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Grassiert an deutschen Schulen wieder Antisemitismus?

BERLIN. In Berlin wurde ein Rabbiner zusammengeschlagen  – weil er ein Jude ist, weil er eine Kippa trug. In den vergangenen Tagen zeigten Hunderte von Menschen, darunter viele Schüler, bei Kundgebungen und Integrationsfesten in der Hauptstadt ihre Solidarität mit dem Betroffenen. Allerdings, so sagt der Buchautor und pensionierte Lehrer Rainer Werner in einem Gastbeitrag für die „Berliner Morgenpost“, sei an deutschen Schulen schon seit längerem ein wachsender Antisemitismus zu beobachten: „Du Jude, du Opfer“ – diese Wörter gehörten auf den Schulhöfen mittlerweile wieder zu den geläufigen Schimpfwörtern.

Wächst die Aggression gegen Juden? Die "Neue Synagoge" in Berlin. Foto: Daniel Ad/Flickr (CC BY-SA 2.0)

Wächst die Aggression gegen Juden? Die „Neue Synagoge“ in Berlin. Foto: Daniel Ad/Flickr (CC BY-SA 2.0)

Tatsächlich gab es gestern erneut einen antisemitischen Zwischenfall in Berlin, wie die „Welt“ berichtet. Vor der jüdischen Traditionsschule im Berliner Stadtteil Charlottenburg hätten vier etwa 16-jährige Jugendliche eine Gruppe Schüler angepöbelt, bespuckt, mit antisemitischen Beleidigungen attackiert und mit Handys fotografiert. Die Täter wurden nicht gefasst.

Der Hass gegen Juden, so Werner, grassiere an Schulen mit hohem muslimischem Schüleranteil. Dabei richte sich die Verunglimpfung „du Jude“ keineswegs gegen wirkliche Juden – diese zögen es aus Sicherheitsgründen zumeist vor, eine jüdische Schule zu besuchen. „Das Wort ‚Jude‘ ist zum allgemeinen Schimpfwort geworden, mit dem muslimische Jugendliche ihren Hass gegen die Gesellschaft oder ihren Selbsthass an vermeintlich Schwächeren abreagieren. Oft wird das Wort ‚Jude‘ mit der Vokabel ‚Opfer‘ kombiniert. ‚Du Jude, du Opfer‘ – gesprochen auf deutschen Schulhöfen. Wer empfindet dabei nicht Scham und Wut“, schreibt Werner.

Die Schule könne der Ort sein, an dem eine Brandmauer gegen Hass, Ausgrenzung und Rassismus errichtet werde. Bisher habe man die Zielrichtung der Anstrengung immer nur so verstanden, die benachteiligten Kinder aus muslimischen Familien in das Schulleben zu integrieren. Werner: „Vielleicht muss man in Brennpunktschulen den Spieß umdrehen und die Wortführer muslimischen Hasses in die Schranken verweisen.“

Viele Schulen hätten in der Vergangenheit Mut vermissen lassen. „Auf den Ruf ihrer Schule bedacht, haben sie antichristliche oder antijüdische Ausfälle muslimischer Schüler oft verschwiegen, ja, zum Schulgeheimnis erklärt. Die Jugendlichen müssen ein solches Wegducken geradezu als Einladung verstehen, ihr provokantes Verhalten fortzusetzen. Die Problemlösung müsste gerade darin bestehen, rassistische Äußerungen, gleichgültig gegen wen sie sich richten, schulöffentlich zu ächten und zu ahnden“, schreibt der Ex-Pädagoge, der bis zu seiner Pensionierung an einem Gymnasium in Berlin-Mitte unterrichtete.

Er betont allerdings auch in seinem Gastbeitrag: „Der überwiegende Teil muslimischer Kinder verhält sich in den Schulen unseres Landes völlig unauffällig. Ich selbst habe im Unterricht erlebt, wie Kinder aus dem türkischen Mittelstand ihren deutschen Klassenkameraden an Wissbegier und Ehrgeiz in nichts nachstehen. Der jüngste Integrationsbericht der Bundesregierung bestätigt diese subjektive Erfahrung. Schüler mit Migrationshintergrund holen bei den Schulabschlüssen – auch beim Abitur – kräftig auf. Umso wichtiger wäre es, die moralische Verwahrlosung, die sich in den rassistischen Entgleisungen weniger Jugendlicher äußert, entschieden zu bekämpfen. Das dürfte auch im Interesse der muslimischen Mehrheit in unserem Lande sein.“ Werner ist Autor des Buches „Auf den Lehrer kommt es an“.

„Antisemitismus nicht nur bei Muslimen“

In der „Frankfurter Rundschau“ bestätigt die Vorsitzende der Amadeu Antonio Stiftung, Anetta Kahane, den Befund – nimmt jedoch Deutschstämmige vom wachsenden Antisemitismus nicht aus. Zwar gingen Überfälle wie der auf den Rabbiner meist auf das Konto von arabischstämmigen jungen Leuten. Diese Migrantenkinder neigten mehr zu offener Gewalt. „Doch die subtileren Sachen, die Sachbeschädigungen, die Anfeindungen kommen eher von Deutschen“, sagte sie gegenüber der „Frankfurter Rundschau“. „Es gibt einen aggressiven Mainstream-Antisemitismus, wie man auch bei der Beschneidungsdebatte gesehen hat. Deshalb ist dieser jüngste Überfall nicht dazu geeignet, eine Debatte zu führen, in der es ausschließlich um Antisemitismus bei Muslimen geht.“

Auf den zunehmend offenen geäußerten Judenhass von Migrantenkindern versuchen Pädagogen und Berater laut Bericht bereits seit Jahren in Schulen einzuwirken. Die Politologin Anne Goldenbogen etwa habe die Kreuzberger Initiative gegen Antisemitismus („Kiga“) gegründet, die in Schulen mit hohem Migrantenanteil Aufklärungsarbeit leistet. Vor allem der Nahost-Konflikt zwischen Israel und seinen arabischen Nachbarn sei dabei ein Riesenthema. „Viele Schüler sind extrem emotional involviert“, sagt Goldenbogen, „und die stammen nicht etwa alle aus palästinensischen Flüchtlingsfamilien.“ Der Antisemitismus der Schüler speise sich vor allem aus einem Gefühl der Ungerechtigkeit. Zu diesem Weltbild gehöre das Gefühl: Die einzigen Opfer, die Deutschland kennt, sind die Juden. Daraus entstünden häufig Aggressionen, so zitiert die „Frankfurter Rundschau“.

Wichtig in diesem Zusammenhang auch: Eine aktuelle Studie der Freien Universität Berlin, in die Schulen aus fünf Bundesländern einbezogen wurden, attestiert deutschen Schülern gravierende Wissenslücken in deutscher Zeitgeschichte, also im Geschehen nach 1933. War der NS-Staat eine Diktatur oder eine Demokratie? Schon diese Frage überfordert viele Neunt- und Zehntklässler in Deutschland. Rund ein Viertel ist sich sicher: Nazi-Deutschland war keine Diktatur. bibo
(3.9.2012, aktualisiert am 4.9.)

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