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Philologen: Wir sind mit Latein noch lange nicht am Ende

MÜNSTER. Latein-Liebhaber finden für die Postmoderne immer neue Vokabeln. Das Internet heißt in Ovids Sprache «nexus retialis», der Computer «computator». Schüler finden Latein schick, auch wegen Harry Potter. Eltern freuen sich, dass ihre Kinder mal etwas nicht googeln können.

Was unter dem Bauchnabel der Hollywood-Schönheit Angelina Jolie die Blicke auf sich zieht, kann nur sexy sein. «Quod me nutrit me destruit», steht dort eintätowiert. Zu Deutsch: «Was mich nährt, zerstört mich.» Die tote Sprache Latein hat im 21. Jahrhundert immer noch viele Fans. Die Gemeinde wächst sogar. «Die Nachfrage nach Latein ist seit einigen Jahren unglaublich», sagte der lateinische Philologe Professor Karl Enenkel am Rande der größten Tagung der Neolatinistik. 300 Wissenschaftler kamen dafür nach Münster. Die Tagung endete an diesem Wochenende.

Klassisches Ziel für Ausflugsfahrten von Lateinkursen: Das Kollusseum in Rom. Foto: Ingo Meironke / Flickr(CC BY-NC-SA 2.0)

Klassisches Ziel für Ausflugsfahrten von Lateinkursen: Das Kollusseum in Rom. Foto: Ingo Meironke / Flickr(CC BY-NC-SA 2.0)

Um eindrucksvolle 30 Prozent ist die Zahl der Schüler, die «rex, regis, regi, regem, rege» herunterdeklinieren lernen, seit Ende der 90er Jahre gestiegen. Etwa jeder zehnte Schüler in Deutschland wählt inzwischen die Vokabeln von Ovid und Marc Aurel als Fremdsprache. Manche Unis haben wegen des Andrangs im Fach Latein den Numerus Clausus eingeführt. Da kommt erst einmal der Verdacht auf, dass die beliebte Romanfigur Harry Potter mit seinen lateinischen Zaubersprüchen seit seinem ersten Aufkommen im Jahr 1997 den Ansturm ausgelöst hat. Zwar kann der Lateinprofessor dies nicht widerlegen, aber argumentiert doch mit anderen Gründen, warum es so gut läuft.

In einer Welt, die immer hektischer und unübersichtlicher werde, sei Latein ein Gegenpol für viele Eltern, sagt Enenkel. Sie wüssten, dass ihre Kinder im Lateinunterricht etwas über die europäische Geschichte, Literatur und Kultur lernen, ohne dabei pausenlos unterhalten zu werden. «Immerhin müssen sich die Schüler bei Latein sehr stark konzentrieren und ihr Gedächtnis trainieren. Und das ist gut, weil ja heute fast alles schnell gegoogelt werden kann», sagt Enenkel.

Sein Mitarbeiter Christian Peters nennt noch einen weiteren Grund, warum Lateinunterricht für Eltern attraktiv sei. Aus seiner Erfahrung als Lehrer weiß er: «Latein hilft jedem Kind dabei, die grammatikalischen Strukturen seiner Herkunftssprache zu verstehen. Manche Schüler kennen ja nicht einmal die vier Fälle.» Professor Enenkel nickt zustimmend. «Die lateinische Struktur ist fix und stabil.» Das könne man von dem flüchtigen Internet nicht behaupten.

Dabei hat Latein das digitale Zeitalter längst erobert. Einen Beweis dafür liefert Facebook – für viele der Maßstab aller Dinge. Dort können die Nutzer ihr Profil in der Sprache der alten Römer einstellen und auch Wikipedia listet Latein unter seinen Sprachen auf. Und weil Caesar damals noch nicht mit Kleopatra chatten konnte, müssen Neolatinistiker heute neue Wörter für die Welt im Netz erfinden. So heiße Computer «computator», das Internet «nexus retialis» – und das Verb chatten könnte «garrire» genannt werden.

Der Lateinunterricht muss nach Ansicht der beiden Wissenschaftler aber die Waage zwischen Moderne und Beständigkeit halten. Natürlich seien stumpfe Lateinübersetzungen über den Gallischen Krieg nicht mehr zeitgemäß, aber die Sprache solle auch nicht zu poppig werden. Um die Schulstunden aufzulockern, könnten Lehrer zum Beispiel «Asterix und Obelix»-Comics auf Latein durchnehmen oder Holzschnitte zu jeder von Ovids Metamorphosen mitbringen. «Latein soll ja schon Spaß machen», sagt Professor Enenkel. Ein Gradmesser für den Erfolg von Literatur sind die Verkaufszahlen beim Internet-Buchhändler Amazon. Hier wurde bei den lateinischen Titeln Ovid aber schon längst entthront – von dem Zauberlehrling Harry Potter. Marie Röwekamp/dpa

(16.8.2012)

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