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Wissenschaftler fordert: Rente erst mit 75 Jahren

MÜNSTER. Der Organisations- und Wirtschaftspsychologe der Universität Münster, Prof. Dr. Guido Hertel, hält eine Verlängerung der Arbeitszeit auf bis zu 75 Jahre für wünschenswert. Er stützt seine Forderung mit den Ergebnissen einer von ihm verantworteten Studie.

"Wir haben 20 Lebensjahre geschenkt bekommen, und was machen wir damit?" Foto: Rsms / Flickr (CC BY-NC 2.0)

"Wir haben 20 Lebensjahre geschenkt bekommen, und was machen wir damit?" Foto: Rsms / Flickr (CC BY-NC 2.0)

Nach Auswertung von fast 40.000 Datensätzen, die auf der Grundlage von Interviews, Fragebögen oder auch Tagebuchstudien entstanden sind, zeigt sich nach seinen Angaben eine eindeutige Tendenz: Ältere Arbeitnehmer sind stressresistenter, erfahrener und teamorientiert, da sie sich nicht mehr auf Karriere konzentrieren und ihr Wissen gerne an jüngere Kollegen weiter geben. Die Verlängerung der Arbeitsphasen entspreche zudem den veränderten Bedürfnissen in den verschiedenen Lebensphasen, betont Guido Hertel.

„Verglichen mit unseren Vorfahren vor 100 Jahren haben wir durch den technischen Fortschritt im Durchschnitt 20 Lebensjahre geschenkt bekommen, noch dazu in deutlich besserer Gesundheit und Fitness. Aber was machen wir damit? Golfspielen?“, fragt Hertel. Statt einfach nur die Phase des Ruhestands zu verlängern, sollte diese zusätzliche Zeit besser genutzt werden. „Damit kommen wir Berufstätigen entgegen, die sich mehr Flexibilität oder Unterbrechungen in der Mitte ihrer Karriere wünschen, beispielsweise für eine längere Elternzeit, eine zusätzliche Ausbildung oder Studium, oder eine lange Reise. Gleichzeitig profitieren Unternehmen von der längeren Verfügbarkeit motivierter Mitarbeiter“, betont Hertel.

Motivierter und leistungsfähiger als angenommen

Denn seine Untersuchungen in dem seit sechs Jahren von der Deutschen Forschungsgemeinschaft geförderten Schwerpunktprojekt „Altersdifferenzierte Arbeitssysteme“, das jetzt zu Ende geht, haben gezeigt: Ältere Arbeitnehmer, also jene über 50 Jahre, sind motivierter und leistungsfähiger, als gemeinhin angenommen wird. „Noch ist das ein stigmatisierter Begriff, aber in den vergangenen Jahren ist die Akzeptanz älterer Berufstätiger durch die öffentliche Diskussion des demografischen Wandels und des steigenden Fachkräftemangels besser geworden“, hat der Psychologe beobachtet. „Die Unternehmen sind einfach gezwungen, vermehrt ältere Arbeitnehmer einzustellen.“ Was mitunter eher unfreiwillig der Fall ist, sei aber oft positiv für das Unternehmen.

„Ältere Menschen kennen sich selbst besser und können mit Emotionen bei der Arbeit besser umgehen als jüngere Berufstätige. Gängige Stereotype wie zum Beispiel, dass ältere Arbeitnehmer sich gegen Veränderungen wehren, können bei genauerem Hinsehen dagegen nicht bestätigt werden. Widerstände gegen Veränderungen hängen nicht mit dem Lebensalter an sich, sondern vielmehr mit dem Zeitraum zusammen, den ein Mitarbeiter an ein und demselben Arbeitsplatz zugebracht hat“, erklärt Guido Hertel. Ähnlich steht es um die vermeintliche Lernmüdigkeit älterer Mitarbeiter. Auch die liege nicht am Alter per se, sondern an der Frage „Was bringt mir neues Wissen überhaupt noch?“

Zwei Punkte sind für ältere Berufstätige besonders wichtig: zum einen ein respektvoller und würdiger Umgang durch Kollegen und Vorgesetzte. Anders als Jüngere nehmen sie Einschränkungen und Repressionen nicht mehr einfach in Kauf. „In vielen Unternehmen und Behörden ist es noch nicht angekommen, dass Effektivität beziehungsweise Gewinnmaximierung und eine humane, würdigende und gesunde Arbeitswelt keine Gegensätze, sondern die zwei Münzen einer Medaille sind“, sagt Hertel.

Das so genannte „Generativitätsmotiv“, also der Wunsch, eigenes Wissen und Erfahrungen weiterzugeben, ist bei älteren Arbeitnehmern ebenfalls hoch ausgeprägt. „Das sind oft Mitarbeiter, die nicht mehr nur auf den eigenen Profit schauen, sondern das Große und Ganze im Blick haben, und deshalb besonders wertvoll für ein Team sind“, hat der Wirtschaftspsychologe beobachtet. Dieses Engagement für die Sache und für andere endet nicht automatisch mit dem 67. Lebensjahr. Auch das ein Grund für Hertel, für eine Verschiebung der Lebensarbeitszeit zu plädieren: „Wir sind heute im Schnitt so fit wie Menschen noch nie zuvor. Warum sollten wir dieses Potenzial nicht ausschöpfen?“

Zumal man so die besonders belastete Lebensphase zwischen 25 und 35 Jahren mit Karrierebeginn und Familienplanung entzerren könnte. „Wenn man den Berufseinstieg nach hinten verschiebt, kann man den Beginn der Familiengründung noch als Lernphase nutzen. Ältere Arbeitnehmer, deren Kinder meist schon aus dem Haus sind, sind wieder flexibler und könnten wesentlich besser bei Auslandseinsätzen eingesetzt werden, als es heute jungen Familienvätern und -müttern zugemutet wird.“ Auch das „Standing“ der Älteren in Krisen und schwierigen Verhandlungen sei durch ihre längere Berufserfahrung besser.

„Gerade im Sinne einer Humanisierung der Arbeitswelt sollten wir die Chancen nutzen, die uns der demografische Wandel gibt. Das dient nicht nur einer besseren und gesünderen Lebensplanung des Einzelnen, sondern auch der nachhaltigen Entwicklung der Unternehmen und unseres Wirtschaftsstandorts“, sagt Hertel. idw

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