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Brandbrief eines Rektors: Meine Schule vergammelt

PINNEBERG. Schimmel, verfaulende Türen, offene Wände und kaputte Leitungen: Einem Schulleiter ist angesichts des zunehmend maroden Zustands seiner Grund- und Gemeinschaftsschule der Kragen geplatzt. Er hat einen Brandbrief geschrieben. Der Schulträger, die schleswig-holsteinische Stadt Pinneberg, räumt „erheblichen Sanierungsbedarf“ ein – hat aber offenbar dafür kein Geld. Wohl kein Einzelfall.

Der Stadt Pinneberg fehlt es an Geld. Foto: Uwe Barghaan / Wikimedia Commons (CC BY-SA 3.0)

Der Stadt Pinneberg fehlt es an Geld. Foto: Uwe Barghaan / Wikimedia Commons (CC BY-SA 3.0)

„Wir haben die Faxen endgültig dicke“, sagt der Rektor gegenüber dem Reporter des „Wedel-Schulauer Tageblatts“, das über den Fall berichtet. Der Journalist protokolliert:  „Es stinkt. Und zwar gewaltig. Hier werden hunderte Jungen und Mädchen unterrichtet. Hier wachsen Pilze aus den Wänden.“ Der Schulleiter habe ihm einen Chemieraum gezeigt „mit Stolperfallen, die Experimente lebensgefährlich machen“. Beschädigte Versorgungsleitungen seien zu sehen. Das Lehrerzimmer sei ursprünglich für 23 Pädagogen geplant worden und müsse jetzt von 60 Kollegen genutzt werden. Für die Klassenräume im zweiten Stock gebe es keinen zweiten Fluchtweg. „Wenn es hier brennt, sitzen die Schüler in der Falle“, sagt der Schulleiter dem Bericht zufolge.

Der Rektor habe die Mängel in den vergangenen Jahren immer wieder bei der Kommune angemahnt – vergeblich. „Wir fühlen uns nicht ernst genommen“, so zitiert ihn das „Wedel-Schulauer Tageblatt“. Es werde immer schwieriger, Lehrer für die Schule zu gewinnen. „Mehrere Bewerber sind abgesprungen, obwohl unser pädagogisches Konzept sie überzeugte.“ Die Arbeitsbedingungen seien schlicht nicht hinnehmbar. Nun ist dem Schulleiter der Kragen geplatzt. In einem Brief an Politik, Verwaltung und das schleswig-holsteinische Bildungsministerium prangert er die Zustände an. Mit Blick auf die Brandschutzmängel schreibt er gar von „Lebensgefahr für Schüler“. Die Gesundheit von Lehrkräften sei massiv beeinträchtigt.

„Schwierige Haushaltssituation“

Die Stadt Pinneberg habe zwar in den vergangenen Jahren in eine neue Mensa investiert und einige Gebäude modernisiert. Dennoch sei der bauliche Zustand der Schule schlecht – was die Schulamtsleiterin im  Pinneberger Rathaus dem Blatt bestätigt. Sie räumt „erheblichen Sanierungsbedarf“ ein. „Aber wir haben auch die schwierige Haushaltssituation im Nacken.“ Für einen verbesserten Brandschutz an der Schule seien Mittel im Haushalt 2013 eingeplant.

Ein Einzelfall? Wohl kaum. Finanzschwache Kommunen können keine ausreichenden Zukunftsinvestitionen tätigen, beklagen unlängst Wissenschaftler vom Deutschen Institut für Urbanistik. Investitionsrückstände bestehen einer Studie zufolge vor allem im Bildungs- und Verkehrsbereich. Der kommunale Investitionsrückstand bei der Kinderbetreuung und bei den Schulen betrage bundesweit derzeit insgesamt 27 Milliarden Euro – und werde vor allem bei den stark schuldenbelasteten Großstädten und bei den finanzschwachen Städten und Gemeinden vermutlich noch zunehmen, so prophezeien die Forscher. Es entstehe ein „kommunales Armenhaus“, hieß es. bibo

Zum Bericht: „Forscher schlagen Alarm: Pleite-Kommunen lassen Schulen verfallen“

Ein Kommentar

  1. Nein, das ist ganz sicher kein Einzelfall, sondern die Spitze eines Eisbergs. Ich frage mich, wie all die tollen Reformideen unter solchen Bedingungen umgesetzt werden sollen und fühle mich schon wieder an die DDR erinnert, in der öffentliches Eigentum auch mehr und mehr verfiel und verrottete, weil kein Geld für den Erhalt da war.

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