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Rechtsextreme sickern in die Burschenschaften ein

BONN (Mit Leserkommentar). Punktsieg für die Liberalen im Streit zwischen den verschiedenen burschenschaftlichen Gruppierungen: Das Landgericht Bonn hat jetzt eine Verleumdungsklage gegen Christian Becker von der Initiative „Burschenschaftler gegen Neonazis“ abgewiesen, der einen Burschenschaftler seiner eigenen Verbindung einen Rechtsextremisten nennt.

Becker fühlte sich durch das Urteil bestätigt. Laut „Deutschlandradio Kultur“ war es der erste Prozess um Burschenschaften überhaupt. Anlass für Becker, sich mit rechtsextremen Burschenschaftlern anzulegen, war ein Antrag, der 2011 in  seiner eigenen Burschenschaft gestellt wurde, der alten Breslauer Burschenschaft der Raczeks, nur noch Arier aufzunehmen.

Wandmalerei der Heidelberger Burschenschaft von 1901: Damals hatten die Studentenverbindungen noch kein Rechtsradikalenproblem. (Foto: Stefan Kühn/Wikipedia CC BY-SA 3.0)

Wandmalerei der Heidelberger Burschenschaft von 1901: Damals hatten die Studentenverbindungen noch kein Rechtsradikalenproblem. (Foto: Stefan Kühn/Wikipedia CC BY-SA 3.0)

„Da ist bei uns einfach das Fass übergelaufen und wir haben uns  zusammengetan, um erst mal zu ermitteln, wie ausgeprägt das Problem ist. Und dann haben wir im Dezember die Initiative ‚Burschenschafter gegen Neonazis‘ gegründet und gehen seitdem vehement gegen rechtsextreme Burschenschafter vor,“ sagte er gegenüber „Deutschlandradio“.

Von 10.000 Burschenschafter im Dachverband seien rund 1.500 Rechtsextrem. Das habe sich seit den 90er Jahren so entwickelt. Seit 1996 gebe es ein Konzept, einen Masterplan eines NPD-Chefideologen, der sage ganz deutlich, „Rechtsextreme, sickert in Burschenschaften ein, um deren Geld, Häuser und Strukturen zu nutzen.“ Viele Rechtsextreme hätten nämlich zu dieser Zeit eine neue Heimat gesucht, seit Anfang der 90-er Jahre viele militante rechtsextreme Verbindungen nach den Pogromen von Rostock, von Solingen und Hoyerswerda verboten worden waren.

Rechtsextreme hätten ein Problem, sich zu versammeln, das sehe man daran, dass Rechtsextreme immer wieder versuchten, Häuser und Hotels zu kaufen, wo sie sich ungestört treffen könnten. Sobald sie in eine Gaststätte gingen, sei der Verfassungsschutz dabei, erklärt Becker. Anders sei es, wenn sie Mitglied einer Burschenschaft würden oder sich auch im Rahmen von Veranstaltungen dort träffen, da gucke ihnen niemand auf die Finger.

Norbert Weidner, der jetzt Becker wegen Verleumdung verklagt hat, ist seit 1999  Mitglied in der alten Breslauer Burschenschaft der Raczeks. Weidner habe eine militante Neonazivergangenheit in einer rechtsextremen Organisation, die 1995 verboten wurde, erklärt Becker. Seit dessen Eintritt verzeichne man einen deutlichen Rechtsruck in der Gruppe, sagt Becker. Von den 80 aktuellen Mitgliedern seien 30 sehr, sehr rechte Burschenschaftler, die NPD-Mitglieder seien oder Kameradschaftler aus dem militanten Bereich.

Nach Beckers Aussage gegenüber „Deutschlandradio“ sei das zu seiner aktiven Zeit anders gewesen. „Wir waren demokratische Burschenschaftler und haben uns eingesetzt für die Demokratie im Kleinen. Als schlesische Burschenschafter haben wir versucht, eine Aussöhnung zwischen Deutschen und Polen im kleinen Rahmen zu ermöglichen.“ Und nach der Wiedervereinigung seien sie in Schulen gegangen, um über das Grundgesetz aufzuklären.

Das aktuelle Urteil ermögliche es jetzt zum ersten Mal, das Thema akademischer Neonazismus breit zu diskutieren. Neonazis seien nicht mehr  klischeemäßig die Glatzköpfe, sondern es gebe unter ihnen viele Akademiker, sagt Becker. nin

(13.7.2012)

Ein Kommentar

  1. Obwohl mir Herr Becker sehr sympathisch scheint, ist doch seine Zahl an Rechtsextremen m.E. sehr hoch gegriffen. Zum anderen bedient er sich auch seltsamer Verschwörungstheorien.
    „NPD-Chefideologe“ – das klingt nach einem mächtigen Hintermann wie in einem „Illuminati“-Buch.

    Schade auch, dass zu diesem Thema Medien sehr undifferenziert berichten.

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