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Zum ersten Mal in Deutschland: Waldorf mit staatlichem Segen

HAMBURG. Premiere im deutschen Bildungswesen: Zum ersten Mal werden an einer Regelschule Waldorfpädagogen und Grundschullehrer gemeinsam unterrichten. Wie viel Waldorf-Pädagogik allerdings in den schulischen Alltag einfließen wird, ist noch offen. „Es geht nicht darum, die Ideologie von Rudolf Steiner in staatliche Unterrichtspraxis zu überführen“, sagt ein Sprecher der Hamburger Schulbehörde. Man wolle Elemente der Waldorf-Pädagogik integrieren, die „allseits akzeptiert sind“.

"Eine Waldorfschule, die kein Schulgeld kostet, ist ein wichtiger Baustein zur Chancengleichheit": Waldorf-Schüler. Foto: Will Merydith / Flickr  (CC BY-SA 2.0)

„Eine Waldorfschule, die kein Schulgeld kostet, ist ein wichtiger Baustein zur Chancengleichheit“: Waldorf-Schüler. Foto: Will Merydith / Flickr (CC BY-SA 2.0)

Das Kollegium der Hamburger Grundschule Fährstraße im Stadtteil Wilhelmsburg hat sich mehrheitlich dafür ausgesprochen, einen Schulversuch mit dem „Verein für Interkulturelle Waldorfpädagogik“ zu wagen. Dies war der letzte der notwendigen Schritte für ein Novum in Deutschland:  Ab dem Schuljahr 2014/15 wird an einer öffentlichen  Ganztagsgrundschule zum ersten Mal nach Prinzipien der Waldorfpädagogik unterrichtet werden. Das teilte die Haumburger Schulbehörde mit. Das Amt erhofft sich davon eine bessere soziale Mischung in der Brennpunkt-Schule. Bildungsorientierte Familien, die mehr und mehr in den aufstrebenden Stadtteil ziehen, sollen an diesen Standort gebunden werden und ihre Kinder nicht an die benachbarte private Waldorfschule schicken.

Die Grundschule Fährstraße führte bislang drei parallele Klassen pro Jahrgang. Durch die zusätzlichen Kinder aus der Waldorf-Initiative Wilhelmsburg ist ein Ausbau auf vier Züge vorgesehen. Es werde aber keine separaten Klassen mit besonderem Profil, sondern gemischte Klassen geben, heißt es. Waldorfpädagogen sollen in das Kollegium der Fährstraße integriert werden, sodass die Lehrkräfte gemeinsam in den Klassen arbeiten können.  „Wir wollen Elemente der Waldorfpädagogik integrieren, die allseits akzeptiert sind: Der ganzheitliche Ansatz, der sowohl die kognitiven als auch die emotionalen und handwerklich-künstlerischen Aktivitäten im Unterricht zusammenführt. Die künstlerisch-musische Ausrichtung soll im Mittelpunkt stehen“, sagte Peter Albrecht, Pressesprecher der Schulbehörde.

Initiator des Schulversuchs ist die Initiative „Interkulturelle Waldorfschule“. Wie „Spiegel-Online“ berichtet, feiert sie die Pläne als großen Erfolg.  Es sei das erste Mal, dass eine Schulbehörde so auf die Waldorfbewegung zugehe. Die Idee der Behörde sei überraschend gewesen. Eigentlich hätten sie in Wilhelmsburg eine herkömmliche private Waldorfschule gründen wollen. Die Initiative sei damit im vergangenen Jahr an die Hamburger Schulaufsicht herangetreten. Doch dann habe die Behörde vorgeschlagen, stattdessen eine bestehende Grundschule so umzubauen, dass dort auch nach den Prinzipien der Waldorfpädagogik gelehrt werden könne. Schulsenator Ties Rabe (SPD) fürchtete offenbar, dass die Grundschule durch die private Konkurrenz vor allem Kinder aus bildungsnahen Familien verloren hätte und der Migrantenanteil übermäßig hoch geworden wäre.

„Unser Ziel ist eine Schule für alle“

Es soll auch jetzt noch eine interkulturelle Schule sein, die sich gezielt auch auf Kinder von Migranten einstellt. „Es gibt viele bei den Waldorfschulen, die wollen raus aus den bildungsbürgerlichen Stadtteilen“, berichtet Christiane Leiste vom Waldorf-Verein. „Gerade die bildungsfernen Kinder können von unserer Pädagogik profitieren“, sagt Christiane Leiste vom Waldorf-Verein gegenüber der „Hamburger Morgenpost“ . Der Schritt heraus aus den „überwiegend bildungsbürgerlichen und kaum interkulturell geprägten Schichten und Vierteln“ sei nur konsequent – schließlich wurde die erste Waldorfschule 1919 für Arbeiterkinder gegründet. „Unser Ziel ist eine Schule für alle“, so die Pädagogin. „Eine Waldorfschule, die kein Schulgeld kostet, ist ein wichtiger Baustein zur Chancengleichheit.“ Meist ist die Schülerschaft an Rudolf-Steiner-Schulen überwiegend deutsch.

Allerdings: „Das wird keine Eins-zu-eins-Waldorfschule“, sagte Leiste gegenüber der „taz“. „Kein Lehrer werde gezwungen, Eurythmie zu machen“. Aber es gebe ein paar Grundbedingungen.  Dazu zähle, die Kinder nicht nach der 4. Klasse zu trennen. „Unser Schulkonzept geht bis Klasse 12.“ In dieser Frage gibt es laut Bericht allerdings noch keine Einigung mit der Schulbehörde. „Wir wissen, dass die Waldorfinitiative gern Stadtteilschule werden würde“, sagte Sprecher Albrecht. Ein solcher Ausbau zur weiterführenden Schule sei derzeit jedoch „nicht geplant und nicht zugesagt“. Sie sei aber Gegenstand der kommenden Gespräche. Man müsse auch an die „normalen“ Eltern denken, die Noten für ihr Kind wünschten oder es nach der 4. Klasse „woanders hingeben wollen“. nin/bibo

(21.9.2012)

Hier gibt es Material zum Thema Waldorf.

Ein Kommentar

  1. „Gerade die bildungsfernen Kinder können von unserer Pädagogik profitieren.“

    Es ist aber auch von erheblichem Vorteil, nicht wirklich hinter die Kulissen einer okkult geprägten, pseudowissenschaftlich hochgezogenen Scheinpädagogik blicken zu können:

    http://www.steinerimbrett.wordpress.com

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