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Von der Lehrerin zur Rebellin im Dschungel Kolumbiens

OSLO/PEREIRA. Die Niederländerin Tanja Nijmeijer kämpft seit zehn Jahren bei Südamerikas ältester Guerillagruppe, den Revolutionären Streitkräften Kolumbiens (Farc). Jetzt soll die ehemalige Lehrerin für die Rebellen über ein Friedensabkommen verhandeln.

„Ich bleibe Rebellin, bis zum Sieg oder bis zum Tod“, sagt Tanja Nijmeyer. Foto: Farc

Tanja Nijmeijer hat Bomben gelegt und vermutlich auch Menschen getötet. Ihre Mutter flog mehrmals nach Kolumbien, um ihre Tochter davon zu überzeugen, ihren Kampf für die Rebellen aufzugeben und in die Niederlande zurückzukehren – vergebens. „Ich bleibe Rebellin, bis zum Sieg oder bis zum Tod. „, erklärte Nijmeijer erst kürzlich in einem Video.

Nun scheint die 34-Jährige noch eine weitere Handlungsmöglichkeit für sich und ihre Gruppe zu sehen: Wie die „Süddeutsche Zeitung“ online berichtet, sollte Nijmeijer gemeinsam mit den anderen Farc-Mitgliedern von dieser Woche an mit der kolumbianischen Regierung über ein Friedensabkommen verhandeln. Das soll der Anführer der Gruppe Timochenko einem Journalisten am Telefon angekündigt haben. Nijmejier jedoch war nicht in Oslo. Sie soll erst in einigen Tagen auf Kuba, wo die Gespräche fortgesetzt werden sollen, zu ihrer Delegation stoßen. Als Grund für die verspätete Anreise gilt ein internationaler Haftbefehl. Denn neben Kolumbien würden auch die USA sie gerne vor Gericht stellen – sie soll an der Entführung von drei Amerikanern beteiligt gewesen sein. Einer von ihren beschrieb Nijmeijer nach seiner Freilassung laut „Süddeutscher Zeitung“ als kaltblütige „Möchtegern-Revolutionärin“. Auf die Frage was bei einem Befreiungsversuch mit ihm geschehe, habe sie geantwortet: „Wir töten jeden.“

Auslöser Schulpraktikum

Nijmeijer war 2000 zum ersten Mal nach Kolumbien gekommen –  für ein Schulpraktikum in Pereira, einer schwül-warmen Stadt in der Kaffeezone des Landes. Ihre Aufgabe: den Söhnen und Töchtern wohlhabender Unternehmer Englisch beizubringen. Den Kontrast zum Leben der privilegierten Oberschicht erlebte die junge Lehrerin in ihrer Freizeit, bei Besuchen der diebarrios populares, den Slums der Stadt. Nijmeijer, so erzählen es ihre ehemaligen Kollegen, litt an der krassen Ungleichheit zwischen Arm und Reich in Kolumbien.

Sie suchte Kontakt zur Guerilla und infizierte sich am „Fieber der Revolution“, wie sie es selbst nannte. Nur für ihre Abschlussarbeit kehrte Nijmeier noch einmal in die Niederlande zurück, dann flog sie wieder nach Kolumbien und trat den Farc bei. Aus Tanja Nijmeijer wurde „Alexandra“ oder schlicht „La Holandesa“, die Holländerin. In den Personalakten der Farc wird sie als Nummer 608372 geführt. Ihre Arbeit als Englischlehrerin diente von da an nur noch der Tarnung, ihr wahre Aufgabe wurde es, nachts in Bogotá Geschäfte und Polizeistationen in die Luft zu sprengen. „Mit der Farc zu arbeiten, heißt Bomben zu legen“, erklärte Nijmeijer Jahre später in einem Interview.

Flucht in den Dschungel

Als ihre Gruppe aufflog, schloss sich Nijmeijer dem Kommando Frente Antonio Nariño im Dschungel an und übersetzte Texte für den Chefplaner der Farc. Ihr romantischer Traum vom Leben als Rebellin, als Kämpferin für die Schwachen, wich jedoch der Realität. „Ich weiß nicht, wohin dieses Projekt führt“, schrieb sie laut „Süddeutscher Zeitung“ in ihr Tagebuch. „Wie wird es sein, wenn wir an der Macht sind? Die Frauen der Kommandanten in Ferrari Testarossas, mit Brustimplantaten, Kaviar speisend?“ Seitenweise dokumentierte Nijmeijer ihre Zweifel, aber auch ihre Begeisterung: „Die Farc sind mein Leben, meine Familie.“ Als die kolumbianische Armee ihr Lager angriff, ließ Nijmeijer das Tagebuch zurück. Zum ersten Mal erfuhr die Öffentlichkeit so von der ehemaligen Lehrerin, die nun für die Rebellen kämpft.

(23.10.2012)

 

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