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Online-Fortbildung für Lehrer: Missbrauch von Kindern erkennen

ULM. Woran können Lehrer erkennen, ob einer ihrer Schüler sexuell missbraucht wird? Ein Online-Lernprogramm der Universität Ulm soll Pädagogen und Menschen in Heilberufen dazu befähigen, Situationen richtig einzuschätzen – und sinnvoll zu handeln.

Die Mehrzahl der Opfer von sexuellem Missbrauch ist weiblich. Foto: Jacek NL / Flickr (CC BY – NC 2.0)

Die Mehrzahl der Opfer von sexuellem Missbrauch ist weiblich. Foto: Jacek NL / Flickr (CC BY – NC 2.0)

Wie erkennen Lehrer oder Ärzte, wenn ein Kind möglicherweise sexuell missbraucht wird? Wie reagiert man in so einem Fall richtig? Diese Fragen will ein Online-Lernprogramm für pädagogische und medizinische Berufe beantworten, das ein zehnköpfiges interdisziplinäres Team der Universität Ulm entwickelt hat. Der Wissenschaftler Jörg Fegert, auch Mitglied des Runden Tisches zur Prävention von Kindesmissbrauch, stellt das Programm am 19. September auf einem Fachsymposium in Berlin vor. «Die Nachfrage nach dieser Fortbildung ist überwältigend», sagt Fegert.

Der Ärztliche Direktor der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie in Ulm startet mit 2000 Erstnutzern in die Pilotphase. Das Bundesministerium für Bildung und Forschung förderte die Entwicklung des Programms mit 1,5 Millionen Euro und setzt damit eine Forderung des Runden Tisches gegen Kindesmissbrauch um.

Das Programm ist auf Pädagogen, Ärzte und Psychotherapeuten zugeschnitten, die mit Kindern im Schulalter arbeiten. «Wir wissen aus Gesprächen mit vielen Betroffenen, dass die meisten Kinder, die Opfer sexuellen Missbrauchs geworden sind, immer wieder versucht haben, sich jemandem anzuvertrauen», sagt Fegert. «Dann muss man offen sein und genau hinhören.» Die Kursteilnehmer werden auch auf schwierige Situationen vorbereitet, etwa wenn ein Kind nur unter der Bedingung sprechen will, dass seine Vertrauensperson nichts weitersagt.

„Praxisnahes, niedrigschwelliges Lernangebot“

Das Lernprogramm umfasst 30 Stunden bei flexibler Zeiteinteilung. In der Pilotphase lernt ein Teil der Teilnehmer ausschließlich am Computer, ein weiterer Teil besucht einen ergänzenden Präsenzkurs. Die Lernergebnisse werden dann verglichen. Zudem gibt es ein moderiertes Forum im Internet zum Austausch. «Das Lernprogramm ist ein praxisnahes, niedrigschwelliges Lernangebot, mit dem sich alle Interessierten orts- und zeitnah qualifizieren können», erklärt Markus Fels vom Pressereferat des Ministeriums für Bildung und Forschung. Insgesamt will das Ministerium in den nächsten Jahren 32 Millionen Euro für die Forschung im Bereich des sexuellen Missbrauchs bereitstellen, denn am Ziel sei man noch lange nicht.

Fegert fordert, dass der Erwerb von Kompetenzen im Umgang mit sexuellem Missbrauch Teil der Berufsausbildung sowie von Fort- und Weiterbildungen wird. Bundesweit müsse es einen Rechtsanspruch auf ortsnahe Beratung geben. Auch hält er eine bessere Einbindung der medizinischen Berufe in den Aufklärungsprozess von Verdachtfällen für dringend erforderlich. «Bislang dürfen Ärzte im Krankenhaus keine Diagnose bei Verdacht auf Kindesmissbrauch stellen. Auf Bundesebene müssen Medizin und Kinderschutz noch besser verzahnt werden.»

Die Stelle des Unabhängigen Beauftragten für sexuellen Kindesmissbrauch von Johannes-Wilhelm Rörig sollte nach Sicht des Experten über das Jahr 2013 hinaus verlängert werden. Unter anderem gibt es dort eine telefonische Anlaufstelle für alle Opfer. Viele sprechen dort als Erwachsene zum ersten Mal. MARTINA SCHRÖCK, dpa

Hier geht es zu weiteren Informationen und zur Anmeldung zum Fortbildungsprogramm.

 

Ein Kommentar

  1. „Wir wissen aus Gesprächen mit vielen Betroffenen, dass die meisten Kinder, die Opfer sexuellen Missbrauchs geworden sind, immer wieder versucht haben, sich jemandem anzuvertrauen“, sagt Fegert. „Dann muss man offen sein und genau hinhören.“
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    Grundsätzlich finde ich es sehr gut, dass dieses Programm eingerichtet wurde. Ich habe mich deshalb auch als Interviewpartnerin für Videos zur Verfügung gestellt, die für die Vermittlung der notwendigen Informationen produziert wurden.

    Allerdings ist es häufig nicht so sehr Unwissenheit geschuldet, dass Erwachsene aus dem Umfeld der betroffenen Kinder nicht oder erst spät reagieren, sondern der eigenen unaufgearbeiteten Involviertheit dieser verantwortlichen Personen.

    Supervision, regelmäßige Selbstreflektion, die Aufarbeitung der eigenen Geschichte, auch die von selbst erlebten Übergriffigkeiten müsste doch für Menschen, die mit Kindern arbeiten selbstverständlich sein.

    Sollte man meinen.

    Ist es aber nicht.

    Effektiv handeln kann nur, wer seine eigene Biografie verstanden und bewältigt hat. Und das sollte bei jeglicher Wissensvermittlung, was das Thema „Missbrauch“ angeht, an erster Stelle stehen.

    Ich wünsche diesem Projekt sehr viel Erfolg. Nicht zuletzt, weil das dazu beitragen kann, dass fortan Kindern, die sich in existentieller Not befinden schneller und effektiver geholfen wird.

    Angelika Oetken, Berlin-Köpenick, Betroffene sexualisierter Misshandlung in der Kindheit

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