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Verhilft die Buchmesse E-Books endlich zum Durchbruch?

FRANKFURT/MAIN. E-Books sind die Phantome des deutschen Buchmarktes: Sie gelten als trendy, komfortabel und richtungweisend – aber sie werden trotzdem (noch) kaum gekauft. Warum eigentlich nicht? Die bevorstehende Frankfurter Buchmesse könnte E-Books  hierzulande zum Durchbruch verhelfen.

In den USA verkauft mancher Händler schon mehr E-Books als gedruckte Bücher. Foto: ceslava.com / Flickr (CC BY-SA 2.0)

In den USA verkauft mancher Händler schon mehr E-Books als gedruckte Bücher. Foto: ceslava.com / Flickr (CC BY-SA 2.0)

Wo die Musikindustrie ist, will der Buchmarkt erst noch hin. Machten online verkaufte Songs schon 2011 knapp 17 Prozent am Gesamtumsatz der Branche aus, hoffen die E-Books anbietenden Verlage, diesen Umsatzanteil 2015 zu erreichen. 2011 waren nur 1 Prozent der verkauften Publikumsliteratur E-Books – immerhin doppelt so viel wie noch 2010. Und weil der Markt wächst, sind digitale Bücher ein wichtiges Thema auf der Frankfurter Buchmesse (10. bis 14. Oktober). Dort werden neben E-Book-Innovationen auch neue Lesegeräte vorgestellt.

«Wir haben Sonderflächen, sechs Hotspots, auf denen sehr viele Start-ups und digitale Dienstleister ausstellen», sagt Kathrin Grün von der Frankfurter Buchmesse. «Viele Verlage haben eigene Units gegründet für E-Books.» Manche dieser Geschäftsbereiche bringen Bücher sogar erst einmal nur digital heraus. Selbst die guten alten Reclam-Hefte gibt es beispielsweise seit kurzem als E-Books.

«Mit der Hardcover-Version eines Buches kommt immer öfter auch die E-Book-Version heraus», erklärt Grün. 2011 erschienen nach einer Studie des Börsenvereins 42 Prozent der Neuheiten der E-Books anbietenden Verlage auch digital.

Ein starker Trend geht zum Self-Publishing: Epubli, Kindle Direct Publishing, iBooks Author, Bookrix oder BoD sind nur einige Anbieter, die Autoren gegen eine Beteiligung eine Verkaufsplattform für ihre E-Books bieten. Einen Marktplatz für Kurzgeschichten baut das italienische Start-up Fingerbooks auf. Auf der Buchmesse wird auch «Der neue Buchpreis» an selbstverlegende Autoren verliehen.

Neue Erzählformate sind multimedial und interaktiv. Die Verlage experimentieren derzeit vor allem im Kinderbuchbereich mit Apps oder E-Books im aktuellen EPUB-3-Standard, die zum Beispiel mit Audio oder Video angereichert werden können. Per Sprachausgabe könnte künftig jedes E-Book gleichzeitig zum Hörbuch werden. In Frankfurt demonstriert beispielsweise das belgische Unternehmen Acapela Text-to-Speech-Lösungen mit angenehmen Vorlesestimmen. «Vielleicht ist das schwarz-weiße E-Book nur ein Übergangsphänomen», sagt Grün.

Volltextsuche, das Nachschlagen oder Übersetzen von Wörtern, digitale Notizen oder Lesezeichen und rund um die Uhr verfügbarer Lesestoff im Netz sind nur einige Vorteile von E-Books. Man kann im Prinzip seine gesamte private Bibliothek im Speicher des Lesegerätes mit sich herumtragen und jederzeit jeden Titel aufschlagen.

Als Lesegeräte für multimediale E-Books empfehlen sich wegen ihrer großen Farbdisplays und Lautsprecher Tablets. Smartphones taugen eher für Lesehappen, um Zeit zu überbrücken. Doch die aktiv leuchtenden Tablet- und Handy-Displays ermüden die Augen beim Lesen.

Augenfreundlich sind dagegen spezielle E-Reader mit passivem und kontraststarken Graustufen-Display, das Licht reflektiert. Weil es selbst in der Sonne gut ablesbar ist und einer Buchseite sehr nahe kommt, wird es auch elektronisches Papier genannt. Während die Laufzeit von Tablets und Smartphones in Stunden bemessen wird, sind es bei den 150 bis 200 Gramm leichten E-Readern Wochen oder Monate. Denn sie verbrauchen nur beim Umblättern Strom.

Immer mehr günstige Reader

Zur Buchmesse gibt es viele neue Reader, darunter immer mehr günstige Modelle unter 100 Euro wie den Pocketbook Basic New oder den Trekstor Pyrus Wifi (jeweils 90 Euro). Viele Geräte wie der Touch-Reader Sony PRS-T2 (140 Euro) blättern schneller um als ihre Vorgänger. Eine LED-Beleuchtung zum Lesen im Dunkeln bringt der Kobo Glo (130 Euro) mit. Auch der US-Buchhändler Barnes & Noble, der in Frankfurt ausstellt, hat einen leuchtenden Nook im Angebot.

Nach einem anfänglichen Sachbuchübergewicht stimmt das Angebot an Romanen in den E-Book-Shops inzwischen. Fast alle Anbieter nutzen die Formate EPUB oder PDF. Nur Amazon bindet Kunden mit dem proprietären Format AZW an sich. Beim Reader-Wechsel kann man seine Kindle-Bücher nicht mitnehmen.

Zum Hereinschnuppern in die E-Book-Welt gibt es Zehntausende gemeinfreie Werke gratis, zum Beispiel bei den Gutenberg-Projekten, aber auch in den Shops. Zum Lesen am Rechner empfehlen sich Adobe Digital Editions oder das Firefox-Plug-in EPUBReader. Ebenfalls kostenlos sind Leseapps wie der FBReader oder der Cool Reader für Android und iBooks oder Stanza für iOS. Die E-Book-Suite Calibre kann E-Books auf Geräte übertragen und umwandeln – zum Beispiel nicht geschützte EPUBs ins von Kindle-Geräten lesbare Mobipocket-Format.

Noch stehen vergleichsweise hohe Anschaffungspreise dem E-Book-Durchbruch im Weg. «Während in den USA eine deutliche preisliche Differenzierung zwischen physischem Buch und digitaler Ausgabe vorliegt, und dadurch die Verbreitung beschleunigt wird, sind die Preisdifferenzen in Deutschland gering», heißt es in einem Positionspapier des IT-Branchenverbandes Bitkom. Börsenvereinszahlen zufolge setzt derzeit knapp die Hälfte der E-Book-Verlage (47 Prozent) auf Preise, die nur 10 bis 20 Prozent niedriger liegen als beim gedruckten Buch.

Ausgelesene Bücher verleiht man gern. Doch selbst mit Vollpreis-E-Books ist das nur sehr selten möglich. Laut dem Börsenverein schützen 61 Prozent der Verlage ihre E-Books per digitalem Wasserzeichen oder digitalem Rechtemanagement (DRM). Das Wasserzeichen schreckt wegen der Rückverfolgbarkeit vor einer Weitergabe ab. E-Books mit DRM lassen sich auf maximal sechs per Käufer-ID freigeschalteten Geräten lesen. So ist an E-Book-Verkäufe auch wegen drohender Abmahnungen nicht zu denken – noch nicht.

Denn seit der Europäische Gerichtshof im Juli entschieden hat, dass mit Download-Software gehandelt werden darf, diskutieren Juristen, ob das Urteil auf E-Book- oder Musikdateien übertragbar ist. Medienrechtsexperte Christian Solmecke ist der Auffassung, dass E-Books wie gedruckte Bücher verkauft werden dürfen: «Digitale Güter müssen genau so behandelt werden wie materielle Güter», sagt der Anwalt. Klarheit werden künftige Urteile schaffen.

Doch vielleicht wird das Besitzen von Lesestoff künftig immer uninteressanter. Wie bei Musikstreaming-Diensten könnte auch bei E-Books der Trend in Richtung Flatrates gehen. Erste Angebote gibt es schon. Beim Anbieter Skoobe beispielsweise können für zehn Euro im Monat bis zu fünf E-Books gleichzeitig unbefristet gelesen werden. Günstiger geht es nur mit der E-Book-«Onleihe». Doch die bieten laut Bitkom erst 10 Prozent der öffentlichen Bibliotheken an, etwa 350 Einrichtungen. Ein ansatzweise umfassendes Angebot wie das der Musikstreaming-Dienste macht aber bisher keines der Leihmodelle.

Dass per DRM Nutzungszeiträume definiert werden können, nutzt auch Amazon – vorerst nur in den USA. Dort ist das Verleihen eines Buches bis zu zwei Wochen an andere Kindle-Nutzer möglich. Neu ist zudem eine Bibliothek, in der bestimmte Kunden des Internethändlers pro Monat ein Buch ohne zeitliche Begrenzung ausleihen können.

Den Preis einiger seiner Lesegeräte subventioniert Amazon in den USA durch Werbeeinblendungen. Das Konzept kostenloser E-Books, finanziert durch unaufdringliche Anzeigen am Kapitelanfang, stellt dagegen das kalifornische Start-up eBookPlus in Frankfurt vor.  DIRK AVERESCH, dpa
(11.9.2012)

Zum Bericht: „Leichte Lektüre: So funktioniert der Umstieg auf E-Books“

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