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Breites Bündnis um Hirnforscher Hüther für bessere Schulen

BERLIN (Mit Leserkommentaren). Eine Bürgerbewegung um den renommierten Neurowissenschaftler Gerald Hüther möchte die Schule von unten reformieren. Gesucht werden 100 Modellschulen zur Etablierung einer neuen Lernkultur – ohne auswendig gelerntes Abfragwissen.

Die Dortmunder Grundschule Kleine Kielstraße wurde 2006 mit dem Deutschen Schulpreis ausgezeichnet. Foto: Björn Hänssler, Deutscher Schulpreis

Die Dortmunder Grundschule Kleine Kielstraße wurde 2006 mit dem Deutschen Schulpreis ausgezeichnet. Foto: Björn Hänssler, Deutscher Schulpreis

Das breite Bündnis von Wissenschaftlern, Managern, Gewerkschaftlern, Pädagogen und Künstlern plädiert für eine neue «Lern- und Beziehungskultur» in Deutschlands Schulen. «Nicht auswendig gelerntes, sondern selbstständig erworbenes Wissen und Können ist das, worauf es für die Gestalter des 21. Jahrhunderts ankommt», sagte Hüther (Göttingen) bei der Vorstellung des Aufrufes «Schule im Aufbruch».

Gesucht werden bereits für dieses Schuljahr 100 Modellschulen, die das Bündnis bei der Einführung einer neuen Lernkultur unterstützen will. Angestrebt wird jeweils vor Ort eine enge Zusammenarbeit der Schule mit Eltern, Bürgerbewegungen, Organisationen und engagierten Unternehmen.

«Wir sind im 21. Jahrhundert angekommen, unsere Schulen sind im 20. Jahrhundert stehen geblieben», sagte Hüther. Das Bündnis versteht sich als eine «bürgerschaftliche Bewegung, die Schule von unten verbessern will». Das Lernen müsse von hierarchischem Belehren befreit werden – hin zu einem kreativen Austausch unter Lernenden.

«Es gibt in diesem Land schon gute Schulen, aber es sind bisher nur Leuchttürme», sagte der Rechtswissenschaftler Stephan Breidenbach, Mitgründer der Humboldt-Viadrina School of Governance in Berlin. Als Beispiele wurden unter anderem die Laborschule Bielefeld, die Grundschule Kleine Kielstraße in Dortmund, die Waldhofschule Templin oder die Evangelische Schule Berlin Zentrum genannt – alles Einrichtungen, die bereits mit dem Deutschen Schulpreis der Robert-Bosch-Stiftung oder anderen Auszeichnungen bedacht worden sind.

Was diese Schulen aus ihrer Sicht auszeichnet, beschreiben die Initiatoren so: „Jedes Kind wird hier in seiner Einzigartigkeit gesehen, angenommen und angesprochen. Schüler erleben sich eingeladen, ihre besonderen Begabungen und Potenziale zu entfalten. Sitzenbleiben kommt nicht vor. Alle lernen nach einem individuellen Plan. Lehrer begleiten ihre Lernprozesse. Schüler übernehmen Verantwortung und lernen, vielfältige Herausforderungen zu meistern, nicht nur innerhalb, sondern auch außerhalb der Schule.“

Hüther, Breidenbach und die Direktorin der Berliner Schule, Margret Rasfeld, gehörten zu dem sechsköpfigen Expertenteam beim Zukunftsdialog «Wie wollen wir künftig lernen?» von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU). Breidenbach verwies allerdings darauf, dass das Thema Schule wegen der föderalen Länderkompetenzen im Zukunftsdialog kaum eine Rolle gespielt habe. dpa
(23.8.2012)

5 Kommentare

  1. Woher nimmt die Bürgerbewegung um Prof. Hüther eigentlich die Gewissheit, dass NUR der im Artikel beschriebene Lehr- und Lernweg mit “selbstständig erworbenem Wissen”, “individuellem Lernplan” oder “Lehrer als Begleiter” zum Erfolg führt? Es gibt dazu auch andere, sehr ernst zu nehmende Stimmen wie z.B. den ehemaligen Prof. Hilbert Meyer für Schulpädagogik von der Uni in Oldenburg, quasi der “Vater” des offenen Unterrichtes. Sein Buch “Leitfaden zur Unterrichtsvorbereitung” gehörte zur Pflichtlektüre jeder angehenden Lehrerin oder jedes angehenden Lehrers. Interessanterweise betont er in seinem 2003 erschienenen Buch (Titel ist mir entfallen, kann aber unter Angabe des Autors und dem Stichwort “Frontalunterricht” gegoogelt werden), dass es bei der Vermittlung kognitiven Wissens keinen signifikanten Vorteil der so genannten offenen Formen gegenüber dem Frontalunterricht gibt. Deshalb plädiert er für eine Mischung möglichst vieler Methoden. Er spricht davon, dass Mischwald besser sei als Monokultur. Bei den Absichten der Bürgerbewegung mit ihrem Absolutheitsanspruch für die richtigen Methoden beschleicht mich grundsätzlich ein ungutes Gefühl. Es gibt auch andere erfolgreiche Wege!
    Was haben zukünftige Studentinnen/Studenten davon, so unterrichtet worden zu sein, wenn sie im mittlerweile ziemlich verschulten Studium – durch Bologna noch verschärft – recht schnell merken, dass sie zum Bestehen der Klausuren gar nicht anders können als den Lernstoff durch die Form des Auswendiglernens im Kurzzeitgedächtnis abzuspeichern?
    Um richtig verstanden zu werden: Ich bin kein Freund des Auswendiglernens. Je mehr ich den Lernstoff verstanden und durchdrungen habe , umso weniger muss ich auswendig lernen. “Lerntricks” können dabei helfen. Wegen der immensen Stofffülle – gerade bei Medizinern – lässt sich dieser Weg aber wohl nicht immer praktizieren.

  2. Hilbert Meyer: Was ist guter Unterricht? Bei Cornelsen Scriptor erschienen
    Unter der durchaus provokanten Überschrift “Die Schlacht um einen besseren PISA-Platz wird im Frontalunterricht geschlagen” steht bei “bildungsklick” ein Interview mit Prof. Meyer.

    http://bildungsklick.de/a/4548/die-schlacht-um-einen-besseren-pisa-platz-wird-im-frontalunterricht-geschlagen/

  3. Ich kann meinem Vorredner in Vielem beipflichten. Vor allem den Satz “Bei den Absichten der Bürgerbewegung mit ihrem Absolutheitsanspruch beschleicht mich ein ungutes Gefühl.” kann ich nur unterstreichen. Es ist einfach lächerlich anzunehmen, dass das so propagierte individualisierte Lernen allein zu intrinsischer Motivation führt, diese ist von so vielen Faktoren abhängig – unter anderem auch vom Elternhaus und der nicht-schulischen Umwelt. Diese Methode -angesiedelt zwischen Spaßgesellschaft, Medienwelt und Reformpädagogik- kann einfach nicht alleine für ein wirkliches Durchdringen von Inhalten geeignet sein. Natürlich ist handlungsorientiertes Lernen wichtig, die so gelernten Sachen werden leichter verankert, als die schematisch gelernten – dennoch, es wird immer beim Auswendiglernen von Vokabeln, Formeln etc. bleiben.
    Außerdem ist auch ein noch so ansprechender Unterricht für Schüler eine Pflichtveranstaltung – wie Schule überhaupt. Schule muss vor allem für ältere Schüler Sinn machen, sie wollen sehen, dass das was Schule veranstaltet ihnen auch zu Erfolg verhilft – eine Spielwiese ist da auf Dauer zu wenig.

  4. Ein weiterer Nachtrag:
    Ja, selbstständig arbeiten gelernt zu haben, mag sowohl im Studium als auch in der beruflichen Ausbildung von Vorteil sein. Aber ich habe meine ganz großen Zweifel, ob selbstständiges Arbeiten bereits für ganz junge SchülerInnen von Vorteil ist. Sie lernen vor allem für ihre LehrerInnen oder Eltern. Deshalb brauchen Sie auch deren direkte Zuwendung. In diesem Zusammenhang habe ich nicht einmal an leistungsschwache Kinder gedacht, für die das so genannte selbstständige Lernen wegen möglicher schulischer Misserfolge zu einer regelrechten Schulmüdigkeit führen kann. Ganz aktuell erlebe ich das gerade bei der Tochter einer Bekannten, die in die GS geht.
    Wo findet eine Schülerin/ein Schüler nach dem Schulabschluss entweder an der Hochschule oder in der beruflichen Ausbildung jemals wieder einen individuell auf sich zugeschnittenen Lernplan? Sowohl im Studium als auch in der beruflichen Ausbildung werden sie danach vergeblich suchen.
    In der Schule von morgen gibt es kein Sitzenbleiben. Was passiert aber, wenn die jungen Menschen in der beruflichen Ausbildung oder im Studium die ersten Misserfolge zu verkraften haben? Das Leben ist nun ‘mal kein Kindergeburtstag und Menschen müssen auch lernen, mit Niederlagen souverän umzugehen.
    Wenn ich mir das so anschaue, frage ich mich ernsthaft, ob die jungen Menschen in der Schule von morgen auf das Leben außerhalb der Klassenzimmer verantwortungsvoll vorbereitet werden. Ob eine Schule erfolgreich gearbeitet hat, erweist sich zumeist erst außerhalb der
    Klassenzimmer.

  5. Ich denke, die Mischung macht es. Es gibt Themen, da sollte eher gelenkt unterrichtet werden und es gibt Themen, da kann man auf die Selbstständigkeit setzen. Rechtschreib- und Grammtikregeln inklusive aller Irrwege, Fehldeutungen und Täuschungen selber herauszufinden, kostet einfach viel zu viel Zeit. Da setze ich auf einen stark gelenkten, eher lehrerzentrierten Unterricht. Bei bestimmten Themen in Geschichte gebe ich die Regie aber auch an die Schüler ab. Es kommt nicht darauf an, bestimmte Ereignisse zu kennen, aber wie man sich Erkenntnisse erarbeitet, wie man sie aufbereitet und wie man sie präsentiert, ist wichtig. Auch sonst setzen wir meiner Meinung nach viel zu sehr auf das Ergebnis und viel zu wenig auf den Weg dahin. Das Meiste wird sowieso wieder vergessen, weil man es nicht braucht oder weil es einen nicht interessiert. Aber Anstrengungsbereitschaft, Zielstrebigkeit, Initiative und Ausdauer usw., das zu lernen, ist wichtig, denn das ist auch später im Leben die Basis für Erfolg! Und dieser “Leistungsstand” sollte den Schülern auch rückgemeldet werden (durch Zensuren).

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