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Des Kaisers Kanal: Forscher wollen Geheimnis des Karlsgrabens lüften

TREUCHTLINGEN. Manche Wanderer halten ihn für einen unscheinbaren Weiher – tatsächlich aber hat der Karlsgraben bei Treuchtlingen Geschichte geschrieben. Er war der erste Main-Donau-Kanal. Ob er tatsächlich funktioniert hat, wollen Forscher jetzt klären.

Mittelalterliche Investitionsruine oder Ingenieurleistung? Der Karlsgraben bei Trechtlingen. Foto: Franzfoto / Wikimedia Commons (CC BY-SA 3.0)

Mittelalterliche Investitionsruine oder Ingenieurleistung? Der Karlsgraben bei Trechtlingen. Foto: Franzfoto / Wikimedia Commons (CC BY-SA 3.0)

Manche halten ihn für die größte Investitionsruine des Mittelalters, andere für die bedeutendste Ingenieursleistung der Karolinger Zeit. Die Wahrheit bleibt bis heute im Dunkeln. Auch archäologische Untersuchungen in den 1990er Jahren konnten die wichtigste Frage nie beantworten: War der vor mehr als 1300 Jahren entstandene Karlsgraben bei Treuchtlingen im südlichen Mittelfranken tatsächlich der erste funktionierende Main-Donau-Kanal der Geschichte?

Jetzt wollen Wissenschaftler der Universitäten Leipzig und Jena das Geheimnis des Karlsgrabens zusammen mit dem Bayerischen Landesamt für Denkmalpflege lüften. Erste Probebohrungen in der baumbestanden Wasserfläche bei der Ortschaft Graben (Landkreis Weißenburg-Gunzenhausen) habe es bereits vor einigen Wochen gegeben. Im nächsten Frühjahr sollen die Forschungsarbeiten in und um den Karlsgraben weitergehen, teilt das Bayerische Landesamt mit.

“Wohl eher eine Weiher-Kette”

Auch wenn ältere mittelalterliche Chroniken stets Zweifel an der Funktionsfähigkeit des Karlsgrabens nährten – nach Einschätzung des Bayerischen Landesamtes für Denkmalschutz spricht vieles für das Gegenteil. Zwar glauben auch Archäologen der Behörde nicht an einen durchgehenden Kanal zwischen den Flüssen Rezat und Altmühl. «Man muss wohl eher von einer Weiher-Kette ausgehen, zu der einst auch der heutige Karlsgraben gehört hat», sagt etwa die Leiterin der Stabsstelle «Lineare Projekte», Stefanie Berg-Hobohm.

Davon ist seit Jahren auch der frühere Leiter des inzwischen aufgelösten Nürnberger Talsperren-Neubauamtes, Hans Trögl, überzeugt: «Der künstlich angelegte Wasserweg war rund 20 Jahre in Betrieb – etwa zwischen 793 und 813». Die Kähne hätten die unterschiedlich hohen Weiher beim Passieren der europäischen Wasserscheide über Rampen aus feuchtgehaltenen Rundhölzern überwunden.

Die Baumeister Karls des Großen wählten den Abschnitt nicht zufällig, ist er doch die kürzeste und niedrigste Landbrücke zwischen dem Flusssystem von Main und Donau. Wollte man auf große Erdbewegung verzichten, wie etwa beim Bau des im 19. Jahrhundert erbauten König-Ludwig-Kanals, blieb nur die Senke zwischen Weißenburg und Treuchtlingen. Der Höhenunterschied zwischen der zum Main fließenden Fränkischen Rezat und der zur Donau hinfließenden Altmühl beträgt in dem Bereich nur etwa 15 Meter.

Mit einem dichten Netz von Probebohrungen wollen Wissenschaftler unter Leitung des Leipziger Geo-Archäologen Professor Christoph Zielhofer nun die Umgebung des Karlsgrabens nach Hinweisen auf frühere Teiche erkunden. Die sogenannte Radiocarbonmethode soll helfen, das Alter der verschiedenen Bodenschichten zu ermitteln.

Geophysikalische Messungen sollen zudem Baustrukturen wie Gräben oder Mauern im Untergrund sichtbar machen. Die Forscher hoffen, dabei auf Überreste früherer Baulager oder auf andere Holzbauten zu stoßen. «Wir gehen davon aus, dass im Umfeld des Karlsgraben Gebäude gestanden haben. Daher beschränken wir uns nicht nur auf den Karlsgraben, sondern beziehen die gesamte Umgebung mit ein», erläutern die Archäologen.

Bisher hatten vor allem die nach dem Tod Karls des Großen verfassten «Einhards-Annalen» Zweifel an der Funktionsfähigkeit des Kanals geweckt. Dem Chronisten zufolge zwangen starke Regenfälle im Herbst des Jahres 793 zum Abbruch der Arbeiten. «…wie viel Erde bei Tag von den Grabenden herausgeschafft wurde, soviel setzte sich wieder bei Nacht, indem die Erde wieder an ihre alte Stelle einsank», heißt es in den Annalen. Manche Historiker halten solche Berichte allerdings für eine Geschichtsfälschung Ludwigs des Frommen, der damit die Lebensleistung Karls des Großen habe schmälern wollen. KLAUS TSCHARNKE, dpa

(10.12.2012)

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