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Drogenabhängige Eltern: „Villa Lilly“ erlaubt Therapie mit Kindern

BAD SCHWALBACH. Schätzungsweise jedes sechste Kind lebt in einer suchtkranken Familie. Viele Eltern schaffen den Absprung leichter, wenn sie ihr Kind mit in die Therapie nehmen dürfen, wie in Bad Schwalbach.

Patricia D. und Tim S. wollen nur ein ganz normales Leben führen – und an Weihnachten endlich wieder zu Hause in Bremen sein. «Ich denke, das läuft», sagt die 24-Jährige optimistisch, während sie das gemeinsame Baby auf dem Schoß hält. Ganz sicher ist das nicht. Denn die junge Familie lebt im Therapiedorf «Villa Lilly» in Bad Schwalbach (Rheingau-Taunus-Kreis), einer 25 Jahre alten Einrichtung für drogenkranke Menschen. Geführt wird sie vom Frankfurter Verein Jugendberatung und Jugendhilfe.

Die Villa Claire ist das Wohnhaus des Therapie-Gebäudekomplexes der "Villa Lilly". (Foto: Andreas Roskos/Wikimedia)

Die Villa Claire ist eines der Wohnhäuser des Therapie-Gebäudekomplexes der „Villa Lilly“. (Foto: Andreas Roskos/Wikimedia)

Dass drogenabhängige Eltern ihre kleinen Kinder mit in die Therapie nehmen können, ist selten. «Es gibt in Hessen nur sechs Einrichtungen, bei denen das möglich ist», sagt der Geschäftsführer der hessischen Landesstelle für Suchtfragen (HLS) in Frankfurt, Wolfgang Schmidt-Rosengarten. Für die Eltern bedeute dies eine große Hürde weniger auf dem Weg hin zu einem drogenfreien Leben. Außerdem bleibe die Bindung zum Kind bestehen.

In der «Villa Lilly» gibt es 85 Behandlungsplätze für Erwachsene, außerdem ist Platz für zehn Kinder bis zum Schulalter. Damit ist die Einrichtung eine der größten in Deutschland. Ihr Zuhause auf Zeit oberhalb des Stadtteils Lindschied ist ein beschaulicher Ort: Wiesen und Wald umgeben das fast 40 Hektar große Gelände mit seinen Wohngebäuden, Ställen, Scheunen, Werkstätten, der Bäckerei und dem Gewächshaus. Patricia D. ist im Sommer mit ihrem damals drei Monate alten Sohn hergezogen, ihr Freund Tim S. folgte eine Woche später.

Das Jugendamt hatte Druck gemacht und gedroht, den Kleinen wegzunehmen. Die genauen Gründe kann oder will die zarte Frau mit den blonden Haaren nicht erklären. Die 24-Jährige spricht von einem «geregelten Leben», das sie geführt hätten. Dann aber erzählt sie von harten Drogen, durchtanzten Wochenenden und ihren beiden anderen Kindern. Das erste habe sie im Alter von 16 Jahren bekommen und zur Adoption freigegeben. Das zweite sei ihr weggenommen worden – sie hoffe, es nach der Zeit in der «Villa Lilly» wiederzusehen.

In der Therapie haben sie und ihr Freund schon einiges gelernt. «Zum Beispiel, dass Drogen und Kinder nicht zusammen passen», sagt Tim S., der im zarten Alter von elf Jahren das erst Mal Drogen nahm. Er erzählt, wie er immer gleichgültiger geworden sei. Wie ihn die Kontrollen des Jugendamts nervten – und wie er und seine Freundin sich hier ohne Drogen ganz neu kennenlernen.

«Es ist unheimlich viel, was die Menschen mit ihrer komplexen Erkrankung alles bewältigen müssen», erklärt Udo Röser von der Leitung der «Villa Lilly». Er macht keinen Hehl daraus, dass er die Therapiedauer – es sind höchstens zehn Monate – für viel zu kurz hält. Wenn die Menschen nach Bad Schwalbach kommen, sind sie bereits clean. Manche kommen freiwillig, manche nur unter Druck der Behörden.

In der Therapie lernen sie, einen geregelten Tagesablauf einzuhalten und Verantwortung zu übernehmen. Dafür bekommt jeder Patient auch eine Arbeit, zum Beispiel im Garten, in der Küche oder bei den Tieren. An den freien Tagen lauert das nächste Problem: Was tun mit so viel Zeit ohne Drogen? Fernsehen wäre für viele eine Alternative, doch die Therapeuten haben den TV-Raum extra ungemütlich eingerichtet: Die Patienten sollen sich lieber erst einmal langweilen – und sich dann eigene Beschäftigungen und Hobbys suchen.

Während die Eltern mit Therapie und Arbeit beschäftigt sind, werden die Kleinen in der Krabbelstube oder dem Kindergarten betreut. Ein großes Thema ist der Umgang mit den Kindern, die häufig verhaltensauffällig sind. Die Eltern müssen dabei viel hinzulernen und oft auch mit Schuldgefühlen umgehen – zum Beispiel, wenn sie ihre Kinder misshandelt haben. Manche Eltern erleben auch, dass sie trotz der Hilfen mit ihrem Nachwuchs nicht zurechtkommen und eine Trennung erst einmal nötig ist. «Das ist immer hoch dramatisch», sagt Röser. Sabine Maurer/dpa

Zur Seite des Therapiedorfes „Villa Lilly“ kommen Sie hier

(19.11.2012)

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