. Über 1500 seien es seit der Ankündigung im Mai schon geworden, berichtet die stellvertretende Schulleiterin Angelika von Schenk-Wilms. Ein gutes Zeichen, meint aber Schwester Beate Brandt: «Ich war sehr berührt, wie stark sich unsere Schülerinnen und ihre Eltern mit der Schule identifizieren.»

So geht es auch einer ihrer prominentesten Ex-Schülerinnen, Schulministerin Sylvia Löhrmann (Grüne). «Werteorientierung wird hier groß geschrieben», erinnert sich die 55-Jährige. «Die Schule hat immer einen sehr guten Ruf gehabt und den Anspruch, zu freiem, kritischem Denken zu erziehen.» Nun werde das B.M.V. gut überlegen müssen, wie es neben der Mädchenförderung auch eine gute Jungenförderung entwickeln könne. Insgesamt sind in NRW weniger als ein Prozent aller Schulen reine Mädchen- oder Jungenschulen.

«Jungs sind doch keine Monster», sagt Johanna Täuber. Sie geht in die 11. Klasse des B.M.V. Die meisten Jahre ihrer Schullaufbahn hat sie monoedukativ verbracht, also nur mit Mädchen. Johanna macht nächstes Jahr Abitur und wird den Einzug der Jungen nicht mehr direkt erleben. Dennoch hofft sie, dass die besonderen Werte der Schule auch im koedukativen Unterricht erhalten bleiben.

Seit 360 Jahren liegt die personelle und wirtschaftliche Verantwortung des Gymnasiums bei den Augustiner-Chorfrauen der Congregatio Beatae Mariae Virginis (B.M.V.). Um die Schule zu erhalten, müsse das B.M.V. mindestens fünfzügig bleiben, also fünf Parallelklassen pro Jahrgang haben, erläutert Angelika von Schenk-Wilms. Angesichts der großen Konkurrenz von 20 Gymnasien in Essen und rückläufiger Geburtenzahlen eine große Herausforderung. «Dies und der Wegfall des doppelten Abiturjahrgangs im kommenden Jahr waren für uns der Katalysator, um nun zu handeln», erklärt Lehrer Martin Niekämper.

Er und seine Kollegen blicken optimistisch in die Zukunft. «Bei vielen war die Betroffenheit über die Entscheidung sehr groß. Aber die Entscheidung war erforderlich», berichtet der Lehrer. Es sei nun wichtig, den Entschluss vernünftig zu kommunizieren und die immer noch vorhandene Betroffenheit in eine neue Überzeugung umzumünzen.

Dieser Weg wird von den 14 Ordensschwestern in Essen-Holsterhausen begleitet. «Wir haben uns zu diesem Schritt entschlossen», bekräftigt die Schulleiterin, Schwester Ulrike Michalski. Sie berichtet von einer tiefen Betroffenheit bei den Schwestern über den Traditionsbruch. Aber man sei sich einig gewesen, dass dieser Schritt notwendig ist. TOBIAS NORDMANN und BETTINA GRÖNEWALD, dpa

Zum Bericht: „NRW-Schulministerin Löhrmann sieht Vorteile bei getrenntem Unterricht“

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