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Schule macht dick, und dick macht doof – oder?

BERLIN. Schule macht dumm. Mit diesem merkwürdigen Befund könnten jüngste Meldungen in deutschen Medien zusammengefasst werden, die vermeintlich ursächliche Zusammenhänge von Essgewohnheiten, Depressionen, Intelligenz, Körpergewicht und Schulbesuch darstellen. Tatsächlich handelt es sich um blühenden Unsinn – oder anders ausgedrückt: um eine „Unstatistik“, wie Wissenschaftler aus Berlin, Dortmund und Bochum betonen.

Was hat Fast Food mit der Schule zu tun? Tatsächlich - nichts. Foto: Corinna Dumat / pixelio.de

Was hat Fast Food mit der Schule zu tun? Tatsächlich – nichts. Foto: Corinna Dumat / pixelio.de

Die „Apotheken-Umschau“ meldete unlängst, der übermäßige Konsum von Fast-Food löse Depressionen aus. Dabei fasste sie eine spanische Studie zusammen, die zwischen dem Verzehr von Industriebackwaren und Fast Food auf der einen und der Häufigkeit von Depressionen auf der anderen Seite einen positiven Zusammenhang festgestellt hatte. Besonders gefährdet seien Singles, die mehr als 45 Stunden die Woche arbeiteten, ansonsten aber wenig aktiv seien und sich insgesamt ungesund ernährten. Einige Zeitungen – wie die „Ärzte Zeitung“ – ergänzten das mit Meldungen wie „Dick macht dumm“, basierend auf einer Beobachtungsstudie, die einen negativen Zusammenhang zwischen Übergewicht und den Ergebnissen von Intelligenztests aufzeigt. Und dick wiederum wird man unter anderem durch die Schule, wenn man anderen Zeitungsmeldungen glauben darf: „Schule macht dick“. Hintergrund war diesmal eine Studie von Wissenschaftlern der Universität Mainz, derzufolge Kinder gerade in dem Alter, in dem sie üblicherweise eingeschult werden, besonders an Gewicht zulegen.

Missverstandene Korrelation

„In all diesen Meldungen wird wieder einmal der Trugschluss von Korrelation auf Kausalität gemacht oder in den von den Zeitungen gewählten Überschriften zumindest suggeriert“, erklären nun der Berliner Psychologe und Direktor des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung, Gerd Gigerenzer, der Bochumer Ökonom Thomas Bauer und der Dortmunder Statistiker Walter Krämer. Während eine Korrelation lediglich eine Beziehung zwischen Merkmalen beschreibe, handele es sich bei der Kausalität um einen ursächlichen Zusammenhang, also Ursache und Wirkung. So sei es beispielsweise bei Fast Food mindestens ebenso plausibel, dass Depressionen zu Essstörungen führten und damit die Kausalität in die umgekehrte Richtung verlaufe.

„Ganz allgemein können aus Beobachtungsstudien, die all diesen Meldungen zugrunde liegen, nur unter erheblichen Zusatzinformationen und häufig sehr unrealistischen Annahmen Schlüsse auf Kausalbeziehungen abgeleitet werden. Darauf wird auch in allen Studien, auf die sich diese Meldungen beziehen, mehr oder weniger deutlich hingewiesen. Aber leider bleiben diese Einschränkungen in den Medienberichten in aller Regel unerwähnt“, schreiben die Wissenschaftler Ihr Fazit: „Nach aktueller Faktenlage müssen keine Eltern fürchten, dass ihre Kinder durch die Schule erst einmal dick und dann auch noch dümmer werden.“

Gigerenzer, Bauer und Krämer haben die Aktion „Unstatistik des Monats“ ins Leben gerufen. Sie hinterfragen jeden Monat sowohl jüngst publizierten Zahlen als auch deren Interpretationen. Die Aktion will so dazu beitragen, mit Daten und Fakten vernünftig umzugehen, in Zahlen gefasste Abbilder der Wirklichkeit korrekt zu interpretieren und eine immer komplexere Welt und Umwelt sinnvoller zu beschreiben. bibo
(2.9.2012)

 

 

 

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