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Elternverband: Inklusion überfordert Lehrer

AUGSBURG (Mit Kommentar). Der gemeinsame Unterricht von behinderten und nicht behinderten sei eine völlige Überforderung für viele Lehrer – meint jedenfalls der Bayerische Elternverband. Er verlangt umfangreiche und verpflichtende Weiterbildung und pädagogische Helfer in den Klassen.

Die Grundschule Langbargheide in Hamburg wurde für ihre inklusive Arbeit mit dem Jakob-Muth-Preis 2012 ausgezeichnet. Foto: Bertelsmann Stiftung / Ulfert Engelkes

Die Grundschule Langbargheide in Hamburg wurde für ihre inklusive Arbeit mit dem Jakob-Muth-Preis 2012 ausgezeichnet. Foto: Bertelsmann Stiftung / Ulfert Engelkes

«Die Lehrer sind noch nicht genügend vorbereitet auf Inklusion», sagte die stellvertretende Verbandsvorsitzende, Henrike Paede. Ihrer Ansicht nach wurden die Pädagogen ins kalte Wasser geworfen, als die bayerische Staatsregierung  vor einem Jahr das Inklusionsgesetz verabschiedete. Ähnliche Regelungen stehen derzeit in allen Bundesländern auf der Agenda. Sie sollen Kindern mit Förderbedarf den Zugang zu allen Schulen ermöglichen.

Bei dem gemeinsamen Unterricht müssten Lehrer völlig umdenken und sich individuell auf die Kinder einstellen, sagte Paede. «Das haben unsere Lehrer nicht gelernt.» Sie bräuchten deshalb nicht nur eine intensive und verpflichtende Nachschulung, sondern auch pädagogische Helfer an ihrer Seite – etwa Erzieher, Heil- oder Sozialpädagogen.

Das Budget der Schulen oder Schulträger müsse so hoch sein, dass zumindest in den Hauptfächern und im Sportunterricht eine Doppelbesetzung möglich ist, forderte der Verband in einer kürzlich eingereichten Petition vom Bayerischen Landtag.

Inklusion ist grundsätzlich Aufgabe aller Schulen im Freistaat wie in den anderen Bundesländern. Die Abkehr vom Sonder- und Förderschulsystem geht auf die UN-Behindertenrechtekonvention zurück. Dem bayerischen Kultusministerium zufolge wurden bereits alle Lehrer der ersten und zweiten Jahrgangsstufe geschult – in zwei halbtägigen Veranstaltungen. Die dritte und vierte Jahrgangsstufe solle im Schuljahr 2012/13 folgen. Vertreter des Ministeriums und der bayerischen Bezirke verhandeln seit Mittwoch über Leitlinien für den Zugang behinderter Kinder zu den Schulen.

Unterschiedliche Regelungen in den Bundesländern

In Nordrhein-Westfalen beschloss der Landtag vor der Sommerpause ein rot-grünes Eckpunktepapier, das Schülern mit besonderem Förderbedarf schrittweise ab dem Schuljahr 2013/14 einen Rechtsanspruch auf gemeinsamen Unterricht mit nicht behinderten Kindern einräumt. Der Anspruch auf inklusiven Unterricht soll jahrgangsweise aufgebaut werden und zunächst mit den Klassen 1 und 5 beginnen. Auch in Rheinland-Pfalz sollen die Eltern behinderter Kinder die Schulform künftig frei wählen können. In Niedersachsen sieht das neue Schulgesetz zur Inklusion hingegen vor, dass in begründeten Ausnahmefällen immer noch Kinder zwangsweise auf Förderschulen abgeschult werden können.

Das bayerische Inklusionsgesetz soll behinderten Schülern den Zugang zu herkömmlichen Schulen zwar grundsätzlich ermöglichen. In der Praxis allerdings hakt es: So mussten die Eltern einer gehörlosen Siebenjährigen unlängst vor das Augsburger Sozialgericht ziehen, weil der zuständige Bezirk die Finanzierung eines Gebärdendolmetschers ablehnte, der das Kind bei der Eingliederung in eine Regelgrundschule unterstützen soll. Den Antrag der Eltern hatten die Behörden abgelehnt, weil das Mädchen in einem Förderzentrum besser aufgehoben sei.

Marianne Demmer, Leiterin des Vorstandsbereichs Schule der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW), kritisierte noch unlängst die unterschiedlichen Vorstellungen zur Inklusion in den Bundesländern. “Es bleibt dabei: Jedes große Bildungsthema in Deutschland endet in Kleinstaaterei und föderalem Chaos – zum Schaden der Kinder und Jugendlichen, zu Lasten der Lehrkräfte”, sagte die GEW-Schulexpertin.

Sie befand, dass die meisten Länder die Tragweite des Themas bisher nicht erkannt hätten und viele Maßnahmen den Anforderungen der Behindertenrechtskonvention nicht ausreichend entsprächen. “Inklusion meint nicht nur den Einbezug von Kindern und Jugendlichen mit Behinderungen in Schulen, sondern das Recht auf diskriminierungsfreien Zugang zu inklusiver Bildung in der allgemeinen Schule für alle, kurz: den generellen Abschied von der Selektion”, unterstrich Demmer. Sie schlug den Ländern vor, endlich die teure Doppelstruktur von allgemeinem, gegliedertem Schulsystem und Sonderschulwesen zu beenden. Bibo, mit Material von dpa

(11.8.2012)

Zum Kommentar: “Inklusion: Die Sorgen und Ängste ernst nehmen”

 

 

10 Kommentare

  1. Das kann ich mir gut vorstellen, dass Lehrer mit der Inklusion überfordert sind. Bei 32 Schülern in einer Klasse (wie bei der Tochter eines Kumpels) ist es schon schwer genug, bei den “normalen” Kindern jedem gerecht zu werden und jedes individuell zu fördern!

  2. Die Inklusionssbemühungen sind das reinste Sparpaket. Der Markt an Sonderschullehrern ist leer gefegt. Die Unis wollen nur welche ausbilden, wenn das Land Geld dafür gibt. Das tut es aber nicht.So werden die Regelschulkolleginnen und Kollegen mit diesen Problemen alleine gelassen. Die sogenannten “Fortbildungen” sind zum “in die Tonne kloppen”. Wie soll man bitte schön 4 Jahre Studium nach Behinderungsarten gegeliedert in eintägigen Fortbildungen, wo meist nur theoretische Idealvorstellungen formuliert werden, ersetzen? Ich erlebe als betroffenen Sonderschullehrerin live und weiß wovon ich rede. In NRW können ab Januar 2012 Lehrer aller Schulformen in den GU abgeordnet werden, wenn keien Sonderschullehrer da sind. Tolle Inklusion, dann haben beide keine Ahnung: Der Regelschullehrer nicht und der Förderlehrer auch nicht. Wer sein Kind Behinderungen solchen Bedingungen aussetzen möchte, bitte schön. Noch gibt es die Möglichkeit sonerpädagogischer Förderung in Förderschulen.Meiner Ansicht nach sind die Umsetzungsbemühungen von Inklusion im Schulsystem eine willkommene Gelegenheit vor dem Hintergrund des demographischen Wandels, Geld zu sparen. Sonderschulen und ihre Lehrer sind teuer. Da ist es doch ein Einfaches den betroffenen Eltern Versprechungen zu machen, die man eh nicht einhalten wird und die Kinder mit Förderbedarf ins Regelschulsystem zu stecken. Dann werden sie eben wie früher mitgezogen. Der reinste bildungspolitische Wahnsinn. Woher sollen die notwendigen Gelder dafür kommen in Zeiten von Eurorettung, Bankenkrise, Atomausstieg. Kaum vorstellbar, dass es Eltern gibt, die daran glauben. Meine Prognose: Die Förderbedarfe werden aufgehoben, weil ja jedes Kinder gefördert werden muss. Somit fällt der Status weg, die Kinder werden unter Regelschulbedinugen in die Klassen gesteckt und Regelschullehrer werden das alles richten müssen. Eine Aufgabe, die kein Mensch schaffen kann, auch beim besten Willen nicht. Schon zu meiner Schulzeit waren lernschwache Kinder “inkludiert” , waren ohne Selbstbewusstsein, wurden gemobbt und eben auch der Klasse 6 ohne Abschluss entlassen. Was machen wir denn nur mit den verhaltensauffälligen Kindern, die den ganzen Unterricht durch ihr Verhalten unmöglich machen? Hilft da vielleicht eine unqualifizierte 1 € Kraft, die als individueller Begleiter fungiert? Das wäre doch der billigste Weg, der schon praktiziert wird. Hauptsache billig!

  3. Ich stimme Ihnen voll zu. Nicht die Inklusion an sich ist das Problem, sondern ihre Umsetzung. Inklusionsklassen dürften – damit gute pädagogische Arbeit möglich ist – nicht mehr als 15 SchülerInnen umfassen!

  4. Lieber “Kinderfreund”, in Thüringen sieht es genauso aus, wie Sie es schildern. Man hat die Gunst der Stunde genutzt, um durch die Hintertür gleich noch Geld zu sparen. Das alles geschieht auf dem Rücken der Lehrer und Schüler – und hinter dem Rücken der Eltern. Man müsste an die Öffentlichkeit gehen, damit den betroffenen Eltern klar wird, wie wenig Förderung ihre Kinder in den Regelschulen faktisch erhalten. Es ist ein bildungspolitischer Skandal – und mich erschreckt sonst nichts so schnell…

  5. Zur Forderung: Doppelbesetzung zumindest in den Hauptfächern
    Das reicht so nicht. Was soll z.B. ein Chemielehrer sagen, der seinen Klassenverband nur für 2 Unterrichtsstunden die Woche sieht. Wie soll ein experimenteller Unterricht, der ja auch unter Aufsichtsgesichtspunkten erhöhte Anforderungen stellt, hier ohne zweite Begleitperson überhaupt noch möglich sein. Da kann man dann auch gleich die Unterrichtung der Nebenfächer ganz einstellen.

  6. Grundschullehrer

    Sie haben mir aus dem Herzen gesprochen! Ich bin seit 37 Jahren Grundschullehrer in Sachsen-Anhalt, habe viele Erfahrungen gesammelt, gute wie schlechte. Aber das, was man heute von den Lehrern, speziell Grundschullehrern verlangt und keinerlei Hilfen zur Verfügung stellt, spottet jeder Beschreibung und stinkt zum Himmel. Ich habe erlebt, wie LB-Schüler im gemeinsamen Unterricht(GU, ohne Zweitlehrer) deprimiert ihr Selbstbewusstsein verloren, sich selbst “doof” bezeichneten und vollständig die Lust am Lernen verloren.Mir tun die armen Kinder leid. Viele von ihnen werden wohl dank erlebter misslungener Inklusion kein Selbstwertgefühl aufbauen können und die Psychiatrie-Patienten von morgen sein.
    Lehrer mit Herz, die absolut nicht allen Schülern individuell helfen können, denen so etwas zugemutet wird, sind ausgebrannt und gehören heute schon zu dieser Patientengruppe.
    Wenn Inklusion so toll ist, warum werden dann nach der 4.Klasse Schüler gemäß ihrer Leistungen getrennt? Da reicht dann doch auch ein Bildungsgang . . . oder etwa doch nicht! Wenn schon Inklusion, dann aber 100%-ig.
    Mal sehen, wie schnell dann der Aufschrei da ist

  7. In SH wird schon länger Inklusion betrieben – mit zweifelhaftem Erfolg. Im kaum einem Fall schafft es die Schule mal bei auch nur einem Schüler ohne dass Eltern selbst für Hilfe sorgen müssen über das Jugendamt. Über Integrationshelfer. Gerade erlebe ich auch, dass unser völlig durchscnittlich begabtes Kind wegen Mobbings selbst als auffällig geführt und abgeschoben werden soll, damit man sich der Ursache nicht annehmen muss dort. Hysterisch wird dergleichen meist überall vertuscht, verschiegen und Eltern die sowas publik machen diffamiert und ebenfalls ausgegrenzt. Die Förderschulen rekrutieren sich die Schüler selbst in den Eingangsklassen , da die hier als zweite Kraft regulär dabei sind und Sonderpädagogen entsenden. Die Förderzentren gibt es immer noch und trotz Inclusion sind die nicht leer, bzw, sind die Schülerzahlen zurück gegangen. MAN KANN SICH FRAGEN; WARUM WOHL NICHT :: WENN SCHON KINDER einen sonderpäd. Status bekommen ungerechtfertigt, weil sie sozial ausgegrenzt werden, woran sich sogar teilweise bewusst oder unbewusst Lehrer immer mehr beteiligen um arbeitsintensiveren Probblematiken auszuweichen.

  8. @lillebror: Jetzt habe ich diesen Kommentar 3x gelesen und ihn noch immer nicht verstanden. Wieso muss Schule für Hilfe sorgen? Wie kann man sich einer Ursache annehmen? Wie kann man etwas hysterisch vertuschen? Wie kann man Problematiken ausweichen? Wie kann man solch ein Geschwurbel absondern? Geht’s mal im Klartext? Zitat:”WENN SCHON KINDER einen sonderpäd. Status bekommen ungerechtfertigt, weil sie sozial ausgegrenzt werden….” – Auf solch einen verdrehten Gedankengang muss man erst mal kommen – und ihn dann auch noch verdreht formulieren. Kopfschüttel..

  9. Ich frage mich, ob ich der einzige bin, der den Gedanken wagt, dass die Inklusion selbst das Problem ist und nicht nur die Umsetzung.
    Sicher kann mehr Geld und Personal eine Fehlkonstruktion besser kaschieren. Ob sie diese aber zu etwas machen kann, das wirklich funktioniert und allen Beteiligten mehr Vor- als Nachteile bringt, wage ich zu bezweifeln.
    Meiner Meinung nach ist vorprogrammiert, dass es im Zuge der Inklusion nur Verlieren und Verlierer gibt.
    Theorien mögen noch so edel und gut sein, wenn sie in der Praxis die Zustände verschlimmern anstatt zu bessern, muss auch der Mut her, um das auszusprechen, was geradezu verboten scheint, wenn man nicht als unmenschlich oder kaltherzig gelten will.
    Denk- und Redeverbote nützen nur jenen, die etwas partout durchsetzen wollen.

  10. @ kleinerbruder (lillebror): Ich bin skeptisch, ob das gemeinsame Unterrichten wirklich der bessere Weg ist. Die spezielle Förderung an speziellen Schulen für behinderte Kinder wurde doch mal erfunden, damit sie eine bessere Förderung bekommen, oder?

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