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Wissenschaftler untersuchen Ausmaß von Mobbing gegenüber Lehrern

KOBLENZ. Immer mehr Lehrer werden offenbar gemobbt – vor allem im Internet scheinen Beleidigungen und Bloßstellungen drastisch zuzunehmen. Die Universität Universität Koblenz-Landau hat jetzt eine systematische Befragung von Lehrkräften im gesamten deutschsprachigen Raum gestartet, um mehr Klarheit über das Phänomen zu gewinnen.

Rund ein Viertel der Lehrer in Deutschland hat bereits Erfahrungen mit Cybermobbing gemacht. Foto: Blue Square Thing / Flickr (CC BY-NC-SA 2.0)

Rund ein Viertel der Lehrer in Deutschland hat bereits Erfahrungen mit Cyber-Mobbing gemacht. Foto: Blue Square Thing / Flickr (CC BY-NC-SA 2.0)

Laut einer im vergangenen Jahr veröffentlichten Studie des Software-Unternehmens Norton hat bereits mehr als ein Viertel der Lehrer in Deutschland Erfahrungen mit Internet-Hetze gemacht. Laut “Norton” antworteten 27 Prozent der befragten Lehrer in Deutschland, dass sie oder ein Bekannter von “Cyber-Baiting” betroffen gewesen seien. “Das Opfer ist in diesem Fall der Lehrer, der von einer Schülergruppe zu einer unbedachten Äußerung oder einem Wutausbruch provoziert wird und sich kurz darauf, festgehalten in einem Video, an Dutzenden Pinnwänden, in Videoportalen oder in regelrechten ‘Hass-Foren’ wiederfindet”, berichtet das Unternehmen. „Die Folgen reichen von Autoritätsverlust über Rufschädigung bis hin zu psychischen Problemen bei den betroffenen Pädagogen”, heißt es in dem Bericht. Der Befund deckt sich mit den Ergebnissen einer britischen Studie, nach der die Zahl von Online-Angriffen gegenüber Lehrern drastisch steigt.

Jetzt nimmt sich das Zentrum für empirische pädagogische Forschung (ZEPF) der Universität Koblenz-Landau des Themas Mobbing umfassend an. „Das Phänomen ist hinreichend bekannt: Lehrerinnen und Lehrer werden von Schülerinnen und Schülern, von Eltern und von Kolleginnen und Kollegen gemobbt.“ Belastbare Zahlen über das Ausmaß existieren allerdings genauso wenig, wie Aussagen über die Betroffenheit der Lehrkräfte, deren Handlungsmöglichkeiten und deren Hoffnungen auf Hilfe. In der jetzt angelaufenen Befragung wird ermittelt, wie viele Lehrkräfte von Mobbing betroffen sind und ob das Phänomen mit der Lehrtätigkeit an einer bestimmten Schulart verbunden ist. Weitere Fragen zielen darauf ab, um welche Art von Mobbing es sich handelt oder ob Lehrkräfte eher von Schülerinnen und Schülern als von Eltern gemobbt werden. Das ZEPF fragt auch nach den Möglichkeiten der Lehrkräfte, sich gegen Mobbing zu wehren und nach der Unterstützung, die sie dabei möglicherweise erhalten.

Prof. Dr. Reinhold S. Jäger, Projektleiter der Studie, sieht einen großen Nachholbedarf in der Ausbildung der Lehrkräfte, aber auch in der Weiterbildung „Wenn wir gezieltere Erkenntnisse besitzen, dann können wir künftige Lehrkräfte im Umgang mit Mobbing, das sich gegen sie richtet, besser aus- und fortbilden. Nur gesunde und gut ausgebildete Lehrkräfte werden ihren Schülerinnen und Schüler das vermitteln können, was fachlich, sozial, methodisch und für die Persönlichkeitsentwicklung bedeutsam ist.“

Die Befragung ist über hier zu erreichen.

Der „Tagesanzeiger“ berichtet aktuell über einen Fall von Cyber-Mobbing an einer Züricher Schule. Robert Kraus (Name geändert) sei ein erfahrener Lehrer. Ihm sei in jüngster Zeit aufgefallen, dass er von Schülern vermehrt provoziert werde. Auch komme es immer öfter vor, dass ihm unbekannte Jugendliche ihn in der Schule ansprechen. Kraus habe im Internet recherchiert, ob da „Dinge“ über ihn kursierten, von denen er nichts wisse. Und er sei fündig geworden: Auf Facebook  gebe es unter seinem Namen ein ihm unbekanntes Profil – sowie verdächtige Profile von Kollegen. Kompromittierende Fotos oder Filme habe er zwar nicht gefunden, allerdings habe er auch keinen Zugang zu den privaten Bereichen.

Experte empfiehlt: Einloggen und nachschauen

Der Lehrer sei beunruhigt. Zahlreiche Schüler verfügten über Smartphones, und was man damit in der Schule machen könne, habe er auf Youtube gesehen. Dort seien heimlich gedrehte Filmchen aus dem Unterricht zu sehen. „Lehrer schlägt Schüler“, „Schüler verarscht Lehrer“, „Lehrerin rastet aus“. Für Robert Kraus wäre es ein Albtraum, sich so im Internet wiederzufinden. Darum sei für ihn klar: Handys sollten in der Schule verboten werden. Er sagt gegenüber dem „Tagesanzeiger“: «Wer glaubt, dass Smartphones nur zum Schreiben von SMS genutzt werden, ist naiv.»

Thomas Stierli, Experte für Medienbildung an der Pädagogischen Hochschule (PH) Zürich, betont gegenüber dem Blatt, dass sich Lehrer heutzutage über die Gefahr von Cybermobbing bewusst sein müssten. Er empfehle Pädagogen, sich ein Facebook-Profil anzulegen und dann von Zeit zu Zeit einzuloggen. Darüber hinaus sei es empfehlenswert, seinen Namen hie und da zu googlen. Nur so sei festzustellen, wenn man im Netz gemobbt oder bloßgestellt werde. Stierli: „Auch jene, die mit Facebook und Internet nichts am Hut haben wollen, müssen sich heute damit auseinandersetzen.“

Und wie soll sich Lehrer Kraus verhalten, der von sich ein gefälschtes Facebook-Profil  gefunden hat? Auf jeden Fall müsse er dies bei Facebook melden, sagt Stierli gegenüber dem „Tagesanzeiger“. Im besten Fall werde der Account gelöscht. Herauszufinden, wer ein gefälschtes Profil erstellt habe, sei hingegen sehr schwierig. Kraus könne das wahrscheinlich eher in einer Diskussion mit seinen Schülern erfahren als über Facebook. Bei schweren Fällen mit Beleidigungen, Fotos oder Filmen empfiehlt der Fachmann den Betroffenen, einen Medienanwalt einzuschalten. NINA BRAUN

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