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Liebesbriefe und böse Botschaften: Wenn Zettel unter der Schulbank wandern …

FRANKFURT/MAIN. Wer hat es als Schüler nicht getan – Zettelchen beschreiben, um mit den Botschaften das Mitteilungsbedürfnis auch während des Unterrichts zu befriedigen. Ein Frankfurter Museum widmet dem heimlichen Schriftverkehr eine eigene Ausstellung und hat die dabei wohl am häufigsten gestellte Frage zum Titel gemacht: „Willst du mit mir gehen?“

Mitunter zeigen Schüler Galgenhumor auf den Zetteln. Foto: Museum für Kommunikation Frankfurt

Mitunter zeigen Schüler Galgenhumor auf den Zetteln. Foto: Museum für Kommunikation Frankfurt

«Willst du mit mir gehen?», «Hey Du Arsch», «Amis raus aus Vietnam». Kleine Fetzen regeln die kleinen und großen Dinge des Lebens und wechseln unter der Schulbank heimlich den Besitzer. «Es werden pro Tag mehrere hundert Zettel pro Klasse geschrieben», berichtet Mathias Rösch. Er ist Kurator der Ausstellung «Willst du mit mir gehen? Botschaften unter der Schulbank», die im Museum für Kommunikation in Frankfurt eröffnet wurde und bis 17. Februar 2013 dort zu sehen ist.

Für seine Ausstellung sichtete Rösch mehr als 2500 Schüler-Zettel aus der Sammlung des Nürnberger Mathematiklehrers Günter Hessenauer. Aus diesem Fundus sind in Frankfurt etwa 150 Exemplare in einer Art Klassenzimmer zu sehen – säuberlich gerahmt auf Tischen statt zerknüllt darunter.

Aus Schultischen oder dem Papiermüll gefischt

Der Realschullehrer fischte sie zwischen 1968 und 2004 aus Schultischen und dem Papiermüll – oder nahm sie seinen Schülern während des Unterrichts ab. Denn Zettelschreiben lenkt ab von binomischen Formeln und Dreisatzrechnung.

Dass Zettelkommunikation gegen die Regeln der Lehrer verstößt, motiviere die Schüler, sich dem zu widersetzen, erklärt die Duisburger Professorin für Soziolinguistik, Evelyn Ziegler, das Phänomen: «Es ist der Reiz des Verbotenen.» Nichts wird aufgeschoben, auch wenn die «drei Regeln zum Küssen» sicher auch noch nach Unterrichtsschluss gelten.

Kurator Rösch hat den Nürnberger Zettelfundus thematisch durchforstet: «Liebe und Beziehung machen darunter ungefähr 50 Prozent aus.» Ende der 80er Jahre schreibt dazu ein Junge: «Mädchen sind wie Pilze. Die schönsten sind die giftigsten.» Weitere Themenschwerpunkte seien Idole, Politik, Tagträumerei und eine Art von Selbstbetrachtung. Selten fällt die so ungeschönt und schnörkellos aus wie auf einem knittrigen Zettel: «Ich bin hässlich!! Ich, nur ich!»

Die Zettel geben auch einen Einblick in den Mikrokosmos Klassenzimmer und seine Hierarchien. Im Jahr 1968 fragt ein Mädchen seine Mitschülerinnen, ob sie mitspielen darf: «Kann ich in der Pause mit Gummi-hüpfen?» Die mutmaßliche Freundin der Mädels-Anführerin findet klare Worte: «Heidi sagt Nein». Rösch ist von solchen Zeugnissen des geschriebenen Jugendwortes fasziniert: «Diese Sprache gibt es gar nicht mehr.» Die Art der Gestaltung funktioniere dabei aber heute wie damals immer nach demselben Muster. «Man nimmt eine Heftecke, ein ganzes Papier oder Fetzen und schreibt ihn so schnell voll wie nur irgendwas.»

Zettel sind auch im Handy-Zeitalter noch gefragt

Wer denkt, Handys und internetfähige Smartphones hätten die Zettelkultur der Pennäler mittlerweile abgelöst, irrt. «Wenn die Freundin direkt daneben sitzt, dann ist es ja unnötig das Handy rauszuholen», erzählt die 15-jährige Schülerin Yolande aus Frankfurt. Außerdem sei ein abgenommenes Telefon für die Schüler schlimmer als ein kassierter Zettel, erklärt Wissenschaftlerin Ziegler. Handgeschriebenes habe bei Jugendlichen zudem eine höhere Wertigkeit und einen persönlichen Touch. «Es kann direkt und kreativ weiterbearbeitet werden.»

Doch Zettel werden nicht nur aus Gaudi geschrieben und um die Langeweile zu vertreiben. «Dafür sind die Zettel viel zu ernst. Das ist ein Ventil für soziale Dinge», versichert Kurator Rösch. Es wird gestritten und beleidigt und oft kommt die Einsicht spät. Dann zeigt man kleinmütig Reue und schiebt «Entschuldige für den Arsch» auf einem Zettel hinterher. VALENTIN FRIMMER, dpa

(31.10.2012)

Zum Bericht: „Lustiger Unsinn: Was Schülern in Arbeiten so alles einfällt“

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