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Europakrise? EU-Parlamentspräsident kämpft um das Vertrauen von Schülern

BREMEN. Die Währung in der Krise, die Regierungschefs uneins, die Struktur undurchsichtig, besonders attraktiv wirkt die Europäische Union zurzeit nicht. Warum sie dennoch der richtige Weg in die Zukunft ist, darüber diskutiert EU-Parlamentspräsident Martin Schulz mit Schülern in Bremen.

Er ist konzentriert, höflich, leidenschaftlich. EU-Parlamentspräsident Martin Schulz kämpft um die Europabegeisterung seiner jungen Diskussionspartner. Der 56-Jährige gibt freimütig Einblicke in seine Weltsicht und spart nicht mit Kritik am eigenen Laden: «Manchmal habe ich den Eindruck, dass wir nicht in Vielfalt geeint, sondern in Zwietracht zerstritten sind», sagt der Sozialdemokrat zu einem Grundsatz der EU. Schulz hat sich einen Vormittag lang Zeit genommen, um Fragen von 17 und 18 Jahre alten Schülern aus der Hansestadt zu beantworten.

Martin Schulz findet, dass Deutschland nur in einem geeinten Europa zukünftig weltpolitische Bedeutung haben wird. (Foto: Raimond Spekking / Wikimedia CC-BY-SA-3.0)

Martin Schulz findet, dass Deutschland nur in einem geeinten Europa zukünftig weltpolitische Bedeutung haben wird. (Foto: Raimond Spekking / Wikimedia CC-BY-SA-3.0)

Bei der Einführung des Euro sei vereinbart worden, dass Länder nicht für die Schulden anderer Länder haften. Wie stehe es damit angesichts der Währungs- und Schuldenkrise?, möchte ein junger Mann wissen. «Der Rettungsschirm ist eine Umgehung», räumt Schulz sofort ein. «Das geht nicht anders, weil wir mit allen Mitteln versuchen, den Zusammenbruch der Währung zu verhindern.» Er wolle Eurobonds, gemeinsame Staatsschulden der Euroländer. Denn es sei auch für uns nicht gut, dass Deutschland keine Zinsen für seine Schulden zahlen müsse, Italien aber sieben Prozent.

Der deutsche Export würde unter einer Einführung der D-Mark leiden

Soll Griechenland den Euro aufgeben, Deutschland zurück zur D-Mark? «Dann bräche für den deutschen Export der Markt zusammen», warnt Schulz. Unsere Währung würde sofort um 25 bis 30 Prozent aufgewertet. Wenn Griechenland aus dem Euro gedrängt würde, hätten die Spekulanten an den Finanzmärkten gewonnen. Sie würden sich sofort das nächste Land vornehmen. Schulz glaubt an eine gute Zukunft für den Euro. Dazu müsse den Finanzmärkten aber klar gemacht werden, dass Wetten auf den Zusammenbruch der Währung niemals erfolgreich sein können. «Es ist viel vernünftiger, Polen in den Euro zu holen als Griechenland rauszudrängen», sagt Schulz und versucht, den Blick der Schüler nach vorne zu lenken.

Der streitbare Parlamentspräsident («Ich bin nicht sehr populär bei den Regierungschefs in der EU.») appelliert immer wieder an die 82 jungen Teilnehmer der Fragerunde und die gut 200 Schüler auf den Zuschauerrängen, über ihre Zukunft in Europa nachzudenken. «Der größte Teil meiner Lebenszeit ist abgelaufen. Das Europa des 21. Jahrhunderts ist Ihre Zukunft.» 82 Millionen Deutsche seien bei schon bald 8 Milliarden Menschen auf der Erde nur noch 1 Prozent der Weltbevölkerung. Deutschland sei am besten in der Mitte von 500 Millionen Europäern aufgehoben. Beispiel: «Der Klimawandel bedroht nicht mehr mich, aber Sie», sagt Schulz. Was wollten da die Deutschen alleine erreichen?, fragt er und blickt aufmunternd in die Runde.

Angst machen will Schulz gewiss nicht, wenn er sagt, die Herausforderungen in der Welt würden nicht einfacher. «Wenn es immer komplizierter wird, will man weglaufen.» Das kenne auch jeder Schüler, doch es helfe nicht. Für den Parlamentspräsidenten ist klar: Zu Europa und dem Euro gibt es keine Alternative.

Das leidenschaftliche Plädoyer lässt auch den Hausherrn nicht kalt. Bürgerschaftspräsident Christian Weber (SPD) sagt, er habe «eine Sternstunde in der Erklärung von Politik» erlebt. Auch die meisten der Jugendlichen scheinen zufrieden. Ein junger Mann will noch wissen: «Haben Sie keine wichtigeren Termine?» Schulz schaut noch einmal langsam in die Runde – entschiedene Antwort: «Nein, heute nicht.» Sönke Möhl/dpa

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