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“Viele Linkshänder sind unterbewußt umgepolt”

FLENSBURG. Manche Menschen haben ein Wirrwarr im Kopf. Sie sind Linkshänder, die mit rechts schreiben. Wenn sie zurück zur linken Hand wollen, müssen sie das oft mühsam üben. 

Die Hakenhaltung – die fällt Anke Petersen sofort auf. Linkshänder neigen dazu, sich beim Schreiben mehr oder weniger zu verrenken. Prominentes Beispiel: US-Präsident Barack Obama. Petersen bietet als Linkshänderberaterin in Flensburg in Schleswig-Holstein Tests und Rückschulungen für Linkshänder, die auf rechts geschult wurden und zur linken Hand zurückwollen.

Linkshänder, die mit rechts schreiben haben ein Wirrwarr im Kopf. (Foto: Armin Kübelbeck/Wikimedia CC BY-SA 3.0)

Linkshänder, die mit rechts schreiben haben ein Wirrwarr im Kopf. (Foto: Armin Kübelbeck/Wikimedia CC BY-SA 3.0)

Warum wollen sie das ändern? «Konzentrationsschwierigkeiten, das Gefühl, dass man sein Potenzial nicht ausleben kann. Viele Kinder haben Lernprobleme, Lese-Rechtschreib-Schwierigkeiten, das Selbstwertgefühl wird herabgesetzt.»

Die Probleme entstehen laut Petersen aufgrund unterschiedlicher Beanspruchung der Gehirnhälften. Bei Rechtshändern sei die linke Hälfte aktiver. Wer umgeschult wird von links auf rechts, erlebe ein «Wirrwarr zwischen den Gehirnhälften, die schwache wird überfordert, die starke unterfordert». Aufgrund dieser Anstrengung werde man zum Beispiel schnell müde oder beginne zu stottern.

In ihren Räumen führt Petersen Kinder und Erwachsene mit zahlreichen Linkshänder-Utensilien ans Linksschreiben heran. Auch Therapiebegleithund Lilly ist dabei. Lilly soll die Kinder beim Ballspielen – mit links – zusätzlich motivieren. Es gebe auch Tiere, die links bevorzugen, erzählt Petersen, etwa Pferde. Lilly jedoch liegt nun im Körbchen und sieht zu, wie Petersen eine extra kreierte Linkshänder-Schreibunterlage «nach Sattler» preist.

Der Name der Unterlage steht für Johanna Barbara Sattler, nach deren Methode Petersen arbeitet. Sie ist Leiterin der Ersten deutschen Beratungs- und Informationsstelle für Linkshänder und umgeschulte Linkshänder in München. Und die Unterlage mit aufgedruckter Hand soll helfen, eine gute Haltung beim Schreiben zu erleichtern.

Die Forschung gehe davon aus, dass Linkshändigkeit genetisch bedingt sei, sagt Sattler. Damit sei sie auch vererbbar. Häufig seien in einer Familie mehrere Mitglieder betroffen. Wer als beidhändig bezeichnet werde, sei meist mit beiden Händen gleich schlecht und nicht gleich gut, sagt die Expertin.

Bei Petersen in Flensburg lernen die Kinder Handhaltungen, mit denen Verkrampfungen und Verschmierungen vermieden werden sollen. «Es gibt auch spezielle Linkshänderbleistifte, mit Griffmulden» – Petersen zeigt einige der Stifte, die unter der Spitze einen knetkugelartigen Aufsatz haben. Linkshänderanspitzer seien auch sinnvoll, ebenso Linkshänderscheren und ganz weiche Bunt- und Bleistifte, denn: «Ein Rechtshänderkind zieht, ein Linkshänderkind schiebt, das kratzt auf dem Papier.»

«Immer mehr Kinder sind umgeschulte Linkshänder», erzählt Petersen. Und das, obwohl in Schulen schon lange nicht mehr kritisiert wird, wer mit links schreibt. Heute geschieht die Umschulung oft auf anderem Weg. «Das ist eine unbewusste Manipulation, wenn man etwa Kindern die Tasse rechts reicht. Und Kinder lernen am Modell, im Kindergarten wollen sie sein wie die anderen», sagt Petersen.

Die Rückschulung geht über mehrere Monate. Erst wird die Motorik der linken Hand gestärkt, dann Muskulatur, Feinmotorik, gefolgt von Schwung- und Stifthalteübungen, bevor es ans Schreiben geht.

Der Sohn von Stefanie Kölln hat gerade mit der Rückschulung begonnen. Wegen gesundheitlicher Probleme schon als Säugling sei seine Mobilität linksseitig eingeschränkt gewesen. «Deswegen musste er sich wohl alles rechts aneignen. Ich bin nicht eine gewesen, die gesagt hat: “Gib mir mal die schöne Hand!”.» Der heute Siebenjährige bekam Probleme in der Schule, hatte Schwierigkeiten mit Lesen und Schreiben, konnte sich keine halbe Stunde konzentrieren. «Mama, das ist total anstrengend, das zu schreiben», habe der Junge gesagt.

Als sich die Indizien für Linkshändigkeit mehrten, ließ Kölln ihren Sohn testen. Was erhofft sie sich von der Rückschulung? «Dass es ihm im Leben leichter fällt, er mehr Freude am Schreiben, Lesen und Basteln hat, mehr Selbstbewusstsein bekommt.» Martina Scheffler/dpa

(8.8.2012)

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