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Juniorstudium: Wenn schlaue Schüler schon mal losstudieren

SAARBRÜCKEN. Halb Schüler, halb Student: Wer beim «Juniorstudium» mitmacht, darf auch ohne Abitur an der Universität studieren. Das Programm der Uni Saarbrücken gehört zu den ältesten in Deutschland.

Begabte Schüler können bereits während der Oberstufe die Uni kennenlernen. Foto: orangeacid / flickr (CC BY-NC 2.0)

Begabte Schüler können bereits während der Oberstufe die Uni kennenlernen. Foto: orangeacid / flickr (CC BY-NC 2.0)

Eigentlich wollte er Pilot werden, plötzlich saß er in einem Pilotprojekt. Es ist das Wintersemester 2002 an der Uni Saarbrücken und Oliver Oberinger erlebt in einem Mathematikkurs die «Abschreckung pur», wie er heute sagt. Ein Studium der Luft- und Raumfahrttechnik ist sein Ziel, der Kurs soll ihn darauf vorbereiten. Aber das Tempo überfordert ihn. Denn: Oberinger ist kein gewöhnlicher Student, sondern noch Schüler. Er gehört zum ersten Jahrgang des Juniorstudiums der Universität des Saarlandes. Was andere hintereinander angehen, passiert bei ihm gerade gleichzeitig: Abitur und erste Vorlesungen an der Uni.

Zehn Jahre später ist Oberinger zum lebenden Beweis geworden, dass sich ein früher Start ins Studium lohnen kann. An der Technischen Universität München schreibt der 28-Jährige aus Gersheim im Saarland seine Doktorarbeit in Luft- und Raumfahrttechnik. Sein Diplom hat er nach Aufenthalten in Toulouse und Los Angeles mit 1,0 abgeschlossen. Oberingers akademische Karriere ist rasant – wie das Förderprogramm, mit dem sie begann. Zum Wintersemester 2012 – zehn Jahre nach dem Start – haben 80 Schüler ein neues Juniorstudium begonnen. Zu Oberingers Zeiten waren es ein gutes Dutzend.

Lehrer schlagen die Kandidaten vor

Das Programm zählt nach Angaben der Universität zu den ältesten seiner Art in Deutschland. Die Idee: Begabte Schüler können bereits während der Oberstufe die Uni kennenlernen. Sei es, um das spätere Studium zu verkürzen oder um in ein Fach hineinzuschnuppern. Vorgeschlagen werden sie von ihren Lehrern. Knapp 30 Saar-Schulen stellen mittlerweile Schüler für das Juniorstudium frei. In der Regel sind sie einen Vormittag und einen Nachmittag pro Woche an der Uni. Während zu Beginn nur Ingenieurswissenschaften angeboten wurden, stehen heute fast alle Fächer von Archäologie bis Theologie offen. Auch andere Hochschulen in Deutschland bieten mittlerweile entsprechende Programme an.

Anabell Herzog ist in der Betriebswirtschaftslehre (BWL) gelandet. Wie Oberinger gehörte sie zum ersten Jahrgang des vorgezogenen Ingenieurstudiums. «Ich merkte aber schnell, dass mir bei den Ingenieuren zu viel Physik dabei war», sagt die 27-Jährige. Nach dem Abitur wechselte sie zu BWL. Seit 2012 leitet sie ihre eigene Firma im saarländischen St. Ingbert und stellt mit fünf Mitarbeitern Chipkarten her. Wie Oberinger sagt sie, das Juniorstudium habe ihr geholfen, um sich rasch zu orientieren. Und weil der Übergang von der Schule an die Universität leichter fiel.

“Kulturschock” – mit 1000 Leuten im Hörsaal

«Der Kulturschock, plötzlich mit 1000 Leuten in einem Hörsaal zu sitzen, wurde massiv abgefedert», sagt Oberinger. «Mein späterer Freundeskreis hatte mit der neuen Lern- und Lehrmentalität viel größere Probleme.» Auch Herzog schaffte die «Angstklausuren» der BWL in Statistik auf Anhieb und ohne Probleme.

«Im Juniorstudium werden normale Vorlesungen und Seminare besucht, es soll kein Soft-Studium sein», sagt der Vizepräsident der Uni Saarbrücken, Manfred Schmitt. Er leitet das Programm. Geeignet seien daher nur außerordentlich Begabte. Schüler, deren Abitur durch die zusätzliche Belastung nicht gefährdet wird. Zudem führe die Begabung zu Akzeptanz bei älteren Kommilitonen. «Wer gute Leistung bringt, wird immer aufgenommen», sagt Schmitt. Soziale Probleme gebe es keine.

Auch Oliver Oberinger fand nach der «Abschreckung pur» im Mathekurs schnell den Anschluss. Nach zwei Jahren hatte er fünf Scheine gesammelt. Und eine wichtige Erkenntnis gewonnen: «Wir dachten ja zunächst, es liegt an uns Schülern, dass wir nichts verstanden haben», sagt er. «Dann haben wir gemerkt: Die normalen Studenten verstehen es auch nicht.» dpa
(22.10.2012)

Hier gibt es weitere Informationen zum Juniorstudium.

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