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Kultusminister reagieren beleidigt auf Kritik der OECD – mal wieder

BERLIN. Die Bildungsminister in Deutschland – allen voran: Bundesbildungsministerin Annette Schavan (CDU) – sind seit dem PISA-Schock Kummer gewöhnt. Dickhäutiger hat sie das aber nicht gemacht: Auf Kritik von der OECD reagiert die Kultusministerkonferenz immer wieder beleidigt.

Ließ Widerspruch zum OECD-Bericht verlauten: Bundesbildungsministerin Annette Schavan. Foto: Andreas Schepers / Flickr (CC BY 2.0)

Ließ Widerspruch zum OECD-Bericht verlauten: Bundesbildungsministerin Annette Schavan. Foto: Andreas Schepers / Flickr (CC BY 2.0)

Im Sommer war die deutsche Bildungswelt noch in Ordnung. Stolz meldeten die Bildungsminister von Bund und Ländern bei der Vorlage ihres nationalen Bildungsberichtes im Juni mehr Abiturienten, mehr Studenten und weniger Schulabbrecher. Dass noch immer 20 Prozent der 15-Jährigen nicht richtig lesen und Texte verstehen können, wurde zwar nicht ganz unterschlagen, aber doch ein wenig zwischen den vielen Seiten des nationalen Berichts versteckt.

Aus internationalem Blickwinkel zeigt sich das deutsche Bildungssystem ein wenig differenzierter. Äußerst lobend stellt die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) in ihrem neuen Bericht über die Entwicklung in den 34 wichtigsten Industriestaaten die geringe Jugendarbeitslosigkeit in Deutschland heraus. Anerkennend wird attestiert, dass es in der Hochtechnologie- und Exportnation Deutschland inzwischen auch mehr Studenten, mehr Jung-Akademiker und weniger Bildungsverlierer gibt.

Doch im weltweiten Vergleich relativieren sich die deutschen Verbesserungen der vergangenen Jahre. Andere Staaten haben ihr Bildungssystem – vor allem die Hochschulen – viel früher und viel schneller aufgerüstet. «Es gibt keine Alternative zu mehr Bildung, um im internationalen Wettbewerb auf Dauer bestehen zu können», mahnt OECD-Bildungsdirektorin Barbara Ischinger.

Der jährlich wiederkehrende Fingerzeig der Bildungs- und Wirtschaftsanalysten aus der Pariser OECD-Zentrale ist deutschen Bildungsministern seit langem ein Dorn im Auge. Jüngster Anstoß der zur Vorlage des Bildungsberichtes offen ausgetragenen Kontroverse: eine erstmalige Übersicht zur Bildungsmobilität zwischen sozialen Schichten und unterschiedlich vorgebildeten Elterngruppen.

Das OECD-Resultat: In Deutschland erreichen 22 Prozent der jungen Menschen nicht das Bildungsniveau ihrer Eltern – im Schnitt der anderen Industriestaaten sind es nur 13 Prozent. Und den Bildungsaufstieg auf ein höheres Niveau schaffen hierzulande nur 20 Prozent, in den anderen Staaten dagegen 37 Prozent.

Die Kriterien für diese Auswertung wurden zuvor international abgestimmt – auch unter Beteiligung deutscher Experten. Doch Bundesbildungsministerium und Kultusminister halten eigene, viel niedrigere Absteigerzahlen dagegen. Wenn ein Kind aus einer Akademikerfamilie eine betriebliche Lehre mache, sei dies doch kein Bildungsabstieg – so das Argument. Und: Die hohen Unterschiede bei den Gehältern von Akademikern und Absolventen einer Lehre seien Sache der Wirtschaft und änderten nichts an der Gleichwertigkeit von beruflicher und allgemeiner Bildung.

Lehre so viel Wert wie Studium?

Aber ist ein deutscher Berufsabschluss als Bäcker, Metzger, Friseur, Mechatroniker oder Optiker auf dem Arbeitsmarkt genauso viel wert wie ein Abitur oder ein abgeschlossenes Studium? Seit Jahren wird darüber gestritten. Deutsche Bildungsminister halten nicht zum ersten Mal der OECD «mangelndes Verständnis für den Wert der dualen Ausbildung» vor. Die geringen Arbeitslosenquoten von Akademikern, ihre größere Weiterbildungsbereitschaft und Flexibilität bei der Aufnahme anderer Berufe stärken dagegen auf einem sich weltweit ändernden Arbeitsmarkt die OECD-Position.

Doch es gibt noch einen tieferen Grund für die Kontroverse. Viele Bildungsminister von Bund und Ländern haben seit dem PISA-Schock von 2001 und dem miserablen deutschen Abschneiden bei dem internationalen Leistungsvergleich ein bislang unerfülltes Verlangen nach mehr Lob. Noch nie wurde in Deutschland so viel Geld für nationale Bildungsforschung ausgegeben. Allein der Bund ließ sich dies im vergangenen Jahr rund 180 Millionen Euro kosten.

Doch zu kritisch sollen die vielen nationalen Studien nicht sein. Nach dem Motto «Wer zahlt, schafft an» bestimmen Bund und Länder, ob, wann und wie die Ergebnisse veröffentlich werden. Dazu haben sie ein engmaschiges internes Kontrollnetz geschaffen. Da werden aus nationalen Studien vor Drucklegung einzelne Passagen gestrichen, bisweilen sogar auch mal ein ganzes Kapitel, wie Eingeweihte wissen.

Trotz des neuen Meinungsdisputs über den jüngsten internationalen Bildungsbericht waren die OECD-Vertreter nun um Harmonie bemüht. Unüblich, aber diplomatisch platzierten sie in ihrer Pressemitteilung die für die deutsche Seite unangenehmen Fakten hinten, das Lob und das Gute dagegen ganz vorn. Wer in den fast 690 Seiten des Berichtes stöbert, findet aber die interessanten Passagen. KARL-HEINZ REITH, dpa
(11.9.2012)
Zum Bericht: „Jeder Fünfte erreicht nicht den Abschluss seiner Eltern“

2 Kommentare

  1. Hans-paul Broschart

    …und solange die Bundesbildungsministerin Annette Schavan heißt, die sich als notorisch beratungsresitent geriert, wird sich an der miesen Bildungssituation in Deutschland auch nix ändern.

  2. Zitat: „Doch zu kritisch sollen die vielen nationalen Studien nicht sein. Nach dem Motto «Wer zahlt, schafft an» bestimmen Bund und Länder, ob, wann und wie die Ergebnisse veröffentlich werden. Dazu haben sie ein engmaschiges internes Kontrollnetz geschaffen. Da werden aus nationalen Studien vor Drucklegung einzelne Passagen gestrichen, bisweilen sogar auch mal ein ganzes Kapitel, wie Eingeweihte wissen.“ — Witzig, wieder sowas, was mich an die Schönfärberei in der DDR erinnert. Stichwort: Pläne nach unten korrigieren (um dann doch noch Übererfüllung melden zu können).

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