Startseite ::: Praxis ::: Forscher: Umzug vom Heim in Pflegefamilie verbessert Hirnentwicklung

Forscher: Umzug vom Heim in Pflegefamilie verbessert Hirnentwicklung

WASHINGTON. Fehlen Reize und Anregungen, verkümmert das Gehirn. Doch der Entwicklungsrückstand lässt sich zumindest teilweise aufholen, kommen Kinder in eine andere Umgebung. Das haben Forscher bei rumänischen Heimkindern gezeigt, die in eine Pflegefamilie aufgenommen wurden.

Forscher: Umzug vom Heim in Pflegefamilie verbessert Hirnentwicklung:  Foto: Liz Henry / Flickr (CC-BY-ND-2.0)

Forscher: Umzug vom Heim in Pflegefamilie verbessert Hirnentwicklung: Foto: Liz Henry / Flickr (CC-BY-ND-2.0)

Wenn Heimkinder in eine Pflegefamilie kommen, kann das der Hirnentwicklung einen Schub geben: Das Volumen der sogenannten weißen Substanz, den Verbindungskabeln von Nervenzellen, sei bei Pflegekindern genauso groß wie bei in ihren eigenen Familien aufwachsenden Kindern. Das berichten Neurowissenschaftler und Kinderärzte in der Fachzeitschrift «Proceedings» der US-Akademie der Wissenschaften (PNAS) über eine Untersuchung mit rumänischen Kindern.

Die Studie der Forscher der Harvard-Universität und des Bostoner Kinderkrankenhauses ist Teil des «Bucharest Early Intervention Project», das vom rumänischen Staatssekretariat für Kinderschutz in Auftrag gegeben worden war. Untersucht wurden 20 normal aufwachsende Kinder sowie 54 rumänische Waisenkinder in einem Heim, in dem sich ein Betreuer um jeweils etwa 12 Kinder kümmerte. 25 der Heimkinder wurden im Alter zwischen 6 und 31 Monaten per Los ausgewählt, in eine Pflegefamilie umzuziehen. Im Alter zwischen acht und elf Jahren wurden die Gehirne der Kinder gescannt.

Die Magnetresonanztomographie ergab: Jene Kinder, die nur im Heim gelebt hatten, hatten weniger graue Substanz und auch weniger weiße Substanz als die normal aufwachsenden Kinder. Bei jenen Kindern, die zunächst in einem Heim und dann in einer Pflegefamilie untergebracht waren, sahen die Scans anders aus: Einerseits hatten sie wie die reinen Heimkinder weniger graue Substanz, andererseits aber genauso viel weiße Substanz wie die normal aufwachsenden Kinder. Eine Nervenzelle wird grob unterteilt in einen Zellkörper und einen langen Zellfortsatz. Die Zellkörper bilden die graue Substanz, die auch Hirnrinde genannt wird. Die Nervenfasern bilden die weiße Substanz und liegen im Inneren des Gehirns.

Ergänzend wurde auch die Funktionstüchtigkeit des Hirns untersucht. Die Elektroenzephalographie ergab, dass bestimmte Hirnwellen bei den reinen Heimkindern schwächer waren als bei den Pflegekindern und den normal aufwachsenden Kindern. Daraus schließt das Team um die Neuroforscherin Margaret Sheridan: Die weiße Substanz habe – im Gegensatz zur grauen Substanz – das Potenzial, den Entwicklungsrückstand wegen einer Zeit in einer reizarmen Umgebung aufzuholen, wenn sich die Umgebungssituation bessert. Entscheidend sei ein früher Wechsel vom Heim in eine Pflegefamilie bis spätestens zum zweiten Geburtstag.

Die 54 für die Studie ausgewählten Kinder waren direkt nach der Geburt oder kurze Zeit später in ein Heim gekommen. Hinzu kam eine Kontrollgruppe in ihrer Familie aufgewachsener Kinder. Mittlerweile seien die kleinen Probanden rund zwölf Jahre alt, teilten die Forscher mit. Zur Qualität rumänischer Heime hieß es: «Bis Anfang des 21. Jahrhunderts hatten die rumänischen Kinderheime eine ziemlich schlechte Qualität. Es gab wenige Betreuer für viele Kinder. Zwar hatten die Kinder genügend zu essen, bekamen Kleidung und ein Dach über den Kopf, doch ihr Leben war ziemlich reglementiert und ohne persönliche Ansprache sowie soziale Interaktion.»

Der Skandal um die schlimmen Bedingungen in den Heimen sei zwar nicht der unmittelbare Grund dafür gewesen, die Studie in Rumänien durchzuführen, erklärte Mitautor Nathan Fox. Das rumänische Staatssekretariat habe die Studie aber durchaus mit dem Ziel angeregt, Daten zu gewinnen, mit denen die Regierung motiviert werden könne, ihre Kinderpolitik zu verändern.

Schon länger vermuten Wissenschaftler, dass es schädlich für die Entwicklung des Gehirns ist, wenn Kleinkinder ins Heim kommen. Die Umgebung biete nicht genügend Reize, so dass etwa die weiße Substanz geschädigt werde und damit wichtige Nervenverbindungen unterbrochen würden. Früheren Studien zufolge haben Heimkinder eher Probleme mit dem Sprachgefühl und im sozialen Umgang und sind häufiger vom sogenannten Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätssyndrom (ADHS) betroffen. Das UN-Kinderhilfswerk Unicef schätzt, dass mindestens acht Millionen Kinder weltweit in Heimen leben. dpa

(24.7.2012)

4 Kommentare

  1. Jedes Kind benötigt die Liebe einer Familie um sich gut entwickeln zu können. Ohne Liebe gehen wir ein wie Pflanzen ohne Wasser.

    • Richtig, darum verstehe ich auch nicht, warum Familien mit mehreren Kindern so leicht in die Armutsfalle geraten, weil die Politik eher die ganztägige, außerhäusliche Massenerziehung fördert als die familiäre Erziehung.
      Wenigstens in den ersten drei Jahren sollte es durch entsprechende Unterstützung möglich sein, dass Mütter oder Väter zu Hause bleiben und das Kind oder die Kinder betreuen.

      • Weil Sie hier von der falschen Ursache ausgehen. Die genannten Personengruppen sind ja nicht arm, weil sie mehrere (mehr als zwei Kinder) haben.

        Es gibt keine Kausalität. Weil man mehr als zwei Kinder hat, ist man nicht zwangsläufig arm.
        Es gibt aber die Korrelation, dass häufig Personen mit geringem Einkommen ebenfalls mehrere Kinder haben.

        Eine Ursache könnte ist, dass junge Erwachsene ohne eigenes Einkommen, dem Haushalt bzw. der Bedarfsgemeinschaft der Eltern zugerechnet werden. Ein eigener Anspruch entsteht entweder durch Eheschließung oder aber durch eine Schwangerschaft.

        Ebenfalls von der Konstellation mehrere Kinder und Armutsfalle sind häufig Patchwork-Familien bedroht, vor allem dann, wenn die leiblichen Elternteile, bei denen die Kinder nicht leben, ihren Unterhaltsverpflichtungen nicht nachkommen.

        • Eine zweite Ursache ist der häufig längere Bildungsweg von Paaren mit höherem oder hohen Einkommen. Wenn beide deinen Hochschulabschluss oder gar eine Promotion anstreben, ist vor 30 oder 35 an das erste Kind kaum zu denken und mit Ende 30 sollte sich das Paar aufgrund des immer höher werdenden Schwangerschaftsrisikos weitere Kinder ernsthaft überlegen. Paare ohne Hochschulbesuch sind oft mit Anfang 20 bereits im Beruf und haben somit mindestens zehn zusätzliche Jahre zum Kinderkriegen.

          Aber wie die dickebank zutreffend schrieb, ist das nur eine Korrelation und keine Kausalität.

Hinterlasse einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.Benötigte Felder sind markiert *

*