Startseite ::: Politik ::: Ex-Odenwaldschüler bekommt Preis für Missbrauchs-Aufklärung

Ex-Odenwaldschüler bekommt Preis für Missbrauchs-Aufklärung

MÜNCHEN. Der heutige Lehrer Andreas Huckele gehört zu den Opfern des Missbrauchs an der Odenwaldschule. Seit Jahren geht der Pädagoge mit seinen Erlebnissen an die Öffentlichkeit, um darauf aufmerksam zu machen. Jetzt wird er für sein Engagement mit dem „Geschwister-Scholl-Preis“ 2012 ausgezeichnet.

Andreas Huckele hat es geschafft, sein Schweigen über die traumatischen Ereignisse zu brechen.  Wie „die Zeit“ berichtet verfasst er zusammen mit einem Schulfreund den ersten Brief, in dem er die Schule mit ihrer Schuld konfrontierte. Im letzten Jahr veröffentlichte er unter dem Pseudonym  Jürgen Dehmers das Buch „Wie laut soll ich denn noch schreien? Die Odenwaldschule und der sexuelle Missbrauch.“

Rückblick ins Jahr 1982:  Im hessischen Vorzeigeinternat widmet sich Schulleiter Gerold Becker unter anderem dem Schüler Andreas Huckele. Der ist damals 13 Jahre alt. Becker ist 46. Huckele wird während seiner Schulzeit zwischen 1981 und 1988 auf der Odenwaldschule rund 400 Mal von dem Pädagogen sexuell missbraucht, berichtet die Seite „anstageslicht.de“. Reden kann der Schüler zu diesem Zeitpunkt darüber nicht. In einem Interview mit der „Frankfurter Rundschau“ sagt er im Jahr 2010: „Becker hat immer mit einer unglaublichen Selbstsicherheit zugegriffen und attackiert. Das fand ja ganz offen statt, in seiner Wohnung, in unseren Zimmern oder unter der Dusche. Alle wussten, „der Gerold steht auf kleine Jungs“. Später habe ich erfahren, dass auch unter Lehrern teils offen darüber geredet wurde. Becker war sich offenbar sicher, dass ihm keiner an den Karren fährt.“

Goethehaus der Odenwaldschule; Foto: Mussklprozz / Wikimedia Commons (CC BY-SA 3.0)

Goethehaus der Odenwaldschule; Foto: Mussklprozz / Wikimedia Commons (CC BY-SA 3.0)

Über hundert Schüler waren Opfer des Missbrauchs und mehr als ein Dutzend Lehrer und Erzieher gehören zu den Tätern. Heute treibt Huckele die Frage um, wie sich eine Gesellschaft einer Wahrheit so lange verwehren konnte. Warum sind die Verjährungsfristen für sexualisierte Gewalt nicht längst gestrichen? Wie kann man Kinder nachhaltig schützen? Er hält Vorträge vor Lehramtsstudenten und Pädagogen. Jetzt habe er sein Pseudonym gelüftet, weil er kein Parallelleben mehr führen wolle, schreibt „die Zeit“.

Der 33. Geschwister-Scholl-Preis wird am 26. November 2012 um 19.00 Uhr in der Großen Aula der Ludwig-Maximilian-Universität in München verliehen (Geschlossene Festveranstaltung). Die Laudatio auf den Preisträger hält Dr. Tanjev Schultz (Süddeutsche Zeitung). Für Huckele ist der öffentliche Diskurs ein Schritt zur Genesung. „Mir ist jetzt klar, dass nicht ich derjenige bin, der sich zu schämen hat. Öffentlichkeit hilft gegen ungewollte Intimität“, sagt er 2010 der „Frankfurter Rundschau„.

Eine öffentliche Veranstaltung mit dem Preisträger findet am 27. November statt. Nähere Informationen gibt es auf der Internetseite der Münchner Bücherschau. nin

(23.11.2012)


 

Ein Kommentar

  1. Es ist gut, dass die Zustände an der Odenwaldschule aufgedeckt wurden und es ist allemal gut, dass dieses Buch geschrieben wurde.

    Der Forderung von Herrn Huckele nach Zahlungen von „Summen Geld (…), die die Betroffenen nicht beleidigen oder erneut beschämen“ kann ich aus vollstem Herzen zustimmen.

    Nun gibt es etwas, was mich zutiefst betroffen macht:

    Ehemalige Heimkinder veröffentlichen seit Jahren ihre Biografien, ihre unsäglichen Heimgeschichten von Folter und Vergewaltigung, von Psychoterror und Mangelernährung. Sie schreiben/erzählen von der Schulbildung, die sie NICHT erhielten, von der mangelnden oder nicht vorhandenen Berufsausbildung…

    Dennoch: einen Geschwister-Scholl-Preis (oder einen anderen) hat bislang niemand von ihnen erhalten.

    Ich frage mich, woran das liegen mag.

    Daran, dass ehemalige Heimkinder eben nicht auf Eliteschulen gingen, sondern weiterhin die „Schmuddelkinder“ sind?

    Oder daran, dass niemand ein wirkliches Interesse an ihnen hat?

    Liegt es daran, dass es nach wie vor in unserer Gesellschaft so ist, dass diejenigen, die aus guten, aus bürgerlichen Elternhäusern kommen, bessere Lebenschancen haben, als die, deren Eltern vielleicht nicht so klug, nicht so wohlhabend, nicht so wendig, nicht so gut situiert sind?

Hinterlasse einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.Benötigte Felder sind markiert *

*