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Deutsche Pensionärin schmeißt Schule in Laos

VIETIANE. Eigentlich ist Gerlinde Engel Jahre lang Managerin von Textilfabriken gewesen, zuletzt in Laos. Dort ist sie hängengeblieben – und kümmert sich um mehr als 1000 Kinder, mit deutscher Gründlichkeit. 

Der Kragen hängt schief, das Hemd aus der Hose – so geht es auch bei einem fünfjährigen Pimpf nicht, wenn Gerlinde Engel auf «ihrem» Schulhof in Laos die Runde macht. «Steck das mal ordentlich rein», sagt sie dem Jungen. Sie lächelt dabei und streicht ihm freundlich über den Kopf, doch der Kleine weiß sofort, wo’s lang geht. Gerlinde Engel duldet keine Schlampereien. «Pünktlichkeit, Sauberkeit, Disziplin» ist ihr Credo. «Wenn die Kinder sich einmal dran gewöhnt haben, lieben sie unsere Schule», sagt die 75-Jährige.

Eine Schule im Norden Laos. (Masae/Wikimedia)

Eine Schule im Norden Laos. (Foto: Masae/Wikimedia)

Die resolute Unternehmerin hat in dem bitterarmen Land in Südostasien fast im Alleingang eine Grund- und eine Mittelschule für mehr als 1000 Kinder aufgebaut. Die finanzielle Rückendeckung kommt zwar aus der Stiftung «Engel für Kinder» der Unternehmerfamilie Engel aus Weiherhammer in Bayern. Vor Ort im Dorf Sikeud in der Nähe der Hauptstadt Vientiane hat Gerlinde Engel aber das Zepter in der Hand. Sie lebt dort mindestens sechs Monate im Jahr.
Engel hat ihr Leben lang in der Textilindustrie gearbeitet und zuletzt Fabriken in China und Laos aufgebaut. Als sie die Bretterbude mit Wellblech sah, die in Sikeud als Schule diente, war sie entsetzt. Die Kinder zwängten sich zu mehreren auf viel zu enge Bänke und mussten Schirme aufspannen, weil es reinregnete. «Jedes Kind, egal wo auf der Welt, hat Anrecht auf vernünftige Ausbildung», meint sie und hat die Ärmel hochgekrempelt. 2005 hat die Stiftung für die staatliche Schule ein neues Gebäude gebaut, mit Schulhof und Sportplatz, und hat Möbel und Schulbücher angeschafft. Engel nähte für die ersten Schüler sämtliche Schuluniformen und Taschen.
Der Unterricht läuft nach laotischem Lehrplan. Die Stiftung zahlt den Lehrern zum Gehalt noch einen Bonus, weil sie nach dem Unterricht Sport- und Bastelstunden anbieten. Die Schule gehört bei den Abschlussprüfungen zu den vier besten des Landes.

Morgens wird erst mal Zähne geputzt

Engel führt ein strenges Regiment. Jeden Morgen um acht steht sie am Schultor und schaut über den Brillenrand missbilligend auf die Uhr und die Spätkommer. Dann inspiziert sie die Fünf- bis Elfjährigen. Es folgt das Zähneputzen. Die Kleinen stehen in Reih und Glied auf dem Rasen. Mit Trillerpfeife bläst eine Lehrerin zum Start: «Ordentlich schrubben, oben und unten, innen auch!» ruft sie ins Megafon. Beim nächsten Pfiff spuken die Kinder den Schaum aus und spülen nach. Sodann folgt Frühsport. «Schauen Sie das Wamperl an!» sagt Engel und zeigt auf einen pausbäckigen Schüler. «Das ist doch ungesund!»
Lehrer und Schüler halten auch das blitzblanke Schulgelände sauber. «Wer es von klein auf lernt, lernt es fürs Leben», sagt Engel, die selbst in bescheidenen Räumen auf dem Schulgelände wohnt. Und sie packt selbst mit an. «Wer schaut, dass die Pulte und Stühle in Ordnung sind? Dass die Kinder Bälle und Hula-Hoop-Reifen haben? Dass die Toiletten ordentlich geputzt sind? Ich bin ja hier der Oberputzer von Dienst», sagt Engel und lacht.
«Die Freude der Kinder, wenn sie ausgelassen spielen, das ist unser Lohn.» Engel lacht gern und viel. «Aber ich bin auch als Furie bekannt», sagt sie, vor allem, wenn es um Sauberkeit oder Korruptionsversuche geht.
Engel hätte nach ihrem Ruhestand 2006 zurück nach Bayern gehen können. Aber ein beschauliches Rentnerleben mit Kaffeekränzchen sei nichts für sie. «Hier wird man mehr gebraucht.» Auch von Herzinfarkt und Tumor lässt sie sich nicht unterkriegen. «Man muss Ziele haben. Dann schafft man alles», sagt sie.
Für manches Kind ist der Anfang in der neuen Schule schwer. «Die Kleinen brüllen ja teils vor Angst, wenn sie mich sehen», sagt Engel schmunzelnd. «Das Fremde, die weiße Haut – die glauben glatt, ich sei ein Geist.» Erst nach ein paar Wochen tauten sie auf. Engel kann damit leben. Der gute Geist der Schule in Sekeud. Christiane Oelrich/dpa

(18.11.2012)

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