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„Aufstiegsangst“ bremst arme Kinder auf dem Weg zur Hochschule

BERLIN. Immer mehr Arbeiterkinder machen Abitur – doch an den Hochschulen kommen sie nicht an. Zu diesem Ergebnis kommt eine von der Vodafone Stiftung vorgestellte Studie. «Wir brauchen Initiativen, die sozial benachteiligten Jugendlichen die Aufstiegsangst nehmen», sagt Stiftungs-Geschäftsführer Mark Speich.

Kinder aus sozial schwachen Familien erreichen selten die Hochschulen. Foto: Peter Smola / pixelio.de

Kinder aus sozial schwachen Familien erreichen selten die Hochschulen. Foto: Peter Smola / pixelio.de

Der Ausbau der deutschen Hochschulen hat in den vergangenen drei Jahrzehnten nicht zu mehr Studienchancen für Kinder aus bildungsfernen Elternhäusern geführt, wie die vom  Mannheimer Zentrum für europäische Sozialforschung erstellte Studie feststellt. “Die Studierendenquote in Deutschland wird immer noch stark von der sozialen Herkunft der Jugendlichen geprägt“, sagt Speich. Akademikerkinder verfügten über eine etwa sechsmal so hohe Chance, ein Studium aufzunehmen als Kinder von Eltern ohne Hochschulabschluss, heißt es in der Untersuchung.

Dabei hat der Anteil eines Altersjahrgangs, der eine Hochschulzugangsberechtigung erreicht, in den vergangenen Jahrzehnten drastisch zugenommen. Lag dieser Anteil Ende der 1960er-Jahre noch knapp unter zehn Prozent, so verfügt heute annähernd die Hälfte eines Jahrgangs über eine Studienberechtigung. „Zu dieser Entwicklung trugen auch wesentlich die Öffnungsprozesse des Bildungssystems bei. Studienberechtigungen werden heute nicht mehr nur an den allgemeinbildenden Gymnasien vergeben, sondern auch an Institutionen des berufsbildenden Bereichs, wie Fachgymnasien, Fachoberschulen, Kollegschulen oder in Kombination mit Berufsausbildungsgängen. Etwa 40 Prozent aller Studienberechtigungen werden heute über das berufliche Bildungssystem oder den zweiten Bildungsweg vergeben, der überwiegende Teil davon in der Form der Fachhochschulreife“, heißt es in der Untersuchung.

Nur Wenige nutzen ihre Berechtigung zum Hochschulstudium

Entsprechend seien die Studienberechtigten-Quoten der Schüler aus bildungsfernen Elternhäusern in den zurückliegenden 30 Jahren kontinuierlich angestiegen. „Verfügten Mitte der 1970er-Jahre lediglich 15 Prozent der Schüler aus bildungsfernen Familien über eine Studienberechtigung, sind es heute etwa 35 Prozent.“

Doch nur ein zunehmend geringer Anteil der jungen Menschen aus diesen bildungsfernen Schichten mache anschließend von seiner Studienberechtigung auch Gebrauch. Laut Studie hat die Studierbereitschaft dieser jungen Menschen Mitte der 70-er Jahre noch bei 80 Prozent gelegen. 30 Jahre später seien dies nur noch 50 Prozent gewesen. Im Zweifel würden sich diese junge Menschen eher für eine Berufsausbildung entscheiden. Zugleich wird das Abitur – auch dies zeigt die Studie – in immer mehr Ausbildungsberufen zur Standardvoraussetzung.

Und das hat laut Studie Gründe: „Die Bildungsforschung hat gezeigt, dass Menschen aus bildungsfernen Milieus eher zu konservativen Bildungsentscheidungen neigen und aus ihrer Sicht riskantere Bildungsinvestitionen scheuen. Zum anderen hat sich die Hochschulreife zunehmend zur faktischen Zugangsvoraussetzung für viele Ausbildungsberufe entwickelt. Daher streben viele Schüler aus bildungsfernen Familien die Hochschulreife vermehrt deshalb an, um die Erfordernisse für den Zugang zu den Berufsausbildungen zu sichern.“ Im Resultat enthalte die Gruppe der Studienberechtigten aus bildungsfernen Elternhäusern zunehmend größere Anteile an Schülern, die keine Studienabsicht hegen. Die Bildungsexpansion, die in den 60-er Jahren begonnen wurde, scheine somit ihr Ziel nicht erreicht zu haben. bibo / mit Material von dpa

Die Studie “Aufstiegsangst?” von Steffen Schindler auf der Website der Vodafone Stiftung Deutschland

(10.9.2012)

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