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Spezialgebiet individuelle Fälle: Bochumer Schule unterrichtete schon Tokio Hotel per Internet

BOCHUM. Lily ist elf Jahre alt und lebt mit ihren Eltern im Südsee-Königreich Tonga, der hochbegabte 15-jährige Constantin ist Asperger-Autist und wohnt in Münster. Beide Kinder sind Schüler der Bochumer Web-Individualschule. In der nach eigenen Angaben bundesweit einmaligen Privatschule werden Kinder im Internet unterrichtet.

Die Gründe für die ungewöhnliche Schulwahl sind dabei ebenso individuell, wie die Schicksale der derzeit rund 60 Schüler. Die ungewöhnliche Schule feierte am Freitag in Bochum ihr zehnjähriges Jubiläum.Mit Unterricht im Internet will eine Bochumer Schule bei Schulproblemen helfen. Manchmal machen Auslandsjobs der Eltern den Besuch einer deutschen Regelschule unmöglich, manchmal geht es um eine Karriere als Schauspieler oder Sportler. Oft stehen auch tragische Schicksale hinter der ungewöhnlichen Schulwahl.

Bill Kaulitz von Tokio Hotel ist einer der prominenteren Absolventen der Internetschule. (Foto:Pascal Parvex/Wikimedia CC BY-SA 3.0)

Bill Kaulitz von Tokio Hotel ist einer der prominenteren Absolventen der Internetschule. (Foto:Pascal Parvex/Wikimedia CC BY-SA 3.0)

Südsee-Bewohnerin Lily muss mehrmonatige Schulpausen überbrücken, wenn ihre Eltern im familieneigenen Hotel nach dem Rechten schauen. Ihr Lehrer Robin Schade legt für den Unterricht wegen der Zeitverschiebung regelmäßig Nachtschichten ein. «Wenn ich mich abends um 20.30 Uhr an den Rechner setze, startet Lily in Tonga um 7.30 Uhr am Morgen mit dem Unterricht», berichtet er.

Constantin hatte als sogenannter Asperger-Autist an der Regelschule keine Chance – trotz nachgewiesener Hochbegabung, wie sein Vater Joachim Elfers berichtet. Nach einer von Schulversagen geprägten Odyssee werde der Junge nun individuell an der Bochumer Schule unterrichtet. Aus einem totalen Schulverweigerer mit Problemen im Umgang mit Menschengruppen sei ein motivierter Schüler geworden, berichtet der Vater.

Constantins Lehrerin Anna Gebbers-Fritsche bescheinigt dem Jungen gute Chancen, demnächst die Fachoberschulreife zu erlangen. Die staatliche Prüfung werde Constantin dabei jedoch in einem nur für ihn reservierten Raum fernab von anderen Schülern ablegen.

Als Mobbing-Opfer sei ihre Tochter zur Schulverweigerin geworden, berichtet eine Mutter, die ihren Namen nicht nennen möchte. Die heute 16-jährige ehemalige Gymnasiastin sei zusammengebrochen und nicht mehr in der Lage gewesen, die Schule zu besuchen. Andere Schüler seien etwa nach dem Erlebnis eines Amoklaufs derart traumatisiert, dass sie das Schellen der Klingel und den Geruch der Schule nicht mehr ertragen könnten, berichtet Schulleiterin Sarah Lichtenberger.

Zum Lehrprogramm der Schule könne es dann auch gehören, vorsichtig wieder die Klinke der Schultür anfassen zu lernen. Ziel der Schule sei es auch, den Schülern die Rückkehr in die Regelschule zu ermöglichen, sagt Lichtenberger.

An der privaten Schule in der Nähe des Bochumer Hauptbahnhofs werden derzeit 60 Schüler von fünf Lehrern unterrichtet. Die Bezahlung des Schulgelds von derzeit 787 Euro im Monat sei manchmal ein Problem, berichtet die Schulleiterin. Nicht immer könne eine Kostenübernahme etwa durch die Jugendämter erreicht werden. Ein neu gegründeter Förderverein solle nun Patenschaften vermitteln, so dass auch Stipendien vergeben werden könnten.

Neben Schülern mit gesundheitlichen oder psychischen Beeinträchtigungen zählen auch jugendliche Schauspieler, Künstler oder Hochleistungssportler zu den Absolventen der Schule. «Bei uns ist jeder Schüler die Ausnahme», sagt Lichtenberger. Prominenteste Absolventen waren bislang Bill und Tom Kaulitz von Tokio Hotel oder Jung-Schauspieler David Kross (Krabat). UTA KNAPP, dpa

(29.6.2012)

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