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Der umstrittenste Beitrag 2012: Wie gut ist „selbstorganisiertes Lernen“?

HOMBURG. Ein Modellversuch zum „selbstorganisierten Lernen“ in Homburg zeigt gute Ergebnisse. Das Thema wird auf News4teachers zum meist kommentierten Beitrag 2012.

Besucher der Robert-Bosch-Schule Homburg werden auf den ersten Blick die sonst üblichen Anweisungen und Vorträge der Lehrer vermissen. Die Schülerinnen und Schüler vermissen das nicht:  Sie lernen konzentriert allein oder in Gruppen.

In der Robert Bosch-Schule Homburg findet Unterricht als Instruktion nur hin und wieder statt, besonders zur Einführung in neue Themen und Arbeitsgebiete. Neurowissenschaftliche Erkenntnisse und Methoden des Selbstorganisierten Lernens haben innerhalb kürzester Zeit zu einer erstaunlichen Steigerung der schulischen Leistungen und zu einem förderlichen Arbeitsklima geführt, bestätigen Forscher des Universitätsklinikums des Saarlandes. Die Lehrkräfte sind fachlich und didaktisch gefordert, ansonsten begleiten und beraten sie die Lernarbeit, wo sie gebraucht werden.

Aber von vorne: Alles begann mit dem Ziel der Schulleitung, die Unterrichtskultur zu reformieren. Im Wesentlichen ging es darum, über eine Umgestaltung der Arbeitsweise in den Schulen die schulischen Leistungen sollen tragfähige Anschlüsse in die Berufsausbildung darstellen. die Schulleitung hatte den Eindruck, dass eine einfache Umstellung der Lehrpläne oder eine Intensivierung der Lehrtätigkeit hier nicht weiterhalfen. Die Lehrkräfte wollten vielmehr neurowissenschaftliche Erkenntnisse über Lernprozesse und deren biologischen Grundlagen bei der Neuausrichtung des Unterrichtens und Lernens der Schule nutzen. Leiterin Barbara Naumann wandte sich an das Universitätsklinikum des Saarlandes, mit dem sie bereits seit Jahren zusammenarbeitete.

Neurowissenschaftler empfehlen Kindern so viel wie möglich selber zu machen

Gemeinsam mit Neurowissenschaftler Christoph Krick plante sie, konsequent selbsttätiges Lernen einzuführen. Das klappt nach den bisherigen Ergebnissen der Gehirnforschung umso besser, je mehr das Lernen im Miteinander und in Erwartung des erfolgreichen Anwendens des Erlernten passiert. „Lehrer können die Schulkinder – auch mit noch so viel Lehrtätigkeit – nicht lernwilliger machen. Lernen passiert nämlich im Kinderkopf durch Nachdenken und Selbermachen entsprechend zuvor präsentierten Ideenskizzen. Beim Nachdenken und Lernen sollte man dann die Lernfreude der Kinder nicht durch langatmigen Unterricht stören“, sagt Krick.

Dr. Christoph Krick, Neurowissenschaftler des UKS, Barbara Naumann, Leiterin der Robert-Bosch-Schule, Professor Ulrich Herrmann im Lernatelier (v.l.n.r.). (Foto: UKS Rüdiger Koop)

Dr. Christoph Krick, Neurowissenschaftler des UKS, Barbara Naumann, Leiterin der Robert-Bosch-Schule zeigen dem Professor für Erziehungswissenschaft Ulrich Herrmann das Lernatelier (v.l.n.r.).
(Foto: UKS Rüdiger Koop)

Die neue Unterrichts- und Lernkultur wird seit August 2012 praktiziert und zeigt überraschend schnell sehr positive Ergebnisse, melden die Wissenschaftler jetzt. Die Kinder hätten ihre schulischen Leistungen enorm gesteigert. Schüler, die zuvor in der Grundschule erhebliche Probleme mit dem Rechnen hatten, erreichen nun vielfach sehr gute Ergebnisse. Das Klassenklima ist außergewöhnlich freundlich und das Organisationstalent der Fünftklässler bewundernswert. Die Schülerinnen und Schüler beraten sich gegenseitig über ihre Arbeits-, Lernziele und individuellen Lernstrategien, so dass die Lehrpersonen mehr Freiraum als sogenannte „Lernberater“ gewinnen. Die Kinder ziehen sich zum eigenverantwortlichen Lernen auch mal gerne in eines der sogenannten Lernateliers zurück, um dort konzentriert zu arbeiten. Lerndruck oder Versagensangst seien einem zielorientierten Miteinander beim Lernen gewichen. Die Motivation der Schulkinder lasse sich auch damit erklären, dass der individuelle Lernerfolg beim Erarbeiten und Anwenden des Wissens in Lerngruppen zu einem großen Teil durch die Kinder selbst dokumentiert, reflektiert und bewertet wird. Dabei geben „Ich kann“-Listen zum Protokollieren des Erreichten und Punktekonten („Ich habe folgende Tätigkeiten erfolgreich abgeschlossen“) zum Selbstbewerten sowohl Stütze als auch Transparenz und Anreiz auf dem Weg zu den Arbeitsergebnissen.

Der Weg dahin bedeutet viel Arbeit für die Lehrkräfte

„Diese Initialzündung in den fünften Klassen soll nun in der gesamten Schule etabliert und noch verfeinert werden“, kündigt die Leiterin der Schule, Barbara Naumann an. „Der Erfolg spricht für sich, und das Kollegium profitiert ebenfalls vom besseren Lern- und Arbeitsklima.“ Doch auf dem Weg dieser Umgestaltung muten sich insbesondere die beteiligten Lehrerinnen und Lehrer viel Arbeit zu, denn sie müssen nicht nur ihre Rolle im Unterricht neu erfinden und neue Erkenntnisse über das Schülergehirn berücksichtigen, sondern sie investieren auch viel Fantasie und Kreativität in die Unterrichtsvorbereitung – oder richtiger: in die Arbeitsmaterialien, mit denen die Schülerinnen und Schüler ihre Lernarbeit organisieren und durchführen können. Diese Vorbereitungsarbeit wird insgesamt aufwändiger, da die kindgerechten Instrumente zur klassen- und fächerübergreifenden Steuerung und Selbstbewertung der Lernarbeit noch weitgehend Neuland sind.

Das Landesinstitut für Pädagogik und Medien (LPM) steuert Mittel für die Fortbildung für das anwendertaugliche Umsetzen des „Selbstorganisierten Lernens“ (SOL) bei, das in Ulm durch das Institut für Selbstorganisiertes Lernen entwickelt wurde. Die Robert-Bosch-Schule kann zudem auf die Erfahrungen der ausgebildeten SOL-Trainerin, Anne Preisinger, zurückgreifen, da sie zugleich Fachlehrerin an dieser Schule ist.

Die Auswirkungen der neuen Unterrichtskultur sollen dokumentiert werden, um sowohl Aussagen zu Belastungen und Vorteilen zu gewinnen, als auch Effekte auf kognitive und emotionale Prozesse des Lernens zu messen. Daher wird im Augenblick der neue schulische Ansatz durch Dr. Krick wissenschaftlich begleitet. An dieser forschenden Beobachtung ist auch die Kinder- und Jugendpsychiatrie des UKS beteiligt, um zu prüfen, ob ein kindgerechtes Schulklima zugleich auch das Risiko für seelische Erkrankungen im Jugendalter mindert. Die Universität des Saarlandes fördert die neurowissenschaftliche Begleitung des neuen Unterrichtsmodells über Forschungsmittel. nin

(1.12.2012)

173 Kommentare

  1. Interessant. Bei der permanenten Zeitnot bzgl. dessen, was man alles laut Lehrplan schaffen soll, ist es nicht einfach, Freiräume für selbsttätiges Lernen zu finden, denn das kostet ja meistens eben die Zeit, die man nicht hat.

    • Dr. Christoph Krick

      Hallo Sofawolf,

      ehrlich gesagt stand vor dem Startschuss genau diese Skepsis als spürbare Hürde im Raum. Es kostete nach Schilderung der Lehrkräfte dann durchaus eine gewisse Überwindung, viele Lerntätigkeiten und deren Selbstorganisation in die Verantwortung von Zehnjährigen zu geben. Ich finde es absolut spannend, was tatsächlich möglich ist, wenn kreative Pädagogen die Lernarbeit den inneren Bedürfnissen der Schulkinder annähern… Wesentliche Punkte in diesem Erfolgsrezept sind sicherlich das vollumfängliche Umstülpen der Schule von Fremd- auf Eigensteuerung sowie das selbstwirksame Erfolgserlebnis der Kinder. Die kleinen Leute machen uns die Attraktivität solch einer Umgebung ja deutlich, wenn sie hochkonzentriert in die Computerwelt eintauchen. Ich bin jedenfalls extrem gespannt darauf, was in ein paar Jahren aus den jungen Schülern und Schülerinnen wird, die jetzt schon in der realen Welt überraschend organisiert, selbständig und sozial kompetent geworden sind.

  2. @ Dr. Krick
    Es ist allemal spannend zu beobachten, wie sich der Modellversuch so entwickelt. Allerdings beschleicht mich schon wieder ein beklemmendes Gefühl, wenn ich lese, welche Leistungssprünge in diesem MODELLVERSUCH angeblich oder tatsächlich nach knapp einem Vierteljahr zu verzeichnen sind. Das sind ja nur erste Tendenzen und schon will die Schulleitung das Modell auf die ganze Schule übertragen. Wie seriös ist das denn? Diese Entscheidung sollte doch wohl ggf. erst nach einer längeren Beobachtungsphase anstehen und nicht schon am Anfang eines Versuches.
    Selbstorganisiertes oder selbsttätiges Arbeiten ist ja nicht neu. Die Reformpädagogik vertritt diesen Ansatz schon immer. In den 80er Jahren wurde diese Arbeitsform von dem „Vater“ des offenen Unterrichtes, Prof. Hilbert Meyer, vehement vertreten, und viele Lehrkräfte kennen bestimmt sein Buch „Leitfaden zur Unterrichtsvorbereitung“. Interessant ist nur, dass derselbe Mann inzwischen verkündet, Unterricht sollte „Mischwald“ und nicht „Monokultur“ sein. Er macht sogar den eher lehrerzentrierten Unterricht wieder hoffähig, wenn er sagt, dass durch diesen kognitive Inhalte besser vermittelt werden können als durch offene Formen.
    Übrigens lernte ich in meiner Schulzeit tolle Lehrkräfte kennen, die uns durch ihren „Frontalunterricht“ sehr wohl in den Bann zogen. Sehr gut gefielen mir auch die Diskussionsphasen im Klassenverband. Gibt es beim SOL auch einen Austausch zwischen den SchülerInnen oder lernt da nur jeder so vor sich hin? Das wäre mir – ehrlich gesagt – viel zu langweilig.
    Als Lehrkraft habe ich zahlreiche Formen des selbstständigen Lernens ausprobiert. Ich käme nie auf die Idee, nur eine Methode anzuwenden. Ich bin da näher bei Prof. Meyer und seinem „Mischwald“.
    Es gibt zwischenzeitlich ernst zu nehmende Fachleute, die den Rückzug der Lehrkraft auf die Beobachter- und Moderatorenrolle stark kritisieren. Gerade lernschwächere Kinder brauchen und fordern die ganze Lehrkraft.
    Schon seit längerer Zeit wird vor allem die GS mit z.T. untauglichen und vollkommen überflüssigen Methoden überschwemmt, die wissenschaftlich keineswegs seriös überprüft worden sind. Sie stammen teilweise sogar aus der Reformpädagogik. So hat der Grundschulverband eine so genannte Grundschrift auf den Markt geworfen, mit der viel Geld verdient werden kann. Auch für den von Ihnen begleiteten Versuch werden ganz neue Materialien
    erstellt. Die Verlagswirtschaft wird sich freuen.
    Alles, was als „der Weisheit letzter Schluss“ propagiert wird, betrachte ich sehr kritisch. Ob in der Politik oder in der Pädagogik hat sich eine einseitige Ausrichtung selten bewährt.

    • Dr. Christoph Krick

      @Mehrnachdenken:

      Es wäre mit Sicherheit Unfug, die Schülerinnen und Schüler nach Belieben einfach so drauf los experimentieren zu lassen. Ein gut gemachter Lehrervortrag nebst einsichtigen Darstellungen sollte stets den Überblick über ein Thema anführen. In SOL-Sprech heißt dies dann „advance organizer“. Meines Erachtens ist jedoch das Lernen bei der Spezies homo sapienz kein biologischer Selbstzweck, so dass die Aufforderung zum Lernen wenig zielführend ist, auch wenn dies gängige Praxis zu sein scheint. Das Memorieren ist vielmehr das Ergebnis eines interessierten Mitdenkens und Mitgestaltens. Der Knackpunkt besteht daher in der Gestaltung des sozialen und emotionalen Rahmens, der genügend Niveaus und Ansatzpunkte für unterschiedliche Kinder bereit hält. Über sogenannte „Gruppenpuzzles“ können sich dann unterschiedlich interessierte Kinder über ihre jeweiligen Lösungsansätze oder Vorgehensweisen austauschen. Da dies ein vertieftes Auseinandersetzen mit der Materie im Schülerteam bedeutet, wird en passant vermehrt gelernt. Das Schlagwort „Individualisierung des Lernens“ steht zwar zurzeit in jedem bildungspolitischen Ansatz, aber es bedarf einiger Fantasie, diesen Begriff mit Leben zu füllen. Vor allem sollten trotz der Unterschiedlichkeit der Kinder jeweils die wesentlichen Kulturleistungen für das Berufsleben erlent werden – und sei es auf unterschiedlichen Wegen… Wenn wir aber hierbei „der Weisheit letzter Schluss“ schon gefunden hätten, wäre ja auch keine Forschung mehr dazu notwendig. Für mich ist es wesentlich, eben nicht alles über einen Kamm zu scheren und schon gar nicht reformpädagogische Ansätze als „Glaubensrichtung“ misszuverstehen. Aus meiner Sicht ist es wichtig, die Einflussfaktoren auf die Lernfreude in der Schulumgebung aufrecht zu erhalten. Die Lernfreude ist nämlich nachweislich gerade in jungen Jahren der Motor der Anstrengungsbereitschaft. Dies wandelt sich mit der jugendlichen Entwicklung mit dem Heranwachsen allmählich in Richtung einer selbstkritischen Analyse.

  3. @Dr. Christoph Krick
    Die absinkenden Schulleistungen der vergangenen Jahre und Jahrzehnte machen es mir zunehmend schwer, an den Nutzen pädagogischer Forschung zu glauben.
    Es ist ja nicht so, dass in dieser Zeit zu wenige Reformen stattgefunden hätten. Im Gegenteil, es waren eher zu viele. Eine jagte die andere und jede nahm für sich in Anspruch, entscheidend Neues und Revolutionäres entdeckt zu haben.
    Sie schreiben: „Für mich ist es wesentlich, eben nicht alles über einen Kamm zu scheren und schon gar nicht reformpädagogische Ansätze als “Glaubensrichtung” misszuverstehen.“
    Was sind sie denn sonst? frage ich Sie, Herr Dr. Krick.
    Jeder reformpädagogische Ansatz geht zunächst von einer Annahme aus, in deren Richtung man Beweise zu erbringen sucht, die man natürlich immer finden kann und wird, weil Ergebnisse in der Pädagogik ziemlich frei interpretierbar und fast schon Geschmackssache sind. Mitarbeiter an der Ausarbeitung einer Methode werden natürlich zu positiven Beurteilungen neigen, während andere vorsichtiger sind und genauer hingucken wie z.B. Herr oder Frau „mehrnachdenken“.
    Ich teile seine/ihre Zweifel angesichts der wundersamen Leistungssprünge nach 3 Monaten in dem mehr gelobten als sachlich beschriebenen Modellversuch. So heißt es beispielsweise: „Schüler, die zuvor in der Grundschule erhebliche Probleme mit dem Rechnen hatten, erreichen nun vielfach sehr gute Ergebnisse.“
    Erlauben Sie mir, Herr Dr. Krick, zu sagen, dass die behaupteten Wunder an der Robert-Bosch-Schule unmöglich sind. Also zweifle ich an der Objektivität und Sachlichkeit der bescheinigten Erfolge und bin auch verärgert darüber, dass hier wieder eine Methode mit meiner Meinung nach fragwürdigen Erfolgsmeldungen Schule zu machen versucht.
    Rechenschwächen habe ich in meinem Berufsleben als so komplex und hartnäckig erlebt, dass es einer Vielfalt an Bemühungen und einer langen Zeit bedurfte, um sie zu bessern. Und aus keinem rechenschwachen Kind wurde eine Rechenkoryphäe – geschweige denn viele Kinder in 3 Monaten.
    Nun können Sie einwenden, ich hätte eben nicht die richtige Methode angewandt, nämlich das von Ihnen und anderen propagierte selbstorganisierte Lernen.
    Solche Einwände gegen die Lehrerarbeit wurden in der Vergangenheit immer wieder als Grund und Ursache für die Notwendigkeit pädagogischer Forschung genannt, deren Ergebnisse nachweislich und häufig jedoch nicht das hielten, was sie in Modellversuchen versprachen. Und auf Erfolglosigkeit reagierte man seitens der Verantwortlichen gern mit Schuldzuweisungen an die angeblich faulen, als Fortbildungsmuffel bekannten Lehrer.
    Falsche Methoden durch unseriöse Forschungsergebnisse und politische Vorgaben wurden nur selten eingestanden – und wenn, dann eher hinter vorgehaltener Hand und nicht als Medienspektakel wie bei ihrer Einführung.
    Und dennoch gibt es eine Methode guten Unterrichts, nämlich die des Zulassens und Mischens vieler pädagogischer Wahrheiten anstatt der Vorherrschaft einer.
    Auch ohne Ihre „neuen“ Erkenntnisse und die Ihrer Kollegen, Herr Dr. Krick, wussten die Lehrer schon vor Jahrzehnten, dass Kinder durch eigenes Entdecken und Selbstorganisieren sehr viel und sehr nachhaltig lernen. Dieses und anderes Erfahrungswissen wurde jedoch nicht verallgemeinert, sondern an Stellen eingesetzt, wo es sinnvoll war. Andere Stellen verlangten eben andere Vorgehensweisen, weil hier dieselbe Methode nur Verwirrung und Zeitverschwendung bedeutet hätte.
    Kurzum: Ich werfe vielen Reformansätzen vor, zwar auf einer richtigen Erfahrung zu beruhen, diese aber zum Non plus ultra zu erheben und damit zu einer Methodenarmut, die mehr Schaden als Nutzen anrichtet.
    Im Umgang mit Kindern kommt es auf viel Geschick, Einfühlungsvermögen und Einfallsreichtum an. Diese Fähigkeiten geraten leider ins Abseits, wenn die Mechanik einer Methode die Vorherrschaft übernimmt und die Person des Lehrers an den Rand drängt – ja geradezu die Rücknahme seiner Person fordert. Welche Verschwendung an Möglichkeiten zugunsten einer armseligen Anklammerung an eine Methode!

  4. @ U. Prasuhn
    Eine fantastische Replik auf die mit großer Medieninszenierung vorgestellte „schöne neue“ Welt des Lernens nach SOL.
    Leider ist Herr Dr. Krick kaum auf meinen Beitrag vom 02.12. und die dort formulierte Skepsis gegenüber dem „Modellversuch“ eingegangen. Ich setze das Wort bewusst in Anführungszeichen, denn in einem seriösen Modellversuch kann es niemals nach drei Monaten bereits diese „tollen“ Ergebnisse geben. Wie die Schulleitung nach dieser kurzen Erprobungsphase dann ernsthaft erwägen kann, das „Selbstorganisierte Lernen“ auf die Schule zu übertragen, erschließt sich mir überhaupt nicht.
    Übrigens: Wer sich mit den scheinbar neuen und revolutionären Erkenntnissen der Neurowissenschaft für das Lernen näher beschäftigt, wird sich nach dem Studium auch kritischer Studien beruhigt zurücklehnen und wieder zur Tagesordnung übergehen können.

  5. Endlich machen mir die Kommentare mal Mut, anderer Meinung zu sein als die anscheinend unangreifbare politische und „wissenschaftliche“, die hier überwiegend geteilt wird.
    Seit Jahren frage ich mich nämlich schon, warum die Schulabgänger in ihrem Wissen und Können immer mehr Defizite aufweisen, die dann Betriebe oder Hochschulen durch Nachhilfe notdürftig ausgleichen müssen, um eine Lehre oder ein Studium zu ermöglichen.
    Und seit Jahren tönt mir in den Ohren, dass eine Schul- und Methodenreform besser ist als die andere.
    Sind wir Lehrer denn alle so bekloppt, dass wir 1 und 1 nicht mehr zusammenzählen können?

  6. Zitat von Dr. Krick:
    „Ich bin jedenfalls extrem gespannt darauf, was in ein paar Jahren aus den jungen Schülern und Schülerinnen wird, die jetzt schon in der realen Welt überraschend organisiert, selbständig und sozial kompetent geworden sind.“
    Ich bin zwar nicht Lehrerin, sondern „nur“ Mutter und hoffe, in diesem Thread trotzdem meine Meinung sagen zu dürfen.
    Ich bin auch gespannt, obwohl doch jetzt eigentlich schon klar ist, dass die Kinder alle herausragende, außergewöhnliche Persönlichkeiten sein werden.
    Was sich hier in nur 3 Monaten getan hat, verschlägt mir den Atem. Endlich die ersehnte Wundermethode!
    Wurde langsam aber auch Zeit!

  7. Karin Pfeiffer-Stolz

    Neurowissenschaft ist ein relativ junger Forschungszweig, der uns Einsichten in die Funktionsweise des menschlichen Gehirns gewährt und sicher noch manch Verblüffendes zu Tage fördern wird.
    Neurowissenschaft ist seriöse Forschung, weder gut noch böse. Böse ist hingegen etwas anderes: der Mißbrauch der Neurowissenschaft zu billigen kommerziellen Zwecken. Lukratives Objekt ist die staatliche Schulpädagogik, Opfer sind Schüler und Lehrer.

    Jetzt haben wir also SOL. Wer dabei an „Sonne“ denkt, ist gefoppt. SOL heißt „selbstorganisiertes Lernen“. Eine absolute Neuheit? Kann der Mensch denn überhaupt anders, als „selbstorganisiert“ lernen? Der Lehrer als „Lernberater“. Das haben wir doch schon seit Jahren! „Lerndruck“ und „Versagensangst“ sollen einem „zielorientierten Miteinander beim Lernen“ weichen. Wie hübsch, aber trotzdem kalter Kaffee. Geht es nicht ein wenig origineller? Ach, hier haben wir was: es gibt einen eigenen „SOL-Sprech“. Der Lehrer ist nicht bloß „Lernberater“, sondern „advance organizer“. Man stelle sich das einmal vor! Toll. Aber trotzdem mußte ich als Englisch-Banause das erst mal nachschlagen. Auf Deutsch hört es sich etwas sperrig an, aber vielleicht habe ich es falsch übersetzt. Der „advance organizer“ ist ein „Vorhinein-Organisator“. Jetzt läßt meine Begeisterung schon wieder ein wenig nach.

    Sehr geehrter Herr Dr. Krick, ich habe leider niemals SOL-Betreuung genossen. Trotzdem will ich immer alles wissen. Komisch, aber wahr. Und so las ich Ihre Kommentare sehr aufmerksam und unter Beteiligung „interessierten Mitdenkens“. Einiges habe ich sofort verstanden, und das sind die Dinge, die ich immer schon gewußt habe, und die jeder andere auch weiß. Rätselhaft bleiben mir Sätze wie: „Die Lernfreude ist nämlich nachweislich gerade in jungen Jahren der Motor der Anstrengungsbereitschaft.“ Grübel, grübel. Was hat das mit SOL zu tun? (Komisch, jetzt denke ich dauernd an Sol-Eier – die sind lecker, kann ich sehr empfehlen.)

    Lassen wir die Kirche im Dorf! Das ganze Schul-Elend resultiert doch daraus, daß man den Lehrer allmählich zum strichlistenführenden Hampelmann der überbordenden Schulbehörde herabwürdigt. Allein zum zeitraubenden Erstellen irgendwelcher blödsinniger Multiple-Choice-Aufgabenblätter und zum Führen von Anwesenheitslisten darf er sich noch hergeben. (SOL: „Der Weg dahin bedeutet viel Arbeit für die Lehrkräfte“). In dieser aus allen Poren nach Bürokratie dampfenden Schulumgebung sollen junge Menschen zum selbstorganisierten Lernen motiviert werden? Das sind doch wohl Träume, genauer: Alpträume!

    Wenn das so weiter geht, gibt es bald keine Lehrer mehr. Und wenn dann die ganze Schullandschaft verkrickt und verhüthert ist, kommt irgend ein SOL und alles ist gut. Ach, wenn doch statt dessen die Sonne der Erkenntnis über der pädagogischen Landschaft aufginge und die Finstermänner vertriebe!

    Soll ich es sagen? Ja, ich muß, sonst platze ich:
    Laßt endlich die Lehrer in Ruhe! Dann lernen auch die Kinder wieder besser.

    • Ich habe herzlich gelacht über ihren bissig-humorigen Kommemntar, Frau Pfeiffer-Stolz. Und obwohl ich nicht vom Fach bin, scheint mir doch, dass Sie die Sache von vorn bis hinten durchschauen.
      Übrigens ist der Lehrer nicht nur zum „advance organizer“ geworden, auch das Klassenzimmer hat sich unter SOL zum „Lernstudio“ entwickelt.
      Wenn die Sache schon mager ist, muss sie doch wenigstens verbal nach etwas klingen.
      Kleider machen eben Leute und bunte Verpackungen täuschen über so manches hinweg.
      Übrigens praktizieren meine 3 Kinder täglich mit- und ohne einander SOL. Und sie sind bei mir zu Hause „in der realen Welt überraschend organisiert, selbständig und sozial kompetent geworden“, um es mit Herrn Dr. Kricks Worten auszudrücken.

    • Bernhard Winters

      Respekt!

  8. Dr. Christoph Krick

    Sehr geehrte Frau Prasuhn,
    sehr geehrte Frau Pfeiffer-Stolz,

    zwischen den zeilen Ihrer Ausführungen vermeine ich herauszulesen, dass Sie den Lehrberuf in der Schule aus eigenen Erfahrungen kennen. Ich bin kein Lehrer, und ich maße mir auch nicht an, Lehrern oder Lehrerinnen vorschreiben zu wollen, wie Unterricht funktioniert. Noch weniger bin ich geneigt, mich an dem Reigen der bildungspolitischen Veränderungen in der äußeren schulischen Organisation zu beteiligen. Ich bin Gehirnforscher und gehe umgekehrt auch nicht sofort davon aus, dass ein Pädagoge mir erklären möchte, wie ich einen Versuchsaufbau zum Überprüfen einer neurowissenschaftlichen Hypothese gestalten sollte, sobald die Rede vom menschlichen Gehirn ist. Aber selbst in meinem Fachgebiet halte ich mich nicht für Meister Allwissend, sondern bin bestrebt, dazuzulernen. Im Augenblick lerne ich unglaublich viel aus der Arbeit fähiger Lehrer und Lehrerinnen in meinem beruflichen Umfeld.

    Soweit sei diese Prämisse mal vorausgeschickt, damit keine Missverständnisse entstehen.

    Was das Wirrwarr an politisch motivierten „Reformen“ in der Schullandschaft angeht, Frau Prasuhn, so teile ich Ihre Skepsis. Ich stimme Ihnen völlig zu, dass hektisch übergestülpte Lehrkonzepte und unausgegorene Lehrplanverdichtungen ohne Realitätsbezug keinen Sinn ergeben, sondern nur Frust verursachen.

    Was SOL angeht, bin ich weder der Entwickler oder Handelreisende davon, noch der Trainer in der Robert-Bosch-Schule. Wenn ich trotzdem offensichliche Verbesserungen sehe, darf ich ja aber durchaus davon berichten, solange es bei uns noch die freie Meinungsäußerung gibt: Das Lehrerteam, das sich selbst zum Ziel gesetzt hat, im Schulterschluss ein transparentes, nachvollziehbares und Halt gebendes Unterrichtskonzept zu formen, hatte nun mal die an neurowissenschaftlichen Erkenntnissen angelehnten SOL-Prinzipien des LERNENS für die eigene Grundlage des LEHRENS hergenommen. Es ging also gar nicht um das abermalige Einführen funkelnagelneuer LEHRkonzepte, sondern um Förderstrukturen zum effektiveren LERNEN. Dabei schreibt niemand – auch ich nicht – den Pädagogen vor, wie sie den Unterricht zu gestalten haben. Dafür werden diese schließlich bezahlt…

    Aber was ist denn Lernen? – Warum lernt ein Kind besser Vokabeln als das andere? – Wieso kann ein Kind schlecht rechnen? – Wieso kann ein Kind mit (fraglicher) Dyskalkulie plötzlich Einsen am Stück schreiben? Kann man die Antwort im Gehirn sehen…?

    Das sind nun Fragen, die mich bewegen, da ich die biologischen Grundlagen der zugrundeliegenden Prozesse beobachte. In wissenschaftlichen Disziplinen wird inzwischen von den Steuerzahlern, also meinen Auftraggebern, gefordert, interdisziplinär zu arbeiten, damit schneller bessere Ergebnisse entstehen, wenn aus verschiedenen Blickwinkeln auf dasselbe Problem geschaut wird. Wenn nun Pädagogen auf mich zukommen, um zu fragen, ob man dieses Prinzip auch auf die schulische Arbeit anwenden sollte, bin ich gar nicht abgeneigt, weil ich diese Arbeitsweise kenne. Dabei lernt jeder vom anderen. Nichts anderes passiert nun auch unter den Schülern… Es ist dasselbe Prinzip, wobei die Schüler und Schülerinnen natürlich noch eine geeignete (Ein-)Führung brauchen.

    Eine Frage an Sie, Frau Pfeiffer-Stolz: Warum sollte Ihrer Meinung nach das Wissen um das biologische Fundament von Motivation, Lernfreude und Kulturleistungen nicht in Lehrerhände gelangen…? – Warum sollte ich nicht mein bescheidenes Wissen im interdisziplinären Schulterschluss innerhalb des Lehrerteams mit mutigen und kreativen Lehrpersonen teilen? – Was spricht denn Iherer Meinung derart dagegen, dass Sie fordern, ich solle lieber diese Menschen in Ruhe lassen…?

    @lachnudel: Die „Methode“ mag entweder wundersam oder unbekannt klingen, aber eine „Wundermethode“ ist es nicht. Eher ein lernförderndes Umfeld, soziale Wärme und eine Ansammlung brauchbarer, weil bewährter Unterrichtsprinzipien.

    Viele Grüße,

    Christoph Krick

    • Wenn aus vielen schlechten Matheschülern in kürzester Zeit (3 Monaten) Einser-Kandidaten werden, wirkt das auch auf mich wie die Vorstellung einer „Wundermethode“.
      Und an eine solche glaube ich einfach nicht.
      Um es klar auszudrücken: Hier wurden meiner Meinung nach im Bestreben, mit einer „neurowissenschaftlich“ begründeten Methode vor den Eltern und der Presse zu glänzen, leichtsinnig bis fahrlässig Erfolgsmeldungen produziert, die den Beteiligten nützen, zumindest den erwachsenen.
      Von Unterrichtsprinzipien verstehe ich wenig, doch ein lernfördendes Umfeld haben die Kinder gewiss nicht nur in der Schule.
      Und wenn Sie von sozialer Wärme sprechen, dann sind Massenbetriebe wie Kitas und Schulen gewiss keine sehr wärmespendenden Orte. Oder wollen Sie so ganz nebenher noch behaupten, dass SOS neben den geschilderten Wundern zusätzlich auch noch für jene Nestwärme sorgt, die jedes Kind allein bei seinen Eltern und in der Familie hat?
      Fragen Sie doch mal Erzieher/innen und Lehrer/innen, ob sie für die fremden Kinder genauso empfinden wie für die eigenen, auch wenn sie bemüht sind, freundlich und liebevoll mit ihnen umzugehen.
      Werter Herr Dr. Krick, wenn Sie und die Schulleiterin der Robert-Bosch-Schule glaubwürdig für die SOS-Methode werben wollen, dann kann ich aus meiner Sicht nur empfehlen, kleinere Brötchen zu backen und Behauptungen genauer auf ihren Glaubwürdigkeits- und Wahrheitsgehalt zu überprüfen.
      Sie wollen doch sicher nicht, dass Ihr Modellversuch mit SOS in die unrühmliche Geschichte anderer Versuche eingeht, die sich im Nachhinein nur als Jahrmarkt der Eitelkeiten entpuppt haben, der auf dem Rücken von Kindern und Eltern stattfand.

  9. Wir reden oder besser schreiben die ganze Zeit über eine bstimmte Schule. Hier ist die Adresse:

    http://www.rbs-homburg.de

    Es ist immer gut, sich „vor Ort“ zu informieren.

  10. Dank an Sie, „mehrnachdenken“, denn ich habe auch schon als stiller Leser der Kommentare gedacht, dass die Robert-Koch-Schule mit der Rektorin Barbara Naumann zwar immer nebenbei erwähnt wird, aber als Initiatorin des Modellversuchs und Lieferant der Erfolgsmeldungen zu wenig beachtet wird.
    Morgen werde ich mich mal „vor Ort“ informieren.

  11. Karin Pfeiffer-Stolz

    Sehr geehrter Herr Dr. Krick,
    es ehrt Sie, daß Sie Ihre Position argumentativ zu rechtfertigen suchen. Im ersten Moment war ich drauf und dran, Ihre Stellungnahme Satz für Satz auseinanderzunehmen; das wäre nicht schwer gewesen, denn besonderes Geschick in der Selbstrechtfertigung haben Sie nicht an den Tag gelegt; das macht Sie beinahe sympathisch.
    Es gab eine Zeit, da ich mich fragte, weshalb an der Schule jede noch so dumme und schädliche Methode jahrzehntelang gepflegt wird, obwohl die praktischen Ergebnisse, für jeden sichtbar, negative Früchte tragen. Heute, nachdem ich einen Blick hinter die Kulissen der staatlichen Einrichtungen geworfen habe, wundere ich mich nicht mehr darüber.
    Die Schule ist zur Beute skrupelloser Interessengemeinschaften verkommen. Das Wohl von Kindern und Jugendlichen wird mittels unerträglicher Erlösungsrhetorik gepriesen, während das eigentliche Ziel der Reformer ein gänzlich anderes ist. Man bemüht sich um staatliche Zuschüsse und satte Renditen, will sich und das eigene Institut gesellschaftlich positionieren und eine Runde auf dem Markt der Eitelkeiten drehen. Per se ist das nicht verwerflich. So ist der Mensch, auch ich bin einer.
    Aber wir sprechen hier von Schulen und dem Schicksal unzähliger junger Menschen. Der schädliche Reformirrsinn an den Schulen hat Methode. Die politisch vorgespurten Wege sind Einbahnstraßen, weil sie bereits im Vorfeld kommerziell verankert werden. Verträge werden geschlossen, oft auf Jahre oder Jahrzehnte hinaus. Rasch bilden private, halbstaatliche und staatliche Einrichtungen ein dichtes Netzwerk an wirtschaftlichen Interessen. Die Verflechtungen sind derart belastungsfähig, daß sie selbst dem stärksten kritischen Gegenwind trotzen. Wir erleben dies bei jeder Reform aufs neue – aktuell zum Beispiel die Inklusion.
    ___________________________

    Weil ich zunächst mehr über SOL und die Ursprünge dieser „neuen“ Methode wissen wollte, habe ich im Netz ein wenig gestöbert. Dabei drohte ich, im Sumpf von Seilschaften zu versinken. Ich habe von weiteren Recherchen abgelassen, weil es mir die Sache nicht wert ist. Was ich mit ein paar Klicks erfahren habe, reicht ohnehin aus, um mir ein Bild zu machen.
    Ich muß Ihnen recht geben, Herr Dr. Krick: Ihre Rolle bei diesem Spiel scheint eher eine marginale zu sein. Sie wurden gebeten, den „wissenschaftlichen“ Rahmen bereitzustellen, damit die naiven Steuerzahler (welche Sie, Herr Dr. Krick, fast schon scherzhaft als Ihre „Auftraggeber“ bezeichnen), nicht auf die Idee kommen, es handele sich bei SOL um reine Geschäftemacherei. Das Kleid der Wissenschaft aber ist im Laufe der letzten Jahrzehnte durch unrühmlichen politischen Gebrauch ziemlich verschlissen. Dahinter wird eine traurige Schäbigkeit sichtbar. Seriöse Neurowissenschaft gibt sich indes bestimmt nicht dazu her, einer pädagogischen Modetorheit wie dem SOL-Konzept seinen akademischen Segen zu geben.

    Es steht mir nicht zu, das Unterfangen moralisch zu bewerten. Zu bedauern sind Schüler und Eltern, die mit Illusionen abgefüttert werden, derweil sie um ihre echten Chancen betrogen sind. Ein Jahrzehnt und länger müssen sie täglich eine Einrichtung besuchen, in welcher pausenlos wechselnde Experimente angestellt werden, die dem Wissenserwerb und damit einer guten Bildung kontraproduktiv entgegenstehen. Und all diese Maßnahmen dienen – natürlich! – dem Wohl des Kindes. Es ist die ungeheure Heuchelei, die so abstoßend wirkt.

    Nachbemerkung:
    Wer nach den Initiatoren des SOL-Projekts sucht, stößt auf ein Netzwerk, in dem man sich verliert. Das Landesinstitut für Pädagogik und Medien (LPM) steuert Mittel für die Fortbildung für das anwendertaugliche Umsetzen des „Selbstorganisierten Lernens“ (SOL) bei, das in Ulm durch das Institut für Selbstorganisiertes Lernen entwickelt wurde.
    Erfinder von SOL ist nach Internet-Recherchen (1) ein gewisser Martin Herold, Jahrgang 1953 und seit 2007 Geschäftsführer des SOL-Instituts (2). Herr Herold war jahrzehntelang Studiendirektor mit Lehrauftrag und Tätigkeit als Fortbildungsreferent in der Schulverwaltung mit Schwerpunkt Schulentwicklung am Oberschulamt Tübingen. Von Anfang als aktives Mitglied im Verwaltungs- und Politapparat in Baden-Württemberg tätig, nimmt der ehemalige Lehrer heute Einfluß auf die ständigen Reformen an Schulen. Und verdient nicht schlecht daran. Die „wissenschaftliche Begleitung“ soll nach außen hin den Reformunternehmen einen seriösen Anstrich geben.

    (1)
    http://www.lernwelt.at/downloads/herold_martin.pdf

    (2)
    http://www.sol-institut.de/das-institut/

    http://www.sol-institut.de/unsere-leistungen/

  12. Dr. Christoph Krick

    Sehr geehrte Frau Pfeiffer-Stolz,

    von anderen Richtungen her lauern zusätzliche Gefahren, die Sie nicht unerwähnt lassen sollten: Die Medienindustrie angelt uns die Jugendlichen weg in ihre virtuelle Scheinwelt, um sie dort über extrinsische Belohnungsreize im Stadium von Kindern zu halten. Und im Alter von 30 Jahren müssen diese „Kinder“ über teuer bezahlte Therapien lernen, selber Verantwortung für sich zu tragen.
    Die Nachhilfe-Studios versprechen, das über dem Medienkonsum Versäumte nach der Ganztagsschule über teuer bezahlte Spezialangebote ins Kindergehirn zu pressen, während die jungen Leute darüber das verpassen, was wir früher „Kindheit“ nannten. (Das Saarland ist eines der Bundesländer mit den höchsten Pro-Kopf-Ausgaben für Nachhilfe.) Burnout im Kindesalter ist auf dem Vormarsch.
    Aber das ist noch nicht alles! – Über 5% der Kinder sind behandlungsbedürftig depressiv. 10% leiden an Angststörungen. Und nicht zuletzt haben wir ja noch die 2 bis 3% Zappelphillippe und Träumerlieschen. Ganz zu schweigen von Kindern mit allerlei „Störungen“ im Sozialverhalten! Logisch, dass die Behandlungen alle nicht umsonst sind…!
    Aber nun mal ganz im Ernst, Frau Pfeiffer-Stolz: Ich gebe Ihnen recht, dass wir allesamt aufpassen müssen, unsere Kinder nicht von kommerziellen „Fischfangflotten“ wegangeln zu lassen. Und ich gebe Ihnen durchaus recht, dieses Gebot auf die Schulumgebung auszudehnen. Insofern nehme ich Ihre Sorgen ernst und teile sie.
    Vielleicht sollte es für Sie daher eine interessante Information sein, dass das Lehrerteam der Robert-Bosch-Schule die internen Umgestaltungen zum effektiveren Lernen weitgehend in Eigenregie umsetzt. Somit Entwarnung an dieser Stelle: kein Kommerz auf Kosten der Kinder. Aber bewundernswerte Lehrjräfte, denen ich viel Respekt entgegenbringe!
    Offensichtlich funktionieren die Maßnahmen, die von diesen teamfähigen Pädagogen umgesetzt werden. Ich kann somit nicht so recht nachvollziehen, wieso Sie die Mühe und die geistige Schaffenskraft dieser Menschen aus der sicheren Entfernung Ihres Computers zu torpedieren versuchen…
    Vielleicht kommt ja 2012 doch nicht der Weltuntergang und wir erleben zusammen noch erquickliche Meldungen aus der interdiziplinären Zusammenarbeit in der Robert-Bosch-Schule.
    In diesem Sinne wünsche ich Ihnen eine frohe Adventszeit, Frau Pfeiffer-Stolz.

    Viele Grüße,

    Christoph Krick

  13. Mir verschlägt es die Sprache, denn Ihre Ausführungen sind so unglaublich engagiert, aufschlussreich und mutig, Frau Pfeiffer-Stolz, dass ich kaum weiß, wie Ihnen danken soll. Darum einfach nur: Herzlichen Dank!

  14. Sie stellen folgende Fragen, Herr Dr. Krick: „Aber was ist denn Lernen? – Warum lernt ein Kind besser Vokabeln als das andere? – Wieso kann ein Kind schlecht rechnen? – Wieso kann ein Kind mit (fraglicher) Dyskalkulie plötzlich Einsen am Stück schreiben? Kann man die Antwort im Gehirn sehen…?“
    Ich denke, es gibt viele Einflussfaktoren und viele Antworten, zu denen die Neurowissenschaft nur einen von vielen Beiträgen liefert.
    Andere Wissenschaftszweige stellen ebenfalls Richtiges und Wichtiges fest, doch leider wird „neuen“ Erkenntnissen allzu oft durch Ehrgeiz und die Aussicht auf persönliche Vorteile ein so übertrieben hoher Stellenwert zugeschrieben, dass weitere ebenso gültige und wichtige Wahrheiten automatisch als altmodisch und darum minderwertig gelten. Dies hat für den Unterricht und damit auch für die Schüler und Lehrer bedauerliche Auswirkungen.
    Die Mischung macht’s nämlich wirklich, wie „mehrnachdenken“ mit Hinweis auf Prof. Hilbert Meyer und seine beeindruckende Selbstkorrektur in Sachen SOL ganz richtig festgestellt hat.
    Hut ab, vor diesem Mann, der einen folgenschweren – und für ihn sicher peinlichen – Irrtum eingesteht und heute nachdrücklich für traditionelle, bewährte Methoden eintritt, obwohl sie ihm und seiner Wissenschaft weit weniger Glanz und Glorie einbringen als alles Neue, das immer für Aufsehen sorgt und automatisch für besser gehalten wird als das Alte.

    Zu Beginn meines Lehrerdaseins habe ich fast gar nichts von dem verspürt, was „lachnudel“ am 6.12. um 22:36 Uhr den „Jahrmarkt der Eitelkeiten“ nennt. Dieser kam ab Mitte der 70er Jahre zuerst auf leisen Sohlen, um danach mit immer lauterem Medienrummel auf sich aufmerksam zu machen.
    Warum das? Wozu brauchen wissenschaftliche Annahmen und Modellversuche solchen Wirbel? Und warum muss man in immer kürzeren Abständen schon Erfolge vermelden, die im Fall der Robert-Bosch-Schule so überzogen sind, dass sie bei vielen gegen jedes Wissen und jedes Gefühl für Glaubwürdigkeit verstoßen?
    Und warum erst vollmundig von wundersamen Ergebnissen berichten, um dann mit gebotener Bescheidenheit das Wort „Wundermethode“ abzuwehren, weil es auf Grund von Zweifeln spöttisch klingt?
    An der Flut froher, aber bezweifelter Erfolgsmeldungen hat sicher auch das Lehrerkollegium der Robert-Koch-Schule, insbesondere die Schulleitung, erheblichen Anteil. Positive Auskünfte von dieser Seite sind sicher wichtig für die mediale Begleitung des Modellversuchs, die nicht zuletzt auch der Schule und ihrem sog. Schulprofil zugute kommt.

  15. Zitat: „Laßt endlich die Lehrer in Ruhe! Dann lernen auch die Kinder wieder besser.“
    Dieser Satz, liebe Frau Pfeiffer-Stolz, gefällt mir von Ihren lesenswerten Kommentaren am besten.
    Der Lehrerberuf macht schon lange keinen Spaß mehr und ich kann nur jedem raten, es sich 3 mal zu überlegen, bevor man ihn ergreift. Man interviewt am besten mal Lehrer/innen, die schon einige Jahre auf dem Buckel haben.

    • In dem Jahr 2012 hatte ich mit Wiedereingliederung das Schuljahr begonnen, nachdem ich von meiner langjährigen Hausärztin „aus dem Verkehr gezogen wurde“.
      Deshalb habe ich nun alle Kommentare erst jetzt vor Augen!
      Und ich bin sehr interessiert an den weiteren Äusserungen…es ist ein LERNFELD für mich.
      Was mir fehlt, in dem realem Umfeld, besonders im Beruf als PF in einer Schule mit ganzh.Förderung, ist die
      Bereitschaft zur Meinungsäusserung.
      Hinter vorgehaltener Hand flüstert sich der eine oder andere Kollege zu, was ihn frustriert, doch in der großen Konferenz wagt niemand, die neuerlichen Ideen zu hinterfragen.
      Ich kann sehr viel Ähnlichkeit mit dem Anpassungverhalten zu den DDR-Zeiten feststellen. Schon damals habe ich manches infrage gestellt, laut! Heutzutage macht mir ARBEITSPLATZVERLUST keine Bange mehr, denn die
      Ängste habe ich mittlerweile besiegen können, dank meiner erwachsenen Kinder und meiner Arbeitsjahre, doch ob BRD oder DDR- ein INFRAGESTELLEN birgt das Risiko, nicht in der Position der Macht zu stehen, um gehört zu werden.
      Ich fand tragisch mitanzusehen, wie die ersten Jugendlichen zu uns kamen, als 15-jährige, vollgepumpt mit Medikamenten,und unerreichbar. Sie waren kognitiv normal leistungsfähig, bis Ereignisse von aussen über sie hereinbrachen. Schon meine damalige Frage, ob denn ausser Medikamenten für sie gesorgt wird, hielt man für „nicht angemessen“. Ihre Zeit bei uns war die Endstation aller Schulformen, eine grausige Vorahnung…

  16. Dr. Christoph Krick

    Sehr geehrte Frau Prasuhn,

    das Kommentieren Ihrer analytischen Betrachtung fällt mir leichter als das Beantworten emotional aufgeladener Postings.
    Zum Thema „Wundermethode“: Das Gehirn mag eine verwunderliche Kreation der Natur sein, aber deswegen neigen Neurowissenschaftler nicht zum Wunderglaube… Wenn ein Kind mit „diagnostizierter Rechenstörung“ in einer veränderten Umgebung dieselbe „Störung“ nicht mehr zeigt, dann dann gibt aus meiner Sicht nur eine plausible Erklärung dafür: Die vorherige Umgebung war nicht in gleicher Weise förderlich im Vergleich zur aktuellen Umgebung. Zugleich kann sich die Vorerfahrung des Scheiterns hartnäckig im Selbstkonzept eines Kindes verankern. Solche Kinderschicksale scheinen nicht so selten zu sein, wie ich dies zuvor hätte vermuten wollen. Zugleich zeigt mir dies auch auf, dass solche Bescheinigungen eines vermeintlichen Unvermögens nicht immer den Kern des Problems beschreiben können.
    Aber was heißt nun „Störung“ im Lernverhalten? – Die Aus meiner Sicht erscheint dieses Gebilde im Kinderkopf reichlich „störanfällig“ im Vergleich zu anderen Organen. Eine DAK-Studie aus 2011 ergab, dass sich bis zu 30% der Kinder in der Schule deprimiert fühlen. Gerade solche Kinder mit Leistungsschwächen berichten zudem von tief sitzenden Ängsten und Selbstzweifel. Ich beobachte, dass die sogenannten „Schutzfaktoren“ (z.B. soziale Eingebundenheit, Zuversicht zu den eigenen Kräften, Problemlösekompetenz) wegbrechen, während Risikofaktoren (z.B. Vereinzelung, Gewalterlebnisse, Ohnmachtsgefühle) zunehmen. Ich gehe daher davon aus, dass hinter der „wundersamen“ Verbesserung aus dem kindzentrierten Unterrichtsmodell der Robert-Bosch-Schule nicht ein „explosionsartiges“ Dazulernen dahintersteckt, sondern der fachspezifische Fortschritt in ganz anderen Dimensionen, nämlich der Emotionalität zum Schulunterricht, zu suchen sein dürfte. Aus meiner Sicht erscheint es dramatisch, dass eine passende Lernumgebung so rasch einen Wandel des schulischen Erfolgs nach sich ziehen kann.
    Ich frage mich daher als Gehirnforscher, was hier genau passiert ist und wieso solch ein kindgerechtes Umfeld nicht schulische Normalität ist…

  17. Ihre Worte, Herr Dr. Krick: „Ich frage mich daher als Gehirnforscher, was hier genau passiert ist und wieso solch ein kindgerechtes Umfeld nicht schulische Normalität ist…“
    Glauben Sie mir, hier ist etwas passiert, was mehr mit den äußeren Umständen Ihres Versuchs zu tun hat als mit SOL an sich.

    • Sie sprechen mir aus der Seele. Wer Unterrichtsbesuche in der Lehrerausbildung erlebt der bemerkt sehr schnell das dies immer Ausnahmesituationen sind die nicht auf den Alltag zu übertragen sind.

  18. @ Dr. Krick,
    In dem Artikel bei News4teachers steht: „Die Lehrkräfte wollen vielmehr neurowissenschaftliche Erkenntnisse über Lernprozesse und deren biologische Grundlagen bei der Neuausrichtung des Unterrichtes und Lernens nutzen.“
    Können Sie bitte kurz darstellen, um welche neurowissenschaftlichen Erkenntnisse es sich handelt, und wie diese für das SOL genutzt werden können.
    Sie betonen, wie wichtig eine freundliche und emotional positive Lernumgebung für erfolgreiches Lernen ist. Herr Dr. Krick, mit Verlaub, dass ist doch eine pädagogische Binsenweisheit. Möglicherweise kann mit „SOL“ so eine Atmosphäre geschaffen werden. Es sollte jedoch hinzugefügt werden: Aber auch mit vielen anderen Methoden. Ja, ich kann mir sogar vorstellen, dass in dem Modellversuch schon relativ kurzfristig Leistungssteigerungen festzustellen sind. Können Sie exakt ermitteln, ob das ganz alleine mit der neuen Methode zu tun hat oder könnte es auch ganz simpel mit der Tatsache zusammenhängen, dass wir Menschen und in besonderer Weise Kinder leicht dem „Reiz des Neuen“ erliegen. Was Sie schildern, haben bestimmt schon viele Lehrkräfte erlebt. Da kommen SchülerInnen aus der GS in die weiterführende Schule, und sie verbessern ihre Noten deutlich. Am Ende des Schuljahres hat sich aber i.d.R. manches wieder „normalisiert“. Wie erklären Sie sich die anfänglich große Lernfreude der Kinder?
    Deshalb können Sie m.E. erst nach einer längeren Laufzeit einigermaßen belastbare Erkenntnisse aus dem Modellversuch gewinnen.
    Sie erwähnen die DAK-Studie und sprechen von „deprimierten“, „ängstlichen“ und „selbstzweifelnden“ Kindern. Ja, die gibt es leider in immer größerer Anzahl. Dafür wird es aus meiner Sicht aber keine einzige Ursache geben. Sicher finden Sie viele Ursachen in der schulischen Umgebung; dort verbingen die Kinder und Jungendlichen auch viel Zeit. Die außerschulischen Faktoren dürfen aber nicht ignoriert werden. Zudem gehen Kinder mit schwierigen Lebensumständen sehr unterschiedlich um.
    Viele Kinder besuchen Schulformen, auf denen sie hoffnungslos überfordert sind. Welche Eltern orientieren sich denn noch an den Empfehlungen der Lehrkräfte? Alles strömt auf das Gymnasium. Das Gymnasium, die „Volksschule“ der Zukunft? Neben den schulischen Förderprogrammen müssen diese Kinder auch noch zur Nachhilfe. Kurzum: Der Alltag vieler Kinder besteht nur noch aus LERNEN. Was für ein trauriges Leben! Einige werden es mit dieser geballten Unterstützung schaffen, viele aber nicht.
    Wer würde sich von uns unter diesen Umständen nicht depremiert oder ängstlich fühlen und an sich zweifeln?
    Dass die permanente schulische Überforderung bei vielen Kindern und Jugendlichen zu psychischen und somatischen Schäden führt, steht außer Frage.
    Ich kenne in meinem näheren Umfeld Akademiker-Eltern, die ihre Kinder begabungsgerecht beschulen lassen. Niemand wird von ihnen gezwungen, das Abitur zu machen. Das nenne ich verantwortliches Handeln für die Kinder.

    • Ich muss hier einfügen, dass ich als Mutter vieles von meinen Kindern gelernt habe.So lange ich IHNEN vertraue, wird das Kind Lösungen suchen und finden.
      Mein zweitgeborener Sohn war überaus körperlich aktiv, kreativ im Selbstbeschäftigen, und das WESENTLICHSTE:
      Er war neugierig!Für dieses Verhalten , ständig nachzufragen, zu hinterfragen, gab es nur wenig Raum im Schulalltag. Eine Lehrerin von den vielen meist überforderten Kollegen, gab ihm immer wieder IHR Vertrauen, dass er ein patenter Junge ist.
      Mit dem Ende des neunten Schuljahres teilte er mir mit, „er tut sich und den Lehrern den Gefallen, die Schule zu verlassen“- nach dem Ende der Ferien begann er eine Ausbildung, welche er selbstständig wählte.
      Mit der leitenden verantwortungvollen Stellung von heute erlebe ich einen Menschen, der bereit ist, zu lernen, zu führen, und dem Teammitglied sozial gerecht zu begegnen.

  19. Dr. Christoph Krick

    @Birgit:
    Aus ethischen und rechtlichen Gründen ist es gar nicht möglich, eine wissenschaftliche Datenerfassung unter Schülern so zu gestalten, dass diese das Messumfeld überhaupt nicht beeinflusst. Das heißt, dass die Kinder und deren Eltern immer wissen müssen, um was es sich dreht, welche Parameter erfasst werden und wozu die Angaben dienen sollen. Natürlich sollten die Messinstrumente so wenig wie möglich die zu messenden Parameter beeinflussen. Aber Kinder sind zwar kurz, aber nicht dumm, so dass Ihr Einwand durchaus berechtigt ist. Zudem ist der ganze Presserummel nicht wirklich hilfreich, aber es ist ja recht ungewöhnlich, dass sich Lehrer, Schüler und Neurowissenschaftler miteinander vernetzen, so dass es einfach auffällt, dass Kinder zwischen Schule und Uni hin- und herwandern. Und man kann ja niemandem den Mund verbieten…

    @mehrnachdenken:
    Das wichtigste zuerst: Wenn man beobachen will, wie ein Kind lernt, dann muss man ihm nicht ins Gehirn schauen, sondern man kann einfach das Kind beobachten… Daraus abgeleitete Regeln werden auch dann nicht hinfällig, wenn man deren neurobiologischen Grundlagen untersucht. Daher ist die pädagogische Arbeit und deren soziale Funktion meines Erachtens nicht ersetzbar – weder durch Neurowissenschaft, noch durch Unsinn wie „e-learning“.
    Zur Art der Kooperation: Manchmal ist es bei dieser pädagogischen Arbeit aber hilfreich zu wissen, was für ein Problem dahintersteckt, wenn der Erwerb einer wichtigen Kulturleistung mal nicht funktioniert. Ich hatte oben Kinder mit Rechenschwäche erwähnt. Das intuitive Erfassen einer „Anzahl“ von Objekten oder Menschen ist schon bei drei Monaten alten Säuglingen zu beobachten, auch wenn diese noch gar keinen Begriff für „Anzahl“ haben. Diese kognitive Gabe lässt sich auch deutlich unterscheiden vom intuitiven Erkennen von „Form“. (Diese Messungen wurden mittels Gehirnstrommessungen in Frankreich an den kleinen Pampersträgern vorgenommen.) Das Rechnen mit großen Zahlen oberhalb intuitiv erfassbarer Mengen ist jedoch eine Funktion, die normalerweise im Verlauf der Schulzeit eintrainiert wird. Als Fundament dafür werden Areale im Gehirn „ausgeliehen“, die ursprünglich beim räumlichen Denken involviert sind. Im Verlauf der Schuljahre spezialisiert sich in der rechten Gehirnhälfte eines dieser Areale für Mathematik. Geschieht dies nicht, wird kompensatorisch mit der „Kleinkindfunktion“ des Zählens (z.B. Finger) und mit dem Verbalisieren von Regeln gearbeitet. Diese Pfade zu verlassen und neue zu beschreiten ist dann schwierig. Ich bin nun dabei, mit den Pädagogen zusammen Fördermaßnahmen zum Verbessern des räumlich-numerischen Denkens zu erarbeiten. Umgekehrt kann ein Mathe-Lehrer mit solchen Erkenntnissen arbeiten, wenn seine kleinen „Couch-Potatoes“ über das Vernetzen mit dem Sportlehrer zu raumgreifenden Laufspielen mit pädagogischem Hintergrund angeleitet werden.
    Zur SOL-Lernumgebung: Das SOL-Konzept ist ja nicht neu. Aber in der zurückliegenden Zeit wurde SOL parallel zu lehrerzentrierten Unterrichtsmodellen eingesetzt – je nach „Geschmack“ der Lehrperson eben. Das Problem dabei ist, dass die Kinder im SOL-Unterricht mehr selber arbeiten müssen im Vergleich zu einem Unterricht, in dem sich der Lehrer verausgabt. Die Kinder kriegen rasch spitz, dass sie im Frontalunterricht mental die Füße hochlegen können, so dass im Kontrast der Mitmach-Unterricht „mühevoller“ erscheint. Dadurch hatten es die SOL-Pädagogen mit der Zeit schwerer, diesen Unterrichtsstil durchzuhalten. Es scheint leichter zu werden, wenn die Kinder wissen, dass die Schule durchgängig ihre eigene Sache ist – und der Lehrer keine „Oppositionsrolle“ inne hat.
    Zudem wird an der Robert-Bosch-Schule ein Konzept mit mehreren Schwierigkeitslevels angeboten, was die Kinder mit Assoziation zur Computerwelt zu schätzen wissen. Umgekehrt ist dadurch das Erfolgserlebnis so gut wie sicher, so dass positive Emotionen zum Lerngegenstand induziert werden. So weit meine Laiensicht… Besser wäre es, zu den Details die Lehrer selbst zu befragen.
    Viele Grüße,

    Christoph Krick

    • E-Learning ist kein „Unsinn“, wie Sie meinen, Herr Dr. Krick. E-Learning wird allerdings kaum professionell, i.e. zielführend und kompetent betrieben. Das leider mittlerweile kostenpflichtige „bettermarks“, als Projekt von Ihrem Kollegen Prof. Spitzer begleitet und begutachtet (einem ehemals äußerst kritischem Gegner des Computereinsatzes beim Lernen), ist ein gutes Beispiel für den erfolgversprechenden Einsatz im Mathematikunterricht. Das System leistet zweierlei: Training und unmittelbare, kompetenzorientierte Rückmeldung auf der Basis individualisierten Lernens. Die Lernplattform moodle birgt ebenfalls enorme Potentiale, die mehr und mehr genutzt werden. Der intelligente Einsatz solcher Systeme erfordert erheblichen Entwicklungsaufwand. Ich könnte mir vorstellen, dass solche Systeme die von Ihnen propagierte, neue Lernumgebung durchaus bereichern kann.

  20. Schön wäre es, wenn sich auch erfahrene „SOL“-Lehrkräfte oder Eltern, deren Kinder nach „SOL“ unterrichtet werden, an der Diskussion beteiligen würden.

  21. Warum denn das, mehrnachdenken?
    Was erwarten Sie denn? Etwa auch kritische Stimmen?

  22. Es ist doch schon seltsam, dass es hier äußerst kritische Kommentare zu „SOL“ gibt, aber niemand – außer der begleitende Neurowissenschaftler Dr. Krick – sich da „zur Wehr“ setzt. Wenn ich von einer Sache so überzeugt wäre und eine Diskussion darüber mitbekäme wie hier, würde ich nicht ruhig bleiben.

  23. Dr. Christoph Krick

    @mehrnachdenken:
    Die Robert-Bosch-Schule ist sicher nicht die erste Einrichtung, in der solche Unterrichtsmodelle umgesetzt werden. Neu ist hier bloß die neurowissenschaftliche Beobachtung der Effekte ab Klassenstufe 5.

    Ich mache mal den Zirkel etwas größer, so dass nicht nur die in der obigen Pressemeldung zitierte Gemeinschaftsschule im Fokus steht: Das Berufskolleg in Bünde praktiziert den SOL-Unterricht nebst Fördermaßnahmen seit 2006/2007. Vor der Umgestaltung der Lernumgebung dümpelte der direkte Übertritt von der Schule zu einer Lehrstelle bei etwa 15% herum. Das zwang den Rektor damals dazu, eine „Radikalkur“ durchzusetzen. Als tauglicher Fahrplan diente dort SOL. Inzwischen werden 95% der Schulabgäbger direkt in eine Lehrstelle vermittelt. Wieso bloß? – Welche Kompetenzen werden hier erworben, so dass die jungen Leute derart attraktiv für Lehrbetriebe werden? – Man müsste also auch mal die Betriebe bitten, das „Resultat“ solch eines Unterrichts zu kommentieren…

    Wahrscheinlich könnte letztlich aber jedes Lehrerteam unter Zuhilfenahme des gesunden Menschenverstandes, genügend Berufserfahrung, Beherztheit und jede Menge Zeit dieses Rad auch ohne die Vokabel „SOL“ immer wieder neu erfinden… Die Leiterin des Förderteams in Bünde fasst ihre SOL-Erfahrung wie folgt zusammen:
    „SOL ist keine neue Unterrichtsmethode, sondern ein systemischer Ansatz, der neue Elemente der Lernforschung, Gruppendynamik, der Leistungsbeurteilung, der Lernkultur und der fraktalen Organisation umfasst. Zusätzlich zum fachinternen Einsatz von SOL gibt es fächerübergreifende Unterrichtsarrangements, die phasenweise in der BFS-FHR den „normalen“ Stundenplan ersetzen und somit den 45-Minuten Rhythmus aufheben, um auf individuelle Lernstände und Lernfortschritte eingehen zu können.“
    http://www.egb-buende.de/egb/index.php?option=com_content&view=article&id=287&Itemid=248

    Man darf sich wohl SOL nicht als „pädagogisches Korsett“ vorstellen, sondern als eine erprobte „Leitstruktur“ innerhalb eines Lehrerteams zum gemeinsamen Vereinbaren einer optimierten Lernumgebung über praxistaugliche, weil bewährte Prinzipien des Lernens. Ein wichtiges Prinzip ist dabei offensichtlich die Teambildung zwecks Verfolgen gemeinsamer Ziele – und das nicht nur beim schulischen Lernen, sondern auch innerhalb des Lehrerkollegiums. Dabei wird das Lehrerkollegium ja nicht über Hexerei plötzlich größer, aber augenscheinlich effektiver bei gleichem Engagement. Warum bloß sollte das Umsetzen solchermaßen wirkungsvollen Prinzipien eigentlich schädlich sein…?

    Was mich in der ganzen Diskussion hier verblüfft, ist die refexartige Ablehnung relativ logischer Lernarrangements, nur weil diese nun mal einen Namen bekommen haben, der aber noch nicht mal besonders provokativ klingt. Ich denke, dass wir noch zu oft glauben, dass Schule darin besteht, die „geistige Nahrung“ möglichst mundgerecht zu servieren, um das Kochen derselben lernen zu machen. Es ist ja aber logisch, dass man das Kochen nicht lernt, indem man das fertige Gericht zu sich nimmt. Man lernt das, was man selber begreift oder selber erfährt. Ich bin immer betrebt, dazuzulernen. Hier habe ich nun eine ganze Menge gelernt, wieso hierzulande das erfahrungsbasierte Lernen des finnischen Schulsystems, das schon lange auf Gruppenarbeit und Peer-Coaching setzt, noch lange warten muss 😉

  24. Dr. Christoph Krick

    Kleiner Nachtrag: Am Rande eines internationalen Kongresses hatte ich das Vergnügen, den „besten Lehrer“ Finnlands (die bekommen dort tatsächlich offizielle Belobigung für gute Arbeit – anstatt Schulterzucken!!!) und dessen Ausbilder kennen zu lernen. Die beiden Pädagogen waren der Auffassung, in Deutschland eine „Fehler-Krankheit“ in der Schule zu erkennen. Offensichtlich schaffen wir es, den Kindern schon früh eine Angst vor Fehlern einzureden, anstatt Fehler in positivem Sinne als das zu bewerten, was sie tatsächlich sind: sie pflastern den Weg zum Erfolg. Deutsche Kinder würden aufgrund einer „Fehler-Scham“ nur zögerlich am Unterricht partizipieren und Fehler viel zu tragisch nehmen. Der finnische Lehrer erklärte mir, dass an seiner Schule aus genau diesem Grund nicht die Fehlerrate als Bewertungskriterium herangezogen wird, sondern das Ausmaß des individuellen Fortschritts nach eifriger Reflexion der Fehler. Interssant oder? – Ich grübele seither darüber nach, ob wir diese „deutsche Krankheit“ in der gesamten Gesellschaft kultivieren. Ist es nicht so, dass wir lieber gar nichts machen, um keine Fehler zu machen? – Und was machen wir, wenn jemand in beherztem Handeln einen Fehler gemacht hat? – Abstrafen natürlich!

    Eine Forschergruppe in Holland hatte 2008 herausgefunden, dass es insbesondere Kindern kognitiv und emotional schwer fällt, aufgrund eines schief gelaufenen Versuchs eine Lernstrategie zur Leistungsverbesserung abzuleiten. Junge Kinder seien aber sehr versiert darin, aus erfolgreichen Versuchen heraus eine selbstgewollte Leistungsverbesserung zu erzielen. Die Arbeitsgruppe hatte die biologischen Grundlagen dieser kindlichen Hürde beim Lernen aus Fehlern an entwicklungsbegingsten Prozesse im Gehirn festmachen können.

    Wenn man die finnischen Lehrer und die holländischen Forscher in der Zusammenschau sieht, sollten wir mal über die bisherigen Bewertungskriterien und die rote Tinte in Grundschule und Sekundarstufe I nachdenken…

  25. @mehrnachdenken: Da ist ja wieder dieser bekannte Diskussionsstil. *zwinker* Dass sich hier fast nur Kritiker zu Wort melden, hat doch keine Aussagekraft. Schon gar nicht dahingehend, dass es keine Befürworter gäbe. Es ist immer so, dass sich eher die Kritiker zu Wort melden. Und wer weiß schon wirklich, ob nicht immer die gleiche Person unter verschiedenen Pseudonymen hier schreibt. Das ist doch in Diskussionsforen auch gang und gäbe. Seien wir mal nicht zu blauäugig.

  26. Wer weiß, vielleicht stecken Sie (Herr mehrnachdenken) ja hinter allen Kritiker-Pseudonymen. *grins*

  27. Ihre Vermutungen empfinde ich als Frechheit, sofawolf. Selbst anonym schreibend wagen Sie es, andere Anonyme zu beleidigen und mit Verdächtigungen zu überziehen.
    Wer sind Sie eigentlich? Zumindest keiner, der sich offen zeigen will, andere aber, die dasselbe Recht für sich in Anspruch nehmen, mit Häme und Arroganz überschüttet.
    Im Umkehrschluss müssten die anderen jetzt behaupten, Sie seien ein SOL-Vertreter oder gar Herr Dr. Krick selbst, der sich für die Stärkung seiner Meinung Pseudonyme verschafft.
    Sie schaden als Heckenschütze allen Seiten, sogar sich selbst. Um dies aber zu bemerken, fehlt Ihnen wahrscheinlich jedes Empfinden für Anstand und Fairness.
    Ich bin außer mir vor Empörung, was Sie wahrscheinlich nur mit kaltem Grinsen zur Kenntnis nehmen.
    Hauptsache, Sie haben andere geärgert. Das gibt ja manchen auch schon ein wohliges Gefühl.

  28. Ist ja alles gut und schön, aber was ist daran neu??? Ein Kollege bei 4teachers.de hat schon sehr oft von seinen Erfahrungen berichtet, denn er hat die letzten 20 Jahre bis zur Pensionierung nach diesem Modell gearbeitet, oft mit viel Gegenwind.
    http://www.robischon.eu/
    Ich frage mich als Fremdsprachenlehrerin nur immer, wie dieses Lernen in den Sprachen funktionieren soll. Wie können sich Schüler die Aussprache und Grammatik von Englisch und Französisch aneignen ohne „Unterricht“ im herkömmlichen Sinn?? Wenn Lehrer dann nur noch Begleiter sind, kann ich mir das nicht vorstellen. Aber diese Frage hat dieser Kollege leider auch nie beantwortet.

    PS: Könnt ihr nicht endlich mit dieser albernen Nick-Raterei aufhören. Wer öfter hier und bei 4teachers ist, der kennt seine Leute und weiß, wer inzwischen mit zwei- und dreifach-Nicks unterwegs ist. Aber damit hier die Kommentare vollzuspammen nervt!!!

  29. Dr. Christoph Krick

    @Klexel:
    Sie haben völlig recht: Gar nichts an diesem Lernstil ist „neu“. Wahrscheinlich haben schon in der Steinzeit die Kinder den Erwachsenen beim Steine behauen zugeschaut, um sich dann in munterer Diskussion und entspannter Kreativität an derselben Aufgabe zu versuchen… Irgendwann in der wilhelminischen Zeit hatte man dann beschlossen, die Kinder in Reihen zu setzen, ihnen das Diskutieren zu verwehren und somit das gemeinsame Nachdenken und gegenseitige Gedankenverschränken gleich mit. Da dies entgegen jeder physiologischen Gegebenheiten des Kindergehirns war, hatten die Lehrkräfte daraufhin mehr mit Disziplinierung zu tun als mit dem erlernten Beruf. Dann kam noch die Unsitte dazu, die Kinder über die Erwachsenenstrategie der Fehlerkritik zu bewerten, was dazu führte, dass kleine Leute mit viel Vorwissen weniger mit bremsender Fehlerangst zu kämpfen hatten als Kinder mit vorbestehenden Kenntnislücken. Letztere wurden über die Bewertungsstrategie zusätzlich ausgebremst, so dass die Divergenz unter den Kindern zementiert wurde. Der Pädagogikprofessor Ulrich Herrmann folgert daraus, dass wir dadurch „aus schlechen Noten schlechte Schüler machen“. Früher hatten wir dann die Kinder in „Arbeiter- und Akademiker-Schulen“ aufgeteilt, um dieses Problem logistisch zu lösen. An den Folgen knabbern wir – laut regelmäßiger OECD-Kritik – bis heute.

    Aber nun zu Ihrer sehr spannenden Frage des Lernens im Fremdsprachenunterricht. Da habe ich natürlich keine Berufserfahrung anzubieten, aber zumindest ein paar Fragen, denen wir zusammen nachgehen könnten:
    1) Sprache kommt von Sprechen. Man macht ja öfters die Beobachtung, dass 6 Monate Auslandsaufenthalt mehr für den Spracherwerb bringen als 6 Jahre Schule. Hat das vielleicht damit zu tun, dass im Fremdsprachenunterricht einfach zu wenig gesprochen wird? – Und wie könnte man das in einem kooperativen Lernstil so unterbringen, dass nicht nur immer in Richtung Lehrerin gesprochen wird? – Rollenspiele in Kleingruppen nach entsprechenden (mal schriftlichen, mal akustischen) Vorlagen? – Dann gegenseitiges Vortragen zwischen den Gruppen mit Reflexion über Verbesserungsmöglichkeiten? – Am Ende Präsentation des Erreichten vor der Klasse mit Applaus und ohne Angst…?
    2) Wozu lernen die Schüler Wortpaare auswendig? – Für den Vokabeltest natürlich! Und zum nachfolgenden Vergessen, was auf allen Seiten einiges an Frust zurücklässt. Leider funktioniert unser Gedächtnis nämlich nicht wie Telefonbuch. Wir memorieren Wissen anhand von Vernetzungen – am besten mit Vorwissen. Aber auch andere Verbindungen zur Wortfunktion und Wortbedeutung im Kontext können solche Vernetzungen aufbauen. Vokabelpaare ohne deren Verwendung im Kontext sind Informationsschnipsel, die nur schwer gelernt werden. Der Vokabeltest überprüft dann bloß die Kapazität des Kurzzeitgedächtnisses, aber keine Sprachkenntnisse. Zudem sind die Bewertungsstrategien im Vokabeltest zumeist derart frustrierend, dass ein positiven Zuwenden zu der Fremdsprache damit meines Erachtens leicht unterminiert werden kann. Was halten Sie von der Idee, die zu lernenden Vokabeln in kleine Briefchen packen zu lassen – mit der Wette, mögichst viele davon in möglichst wenig Text mit jedoch erkennbarer Semantik zu verwenden. Und Zettelchen schreiben wollen eh alle… Unter solchen Wetteinsätzen vielleicht sogar am Nachmittag über Facebook 😉
    Probieren Sie das doch mals vor einem Vokabeltest aus…

    Vielleicht haben Sie ja noch viel bessere und kreativere Ideen. Ich denke, wir müssen uns von der Sorge frei machen, dass kooperative Lernstrategien zu viel Zeit kosten. Sie sind ja auf der anderen Seite bei geschickter Anwendung dafür effektiver. Oder was denken Sie darüber?

    Viele Grüße,

    Christoph Krick

  30. @ Birgit
    Herzlichen Dank für Ihre wohltuenden Worte. Sie ersparen mir damit eine erneute Antwort an sofawolf. Ich hoffe, er/sie hört nunmehr damit auf.

    @ Dr. Krick
    Wir wissen ja, dass die Menschen verschiedenen Lerntypen zugeordnet werden können. Im Studium brachten mir Vorlesungen im herkömmlichen Sinn – einer redet und die anderen hören zu – überhaupt nichts. Um die Zeit nicht unnötig in einem Hörsaal verbringen zu müssen, nahm eine Gruppe von Studierenden die Vorlesung – natürlich nach dem Okay des Professors – auf. Andere Studentinnen/ Studenten wiederum konnten durchaus von so einer Vorlesung profitieren.
    Selbst handlungsorientierter Unterricht muss nicht immer und in jedem Fall die „ideale“ Methode“ für alle SchülerInnen sein. Ich könnte Ihnen da über sehr interessante Erfahrungen berichten. Wer sagt Ihnen denn, dass „SOL“ nicht auch ganz bestimmte bestimmte Lerntypen anspricht?
    Vor diesem Hintergrund – und damit habe ich sehr gute Erfahrungen gemacht – bin ich für einen abwechslungsreichen Methodenmix, in dem die Rolle der Lehrkraft nicht an den Rand gedrängt wird.
    Sie erwähnten in Ihrem Beitrag vom 10.12.(14.56) das finnische Schulsystem. Ich habe kürzlich gelesen, dass dort der „Frontalunterricht“ eine Art von Renaissance erfährt und selbst hierzulande in Studienseminaren nicht grundsätzlich mehr „verteufelt“ wird. Ich verweise in diesem Zusammenhang gerne noch einmal auf den bereits genannten Prof. H. Meyer.
    Herr Dr. Krick, unabhängig davon, mit welcher Methode unterrichtet worden ist, können wir die Tatsache nicht ignorieren, dass wenige Jahre nach dem Abitur nur noch ein Bruchteil des Gelernten präsent ist. Fachleute sprechen sogar von nur 3%. Dabei ist es durchaus nicht so, dass ausschließlich Lerninhalte dauerhaft behalten werden, von denen wir im Unterricht sehr begeistert waren. Warum beherrsche ich z.B. nach wie vor den Satz den Pythagoras – nach der Schulzeit niemals mehr gebraucht -, aber den Lernstoff in Chemie überhaupt nicht mehr, obwohl mich dieses Fach bis zum Abitur geradezu faszinierte?
    Jede(r) kann über derartige Phänomene berichten.

  31. @Dr. Krick bezügl. der beiden Kommentare vom 10.12.2012,
    und ich hatte das Vergnügen, ein Buch des als „Lehrer des Jahres“ ausgezeichneten Amerikaners John Taylor Gatto zu lesen, der mehr als 30 Jahre lang im Schuldienst war. Es heißt „VERDUMMT NOCH MAL“ und ist im Genius Verlag erschienen. Es hat Amerika geschockt und zahlreiche Diskussionen ausgelöst.
    An dieser Stelle würde es aber zu weit führen, näher auf das Buch einzugehen. Ich kann es Eltern und Lehrern nur wärmstens empfehlen. Vielleicht dieser eine Satz daraus: „Wir brauchen nicht MEHR Schule – wir brauchen WENIGER“.
    Und damit komme ich zum angeblichen Mekka angeblich kindgerechter Betreuung und Pädagogik, nämlich zu Finnland, das traurige Berühmtheit dadurch erlangt hat, dass die Suizidrate seiner Jugendlichen eine der weltweit höchsten ist. Auch die Kriminalität sowie Alkohol- oder Drogensucht junger Menschen liegt in Relation zur Einwohnerzahl weit über dem allgemeinen Durchschnitt.
    Wenn denn die schulischen Bedingungen in Finnland so himmlisch sind, wie Sie andeuten, dann wäre zu fragen, warum es den jungen Menschen in diesem Land so schlecht geht.
    Hat es etwa ungewöhnlich schlechte Eltern?
    Das kann eigentlich nicht sein, denn diese bekommen – ähnlich wie in Schweden – ihre Kinder kaum mehr zu Gesicht, weil über 90% der Kinder vom Babyalter (Ganztagskrippen) an bis zum Schulabschluss (Ganztagsschulen) von ihren Eltern getrennt aufwachsen und mehr oder weniger nur noch zur Schlafenszeit heimkommen. Und ähnlich wie in Finnland gibt es auch in Schweden Unrühmliches, an dessen Berichterstattung aber kaum Interesse besteht – besonders bei uns in Deutschland nicht. Im Gegenteil, hier werden Finnland und Schweden weiterhin als Vorbilder für alles, was Betreuung und Schule ausmacht, über den grünen Klee gelobt – egal wie viele junge Menschen in Skandinavien unter Depressionen leiden und verhängnisvolle Auswege suchen.
    Angesichts dieser Fakten fällt es mir schwer, auf „das erfahrungsbasierte Lernen des finnischen Schulsystems, das schon lange auf Gruppenarbeit und Peer-Coaching setzt“, lobend einzugehen.
    Sicher ist etwas dran am Lernen durch „trial and error“, bei dem Fehler nützlich sind.
    Aber dieser Lernweg kann eben nur einer von vielen sein – und das an passender Stelle. Sich in ihn zu „verlieben“ und dadurch einen getrübten Blick zu haben für andere schöne Töchter des pädagogischen Erfahrungsschatzes vieler Generationen, ist kontraproduktiv, denn Kinder lernen auf verschiedenste Art und Weise, wobei die unterschiedlichsten Dinge eine Rolle spielen.
    Die jeweils passende Methode für die zahlreichen Lerninhalte und Schülergruppen auszuwählen, ist Aufgabe und Kunst des Lehrers. Sie kann sich sogar auf Grund spontaner Eingebung innerhalb einer Schulstunde zum Wohle der Kinder ändern.
    Die Lehrer sind und bleiben für mich die entscheidende Größe allen schulischen Lernens. Darum gängle man sie doch bitte nicht ständig mit Systemen und Methoden, die durch Eigeninteressen aus Politik, Wirtschaft oder auch Wissenschaft immer wieder als Weisheit letzter Schluss hochgespült werden.

  32. @ U. Prasuhn
    Ich stimme Ihnen wiederum voll zu. Ihr Beitrag ergänzt und vertieft meine vorher geschriebenen Zeilen.

  33. Dr. Christoph Krick

    @mehrnachdenken:
    @Frau Prasuhn:
    Ich hoffe, dass Sie am Ende meines Beitrags vom 10.12. den Smiley entdeckt hatten… Ich würde nun auch nicht dafür plädieren, unreflektiert das finnische Schulsystem zu kopieren, auch wenn es dort nachdenkenswerte pädagogische Elemente gibt.

    Ja, Sie haben beide vollkommen recht! – Vielleicht gibt es auch nur ein Missverständnis bezüglich des Begriffs „selbstorganisiert“. Unsere Kinder sind ja nicht gleich, haben unterschiedliches Vorwissen, lernen daher auch nicht zur gleichen Zeit das Gleiche und sollten daher die Möglichkeit bekommen, den optimalen Lernstil und das individuelle Angleichen der Lernstände selbst entfalten zu können. Solche Selbstoptimierungsprozesse bilden das biologische Fundament der natürlichen „Überlebenstrategie“ in allen Ökosystemen – auch dem schulischen. Der dynamische Prozess mit der Zielgröße des optimalen Aufwand-zu-Nutzen-Verhältnisses heißt in der natur eben „Selbstorganisation“. In der Definition von SOL steht daher nicht, dass die Kinder nur selbständig (!) arbeiten sollen. Das selbständige Arbeiten im Team oder alleine oder in verschränkten Gruppenpuzzles oder im Lernatelier sind nur Elemente, die an der richtigen Stelle als förderliche Instrumente eingesetzt werden können. Der Witz an SOL ist doch gerade der Mix…! – Diese Freiheitsgrade der pädagogischen Arbeit bilden ja schließlich das Wesensmerkmal der schulischen Selbstorganisation im systemischen Prozess der Lernarbeit. Es gab eben nur in den vergangenen 30 Jahren genug Leute, die ihre Erfahrungswerte über den klassen- und fächerübergreifenden „Lernmix“ zu praxistauglichen Leitlinien zusammengeschrieben haben – und das Ganze dann SOL nannten. Man darf also SOL nicht verwechseln mit „wir geben den Kindern genug Blätter in Freiarbeit, gucken mal irgendwann, was sie damit gemacht haben und gehen zwischenzeitlich Kaffee trinken“. Letzteres würde einem SOL-Trainer die Zornesröte ins Gesicht treiben, was ich deswegen weiß, weil ich genau diese Szene nebst nachfolgender Richtigstellung so erlebt habe… Wenn in SOL Frontalunterricht stattfindet, heißt der übrigens „Ankerstunde“. Die Abfolge von Frontalunterricht, Frei- und Gruppenarbeit sowie von Ausnutzen von Kommunikations- bzw. Gruppendynamik und Vorteile der Instruktion werden halt eben nur im Lehrerteam so organisiert, dass die Freiheitsgrade verschiedener Lernstile schulintern organisatorisch optimimal abgestimmt werden können. SOL ist daher das Gegenteil von pädagogischer Monokultur, nämlich im Grunde „organisierte Vielfalt“. Eine passende Definition und einige Unterrichtsbeispiele findet man hier:
    http://lehrerfortbildung-bw.de/unterricht/sol/
    Ein wesentliches Merkmal von SOL ist die Transparenz bezüglich Ziele und Wegen eines Lernprozesses. Daher wird in einer „Ankerstunde“ zu Beginn eines fachbezogenen Themengebiets der Überblick (=“advance organizer“) über die zu bearbeitenden Teilprobleme geliefert. Im obigen Link können Sie sich solche „Werbeplakate für Unterrichtsstoff“ auch anschauen. Während der Bearbeitung stehen dann Listen bereit, um jederzeit die individuellen Wissenstände mit den Zielvorgaben abstimmen zu können. Diese Transparenz bietet nicht nur die Grundlage für gegenseitigen Erfahrungsaustausch, sondern auch Halt im fortlaufenden Lernprozess. Man kann sich diese ganzen Materialien auch nicht kaufen, aber die staatlichen Stellen für Lehrerfortbildung unterhalten zumeist kostenfreie Materialsammlungen, so dass man nicht ständig gezwungen ist, existierende Räder neu zu erfinden.

  34. Warum dann etwas als „Modellversuch“ in die Medien stellen, wenn alles nur darauf hinausläuft, alten Wein in neuen Schläuchen zu verkaufen und damit Aufmerksamkeit zu erregen, die man für anderes braucht?
    Trotzdem bin ich froh und dankbar, Herr Dr. Krick, dass Sie die Dinge relativiert haben, indem Sie SOL als einen Mix aus verschiedenen bewährten Methoden darstellen.
    Und um eine möglichst gute Mischung für ihre Schüler bemühen sich täglich unzählige gute Lehrerinnen und Lehrer. Möglicherweise ist ihre Feinabstimmung auf die ihnen anvertrauten Schüler sogar besser als eine 0-8-15-Rezeptur, die für jeden überall in gleicher oder zumindest ähnlicher Weise Anwendung finden soll.
    Mein Appell lautet weiterhin und immer wieder: Lasst den Lehrern mehr freie Hand, zwängt sie nicht in ein Methodenkorsett und vergeudet vor allem nicht ihre Zeit und Kraft durch bürokratische Aufgaben, die nur Aktenregale füllen, nicht aber die Köpfe der Schüler.

  35. Dr. Christoph Krick

    @Frau Prasuhn:
    Die Schulleitung würde sich die Vokabeln „Modellversuch“ oder „Projekt“ verbitten, weil diese Vokabeln einen „grünen Punkt“ auf einer leeren Verpackung assoziieren. Ich denke mal, dass die Vokabel „Modellversuch“ über das „Stille-Post-Spiel“ der Nachrichtendienste erfunden wurde.

    Es gibt in der Tat an dieser Schule den Einsatz von SOL schon länger, so dass jetzt schon durchweg bis zur Klassenstufe 10 Schüler teilweise (!) danach unterrichtet werden – eben je nach Lust und Laune der Lehrkraft. Das roch dann für die Schüler und Schülerinnen nach „Lotterie“, weil Klassen mit SOL besser wegkamen als ohne SOL. Daher hatte man sich zusammengerauft und nun schulintern ein klassen- und fächerübergreifendes SOL ab der Klassenstufe 5 auf die Beine gestellt. Was zunächst aus Gründen der Klassengerechtigkeit begründet wurde, hatte aber überraschende Nebeneffekte: Alle 5er-Klassen sind wesentlich leistungsstärker, organisierter und zufriedener als zurückliegende Jahrgänge mit teilweisem Einsatz von SOL. Aussagen wie „das hätte ich mir nicht träumen lassen!“ fallen gefühlt täglich. Da auch die besagten „Wunder“ der (angeblichen) Dyskalkulie-Kinder noch dazukommen, lässt es sich leicht vorstellen, dass rund um die Schule nun viel gemunkelt und spekuliert wird.

    Sehenswert ist – ganz abgesehen von Pressetexten – das Innenleben des SOL-Unterrichts durchaus. Was denken Sie, wenn 4 Jungs grinsend ihre Unterlagen packen und sich ins Lernatelier verkrümeln? – Na? – Richtig, sie würden sich am liebsten zweiteilen und eines Ihrer Ohren lauschen lassen, weil 4 Jungs alleine im Lernatelier nach Ungemach riechen. Sie hören aber nichts als leise Diskussionen… Mmmh, 4 Jungs sind vielleicht auch fähig, leisen Blödsinn anzustellen. Sie schicken also noch eines Ihrer Augen nach, um zu kontrollieren… Was sehen Sie? – Vier Jungs, die sich völlig in Französisch vertieft haben. Nach einer Weile holen Sie schnell Ihre Sinnesorgane wieder zurück, weil die Jungs wieder mit ihren Unterlagen zurück zur Klasse streben. Dort angekommen fallen frohe, über beide Wangen grinsende Gesichter auf. Sie fragen etwas skeptisch „Und…?“ Die Antwort ist in solchen Fällen häufig dieselbe: „Experten!“ Das bedeutet, dass diese 4 Jungs nun einen grünen Button erhalten und von anderen Gruppen als Ratgeber in Anspruch genommen werden können… Na, und bald darauf sehen Sie die um einen „Experten“ bereicherte Gruppe wandern…

  36. @Dr. Krick
    Auf jeden Fall kann Ihnen niemand vorwerfen, Sie hätten für die Schule, die Schulleitung und Ihr SOS Konzept nicht genug warmherzige Werbung gemacht.

  37. Dr. Christoph Krick

    Nachtrag: Ich würde nicht sagen, dass „alter Wein in neuen Schläuchen“ verkauft werden sollte, als die Pressemeldung entstand, sondern diese den Mumklern und Spekulanten „reinen Wein einschenken“ sollte, zumal prominenter Besuch zu Gast war. Lieber sagt man dann, was genau passiert, anstatt die Katze im Sack zu lassen, da die Menschen vor allem vor Unbekanntem Sorge empfinden… Und in eine „mysteriöse“ Schule schickt man schließlich keine Kinder! – Jetzt ist die Katze aus dem Sack – und es wird natürlich trotzdem munter weitergemunkelt und spekuliert – nur in eine andere Richtung halt.

  38. @ Dr. Krick
    Schön und gut, was Sie hier so lebendig darlegen. Ich vermisse leider jedoch oft genug ein direktes Eingehen auf die Argumente z.B. von Frau Prasuhn und mir. Deshalb kommen wir in der Sache kaum weiter.
    – Arbeiten im Lernatelier
    Nun, meine Erfahrungen im Schulalltag sehen ganz anders aus. Ja, während meines Referendariats (vor über 30 Jahren) konnte ich guten Gewissens SchülerInnen in Gruppen arbeiten lassen. Sie suchten dafür aber kein „Lernatelier“ auf, sondern blieben in ihrem Klassenraum. Bilder in meiner Arbeit fürs zweite Staatsexamen beweisen es: Da sitzen Zehntklässler an sechs Fünfertischen und arbeiten sehr konzentriert an der Planung einer Unterrichtseinheit. Es wurde so leise gesprochen, dass sich niemand gestört wurde. Heraus kamen tolle Ergebnisse.
    Zeitsprung: Mitte 2006 sitzen drei Gruppen an Vierertischen im Klassenarum. Trotzdem ist der Geäuschpegel noch relativ hoch. Den Rest habe ich in Sichtweite im Schulgebäude verteilt. Mit allen SchülerInnen war Gruppenunterricht im Klassenraum nicht möglich. Glauben Sie mir, die Methode Gruppenunterricht wurde sehr gründlich eingeführt. Die Ergebnisse der Gruppenarbeit waren bescheiden, und eine kurz danach angesetzte kleine Lernkontrolle ernüchternd.
    Partnerarbeit geht noch so gerade. Viele SchülerInnen können heute einfach nicht mehr flüstern. Das muss ich direkt üben.

  39. Dr. Christoph Krick

    @mehrnachdenken:
    Mir ist tatsächlich auch aufgefallen, dass die Schüler nicht mehr flüstern können! Ich finde es auch seltsam und erschreckend, dass ganz banale Dinge wie das Flüstern nicht mehr so ohne weiteres zu funktionieren scheinen.

    Abhilfe: Die Gruppen mit Bedarf an Vokabeltraining oder gegenseitigem Abfragen oder Ergebnisaustausch wandern in eines der Lernateliers, um die anderen Klassenkameraden nicht zu stören.

  40. Nachtrag:
    Das „Expertenproblem“ habe ich so gelöst, dass immer leistungsstärkere mit -schwächeren SchülerInnen zusammensitzen. Ja, prima, meinte eine Fünftklässlerin, wenn ich das „Fritzchen“ erklären kann, weiß ich, dass ich es verstanden habe.

  41. Dr. Christoph Krick

    @mehrnachdenken:
    Meines Erachtens ist vor allem die Konzentrationsfähigkeit zurückgegangen. Man kann zugleich beobachten, dass die Verdachtsdiagnose „Aufmerksamkeitsdefizit“ entsprechend häufiger im Raum steht. Es gibt eine interessante Arbeit aus 2009 (Swing et al. in Pediatrics), dass Bildschirmmedienkonsum und Aufmerksamkeitsprobleme einen Teufelskreis mit dem Ergebnis von noch mehr Aufmerksamkeitsproblemen bilden. Die Kinder sind daher auch kaum noch in der Lage, einen Text durchzulesen, ohne abzudriften. Eine nachfolgende Longitudinalstudie von Gentile et al. (2011) ergab zudem ein Risikoprofil für seelische „Störungsbilder“ aus dem täglichen Gebrauch digitaler Medien.

    Die wissenschaftliche Begleitung der Schule sieht daher auch sozial stützende Maßmahmen und das Schulen von Medienkompetenz vor. Das scheint mir umso wichtiger, je weniger Kinder diese Maßnahmen zu Hause erleben. Ich denke, dass über kurz oder lang die Schulen – vor allem im Ganztagsbetrieb – die Erziehungsaufgaben (mit)erledigen müssen, um noch der Bildungsaufgabe gerecht werden zu können. Traurig, aber wahr…

  42. Um Himmels Willen, was reden Sie da, Herr Dr. Krick!?:
    „Ich denke, dass über kurz oder lang die Schulen – vor allem im Ganztagsbetrieb – die Erziehungsaufgaben (mit)erledigen müssen, um noch der Bildungsaufgabe gerecht werden zu können. Traurig, aber wahr…“
    Da ich schon die ganze Zeit den Verdacht hatte, dass Sie irgendwann mit dieser gender-ideologischen Idee kommen würden, habe ich heute (11.12. um 14:13) bewusst vom Elend der Kinder in Finnland und Schweden berichtet, die schon seit 3 Jahrzehnten (meinem Wissen nach zumindest in Schweden) in Ganztagseinrichtungen groß werden und durch die Trennung von der Familie enorme seelische Schäden aufweisen. Diese werden von politischer und medialer Seite allerdings geschickt unter der Decke gehalten.
    Wen die schwedische Wahrheit interessiert, der lese hier nach: http://www.willyweb.ch/blog/2012/05/die-schweden-und-ihre-kinder/
    Außerdem habe ich das Buch des preisgekrönten amerikanischen Lehrers John Taylor Gatto empfohlen und wohlweislich nur einen Satz daraus zitiert. Hier ist er noch einmal: „Wir brauchen nicht MEHR Schule, sondern WENIGER“.
    Das mag Ihnen zeigen, wie sehr ich ahnte, worauf Sie letzten Endes hinauswollen.
    Und sagen Sie bitte nicht „traurig, aber wahr“, denn wirklich traurig sind Seelenschäden der Kinder durch ein abartiges Großwerden fern der Eltern und Familie von frühesten Kindesbeinen an.
    Wie unwichtig nimmt sich dagegen alles Bildungsgeschwätz über SOS aus.
    Nein, Herr Dr. Krick, Ihre ach so verständnisvollen und rührenden Worte bezüglich eines kinderfreundlichen und kindgerechten Lernens nehme ich Ihnen nicht mehr ab. Wer es wirklich gut meint mit den Kindern, der muss sich auch fragen, welche Auswirkungen ein Großwerden mit staatlich bediensteten Pseudo-Eltern hat, wo ein Netzwerk wie die Schule die natürliche Gemeinschaft der Familie ersetzt.

  43. Dr. Christoph Krick

    Sehr geehrte Frau Prasuhn,
    es gibt immer zwei Seiten derselben Medaille. Ich war früher skeptischer in Bezug zu Ganztagsschulen als heute. In vielen Fällen macht es Sinn, wenn der Pädagoge die Lernarbeit der Kinder beobachten kann, anstatt dasselbe Kind damit über Hausaufgaben alleine zu lassen. Klar ist nur, dass „Hüten“ der Kinder unter Kontrolle von pädagogischen Laien für das Kind wenig Sinn ergibt. Wenn die Ganztagsschule zu einer Ganztagstortur wird, macht es am allerwenigsten Sinn.

  44. Lehrerin und Mutter

    @Dr. Krick
    Dann fassen Sie doch mal die Möglichkeit als Realität ins Auge, dass – nach Ihren eigenen Worten – die „Ganztagsschule zu einer Ganztagstortur wird…“
    Das sagt eine alleinerziehende Mutter und Lehrerin, die an einer Ganztagsschule unterrichtet und gezwungen ist, ihr Kind auch in die Ganztagsschule zu geben.

    • Komisch nur, dass die Ganztagsschule in fast allen Ländern Europas und in den USA funktioniert und nie ein Anlass für Diskussionen ist… Ich kenne kein Land, wo Schüler um 13:00 nach Hause gehen dürfen.

  45. Oh ja, Herr Dr. Krick, dass Sie früher Ganztagsschulen skeptisch sahen und heute nicht mehr, ist der absolute Beweis dafür, dass diese einfach gut sind für Kinder. Nur harte Tatsachen können aus einem Saulus einen Paulus machen.
    Herr Prof. Dr. Hüther – Neurobiologe wie Sie – ist ja sogar glühender Anhänger der Krippenbetreuung. Ich vermute mal, Sie sind es auch, jedenfalls schließe ich das aus Ihren Zeilen. Ganztagsbetreuungen scheinen für die Neurowissenschaft geradezu ein Segen zu sein. Ist doch schön, wenn beide Seiten etwas voneinander haben.
    Sie schreiben: „ Klar ist nur, dass “Hüten” der Kinder unter Kontrolle von pädagogischen Laien für das Kind wenig Sinn ergibt.“
    Da muss ich erst einmal schlucken und zugeben, dass ich bisher immer dachte, das Hüten von Kindern erfordere vor allem so antiquierte Dinge wie Liebe und Nestwärme. Jedenfalls haben mich das die vielen Generationen von Eltern gelehrt, die ohne pädagogisches Studium seelisch robuste Kinder großgezogen haben, welche noch nicht einmal blöd waren. Im Gegenteil.
    Außerdem habe ich mir bisher immer eingebildet, dass erst durch die zunehmenden Eingriffe der sog. Experten etwas mit dem „Hüten“ der Kinder aus dem Ruder lief. Je mehr fachmännischer Rat, desto schlechter schienen mir die erzieherischen Ergebnisse – sowohl in den Elternhäusern als auch Schulen.

    Aber lassen wir das und schauen wir lieber nach vorn – besser gesagt: noch einmal nach Schweden, unserem großen Vorbild in Sachen Betreuung und Schule. Kaum ein Politiker oder Erziehungswissenschaftler kommt heutzutage an diesem Land vorbei, das uns in seiner Entwicklung ca. 30 Jahre voraus ist und darum Einblick in die Zukunft gewährt.
    Wer an ihr interessiert ist, kann hier nachlesen:

    http://www.willyweb.ch/blog/2012/05/die-schweden-und-ihre-kinder/

    http://www.familie-ist-zukunft.de/alte_seiten/Gustafson.htm

    http://www.zeitenschrift.com/magazin/54-kindertagesstaetten.ihtml

  46. @ bigit und mehrnachdenken: Ja, Ihre Aufgeregtheit berührt mich wenig. Seien Sie immer und solange empört, wie Sie empört sein wollen. „mehrnachdenken“ ist zu 100% der ehemalige pfiffikus. Da gibt es keinen Zweifel. Die Äußerungen sind des gleichen Geistes Kind. Vielleicht sind Sie ja selbst ein weiterer „pfiffikus“. *grins* Aber lassen wir diese Diskussion. Dafür ist mir meine Zeit zu schade.

  47. wenigerengstirnig

    Ich kann @sofawolf nur zustimmen und finde die Meinungsäußerung von „bigit“ absurd. Jedem, der hier länger mitliest, fällt auf, wie die Beiträge von @mehrnachdenken denen von pfiffikus gleichen. Hatte jener pfiffikus aber nicht schmollend und verärgert das Forum verlassen, weil ihm niemand Recht gibt, keiner auf ihn hört und sowieso alles nichts bringt. Nun ist er wieder da. Schon einmal schrieb jemand, dass der doch der Gleiche sei, der im 4teachers-Forum unter anderem Namen gegen alle anderen diskutierte.

  48. @ Dr. Krick und @ wenigerengstirnig:

    Danke bzw. Kompliment, wie wacker Sie sich hier schlagen! Ich bin nicht in allem Ihrer Meinung und z.B. absolut kein Freund von Ganztagsschulen, aber lassen Sie sich nicht unterkriegen und vor allem nicht von den anderen vor sich her treiben.

  49. @klexel
    Waren Sie in Ihrer Kindheit nicht froh, wenn mittags Schulschluss war oder hätten Sie gern weitergemacht? Haben wir uns nicht alle auf das letzte Klingeln gefreut, weil das gefühlte wahre Leben jenseits der Schulmauern stattfand?
    Ganztagsschulen kommen doch in erster Linie den Erwachsenen zugute – getan wird aber so, als geschähe alles im Sinne der Kinder. Warum wohl?
    An einigen Sorgenkindern, für die eine Ganztagsbetreuung zweifellos gut ist, hängen wir ein angeblich allgemein gültiges Prinzip auf, das den Freiraum der jungen Menschen immer mehr einengt, so dass sie kaum mehr wissen, was Privatleben ist. Dafür wissen es die Erwachsenen umso besser.
    Befragen wir doch mal die Kinder selbst, welchen Schulschluss sie sich wünschen und tippen wir auf das Ergebnis. Ich traue mir zu, es im Voraus zu wissen.

    Natürlich „funktionieren“ Ganztagsschulen, was immer man darunter versteht. Die Kinder fügen sich und proben ebenso wenig den Aufstand wie die Lehrer. Was verordnet wird, hat eben zu geschehen. Und so läuft das Ganze recht reibungslos und gilt als Funktionieren.
    Übrigens gibt es in den USA sehr wohl heiße Diskussionen um die Ganztagsschule. Das habe ich bereits am Abend des11.12. geäußert

  50. Natürlich war ich froh, wenn mittags Schulschluss war. aber da wusste ich noch nichts von den Sitten und Gebräuchen in anderen Ländern. Das, was hier vielerorts als Ganztagsschule angeboten wird, spottet jeder Beschreibung. In einer gut funktionierenden GTS gibts es eine gute Mensa, die Möglichkeiten , die Hausaufgaben unter Betreuung zu machen und vor allem AGs zu besuchen, zu denen man sonst keinen Zugang hätte. Da bleibt doch nur der Fußballverein oder eine teure Musikschule. Eine gut ausgestattete GTS bietet vielerlei Musik- und Sportangebote, Theater und vieles mehr. Davon sind wir noch meilenweit entfernt. So wie es hier in vielen Fällen läuft, hätte ich auch keine Lust, länger zu bleiben als nötig. Solange nicht mehr Geld in Bildung in Form von Lehrerstunden, Ausstattung, Doppelbesetzung bei Inklusion uvm gesteckt wird, können wir uns hier nen Wolf reden und kommen nicht weiter. Gut funktionierende GTS gibts nicht zum Nulltarif.

  51. @sofawolf u. wenigerengstirnig
    Absurd mag meine Meinungsäußerung insofern gewesen sein, als ich sie zu spontan schrieb und meine Worte nicht gefiltert habe. Mit „gefiltert“ meine ich „geschützt“ vor anderen, die allein nach Schwachstellen suchen.
    Jetzt noch einmal mit mehr kühlem Verstand als ehrlichem Aufbrausen:
    Ihre Kritik an „mehrnachdenken“ ist unverständlich. Seine/ihre Kommentare waren wohltuend sachbezogen, gut begründet und darum einleuchtend und nachvollziehbar.
    Im Gegensatz zu Ihnen beiden gab es keine persönlichen Angriffe, sondern nur Versuche der Verteidigung, die legitim und maßvoll waren.
    Sie „wenigerengstirnig“ (aufschlussreicher Name!) haben sich, soweit ich mich recht erinnere, zum Thema überhaupt nicht geäußert, sondern mit Ihrem Kommentar nur Angriffslust gezeigt.
    Sie „sofawolf“ haben das Thema auch nur gestreift und waren ansonsten nur damit beschäftigt, „mehrnachdenken“ zu verletzen durch Mutmaßungen gemischt mit Seitenhieben.
    Welchen Sinn machen solche Meinungsäußerungen? Sie zwingen den unvoreingenommenen Leser (zumindest mich) geradezu, Sympathie für den Angegriffenen zu empfinden und Antipathie gegen seine Angreifer. Allerdings muss ich hinzufügen, dass mir „mehrnachdenken“ auch vorher schon durch seine Kommentare sympathisch war.

    Würden Sie es denn für einen themenbezogenen guten Beitrag halten, wenn jemand behauptete: Jedem, der die Kommentare hier gelesen hat, ist doch klar, dass „sofawolf“ und „wenigerengstirnig“ ein und dieselbe Person sind, um der Angriffslust mehr Nachdruck zu verleihen. Denn klar ist: „Die Äußerungen sind des gleichen Geistes Kind.“
    Wenn so getan wird, als wären scheinbar zwei gegen einen, hat das die erwünschte doppelte Wirkung.
    Diese kann man dann nochmals steigern durch die Andeutung weiterer Kampfgenossen: „Schon einmal schrieb jemand…“ oder „Jedem, der hier länger mitliest, fällt auf…“ Jetzt wird aus einem ursprünglich Einzelnen ein ganzes vorgetäuschtes Rudel, das beeindrucken soll.

    Zum Abschluss gestatten Sie mir die Frage, „sofawolf“, warum Sie diesen Nickname gewählt haben. Beim Googlen habe ich folgende Erklärung gefunden: „Der Nickname kann viel über das Profil aussagen, daher ist die Wahl des richtigen Nicknamens nicht zu unterschätzen.“
    Zu „sofawolf“ sagt mir die Eingebung: Jemand, der gemütlich auf dem Sofa sitzt und Spaß daran hat, im Internet wie ein Wolf auf Beutejagd zu gehen.

  52. Dr. Christoph Krick

    @Frau Prasuhn:
    Die Diskussion um den Sinn oder Unsinn von Ganztagsschule führt im Grunde weg vom Ausgangsthema, das auf den Sinn eines kindzentrierten Unterrichts fokussiert war. Die Qualität der Lernumgebung hat nur bedingt etwas mit deren zeitlichem Umfang zu tun. Man kann sowohl Halbtags- als auch in Ganztagsklassen der biologischen Funktionsweise von Kindergehirnen annähern. In der oben erwähnten Robert-Bosch-Schule gibt es beide Zeitmodelle: Halbtagsklassen und Ganztagsklassen. Bisherige Erfahrungen haben gezeigt, dass Kinder im Ganztagsklassenbetrieb dort (!) entspannter lernen, weil die Lernarbeit weniger komprimiert stattfindet und zudem während der Übungsphasen helfende Ansprechpartner (Mitschüler und Lehrer) verfügbar sind. Davon profitieren vor allem Kinder, die im häuslichen Umfeld am frühen Nachmittag solch eine Unterstützung beim Lernen nicht vorfinden würden – aus welchen Gründen auch immer.
    Auch Kindern in Halbtagsklassen wird anempfohlen, die anstehenden Lernaufgaben in häuslicher Umgebung den sonstigen Aktivitäten voranzustellen, um den Lerngegenstand möglichst zeitnah zum Unterricht aufzuarbeiten. In beiden Fällen, egal ob Halb- oder Ganztagsschule, sind die Kinder also am frühen Nachmittag über derselben Lernarbeit vertieft. In der Ganztagsschule endet definitiv die Kopfarbeit um 16°° Uhr, bzw. am Freitag um 13°° Uhr. Ich wage zu bezweifeln, dass eine extreme Position hinsichtlich seelischer Schäden daraus abgeleitet werden muss, dass die Ganztagsschüler über 3 Stunden mehr Hilfe beim Lernen in Anspruch nehmen können.
    Wenn ein Schüler zu Hause bspw. Vokabeln lernt, kann die Lehrkraft nicht mitverfolgen, WIE die Vokabeln gelernt werden. Sie sieht im Unterricht nur das Ergebnis, so dass es schwieriger wird, die Lernmethode zu optimieren. Kinder mit Problenen bei Konzentration und Lernstrategie können daher meines Erachtens aus der Ganztagsschule profitieren. Aber ich würde deswegen nicht einem Kind oder dessen Eltern vorschreiben wollen, welches Zeitmodell es nun präferieren müsste…

  53. @ birgit (vormal bigit und davor noch nie aufgetaucht):
    Ich habe ehrlich gesagt an dieser Diskussion (wer mehrnachdenken ist oder nicht) kein wirkliches Interesse. Solche Schlagabtausche bringen sowieso nichts. Es fing damit an (und es ist nicht schlimm, dass Ihnen das entgangen ist, weil man natürlich nicht in allen Diskussionsträngen mitliest), dass @mehrnachdenken sich aufzuspielen meinte als jemand, der entscheidet, zu welchen Themen man was kommentieren darf/sollte oder nicht. Meine Antworten waren nur eine Replik darauf, also die Verteidigung auf einen persönlichen Angriff, wie Sie so schön formulieren, die ich für mich auch legitim und verständlich finde. Wen Sie hingegen sympathisch finden und wen nicht, da rede ich Ihnen nicht rein. Man findet ja immer die Meinung gut, die der eigenen am meisten gleicht. Und es spielt ja auch keine Rolle. Wofür denn auch? Und wie wer-auch-immer meinen Nicknamen findet, finde ich auch nicht besonders relevant. Denken darf jeder, was er will. Sich irren auch. Ob sich hinter @mehrnachdenken jemand befindet, der wirklich mehr nachdenkt als andere, ist eine Frage, die ich dem Mitleser überlasse. Wenn damit die Aufforderung an andere steckt, mehr nachzudenken (da sie es ja vermeintlich nicht tun) finde ich es anmaßend und für meinen Geschmack zum Gestus dieses Schreiber auch passend, aber das darf auch jeder selber finden, wie er will. Und nun führen Sie weiter Ihren Schlagabtausch mit Herrn Krick und bleiben Sie sachlich, was Sie und andere (oder die Gleichen, wer weiß das schon) bisher auch nicht immer vermochten. Aber wie ich sehe, braucht Herr Krick keine „Schützenhilfe“ und was draußen im Leben passiert, passiert sowieso unabhängig von dem, was wir hier oder was Sie hier diskutieren und wer sich am Ende gar als vermeintlicher „Sieger“ in einer Diskussion fühlt.

  54. @sofawolf
    Dieser Ihrer Meinung kann ich mich nur anschließen:
    „Ich habe ehrlich gesagt an dieser Diskussion (wer mehrnachdenken ist oder nicht) kein wirkliches Interesse. Solche Schlagabtausche bringen sowieso nichts.“
    Begraben wir also das Kriegsbeil.
    Und danke für Ihre ausführliche Antwort!

  55. Dr. Christoph Krick

    @“Lehrerin und Mutter“:
    Liegt das Problem einer „Ganztagstortur“ tatsächlich nur an den 2 Stunden Nachmittagsunterricht im Anschluss an die Mittagspause? – Oder doch eher an einer unphysiologischen Strategie des gesamten Unterrichts? – Wenn Sie als Lehrperson die physiologische Nicht-Passung der Unterrichtsqualität als berufliche Überbelastung gespiegelt bekommen, dann sollten Sie zusammen mit Ihren Kollegen und Kolleginnen an der Umgestaltung der Unterrichtsform arbeiten, um mittelfristig der Burnout-Falle vorzubeugen. Falls Ihr Kind in dieselbe Schule geht, würde ich an Ihrer Stelle daraus ein weiteres Argument für ein persönliches Engagement in diese Richtung ableiten…

  56. @ Birgit, sofawolf
    Erneut ein dickes Dankeschön dafür, dass Sie mir „zur Seite“ gestanden haben. Ihr Beitrag vom 13.12 (12.03) gefällt mir argumentativ und sprachlich besonders gut. Ich würde Sie glattweg als Verteidigerin engagieren, lach.

    @ sofawolf
    „Kriegsbeil begraben“ und „Friedenspfeife rauchen“, das gefällt mir. Immerhin bewegen wir uns mit Riesenschritten auf das „Fest der Liebe“ zu, und dazu passen diese Scharmützel hier so gar nicht.
    Ich stimme Ihnen ausdrücklich zu, dass die Diskussionen nicht so wichtig genommen werden sollten. Auf „den Lauf der Dinge“ da draußen werden sie gewiss keinen Einfluss haben.
    Mir persönlich gefallen nicht nur Meinungen, die meiner Auffassung entsprechen. Es kommt schon vor, dass mir andere Argumente helfen, einen Sachverhalt anders zu beurteilen.
    Schließlich möchte ich Ihren Beitrag vom 13.12.(13.56) in zwei Punkten ergänzen: Sie sollten auch darauf hinweisen, warum es in der Tat so aussah, als ob ich Ihnen vorschreiben wollte, was Sie zu kommentieren haben. Dann sollten Sie nicht unerwähnt lassen, dass ich mich in aller Form bei Ihnen dafür entschuldigte.

  57. Nachtrag
    Der Disput mit sofawolf ist hier nachzulesen:
    http://www.news4teachers.de/category/praxis/page/2/
    Mein unangemessener Kommentar vom 07.12. (20.34)
    Meine Entschuldigung vom 08.12. (13.48)

  58. @Dr.Krick
    Ich bin auf die Ganztagsschule gekommen, weil Sie diese in Ihrem Beitrag vom 11.12. 19:48 Uhr ins Spiel brachten.
    Wie leicht zu erkennen ist, bin ich eine ausgesprochene Gegnerin ständig wachsender institutioneller Betreuung – vor allem der in Krippen. Mir tun die Kinder einfach leid, weil ihnen so vieles von dem fehlt, was allein in natürlichen Lebensgemeinschaften wie den Familien erlebt wird, nicht aber in Netzwerkfilialen wie Kitas und Schulen, die nur einen Teil des Kindes erfassen und ansprechen. Und dieser ist dann auch noch – je nach Ideologie und Zeitgeist – wechselnder Interpretation und Bewertung unterworfen.
    Diese „Mangelernährung“ macht sich oft erst im Erwachsenenalter durch Spätschäden bemerkbar, die mit der Ursache häufig nicht mehr in Verbindung gebracht werden.
    Natürlich haben Sie aber Recht mit der Feststellung, dass die Ganztagsschule wegführt vom eigentlichen Thema. Ich war darum auch etwas überrascht, als Sie plötzlich auf diese zu sprechen kamen.
    Darum zurück zum Thema SOL!

    • Die Befürwortung oder Ablehnung zur GS finde ich sehr abhängig von den jeweiligen Erfahrungen der Einzelnen. Ob dabei als Kind oder Pädagoge, wird keine Verallgemeinerung förderlich sein…Die MÜTTER daheim, wenn das Kind ab Klasse 5-6-7-8 nicht in den GS-Schulbetrieb eingestiegen ist, haben erst RECHT ein HOHEITSGEBIET an Macht und Einflussnahme, und so manch Mensch , ob Mutter oder Vater, glaubt sich oftmals als DIE/DER Bessere als Wegbereiter für Persönlichkeitsentwicklung.
      WERTE -REGELN werden auch als GRUPPENMITGLIED infrage gestellt. Was unterstellt wird als FUNKTIONALE Einrichtung , ob in einer Kinderkrippe oder in einer GS ,negiert die Kraft der gruppendynamischen Abläufe. Es gab immer MITLÄUFER, ANGEPASSTE, WIDERSPRECHENDE usw. egal welche Form von Betreuung erfolgte.

  59. @ Dr. Krick
    In der Tat führt die Diskussion über „Ganztagsschulen“ weg vom Ausgangsthema „kindzentrierter Unterricht“.
    Dennoch möchte ich zum „Ganztagsbetrieb“ noch einige Gedanken loswerden.
    Ich konnte vor etlichen Jahren einen über mehrere Jahre gehenden Schulversuch „Ganztagsbetreung“ praxisnah miterleben. Am meisten experimentierten wir im Bereich der Hausaufgabenbetreuung. Dennoch konnten wir bis zum Schluss keine allseits zufriedenstellende Lösung finden.
    Wenn über „Schulen“ gesprochen wird, fällt i.d.R. das Wort „individuell“. Was ist aber in den gegenwärtigen Betreuungsformen „individuell“, wenn alle SchülerInnen zu einer bestimmten Zeit und an einem bestimmten Ort die HA anfertigen sollen? Dabei wird schon auf den menschlichen Biorhythmus keine Rücksicht genommen, wonach die Leistungskurve bei uns Menschen in der Mittagszeit physiologisch bedingt abfällt. Anstatt sich auszuruhen oder zumindest anderweitig zu beschäftigen, werden in dieser Phase die HA erledigt, und nicht selten wird anschließend noch Förderunterricht angeboten. Was soll/kann ein Förderunterricht eigentlich bei einem Kind bewirken, dass vorher bereits zig Unterrichtsstunden hinter sich gebracht hat?
    Als junger Mensch erledigte ich meine HA immer nach dem nachmittäglichen Spielen i.d.R. an der frischen Luft. Als ich älter war, legte ich mich für eine Weile hin. Leise klassische Musik empfand ich als sehr angenehm und inspirierend während der Hausaufgabenphase. Allerdings konnte ich Aufsätze nur bei absoluter Ruhe schreiben. Ist diese Individualität im Ganztagsbetrieb auch möglich?
    Es gibt Kinder, die wollen/können die HA nur separat in ihrem Zimmer erledigen. Ist diese Individualität im Ganztagsbetrieb auch möglich? Herr Dr. Krick, es hängt immer vom Betreuungsschlüssel ab, inwiefern einem Kind noch beim „Vokabellernen“ geholfen werden kann. Kann diese wünschenswerte individuelle Betreuung nachmittags geleistet werden? Mit der Erledigung der HA ist es ja oft nicht getan. Wo bleibt in dem Ganztagsbetrieb die Zeit für Übungsphasen, und wann kann sich die Schülerin/der Schüler auf Arbeiten/Prüfungen vorbereiten?
    Herr Dr. Krick, Sie können es drehen und wenden wie Sie wollen, der Ganztagsbetrieb kann auf die vielen individuellen Bedürfnisse von Schülerinnen/ Schülern nur sehr bedingt eingehen. Es handelt sich oft genug um eine gut getarnte Massenabfertigung.
    Allerdings, und das möchte ich ausdrücklich noch hinzufügen: Für Kinder aus schwierigen Familienverhältnissen kann die Zeit in der Ganztagsschule dennoch außerodentlich förderlich sein.

  60. Dr. Christoph Krick

    @mehrnachdenken:
    Lernen kann prinzipiell nicht von außen geregelt werden, weil es ein innerer Prozess des individuellen Gehirns ist. Die Schule kann jedoch dafür Sorge tragen, dass Rückzugsmöglichkeiten zu verschiedenen Zeiten und Leitlinien oder Hilfestellungen zur Verfügung stehen, um dem Lernenden je nach „Biorhythmus“ die eigene Lerntätigkeit zu gestatten. Hinter der Definition von SOL steht daher ja auch die Idee der Selbststeuerung des Lernprozesses, dessen Optimierung, dessen Transparenz und dessen Vernetzbarkeit mit selbstgewählten Lernpartnern. Das Kind kann also entscheiden, wann es wo was mit wem am besten lernen kann. Daher muss bspw. das Vokabellernen in einer SOL-Ganztagsschule nicht zwangsläufig auf den Nachmittag ausweichen.
    Hier noch ein Link zur Implementierung von SOL in der Ganztagsschule:
    http://www.ganztag-blk.de/cms/upload/pdf/rlp/bbb_Selbstorganisiertes_Lernen.pdf

  61. @ Dr. Krick
    Danke für die Links. Ich habe dargelegt, wie – natürlich mit örtlichen Abweichungen – der Ist-Zustand deutscher Ganztagsschulen aussieht. Also würde ich mich freuen, wenn Sie darauf eingingen.
    Obwohl ich gerne zur Schule ging, war ich auch immer wieder froh, wenn ich mittags nach Hause gehen/fahren konnte. Allein durch diesen räumlichen Abstand freute ich mich meistens wieder auf den nächsten Tag.
    Trotz aller Anstrengungen wird es Ihnen auch beim „SOL“ kaum gelingen, SchülerInnen den individuellen Freiraum bereit zu stellen – so etwas wie eine Privatsphäre – , der für nicht wenige aber unbedingt wichtig ist. Alles, was Sie dort „auf die Beine stellen“, kann doch nicht die gewohnte häusliche Umgebung ersetzen.
    Bereits im Studium hielt ich mich nur so lange wie nötig in den großen Leseräumen der Unis/Bibliotheken auf.

  62. Dr. Christoph Krick

    @mehrnachdenken:
    Das eher magere Aufwand-zu-Nutzen-Verhältnis und das wenig kinder-/jugendkompatible Unterrichtsmodell der landläufigen (Ganztags-)Schule ist ja eben die schulinterne Triebfeder einer Suche nach rechtskonformen Umgestaltungsmöglichkeiten, die der Seelenwelt und der kognitiven Eigensteuerung der Kinder näher kommen.

    Zwischen unserer Schulzeit damals, mehrnachdenken, und den Rahmenbedingungen der heutigen Schüler liegt eine spürbare Veränderung der Wirklichkeit aus der Kinderperspektive. Wir damals waren noch häufiger im Freien mit raungreifenden Spielen beschäftigt. Es gab auch insgesamt mehr Kameraden in der Nachbarschaft und mehr Geschwister, weil es insgesamt mehr Kinder gab. Es gab ein allgemeines Vertrauen darauf, dass die Zukunft geeignete Perspektiven für jeden bereithalten würde. Die Familienstrukturen waren noch ein wenig intakter. Wir mussten auch nicht ständig über das Smartphone kontrollieren, wer was in Facebook über wen gepostet hatte, und es gab zudem nur 3 Fernsehsender… Dadurch waren Lesebücher noch spannender als heute. Nur 8% der Kinder zwischen 6 und 13 Jahren finden Lesebücher unverzichtbar, während sie Fernseher (58%) und Computer (25%) für unabdingbar halten (KIM-Studie 2010). Unter Jugendlichen (12 bis 19 Jahren) gibt es so gut wie keinen mehr ohne Handy in der Hosentasche (JIM-Studie 2012).
    Die heutigen Zeiten bieten eine größere Herausforderung an die Selbstkontrolle der Kinder. Während der Hausaufgaben von Halbtagsklassenkinder konkurrieren diese digitalen Verführer mit den Schulbüchern – und es ist oftmals keine Frage, wer gewinnt. Je früher ein Kind mit digitalem Spielzeug in Kontakt kommt, umso umfangreicher ist im Mittel dessen Gebrauch in der Klassenstufe 5. Inzwischen kann man am Medienkonsum ablesen, in welche Schulform ein Kind geht. Das sind harte Fakten aus zurückliegenden Studien.
    Wenn ein Kind zu Hause kein Elternteil oder Großeltern zur Verfügung hat, um beim Zeitmanagement zu helfen, dann sehe ich durchaus die Ganztagsschule als günstigere Option. Dort werden auch gemeinsame Bewegungsspiele wiederentdeckt, die früher in unserer Schulzeit das Geschehen auf Wiesen, Bolzplätzen und Gehwegen dominierten. Und da solche raumgreifenden Spiele indirekt Mathematikförderung und Ausschüttung des „Lernhormons“ BDNF bedeuten, gewinnen solche Kinder, die ansonsten eher sitzend über Bildschirmmedien verharren würden, daraus einen Vorteil.

    Zu unserer Schulzeit, mehrnachdenken, konnte der übliche Verdienst eines Elternteils ausreichen, um eine ganze Familie zu ernähren. Diese Chance ist heutzutage viel geringer geworden, so dass häufiger beide Eltern (sofern nicht unter den 20% Alleinerziehenden) die finanzielle Freiheit der Familie sichern müssen. Zudem wird die örtliche und zeitliche Flexibilität mehr eingefordert als früher, so dass die familiäare Betreuung der Kinder, wie sie Frau Prasuhn gerne häufiger sehen würde, schwieriger geworden ist.

    Die Frage ist nicht, ob man die Zeit zurückdrehen könnte, weil sich diese Option nicht bietet. Die staatlichen Schulen müssen sich daher mit den Problemen derjenigen Kinder, die hier und heute da sind, auseinandersetzen, weil sich nur Privatschulen die Kinder aussuchen können. Man kann sich nostalgisch an frühere Zeiten festhalten, aber die sind nun mal vorbei. Daher gilt es, mit Weitblick, Verstand und Herz das Beste aus der verordneten Schulbildung zu machen. Dabei finde ich, dass dies die Lehrpersonen vor Ort besser können als ministeriale Vorgaben. Somit plädiere ich dafür, lieber eine innere Reform der Lern- und Unterrichtskultur zu stemmen als resignativ solch einen Prozess schulfremden Behörden zu überlassen.

    Im Saarland hat man entweder diese Zeichen wahrgenommen oder (wer weiß das schon) aus reiner Ratlosigkeit die Augen verschlossen und daher den neuen Gemeinschaftsschulen das eigenständige Ausformen des schulinternen pädagogischen Konzepts überlassen. Dies bedeutet jedoch zugleich eine größere Verantwortung und auch Mehraufwand für das gesamte Kollegium. Ich fürchte, dass nicht jede Schule sofort etwas mit diesem neuen Gestaltungsfreiraum wird anfangen können, aber vielleicht macht es ja Mut, dass es – wie im Bericht oben geschildert – gelingen kann, eine für Kinder attraktive Schulumgebung mit anscheinend positiven Anreizen und förderlichem sozialem Miteinander zu schaffen.

  63. @ Dr. Krick
    – magere Aufwand-zu-Nutzen-Verhältnis = Zustimmung
    Warum wird aber der Ganztagsbetrieb in vielen Bundesländern fröhlich so unzulänglich weiter betrieben?
    Scheitert es nur am Geld oder werden die Mängel nicht gesehen?

    – meine/Ihre Kinder- und Jugendzeit = Zustimmung
    Richtig, meine Kindheit spielte sich im Wesentlichen in Feld, Wald und Flur OHNE Erwachseneneinfluss ab; wie wunderbar das war!!!
    Bereits die nächste Generation verhielt sich erkennbar anders – m.E. werden hier erste Einflüsse der vielen Fernsehprogramme deutlich.

    – digitale „Versklavung“ (Entschuldigung, ich sehe es leider so) – übrigens schließe ich da die Erwachsenenwelt inzwischen in großen Teilen mit ein = vollste Zustimmung

    – fehlende häusliche Betreuung = Zustimmung, aber …
    vielleicht sollte sich da auch vor Ort privat unterstützt werden.

    – Wer ernährt die Familie? = Zustimmung, aber …
    Während es in den 50er/60er Jahren auch Absolventen von – heute sagen wir Förderschulen – möglich war, eine Familie zu gründen und in bescheidenen Verhältnissen zu leben, ist das heute so gut wie unmöglich. Selbst Hochschulabsolventen finden häufig genug keine sofortige Anstellung, und wer denkt schon als ständiger Praktikant an eine Familiengründung?
    Trotzdem meine ich, dass es in unserem reichen Staat möglich sein sollte, Familien zumindest in den ersten drei Jahren finanziell so auszustatten, dass die Babys und Kleinkinder im häuslichen Umfeld bleiben können. Frauen und Männern brauchen dafür eine Beschäftigungsgarantie. Es kann doch nicht sein, dass sich alles nur nach dem Arbeitsmarkt richten muss. Dafür braucht es sehr kreative Ideen aller gesellschaftlichen Gruppen. Die gibt’s aber hierzulande nicht. Was ich beobachte – flächendeckende Kitas – halte ich für sehr einfallslos und überhaupt nicht familienfreundlich!!

    – Nein, die Zeit können wir nicht zurückdrehen, aber wir können uns anstrengen, intelligente Antworten auf die aktuellen familien- und schulpolitischen Herausfoderungen zu finden. Möglicherweise ist das von Ihnen skizzierte Modell eine von zahlreichen Optionen.

    Prima, Her Dr. Krick, dieses Mal sind Sie freundlicherweise auf meine Punkte eingegangen. So gefällt mir eine Diskussion.

  64. Dr. Christoph Krick

    @mehrnachdenken:
    Ihre Frage „Warum wird aber der Ganztagsbetrieb in vielen Bundesländern fröhlich so unzulänglich weiter betrieben?“ stelle ich mir auch. Aber ich muss gestehen, dass ich keine schlaue Antwort darauf habe. Ich habe nur der DAK-Studie über Lehrergesundheit (2011) entnommen, dass 60% der Lehrer ihren Beruf lieber früher als später an den Nagel hängen würden. Die empfundene Belastung korreliert nach der Studie mit dem Mangel an Rückendeckung durch die Schulleitung, fehlender Unterstützung im Kollegium und mit dem Ausmaß an Schulunlust und deren Folgen seitens der Schüler. Wären Schulen produktive Betriebe mit demselben Betriebsklima und derselben Effizient, wären sie längst vom Markt verschwunden…

    Sollte diese allseits fehlende Effizienz so weiter den Bach runter gehen, könnte irgendwann ein ganz schlauer Finanzminister auf die Idee kommen, die Schule über digitale Lernspiele und „Wissen-macht-Ah!“ in die digitale Welt zu verlegen, da man ja heutzutage dort die Kinder eh häufiger antrifft… Und die Schüler könnten über den Lerngegenstand fröhlich über die liebgewonnenen Netzwerke plaudern, was ja im herkömmlich Unterricht beschnitten wird. Wenn der besagte Schlaumeier die Ausgaben der Bildung pro Kopf von derzeit 1300,- Euro pro Jahr dann (teilweise natürlich!) an die Eltern als Betreuer in einem Home-Schooling-Modell auszahlen würde, könnte man langfristig Heiz- und Sanierungskosten von Schulgebäuden, Lehrergehälter und Verwaltungsausgaben in Milliardenhöhe einsparen… Und die Eltern könnten aus dem finanziellen Zugewinn etwas mehr Familienzeit gewinnen. Was halten Sie von dieser „schönen neuen Welt“ der Pro-Kopf-Bildung, mehrnachdenken?
    http://www.etracker.de/lnkcnt.php?et=lKbSM9&url=http%3A%2F%2Fwww.iwkoeln.de%2F_storage%2Fasset%2F63649%2Fstorage%2Fmaster%2Ffile%2F351010%2Fdownload%2F16.pdf&lnkname=Gutachten_Bildungsfinanzierung-16.pdf

    Da ist mir persönlich das effizientere SOL-Schulmodell lieber. Und den Lehrerkollegen, die es stemmen, offensichlich ebenfalls, zumal damit zugleich nicht nur die Sozialkompetenz der Schüler steigt, sondern auch das kollegiale Miteinander im Lehrerteam verbessert wird.

  65. Auch ich stehe Ganztagseinrichtungen ablehnend gegenüber.
    Mag sein, Herr Dr. Krick, dass SOL sie etwas nachbessern kann, doch warum eine falsche Schulform nicht abschaffen oder nur für Notfälle bereithalten als partout an ihr festzuhalten?

  66. @ Dr. Krick
    „Wären Schulen produktive Betriebe mit demselben Betriebsklima und derselben Effizienz, wären sie längst vom Markt verschwunden.“ – absolute Zustimmung!!

    – „schöne neue Welt“? – gewöhnungsbedürftig, aber darauf wird’s womöglich hinauslaufen – was spricht dafür,was dagegen?
    Diese „schöne neue Welt“ gibt es doch schon im realen Leben. Hier ist der Beweis:

    http://www.news4teachers.de/2012/11/bei-meldung-bitte-klicken-erste-virtuelle-schule-deutschlands-online/

    Der Kommentar ist auch sehr aufschlussreich.

  67. Dr. Christoph Krick

    @Birgit:
    Es würde mich nun sehr interessieren, wie Sie ein in sich konsistentes Modell von Schule skizzieren würden, das in der heutigen gesellschaftlichen Lebenswirklichkeit (weitgehend) alle Schulkinder im Halbtagsbetrieb so auffängt, dass sie weder an mangelnder Selbstdiziplin, noch an Sprach-, Betreuungs-, Management- oder Aufmerksamkeitsdproblemen verzagen müssen. In den nichtgymnasialen Schulformen werden Sie aufgrund der Selektionsweise unserer Grundschulen ja viele Kinder vorfinden, die in diesem Fall am Nachmittag wegen abweichender Muttersprache oder Arbeitssituation oder Bildungslücken im Elternhaus auf Nachhilfeinstitute ausweichen müssten. Neben dem Vereinswesen würden sich diese Einrichtungen natürlich auf Ihre Ideen freuen. Ich fände es spannend, Ihre Überlegungen zu Alternativen in Ihrem Modell zu lesen. Wie würden Sie denn mit der traditionellen Halbtagsschule und deren Unterrichtsqualität des vorwiegend instruktiven Lehrkonzepts der problematischen Situation dieser Kinder gerecht werden können? – Was würden Sie ändern, und womit würden Sie anfangen?

  68. Auf Totschlagsargumente, hinter denen unübersehbar das Wort „alternativlos“ steht, gehe ich ungern ein, Herr Dr. Krick.
    Wer Elternhäuser über den Kamm von „abweichender Muttersprache oder Arbeitssituation oder Bildungslücken im Elternhaus“ schert, muss in seinem Plädoyer für die Ganztagseinrichtungen zwangsläufig Recht bekommen.
    Von einigen auf alle zu schließen, ist noch immer die gängigste und wirksamste Methode, um möglichst alle Kinder in die fürsorglichen Hände des Staates zu geben. Dort geht es ihnen (nicht zuletzt dank Sol) dann so richtig gut.

  69. @ birgit: Das Kriegsbeil begraben? Ok.

  70. Dr. Christoph Krick

    @Birgit:
    Na ja… aber wenn niemand „alternative“ Ideen liefern kann, fehlt die Diskussionsgrundlage für Änderungen. Klar, wer auch immer Ideen hat, wird leicht aufgrund der deutschen „Fehlerkrankheit“ zum Buhmann. Trauen Sie sich deshalb nicht, Ihre Vorstellungen zu skizzieren?

  71. Ach, Herr Dr. Krick, was soll das?

  72. @ Herr Dr. Krick
    Ein interessanter Artikel zum „Frontalunterricht“. Die Adresse habe ich bei http://www.4teachers.de gefunden.
    Der von mir schon mehrmals genannte Prof. Dr. Hilbert Meyer kommt in dem Beitrag auch vor. Herr Dr. Krick, besonders genau sollten Sie lesen, was über Finlannd geschrieben wird. Irgendwie steht das in krassem Gegensatz zu dem, was Sie hier bisher dargelegt haben.

    http://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/bildungswesen-frontalunterricht-macht-klug-11994686-html

    • Finnland, immer wieder Finnland.

      Der wesentliche Vorteil des finnischen Systems ist, dass die Kommunen die Lehrer selbst einstellen u n d k ü n d i g e n können. Es gibt dort also einen ARBEITSMARKT wie für fast alle, so auch für Lehrer.
      Das ist die Voraussetzung für die dortige Lehrleistung, der die Lernleistung selbstverständlich folgt.

      Diese doch nun wirklich simple Erklärung des finnischen „Bildungswunders“ wird leider (von interessierten Kreisen) überhaupt nicht zur Kenntnis genommen, bzw vollständig unterdrückt.

  73. Nachtrag
    Leider gelangen Sie beim Anklicken der Adresse nicht direkt auf die Seite. Dort müssen Sie die Startseite aufrufen. Der Artikel steht dann unter „Aktuell im Fokus“.
    Evtl. kann klexel hier weiterhelfen.

  74. @klexel
    Sie haben doch den Link bei 4teachers hineingestellt.

  75. Huhu, es kann wieder kommentiert werden!

  76. @ Birgit
    Das ist doch der Link, auf den ich am 17.12. (01.56) hingewiesen habe. Ein wenig Kopfschütteln.

  77. @mehrnachdenken
    Habe ich geistiges Eigentum geraubt?
    Ihren Link habe ich doch einfach nur übersehen.
    Trotzdem: Entschuldigen Sie bitte!

  78. ZITAT: Bildungswesen: Frontalunterricht macht klug. Problemorientierter oder offener Unterricht – die ganze moderne Pädagogik stiftet wenig Nutzen. Am besten ist noch immer moderner Frontalunterricht, fanden Forscher heraus. Den ganzen Artikel finden Sie hier: http://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/bildungswesen-frontalunterricht-macht-klug-11994686.html

  79. Mich würde jetzt sehr interessieren, was Herr Dr. Krick zu dem Thema „Frontalunterricht“ sagt. Schade, seit Mitte Dezember hat er sich nicht wieder gemeldet.

  80. Ich wage mal eine These: Je freier das Lernen ist, desto besser lernt man, was man lernen will, aber desto schlechter, was man nicht lernen will. Ich meine, die Schule bringt ja den Kindern vieles bei, von dem sie selbst meinen, dass sie es nicht brauchen und was sie nicht interessiert, was wir mal im Sinne der Allgemeinbildung festgelegt haben, dass das ein Mensch in unserem Lande wissen/beherrschen soll. Freies Lernen funktioniert also sehr gut bei dem, was ein Kind lernen will, weil es sich dafür interessiert. Alles andere aber fällt hinten runter und nun müssen wir uns entscheiden: Sollen Kinder nur lernen, was sie lernen wollen (also auch vieles nicht, was wir als Allgemeinbildung betrachten) oder sollen sie einen bestimmten „Grundstock“ an Wissen und Fertigkeiten erwerben, auch wenn darunter so manches ist, was sie nicht lernen wollen? Und bei dem, was sie nicht lernen wollen, wird es immer die „Probleme“ geben, wie es seit Generationen gab und gibt und was uns dann im Faulsein, in Unlust, in Nebenbeschäftigungen (Störungen), Lernschwierigkeiten, Desinteresse … entgegentritt.

  81. @sofawolf
    Ich stimme Ihrer Analyse zu und bin überzeugt: Kinder „sollen einen bestimmten “Grundstock” an Wissen und Fertigkeiten erwerben, auch wenn darunter so manches ist, was sie nicht lernen wollen.“
    Auch das Erlernen von Disziplin und Selbstdisziplin,um Dinge zu erlernen oder auszuführen, die keinen Spaß machen, gehören zum Kind- und Menschsein.
    Es käme einer Bankrotterklärung der Erziehung gleich, wenn den Kindern nichts mehr abverlangt würde, das gegen ihr Lustgefühl geht, aber wichtig fürs Leben ist.
    Einerseits ist der „Grundstock an Wissen“ wichtig, mindestens ebenso aber auch das Training zur Selbstüberwindung, wenn Pflicht oder Situation dies erfordern.
    Ansonsten kommt die bittere Rechnung für eine reine Spaßpädagik, wenn es aufs selbständige Leben ankommt, das nicht nur mit Lust und Laune gemeistert werden kann.

  82. @ Knut M.: Ja, das „versteckt“ sich bei mir hinter den Fertigkeiten (womöglich der falsche Begriff). Ich meine, wir leben als Menschen mit anderen Menschen zusammen und da kann nicht immer jeder tun, was er tun will (und nicht tun, was er nicht tun will). Das ist für mich die Fertigkeit/Fähigkeit zur Selbstbeherrschung. Man muss lernen, aus jeder Situation das (individuell) Beste zu machen. Das muss nicht immer eine Spitzenleistung sein, aber es ist das Beste, was „mir“ in diesem Bereich möglich ist und das eben auch in Fächern und bei Themen, die mir nicht liegen, die mich nicht interessieren, in Zusammenarbeit mit Personen, die ich nicht mag (Gruppenarbeit). Ein Kind muss in der Schule auch aushalten, dass etwas mal nicht so interessant ist, dass etwas mal anstrengend ist, dass es mal einen Misserfolg hat, denn niemand wird im Leben immer der Beste sein und immer nur Erfolg haben und nur machen können, was ihm gefällt. Deshalb lege ich sehr großen Wert auf die „soziale Erziehung“ in der Schule (das Lern- und Sozialverhalten), d.h., dass wir die Heranwachsenden „gesellschaftsfähig“ machen, dass sie keine „selbstverliebten Egoisten“ werden oder Genies, die im Alltag scheitern, sondern „anerkannte Mitglieder unserer Gemeinschaft“ mit ihren individuellen Stärken und Schwächen.

  83. Gestandene Bildungsforscher wie der Präs. der Uni HH Prof Dr Lenzen kritisieren seit langem die Lehrerausbildung und die mangelnden Leistungsanreize im Lehrerberuf. http://www.welt.de/print-welt/article255602/Lehrer-lehnen-Qualitaetskontrollen-ab.html

    Nur über Leistungsvergleiche und Leistungsanreize werden sich neue Methoden und Didaktiken durchsetzen – oder eben nicht (wenn sie keinen „Mehrwert“, sprich bessere Ausbildung generieren).

    Nicht nur der deutsche Beamte mag keine Veränderungen.
    Ich habe 3 Jahre als DaF (Deutsch als Fremdsprache)- Lehrer in Kasachstan gearbeitet.
    Dort wurde mir gezeigt, wohin beharrliches Festhalten an überkommene Methoden führt.

    An „meinem“ linguistischen Gymnasium wurde Deutsch teils schon ab der 2. Klasse gelehrt. Nur sehr wenige SuS der oberen Klassen konnten jedoch auf Fragen wie „Wie heißt Du?“ oder „Wie alt bist Du?“ antworten. Mit den Deutsch-LehrerInnen war nur sehr schwer Kontakt aufzunehmen.

    Nach einigen Hospitationen war mir das Problem klar. Die DeutschlehrerInnen konnten kaum Deutsch. Das wollten sie verbergen. Der Deutschunterricht wurde auf Russisch gehalten. Die armen SuS lernten dort die Regeln der deutschen Grammatik – auf Russisch. Diese Regeln konnten sie auch auf Kommando runterrasseln – auf Russisch natürlich.
    Ich habe mich an meinen Lateinunterricht erinnert gefühlt – ob der wohl heute auch noch so funktioniert?

    Einmal hospitierten Lehramtstudenten (letztes Semester Deutsch)bei meinem Unterricht. Nach dem Unterricht fragte ich eine Studentin wie ihr mein Unterricht gefallen habe. – Längeres Schweigen, keine Antwort. Ich formuliete die Frage also um: „Hat Ihnen mein Unterricht gut oder nicht so gut gefallen?“ Sie hätte jetzt also durch Umstellung der Frage oder auch mit einem Einwort-Satz (Gut / nicht so gut) antworten können (geführte Antwort). Wieder längeres, etwas peinliches Schweigen.
    Dann ihre Antwort: „Julia.“

    Ihr kam’s wohl mehr auf einen krisenfesten Job an.

    Jedenfalls brauchen wir in Deutschland uns um Lehrerausbildung, Lehrerleistung, Methodik und Didaktik so schnell keine Gedanken machen. Länder wie Kasachstan etc werden uns auf mittlere Sicht bildungsmäßig wohl nicht einholen.

  84. Was ich vergaß.
    Selbstverständlich ging es den dortigen Deutschlehrer/-innen nicht um den Arbeitsaufwand des Deutschlernens, bzw der Weiterbildung.
    Nein, nein. Es ging ihnen, wie immer in diesen Fällen, einzig um die Schüler.
    „Oni choroschi ponimajut pa russki!“
    „Auf russisch verstehen sie besser!“, war die Antwort.

  85. Aus der LehrerInnen-Seite http://www.teachpapers.de/magazin/unter-uns-lehrern/artikel/d/internationaler-lehrervergleich-verbeamtet-undoder-angestellt.html
    „Liebe Kolleginnen und Kollegen,

    in den meisten Ländern, vor allem denjenigen, die bei PISA gut abschnitten, werden Lehrerinnen und Lehrer nicht mehr durch einen bürokratisch administrierten Zuteilungsmechanismus den Schulen zugewiesen, sondern es besteht ein offener Lehrerarbeitsmarkt: …
    In vielen dienstrechtlichen Regelungen besteht grundsätzlich die Möglichkeit, Entlassungen aufgrund unzureichender Lehrerleistungen sowie aus strukturellen Gründen (Stellenkürzungen etc.) vorzunehmen. Dies kann auch für beamtete Lehrerinnen und Lehrer gelten (bspw. in Finnland). …
    Gängig ist mittlerweile, dass sich die Arbeitszeit aus einer Kombination von Unterrichtsverpflichtung und Anwesenheitszeit an der Schule definiert. …
    … die Ergebnisse zeigen schon, dass der Beamtenstatus, die Freiwilligkeit der Weiterbildung und auch die klar definierte Unterrichtsverpflichtung in den meisten deutschen Bundesländern doch vergleichsweise ein sehr komfortables Lehrerleben ermöglichen.“
    … und leider eine im internationalen Vergleich zunehmend lausigere Schülerperpektive, muss man wohl hinzufügen.

  86. Was soll das Gehetze gegen die Lehrer, orbita?

  87. Werter Knut M.
    Ich hetze nicht. Es mag sein, dass manche Fakten Ihnen nicht gefallen. Das hat aber nichts mit Hetze zu tun.
    Hätte ich folgendes geschrieben (und „Kind“ durch „Lehrer“ ersetzt), okay:
    „Auch das Erlernen von Disziplin und Selbstdisziplin,um Dinge zu erlernen oder auszuführen, die keinen Spaß machen, gehören zum Kind- und Menschsein.“

    Oder, dito:
    “ … wenn den Kindern nichts mehr abverlangt würde, das gegen ihr Lustgefühl geht, aber wichtig fürs Leben ist.“

    Auch hier könnte man, wenn man „Spaßpädagogik“ so versteht, dass jeder Lehrer leistungsunabhängig macht was er gerade mal gut findet, von Lehrerhetze sprechen:

    „Ansonsten kommt die bittere Rechnung für eine reine Spaßpädagik, wenn es aufs selbständige Leben ankommt, das nicht nur mit Lust und Laune gemeistert werden kann.“

    (Alle Zitate aus nur einem Ihren Posts.)

    Bei dem Zitat aus der Lehrer-Website
    „… die Ergebnisse zeigen schon, dass der Beamtenstatus, die Freiwilligkeit der Weiterbildung und auch die klar definierte Unterrichtsverpflichtung in den meisten deutschen Bundesländern doch vergleichsweise ein sehr komfortables Lehrerleben ermöglichen.“

    fehlt, dass neben den vergleichsweise sehr guten Arbeitsbedingungen die Lehrergehälter in Deutschland europaweit am zweithöchsten (nach Luxemburg) ausfallen.
    Im internationalen Vergleich verdienen Lehrpersonen in Deutschland sehr gut:

    „Die BRD liegt auf Platz 3 (Einstiegsgehalt) bzw. Platz 4 (Gehalt nach 15 Jahren) der OECD-Liste und damit knapp 40 bzw. 30% über dem OECD- Durchschnitt. Betrachtet man nur die EU-Staaten, belegt Deutschland nach Luxemburg den zweiten Platz.“ http://www.lehrerfreund.de/schule/1s/lehrergehaelter-vergleich/3221

  88. Knut M

    Ich lese gerade in der heutigen SZ auf S.2 unten „Entamtet“ von dem Lehrer Arne Ulbricht, 40.
    Sehr interessant.
    Da Sie anscheinend „wertorientierten“ Unterrichtsmethoden und -inhalten den Vorzug geben, wäre das durchaus etwas für Sie.

    Herr Ulbricht lehnt seine Verbeamtung ab. Er findet es sinvoller, die Schüler nicht von einem Beamtenpodest aus auf das Leben und den Arbeitsmarkt vorzubereiten.

    Führen und Lehren durch Beispiel nennt man das. Die gute alte Methode, durch die Werte immer noch am besten vermittelt werden.

    Schließlich soll den Kindern nicht beigebracht werden, wie man ohne Leistung, aber voll alimentiert durch das Leben kommt, nicht wahr? Das wäre doch ein schlechtes Beispiel, gerade mal geeignet für eine H4 Karriere.

  89. @orbita
    Schön konstruierte Logik, orbita, mit der Sie Ihre Abneigung und Vorurteile gegen Lehrer dick unterstreichen.
    Sollten Sie gegen weitere Berufsangehörige ein Ressentiment haben (z.B. Beamte allgemein) können Sie immer wieder das „Kind“ gegen diese Personengruppe austauschen und mir dankbar sein, dass ich Ihnen eine so schöne Vorlage fürs Mäkeln geliefert habe.

  90. @Knut M.

    Wie kommen Sie nur darauf, dass ich etwas gegen Lehrer hätte? Oder gegen Berufsgruppen? Hätte ich dann den Lehrer A. Ulbricht zitiert?

    Wenn ich mich, als Beispiel, gegen den unzureichenden Ausbau von Radwegen wendete, hätte ich also etwas gegen die Berufsgruppe der Strassenarbeiter? Der Logik vermag ich nicht zu folgen.

    Sich umzusehen, wie eigentlich die PISA-Topperformer einerseits und Abgeschlagene andererseits Schule, Lehrerausbildung und -beschäftigung organisieren, wird doch wohl noch erlaubt sein.

  91. Dr. Christoph Krick

    @mehrnachdenken: „Mich würde jetzt sehr interessieren, was Herr Dr. Krick zu dem Thema “Frontalunterricht” sagt.“

    Sorry für die Schreibpause, aber ich arbeite viel und intensiv, so dass nicht immer ein Zeitfenster zum Informationsaustauch blebt.

    Ich habe ja gar nichts gegen Frontalunterricht, solange dieser an der richtigen Stelle effizent eingesetzt wird, bspw. um Vorwissen zu schaffen. Vorwissen ist bekanntlich die beste Voraussetzung zum Lernen. Demzufolge macht es wenig Sinn, Kinder ohne Vorwissen mit irgendeinem Lernmaterial zu traktieren. Da wir soziale Lebewesen sind, kann die direkte Kommunikation eine sehr gute Methode zum Schaffen von Vorwissen sein. Das Problem in einer Schulklasse besteht nun aber darin, dass unterschiedlich vorinformierte Kinder unterschiedlich gut oder lange den Ausführungen der Lehrperson folgen können. Man kann Kinder noch viel schwerer als erwachsene Studenten in der Aufmerksamkeitssteuerung synchronisieren. Daher bin ich überzeugt, dass ausschließlicher Frontalunterricht ziemlich ineffektiv ist. (In Finnland wird seit Jahrzehnten sehr stark zusätzlich gefördert, wenn ein Kind im Untericht nicht mitkommt.) Kindern fehlt oft die Konzentrationsfähigkeit und die Arbeitsgedächtniskapazität, um einen stundenlangen Informationsfluss zu verarbeiten – geschweige zu memorieren. (Das ist auch bei Studenten nicht anders, aber diese können mitunter auf ein umfangreicheres Vorwissen bauen, um Lücken zu interpolieren.) Im Allgemeinen führt daher „konventioneller“ Frontalunterricht dazu, dass die Lernarbeit aus dem eigentlichen Unterricht ausgelagert wird – und daher nicht mehr von der Lehrperson mitverfolgt werden kann. John A.C. Hattie schreibt als Fazit der Lehrerbedeutung in seiner Meta-Mata-Studie: „Lehrkräfte müssen gewahr sein, was jede einzelne Schülerin und jeder einzelne Schüler denkt und weiß, um Sinn und bedeutungsvolle Erfahrungen angesichts dieses Wissens zu schaffen.“ Das ist aber nur möglich, wenn der Lernprozess selbst im Mittelpunkt steht – und nicht die Unterrichtslogistik gemäß Lehrplan…

    Der „klassische“ Frontalunterricht hat für die Lehrperson den Nachteil, dass jedes Kind eine „Einzelbaustelle“ ist. Gemäß den „Kounin-Techniken“ für störungsfreien Unterricht ist es sinnvoll, die „psychologische“ Anzahl der Baustellen zu reduzieren. Klar, das ist auch durch ein straffes Regel- und Sanktionssystem zu erreichen, aber deswegen wird nicht besser gelernt. Eine andere Möglichkeit ist das Aufrechterhalten einer gebannten Neugierhaltung, indem der Lehrer ein toller Entertainer ist. Das wiederum ist erfahrungsgemäß nicht täglich erbringbar. Besser geeignet sind dann eben Unterrichtstechniken, die auf Phasen der individuellen Stillarbeit oder der Teamarbeit in Kleingruppen zurückgreifen, um sowohl die Lerneffizienz auf Schülerseite, als auch die Anzahl „gefühlter“ Baustellen auf Lehrerseite im Klassenraum zu optimieren. In SOL heißt übrigens der systematische Wechsel zwischen den verschiedenen Unterrichtsstilen „Sandwich-Prinzip“, das zum Aufrechterhalten von Aufmerksamkeit und Lernfreude ein geeignetes Instrument zu sein scheint.

  92. @ Dr. Krick
    Schön, dass Sie sich wieder gemeldet haben!
    Ihren Ausführungen zum „Frontalunterricht“ kann ich im Großen und Ganzen zustimmen. Vor allem freut mich dieser Satz: „Demzufolge macht es wenig Sinn, Kinder ohne Vorwissen mit irgendeinem Lernmaterial zu traktieren.“
    Sieht „moderner“ Unterricht aber heute nicht genauso aus? Es soll sogar Studienseminare geben, die den zukünftigen Lehrkräften einreden wollen, dass Ergebniskontrollen nicht notwendig seien. Es wird auf die intrinsische Motivation bei den SchülerInnen verwiesen, wonach sie das schon selbstständig erledigen würden.
    Wir wissen alle aus eigenen Erfahrungen, dass es schwierig ist, einem Vortrag von mehr als 10 Minuten konzentriert zu folgen. Deshalb heißt „Frontalunterricht“ ja auch nicht, 45 Minuten lang zu monologisieren. Das habe ich auch nicht in meiner Schulzeit erlebt, die nun schon sehr lange zurückliegt. Schon damals war der Unterricht in verschiedene Phasen eingeteilt: Einstieg, Erarbeitung, Auswertung und Festigung. In der Auswertung wurden die Ergebnisse verglichen und besprochen. Die Lehrerperson stand aber in allen Phasen im Mittelpunkt des Unterrichtes.
    Zum Schluss noch ein Gedanke, den Sie mir aus neurowissenschaftlicher Sicht evtl. beantworten können. Ganz egal, mit welchen Methoden oder Unterrichtsformen gelehrt und gelernt wird, viel haben wir in kürzester Zeit wieder vergessen. Ich habe erlebt, dass sich SchülerInnen noch nicht einmal an Lernstoff erinnern, der einen Tag zurückliegt. Das passiert auch, wenn sie den Inhalt nachträglich in Form von Übungen vertiefen. Die Lehrkräfte können davon ein Lied singen, wenn der Unterricht nach den Sommerferien wieder beginnt. Oft genug sieht es dann so aus, als ob die SchülerInnen niemals in der Schule waren.
    Untersuchungen zufolge haben viele von uns wenige Jahre nach dem Abitur nur noch ca. 3% des Lernstoffes behalten. Dabei ist es offensichtlich unerheblich, ob mich der Lernstoff interessierte oder nicht. Die binomischen Formeln kenne ich auch heute noch, obwohl Mathematik mich nun nicht unbedingt begeisterte, und ich nach der Schulzeit niemals mehr darauf zurückgreifen musste. Dafür habe ich aus dem Fach Chemie so gut wie nichts mehr behalten, obwohl es mein Lieblingsfach war.
    Deshalb stelle ich das System Schule ja auch grundsätzlich infrage. In diesem System gelingt es heutzutage ja nicht einmal, allen SchülerInnen die Kulturtechniken Lesen, Rechnen und Schreiben sicher beizubringen. Viele verlassen die Schule als Analphabeten. Wenn wir die Kulturtechniken sicher beherrschen, hilft uns das schon sehr gut, den Alltag zu bewältigen.

  93. Ihr Kommentar gefällt mir, mehrnachdenken. Sie sprechen immer wieder Dinge in einer Weise aus, die auch mich kritisch beschäftigt.
    So ist meiner Meinung nach z. B. die Beherrschung der Kulturtechniken absolutes Pflichtziel für jede Schule. Alles andere ist mehr oder weniger wichtiges Kürprogramm.
    Leider haben die Verantwortlichen in den letzten Jahrzehnten modische Küren immer stärker in den Mittelpunkt gerückt und die Pflichten vernachlässigt. Sich mit immer Neuem zu schmücken ist nicht den Schülern zugute gekommen, sondern den vollmundigen Erfindern neuer Ziele und Methoden. Die Schüler hatten hingegen das Nachsehen, denn es stimmt, was Sie sagen: „In diesem System gelingt es heutzutage ja nicht einmal, allen SchülerInnen die Kulturtechniken Lesen, Rechnen und Schreiben sicher beizubringen. Viele verlassen die Schule als Analphabeten.“

    • @Nathalie @mehrnachdenken
      „Viele verlassen die Schule als Analphabeten.“
      Hierfür gibt es sicher viele Gründe. Andererseits kenne ich die Fakten bezüglich der Entwicklung des prozentualen Anteils der(funktionellen) Analphabeten in der Bevölkerung nicht. An meiner alten Volksschule, drei Klassenräume, drei Lehrer für Klasse 1-9, kamen nur einige wenige bis zur 9. Klasse. Nicht wenige verließen die Schule als (funktionelle) Analphabeten.

      Obwohl sich heute Schülerschaft und Kultur, mehr noch die Jugendkultur, radikal geändert haben, stösst Innovation an Schulen und in der Lehrerschaft gebetsmühlenartig auf Widerstand.
      Ein Satz wie aus Ihrem Post: „Sich mit immer Neuem zu schmücken …“ würde wohl in, sagen wir Ingenieursforen, Wirtschaftsforen usw verständnisloses Kopfschütteln auslösen. Neues per se abzuwehren und schlecht zu machen, würde dort noch nicht einmal als (schlechter) Witz verstanden werden.

      Wir haben heute in Großstädten unter den 6-17 jährigen ca 50% Kinder mit Migrationshintergrund.
      Sprachverarbeitung, sprachliche Kommunikation ist DAS Problem. Es interferiert in alle Fächer, auch Mathematik. Man kann sagen, dass mangelnde Sprachbeherrschung und daraus resultierende mangelnde Begriffs-(begreifen!!)und Grammatikbildung (Verknüpfung) enorm viel potentielle Intelligenz vernichtet.
      Es gibt noch nicht einmal eine Forschung zur vergleichenden Linguistik zwischen Deutsch und dem grössten fremdsprachigen Schüleranteil, den muttersprachlich türkisch Sprechenden, die Eingang in die Lehrer- und Erzieherausbildung findet.
      Da kann man nur staunen. Wie wollen die diesen Kindern Deutsch beibringen? Osmose scheint die Didaktik der Wahl zu sein.
      Jeder, der um den Wert einer (Spracherwerbs-) Didaktik weiß, ist baff, wenn er sieht das Deutsch an der Schule immer noch unterrichtet wird, als wende sich der Unterricht nur an muttersprachlich deutsche Kinder.
      Dabei sind die oft genug nur eine Minderheit in der Klasse.
      Auch ich „verteufele“ Frontalunterricht nicht. Ich möchte aber jedem Lehrer empfehlen, nach 3-5jähriger Unterweisung in einer fremden Sprache, sich einen Fachvortrag in dieser Fremdsprache anzuhören.
      Und hinterher, wenn man trotz Anstrengung 30mal den Faden verloren und nichts verstanden hat, gesagt zu kriegen: „Kein Wunder, wenn du dich nicht konzentrierst!“

  94. @ Nathalie
    Vielen Dank für das Kompliment, das ich aber auch Ihnen aussprechen kann. Wir „funken“ da wohl auf einer Wellenlänge. Schön, so ein Lob zu lesen, bin ich doch auch schon bei News4teachers nicht gerade freundlich behandelt worden.
    Bekanntlich wird in Niedersachsen am 20.01. gewählt. Gestern gab es auf NDR eine halbstündige Diskussion von Vertretern der kleinen Parteien „Die Linke“, den „Grünen“ und der „FDP“. Dort ging es auch kurz um die Bildungspolitik. Wer sich ein wenig bei den Parteien auskennt, hat nichts Neues erfahren. Grüne und Linke sprechen sich für die IGS aus und kritisieren die Regierungskoalition (CDU/FDP), weil sie diese Schulform vor allem auf dem Land benachteilige. Die FDP möchte die schulische Vielfalt und das eigenständige Gymnasium unbedingt erhalten. Amüsant fand ich die Aussage des Linken-Vertreters, der die so genannte Oberschule (ein Zusammenschluss von HS/RS mit der Option zum Gymnasialabschluss) eine „Unterschule“ nannte. An der Namensgebung hat sich die Öffentlichkeit kaum gestört, obwohl ich mit „Oberschule“ zunächst einmal höhere Bildung verbinde. Da gingen SchülerInnen einer HS im Juni noch auf die Hauptschule und im August sitzen sie plötzlich in der Oberschule. Eine „super Karriere“, kann ich nur anerkennend sagen. Über ähnliche Mogelpackungen und Tricksereien haben wir in diesem Forum auch schon geschrieben. Ob diese Feinheiten aber „Otto Normalverbraucher“ versteht? Da finde ich die Bezeichnung Sekundarstufe für einen ähnlichen Zusammenschluss in NRW neutraler und damit sympathischer. Gesprochen wurde aber nicht darüber, was hier im Forum z.B. im Zusammenhang mit „SOL“ thematisiert worden ist. Es liegt natürlich auch an den fragenden Journalisten, die offensichtlich wenig Ahnung gehabt haben. Warum wird nicht ‚mal nach der angeblich so großartigen Leistungsfähigkeit von Gesamtschulen gefragt. Dabei wissen wir doch alle, dass gescheiterte Gymnasiasten dort ganz locker das Abi schaffen. Warum wird nicht danach gefragt, wie es sein kann, dass so viele Analphabeten die Schulen verlassen oder die Kulturtechniken nicht sicher beherrscht werden? Warum wird nicht danach gefragt, welchen Wert das Abitur in einigen Bundesländern eigentlich noch hat, wenn zu viele Studienanfänger noch nicht einmal richtig schreiben und formulieren können? Auf die Antworten wäre ich gespannt. Heute Abend gibt es den Auftritt zwischen dem Amtsinhaber und seinem Herausforderer von der SPD. An sich ist es überflüssig, sich das anzusehen, weil es bei dem Thema „Bildung“ ganz bestimmt wieder nur um Schlagworte und der Forderung der Opposition nach viel Geld geht.

  95. Dr. Christoph Krick

    @mehrnachdenken:
    Politische Diskussionen um die äußere Schulform frustrieren mich regelmäßig, weil der falsche Fokus beleutet wird. Erfolgreiches Lernen findet im Kinderkopf statt. Die inneren Mechanismen, die zum erfolgreichen Lernen führen, sind nicht politisch entscheidbar… 😉

    Das Problem der geringen Kompetenz von Schülern trotz jahrelangem Unterricht hatte ich gerade heute wieder mit einem Schulleiter diskutiert. Er schilderte, dass etliche Jugendliche in der 9. Klasse zwar einen Text Buchstabe um Buchstabe vorlesen könnten, ohne aber nachher zu wissen, was sie da gelesen haben. Dieses Defizit beim Sinnentnehmen wirke sich dann auch auf Textaufgaben in Mathematik aus. Bei Rechenaufgaben können diese Jugendlichen durchaus vorexerzierte Aufgaben in der demonstrierten Art und Weise nachahmen, aber sie könnten nachher nicht erklären, welche Regelmechanismen dabei angewendet wurden. Selbst bei kleiner Änderung des Aufgabentyps sind diese Jugendlichen dann hilflos. Im Grunde genommen bedeutet das, dass die betreffenden Schüler nicht wissen, was sie in der Schule für welche Intention überhaupt durchführen. Die Schüler lernen nichts, weil es kein vorhandenes Wissensgerüst gibt, an das neue Erfahrungswerte oder neue Regeln angeknüpft werden können. Selbst kurzzeitig erlerntes Wissen hat daher den Charakter von losen Blättern im Wind…

    Wenn nachhaltig gelernt werden soll, sollten aus meiner Sicht folgende Kriterien beherzigt werden:
    o Es muss Vorwissen geschaffen werden, damit Informationen angeknüpft werden können.
    o Ähnlichkeiten, Analogien und Regeln können das Anknüpfen verstärken. (Beispielsweise erkennen Sie in jedem Raum eine Sitzgelegenheit, auch wenn Sie noch nie in dem betreffenden Raum waren und auch noch nie das betreffende Möbelstück zuvor gesehen haben.)
    o Episodische Informationen (Bsp: welcher altgriechische Herrscher hatte wann in welcher Polis die attische Demogratie begründet?) vergisst man schneller als Analogien oder Regeln (Bsp: die Griechen hatten lange vor Christus die Volksvertretung beim Regieren erfunden. Das war damals so ähnlich wie heute der Bundestag.) Solche Sinneinheiten oder Bedeutungen müssen unbedingt als Vorwissen vorangestellt werden. (Ein finnischer Lehrer brachte seinen Untericht auf den Punkt: „Bedeutungen zuerst!“)
    o Um einem Text oder einer Aufgabenstellung zu folgen, ist eine minimale Arbeitsgedächtniskapazität nötig, um einen ganzen Satz im Kopf zu behalten. Ein normal begabter Mansch kann sich 4 Informationen gleichzeitig merken. Ein Satz aus mehr als vier Worten muss daher über verinnerlichte Regeln zu Sinneinheiten zusammengeschmolzen werden. Wenn das (noch) nicht geht, ist jedes Wort eine verbale Information – und das Arbeitsgedächtnis läuft über… Das Üben des Zerteilens von Sätzen in Sinneinheiten ist daher eine Übung, die für das Lösen von Textaufgaben oder für das Verfolgen eines Textflusses unerlässlich ist.
    o Lesen, sich zuhören und gleichzeitig Text verstehen kann unter diesen Umständen das Arbeitsgedächntnis überlasten, weil alle diese Aufgaben um das verbale Arbeitsgedächtnis konkurrieren. Dasselbe passiert bei der Entwicklung eines Tafelbilds, das zugleich wortreich erklärt wird und gleichzeitig abgeschrieben werden soll.
    o In Gruppenarbeit kann vorlesen und Text verstehen auf verschiedene Köpfe im Wechsel delegiert werden. Die Inhalte können nachher in gemeinsamer Diskussion abgeglichen und vervollständigt werden. Bei mäßigem Arbeitsgedächtnis kann dasselbe über solche „Tricks“ trainiert werden.
    o Erfolg wirkt am meisten dann beflügelnd, wenn ihn Personen aus der sozialen Gruppe (Klasse, Lehrperson) bemerken und beachten. Zusammen Errecichtes in der Gruppe wirkt daher besonders stark, weil sich die Gruppenmitglieder gegenseitig das Erfolgserlebnis spiegeln.
    o Das Beachten von Erfolgen kann auch über das Bewerten von Leistungen erfolgen. Dabei ist es aber wichtig, diese Bewertungen altersgerecht anzubringen, da junge Kinder aus Fehlerkritik weniger gut Regeln zum Verbessern der Leistung ableiten können im Vergleich zu reiferen Jugendlichen. Normalerweise mögen Kinder ihre Noten, wenn diese anspornend ins Spiel gebracht werden. (Computerspiele ohne Punktescores haben für Kinder ja auch keinen Reiz… Und auch im Computerspiel sind Fehler Anreiz zum nochmals probieren, aber keine sozialen Sanktionen wie „schlechte Noten“, die daraus „schlechte Schüler“ machen.)
    o Etwas neu Erprobtes wird besonders effektiv memoriert, wenn der Schüler gefühlt der Urheber des Lernerfolgs ist (wegen Autonomiestreben). Das lässt sich ausnutzen, in dem man in einer Lerngruppe Schüler mit unterschiedlichen Kompetenzen mischt, so dass der erreichte Wissenstransfer für die gesamte Gruppe als Lernerfolg verbucht wird. (Die Unterschiedlichkeit der Kompetenzen kann man zuvor steuern, indem man vorher die Klasse teilt und zwei verschiedene Techniken oder Aufgaben trainieren lässt.)

    Es gibt noch viele solcher „Tricks“, die über Gruppearbeit gesteuert recht gut zu funktionieren scheinen.

  96. @Dr. Krick
    Ja, was Sie schreiben, regt zum Nachdenken an. Könnten Sie freundlicherweise auch noch als Neurowissenschaftler etwas zu meinem „Gedanken“ sagen? – heutiger Beitrag um 13.44 h -. Ich formuliere einmal Folgendes: Selbst wenn Ihre „Tricks“ alle im Unterricht Beachtung fänden, würden wir uns dem o.g. Phänomen des Vergessens nicht vollkommen entziehen können.

  97. @Dr. Krick
    Vieles von dem, was Sie sagen, ist auch meine Meinung. Einiges aber auch nicht.
    Z. B. liegt die Schwäche vieler Kinder im sinnerfassenden Lesen (Textverständnis) meist an einer unzureichenden Lesetechnik. Diese Kinder sind dermaßen beschäftigt mit dem mühsamen Zusammenziehen der Buchstaben, dass ihnen der Inhalt dessen, was sie da mühsam und teilweise auch falsch entziffern, völlig entgeht. Alle Kraft und Konzentration gehen allein in das Bemühen, die Technik
    hinzukriegen. Daneben auch noch den Sinn des Gelesenen zu erfassen, ist schier unmöglich.
    Das bedeutet aber nichts anderes als dass die Kulturtechnik Lesen in den Schulen zu wenig geübt und automatisiert wird. Häufige Wortbilder müssten auf Anhieb erkannt und nur sehr schwierige oder seltene Wörter durch schnelles Zusammenziehen der Laute „neu“ erlesen werden. Sinnerfassung ist erst dann möglich, wenn mangelnde Technik kein Hindernis mehr darstellt.
    Es geht beim sinnerfassenden Lesen meiner Erfahrung nach also weniger um die „Arbeitsgedächtniskapazität“ als um müheloses Erlesen.
    Sie, Herr Dr. Krick gehen davon aus, dass die Schüler dieses beherrschen und nur die schriftlichen Informationen nicht genügend im Gedächtnis speichern können. Nein, viele Schüler entnehmen einem Satz erst gar keine Information, weil die mangelhafte Beherrschung der Lesetechnik sie schon an den Rand der Verzweiflung bringt.
    Ähnlich dürftig sieht es mit dem Schreiben und Rechnen aus. Das aufwendige und zeitraubende, aber unbedingt notwendige Üben auch dieser Techniken wurde in den letzten Jahrzehnten zunehmend vernachlässigt. Solange aber dieses Basiswissen und vor allem -können als „stures“ Lernen verunglimpft und vernachlässigt wird, können wir nicht „höherwertiges“ Lernen anstreben.
    Zuletzt sei noch gesagt, dass „stures“ Üben meiner Beobachtung nach den Kindern unheimlich viel Spaß macht. Wenn sie anfangen, etwas zu können, möchten sie mit dem Anwenden dieser „Kunst“ am liebsten gar nicht mehr aufhören, um sich mit stolzgeschwellter Brust ihr Können immer wieder selbst zu bestätigen. Und dafür muss Zeit sein, denn dies ist nicht vergeudete Zeit für „stures“ Üben „sinnloser“ Techniken, sondern bestens investierte Zeit zum Beherrschen notwendiger Kulturtechniken, die Weiteres – wie das Lösen von Textaufgaben – erst möglich machen.

  98. @ Nathalie
    Hat eine „unzureichende Lesetechnik“ nicht auch etwas mit falschen Methoden im Erstlesunterricht zu tun? Was meinen Sie?

  99. Völlig richtig, mehrnachdenken, aber ich bin jetzt zu müde, dies weiter zu erläutern.

    • @ klexel
      Was dort steht, klingt sehr spannend. Wenn ich mir allerdings das gestrige „Duell“ zwischen dem niedersächsischen Ministerpräsidenten und seinem Herausforderer noch einmal vergegenwärtige, brauchen wir noch sehr lange für die Neuausrichtung des Unterrichtes. Dass es dafür aber immer mehr Denkanstöße gibt, finde ich schon einmal prima.

    • Wie ist es möglich, hier im Forum die Nacht zum Schreiben zu nutzen und am Tag fröhlich den Kindern das Lesen und dergleichen mit Geduld zu vermitteln?

  100. Dr. Christoph Krick

    @mehrnachdenken:
    „Vergessen“ ist ein komplizierter (aktiver) Prozess, der dadurch geregelt wird, dass der Zugriff auf „relevante“ Gedächtnisinhalte optimiert wird. Wissen, das gefühlt als vergessen bemerkt wird, kann ja nicht vergessen sein, denn sonst würde man sich ja nicht daran erinnern, dass es mal „relevant“ gewesen war. Wenn Sie mal hinterfragen, inwiefern die Inhalte des Chemie-Unterrichts für Ihre Lebenswirklichkeit relevant ist, dann müssten Sie sich doch arg den Kopf darüber zerbrechen, oder…? – Dieses Wissen war nur für die Klausuren „relevant“. Nachdem die Klausur geschrieben war, hatten diese Gedächtniseinträge keine Relevanz mehr, so dass sie „vergessen“ wurden. Dieses „learning for test“ bestimmt im Grunde den Schulalltag. Wir stopfen den Lehrplan voll mit Details, die eigentlich von den wesentlichen Bedeutungen, Regeln und Beziehungen unserer Welt ablenken. Das Lernen von Details schult dann eben bloß die Lernnetzwerke, was an sich ja nicht verkehrt ist. Das Besprechen von Lernstrategien („Lernen lernen“) und basalen Fertigkeiten (Lebenskompetenz) kommt aber (deswegen?) zu kurz.

    Ich unterhalte mich zuweilen mit Senior-Studenten, die im Rentenalter gerne jene akademischen Bemühungen nachholen, die aufgrund äußerer Zwänge im Jugendalter nicht möglich waren. Die Senioren sind regelmäßig völlig verblüfft, wie schnell Gedächtnisinhalte aus der Schulzeit plötzlich wieder präsent sind, weil sie „relevant“ werden…

    Diese persönliche Relevanz der Gedächtniseinträge lässt sich leicht anhand mehrdeutiger Begriffe untersuchen. Nehmen wir das Wörtchen „sauer“:
    Wahrscheinlich würden Sie an Zitronen oder Sauerkraut denken.
    Ein pubertierender Jugendlicher würde die „schlechte Stimmung“ seiner Eltern im Anschluss an eine Hausaufgabenkontrolle erinnern.
    Ein Chemiker würde wohl vor dem inneren Auge die Beziehung „pH < 7" sehen…
    .
    .
    .
    @Nathalie:
    Das Lesen beruht auf einer dualen Leistung: Klangbilder erkennen und Wortbilder erinnern. Die Wortbilder werden übrigens dort verarbeitet, wo wir (als soziale Lebewesen) Gesichter wiedererkennen. Je häufiger wir eine Person gesehen haben, umso leichter werden wir dem Gesicht einen Namen geben können. So funktioniert auch lesen. Dazu muss man dieses Wiedererkennen anhand von Text natürlich entsprechend häufig wiederholen. Und das passiert eben nicht mehr, weil die Kinder immer weniger freiwillig lesen.

    • @Dr. Krick
      „Das Lesen beruht auf einer dualen Leistung: Klangbilder erkennen und Wortbilder erinnern.“
      Das ist sehr allgemein.
      Im Leseförderunterricht mache ich gute Erfahrungen mit der „Vorentlastung“ aus dem DaZ Unterricht.
      Man beschafft ein Bild zum Lesetext und bespricht das Bild mit den Schülern. Schwierige oder evtl unbekannte Wörter führe ich in dieses Gespräch ein und lasse die Schüler diese Wörter möglichst benutzen. Ebenso verfahre ich mit im Text auftauchenden evtl unbekannten grammatischen Konstruktionen.

      Eine besondere Schwierigkeit des Deutschen ist der wechselnde Satzbau. Im Englischen erkenne ich das Subjekt sofort an seiner Satzstellung.

      Im Deutschen nützt mir das Klangbild bspw. eines einleitenden „Einen …“, „Einem …“ oder „Eines …“ nichts.
      Ich muss bis zum allerletzten Buchstaben ganz genau lesen.
      Erst er verrät mir im Zweifel, ob ich einen Nominativ, Akkusativ oder Dativ vor mir habe und ich also das Subjekt oder ein Objekt/adv Bestimmung erlesen habe.
      Sinnentnehmend Sätze und Texte lesen ist eine hohe Kunst im Deutschen.

  101. @ Dr. Krick
    Was Sie schreiben, trifft für das Fach Chemie bei mir nicht zu. Wir hatten einen Chemielehrer, der uns das theoretische Rüstzeug vermittelte, damit wir z.B. chemische Reaktionen formelmäßig darstellen konnten. Ich brauchte niemals eine Formel auswendig zu lernen, weil ich sie „locker“ entwickeln konnte. Jeden Versuch konnte ich ohne Probleme in einer Formel darstellen. Ich beherrschte den Lernstoff sogar so sicher, dass ich auch überraschend geschriebene Klausuren gut bewältigte. Da war ich übrigens zur damaligen Zeit nicht der Einzige. Deshalb bin ich ja so verblüfft, dass ich nichts – oder ich sollte evtl. besser schreiben „scheinbar nichts“ – behalten habe. Unser Chemielehrer wusste offensichtlich bereits in den 70er Jahren, auf welche Lernstrategien es ankam.

  102. Dr. Christoph Krick

    @Orbita:
    Der Prozess des Lesens ist natürlich (als Voraussetzung) zu trennen von der semantischen Verarbeitung der Inhalte. Der erste Verarbeitungsschritt variiert interkulturell mit der Art der Schrift. Und – da haben Sie ganz recht – der zweite Prozess variiert in der mentalen Anforderung mit der Komplexizität der jeweiligen Grammatik einer Sprache. In der deutschen Sprache ist zudem die Anforderung an das verbale Arbeitsgedächtnis besonders groß, da diverse grammatikalische Beziehungen gegenwärtig gehalten werden müssen, um am Ende einen längeren Satz verstehen zu können.

    Im übrigen finde ich Ihre bebilderte Vorgehensweise sehr bemerkenswert, da diese auch systematisch als „advance organizer“ (oder kuz „AO“) in SOL Anwendung findet. Kluge Ideen konvergieren also immer wieder auf dieselben Strategieb…

  103. @orbita
    Sie schreiben: „Ein Satz wie aus Ihrem Post: “Sich mit immer Neuem zu schmücken …” würde wohl in, sagen wir Ingenieursforen, Wirtschaftsforen usw verständnisloses Kopfschütteln auslösen. Neues per se abzuwehren und schlecht zu machen, würde dort noch nicht einmal als (schlechter) Witz verstanden werden.“
    Da haben Sie Recht.
    Ich lehne Neues auch nicht per se ab.
    Außerdem halte ich den Vergleich mit der Ingenieurskunst für unangebracht, weil hier Neues tatsächlich fast immer Fortschritt und Verbesserung bedeutet. Eventuelle Fehlentwicklungen werden in der Regel schnell erkannt und beseitigt. Hier wäre es unmöglich, dass sich Untaugliches durch Schönreden am Markt behauptet.
    Bei der freien Wirtschaft ist es ähnlich – allerdings nicht in der Finanzwirtschaft und erst recht nicht in der Staatswirtschaft. Letztere kennen auch Neues zur Genüge, das bewährtes Altes nicht verbessert, sondern durch Neues verschlimmert hat, was aber oft erst nach Jahren und Jahrzehnten offen zutage trat und eingestanden werden musste.
    In der Pädagogik sieht die Schönrederei falschen Tuns besonders schlimm aus, weil die Profiteure von Reformen oft nicht die Schulen und Schüler sind, sondern Politiker mit ihrem Durst auf Profilierung durch Neues sowie Fachleute, die davon leben, dass sie Altbewährtes in Frage stellen, um Änderungen durchzuführen, an deren Entwicklung und Einführung sie beteiligt sind, diese begleiten und oft auch von der Erstellung neuen Lernmaterials profitieren.
    Von der aufgeblähten „Bildungsindustrie“ ernährt sich heute eine Heerschar von Schmarotzern bis hin zu kommerziellen Nachhilfeketten, die ihre Niederlassungen in jedem größeren Ort haben, weil schwache Schülerleistungen trotz sinkender Anforderungen und Leistungsstandards die Nachfrage ständig steigen lassen.
    Für mich ist das Feld der Pädagogik eins der missbrauchsanfälligsten, das es gibt. Auf ihm wurde in den vergangenen Jahrzehnten ständig Neues eingeführt unter der Parole „Fortschritt und Verbesserung“. Wir müssten inzwischen Weltmeister in Sachen Bildung sein, wenn Neuerungen hier so funktionierten wie in der Ingenieurswissenschaft.
    Weltmeister in Sachen Schulleistung waren wir nachweislich vor 50 Jahren. Danach gaben sich die Reformen in immer kürzeren Abständen die Klinke in die Hand und es ging kontinuierlich bergab statt bergauf.
    Nein, Neues lehne ich in der Pädagogik nicht grundsätzlich ab, aber ich beobachte es kritisch und lasse mich erst dann überzeugen, wenn es mir einleuchtet und vor allem gute Ergebnisse zeigt. Einreden lasse ich mir möglichst nichts mehr durch fromme Redensarten und Respekt einflößenden Fachjargon.

  104. @nathalie vom 13. Januar
    Ich teile Ihre Ansicht, Nathalie. Meiner Meinung nach hängen der Filz und die Korruption im Bildungsbereich nicht zuletzt mit dem staatlichen Bildungsmonopol zusammen. Auch wenn es immer mehr Privatschulen gibt, die sich aus gutem Grund wachsender Beliebtheit erfreuen, so stellen sie doch noch längst keine echte Konkurrenz dar, weil sie vom Geldbeutel der Eltern abhängen und zu wenige sie sich leisten können.
    Mehr Wettbewerb täte dem Schulunwesen gut, weil er nur Neuerungen belohnen würde, die echte Vorteile bringen anstatt „des Kaisers neue Kleider“.
    Es ist typisch für das Mini-Bundesland Bremen, das es bisher erfolgreich Privatschulen durch Gerichtsbeschlüsse verhindern konnte und zugleich die rote Laterne bei vergleichenden Tests von Schülerleistungen hält. Kein Bundesland ist so reformfreudig wie das seit Jahrzehnten von der SPD regierte Bremen. Sagt uns das nicht alles über die Qualität von Erneuerungen im staatlichen Bildungsbetrieb?

  105. Nichts ist so beständig wie ein Vorurteil: Bremen hat mit ca. 10% einen Platz in der bundesweiten Spitze beim Anteil der Schulen in freier Trägerschaft. Demnach müssten wir in unserem Bundesland der Aussage von wetterfrosch folgend bei Pisa immer total gut abschneiden. Könnte die Ursache für unsere PISA-Platzierung darin liegen, dass in unserem Land ca. 1/3 der Kinder in Armutsverhältnissen leben und der Anteil von Kindern mit Migrationshintergrund bei den Einschulungen knapp 50% beträgt? Soweit hierzu. Zum Thema „Selbstorganisiertes Lernen“. Die vorstehenden Debattenbeiträge sind ganz typisch für unseren Berufsstand. Fakt ist doch, dass wir in den klassischen Unterrichtsformen die SuS immer weniger erreichen, weil die heutige Gesellschaft eine andere als die vor 20 Jahren ist und auch in 20 Jahren anders aussehen wird. Das Kollegium an der Schule, an der ich gearbeitet habe, hat bereits vor gut 15 Jahren damit begonnen, die Selbstverantwortung der SuS in den Lernprozessen erheblich wesentlich zu steigern. Zum Konzept :http://www.bwpat.de/ausgabe4/praxis_SZ_Walle_bwpat4.shtml. Es handelt sich übrigens um eine Berufsschule aus dem Bereich der Ausbildung gesundheitlicher Fachberufe im Dualen System. Die Unterrichtsform wurde u.a. im Rahmen eines Bundesmodellversuchs „LehrerInnen und SchülerInnen im Team -LUST“ unterstützend weiterentwickelt. Durch diese Entwicklungen hat sich das Lernverhalten der SuS deutlich verbessert und das gleiche gilt für die Ergebnisse. Durch die mit diesem Prozess verbundene Teamarbeit sind die Lehrkräfte auch etwas aus ihrer Einzelkämpfersituation herausgekommen, was sie überweigend positiv beurteilen. Der Leistungsstand der Auszubildenden wird am Ende der Ausbildung extern durch die Kammern überprüft und siehe da, die sind zufrieden. Im Rahmen einer externen Evaluation der Schule (www.szwalle.de) haben die einbezogenen Ärzte und Zahnärzte eine Verbesserung der Ergebnisse konstatiert. Die Steigerung der Selbstverantwortung in den Lernprozessen ist im Bereich der Beruflichen Schulen sehr breit angelegt, weil durch die Bundesrahmenpläne der Lernfeldunterricht sogar institutionell vorgegeben ist. Warum werden diese Entwicklungen häufig so schwarz/weiß diskutiert? Natürlich nutzen die Bertelsmänner und Co die gesellschaftlichen Veränderungen, um ihre kommerziellen Interessen durchzusetzen. Sind aber deswegen die Maßnahmen, die als Reaktion erfolgen, falsch? Nein. es kommt darauf an, sich im Schulalltag diesen Herausfordeungen zu stellen und die Alltagsarbeit im Rahmen der zugegeben sehr beschränkten Möglichkeiten zu entwickeln. Wenn dieses eben nicht durch die Kollegien passiert, wird damit den Bertelsmännern erst recht Tür und Tor geöffnet, weil dann die Kollegien nur noch deren Angebote mangels eigener Vorstellung konsumieren können.

  106. @zac93
    Wer wissen will, wie es mit Privatschulen in Bremen aussieht, kann dies hier nachlesen:
    http://www.taz.de/!98383/

  107. Hallo,
    ich lebe seit nahezu zehn Jahren in Schweden. Ich habe meine Enkel insgesamt von der Vorschule bis jetzt zum Abitur begleitetund arbeite als Muttersprachlehrer für Deutsch in verschiedenen Schulen. Dabei konnte ich mir einen guten Einblick in die Methode des selbständigen Lernen, wie es hier üblich ist, bekommen.
    Ich denke, dass
    1. Damit nicht erst in der fünften Klasse anfangen kann, sondern daram müssen die Kinder schrittweise von der Vorschule an gewöhnt werden
    2. Die Lehrer müssen dafür ausgebildet werden.
    3. Sind hier in den ersten Jahren immer mindestens zwei Lehrer im Unterricht anwesend.
    4. Alle Arbeitsmaterialien bis hin zum Stift werden von der Schule bereitgestellt, so dass der Arbeitsprozess nicht durch fehlende Materialien gestört wird.
    5. Eine gute Arbeitsdisziplin und -ruhe ist unbedingt erforderlich.

    Es gibt keine Methode, die alleinig optimal ist, so müssen die Erfordernisse des Arbeitsthemas berücksichtigt werden. Beispielsweise hat man erkannt, dass man die Schüler in Mathematik nicht in so großem Umfang selbständig lernen lassen kann, wie das hier geschehen ist, die Ergebnisse waren zu schlecht.
    Dann darf man nicht vergessen, dass die Schüler hier erst ab Kl. 6 Zensuren bekommen. Damit fällt ein erheblicher Teil des leistungsdrucks weg. Außerdem besuchen alle Schüler die Grundschule bis Klasse 9 und erst danach das Gymnasium. Auch das begünstigt m. M. nach die hier angewndte Methode.

  108. @Dagmar Bernig
    Sie schreiben: „Beispielsweise hat man erkannt, dass man die Schüler in Mathematik nicht in so großem Umfang selbständig lernen lassen kann, wie das hier geschehen ist, die Ergebnisse waren zu schlecht.“
    Ihre Aussage ist insofern besonders interessant, weil die Lehrkräfte der Robert-Bosch-Schule und Herr Dr. Krick nach 3 Monaten Ausprobierens der Methode SOL zu dem Ergebnis kommen: „Schüler, die zuvor in der Grundschule erhebliche Probleme mit dem Rechnen hatten, erreichen nun vielfach sehr gute Ergebnisse.“
    Mich macht immer wieder misstrauisch, dass sog. Modellversuche ausnahmslos positiv bewertet werden, ja fast schon wundersame Heilsmethoden suggerieren, jedenfalls sind mir Misserfolge nicht bekannt. Es wirkt so, als ob sich alle Beteiligten fieberhaft darum bemühten, dem Versuch – und mit ihm sich selbst – Erfolg zu bescheinigen.
    Und so kommen dann immer wieder Reformen zustande, die erst im Schulalltag ihre Schwächen und Tücken zeigen. Dann aber werden die unfähigen und angeblich fortbildungsfaulen Lehrer für mangelhafte Erfolge verantwortlich gemacht.
    Warum müssen diese ständigen Reformen sein, die mit Macht in die Schulen hineingedrückt werden und in den vergangenen Jahrzehnten mehr Unheil als Heil bedeuteten trotz vorausgehender „Studien“ bzw. „Untersuchungen“ und begeisterter Lobeshymnen?
    Frau Pfeiffer-Stolz hat in ihrem zweiten Kommentar vom 7. Dez. dazu sehr Sinnvolles geschrieben. Jedenfalls haben mir ihre Worte eingeleuchtet:
    „Der schädliche Reformirrsinn an den Schulen hat Methode. Die politisch vorgespurten Wege sind Einbahnstraßen, weil sie bereits im Vorfeld kommerziell verankert werden. Verträge werden geschlossen, oft auf Jahre oder Jahrzehnte hinaus. Rasch bilden private, halbstaatliche und staatliche Einrichtungen ein dichtes Netzwerk an wirtschaftlichen Interessen. Die Verflechtungen sind derart belastungsfähig, daß sie selbst dem stärksten kritischen Gegenwind trotzen. Wir erleben dies bei jeder Reform aufs neue – aktuell zum Beispiel die Inklusion.“

  109. @Robert-Bosch-Schule Homburg
    meine Erfahrung zeigt, dass man nur durch Taten und nicht leeren Worte überzeugen kann. Diese ewigen Zweifel und Diskussionen bringen uns in der Entwicklung, die die Schulen unbestritten brauchen, überhaupt nicht weiter. Deswegen weiter so!
    Es geht hier eindeutig um die Schülerin und den Schüler und nicht um die Bedürfnisse der Lehrer. SOL ist kein Konzept und keine Reform, sondern ein natürlicher Prozess. Unser Gehirn lernt selbstorganisiert! Daran kann man nicht zweifeln. Auf der Basis dieser Erkenntnis muss was geschehen und es geschieht etwas, natürlich nicht alles perfekt aber besser als zuvor.

  110. @Eddy
    Warum betonen Sie eigentlich, dass es „um die Schülerin und den Schüler und nicht um die Bedürfnisse der Lehrer“ geht? Diese Aussage zwischen den Zeilen ist höchst ärgerlich und hat leider Tradition. So verpasst man Lehrern immer wieder einen Maulkorb. Wenn sie etwas (im Interesse der Schüler!!) beanstanden, unterstellt man ihnen egoistische Motive, um sie mundtot zu machen. Da fragt man sich doch, wer hier wirklich am Wohl der Schüler interessiert ist und wer nur so tut, als ob.
    Wer wirklich daran interessiert ist, kommt nicht umhin, die Meinung der Lehrer ernst zu nehmen anstatt diese in den Dreck zu ziehen, wenn sie nicht ins Konzept passt. Ansonsten verkommt die Schule endgültig zum narrenfreien Experimentierfeld, auf dem jeder seine „Ware“ verkaufen kann, weil sich die Lehrer als Praxiskenner mehr und mehr in Schweigen hüllen und nur noch hinter vorgehaltener Hand wagen, die Wahrheit auszusprechen.
    Meine Erfahrung lehrt ebenso wie Ihre, dass nur Taten und nicht leere Worte überzeugen. Diese Binsenweisheit teilt wohl jeder. Aber was sind hier Taten und was Worte? Lehrer urteilen immerhin aus alltäglicher Erfahrung mit Taten, was man nicht von jedem sagen kann. Ausgerechnet ihnen leere Worte in ihren Zweifeln und Diskussionen zu unterstellen, ist schon ein bisschen fragwürdig.

  111. @ Eddi, ZITAT: „Unser Gehirn lernt selbstorganisiert! Daran kann man nicht zweifeln.“ Ja, aber was soll das bedeuten. Lernen erfolgt auch viel durch Nachahmen. Kinder lernen ja Sprache im Wesentlichen durch Nachahmen und ständige Korrektur ihrer Eltern (Vormachen, Vorsprechen). Im „natürlichen Lernprozess“ lernt man nur eben das, was man gerade „braucht“. Im „organisierten / gelenkten Lernprozess“ (Schule) macht der Lehrplan die Vorgabe, was gerade gelernt werden soll. Das ist der Hauptunterschied. Es ist daher nicht immer das, was ein Schüler gerade braucht und was ihn (gerade) interessiert.

  112. @sofawolf
    Die lapidare Feststellung von Eddy, dass unser Gehirn selbstorganisiert lernt, hat auch mich beschäftigt. Warum schreibt er das?, habe ich mich gefragt und als Antwort gedacht: Er wollte über diese Schiene wahrscheinlich nur noch einmal SOL empfehlen.
    Sie haben völlig Recht, sofawolf: In der Schule bestimmen primär Lehrplan und Lehrer, was das Gehirn lernen soll, und nicht der willkürliche „Appetit“ des Schülers. Die sog. „Spaßpädagogik“ der 90er Jahre hat längst ihre Schattenseiten offenbart durch die vermehrt auftretenden Leistungsschwächen der Schüler.
    Jede Verabsolutierung einer Lernmethode ist meiner Meinung nach falsch und schadet den Schülern.

  113. Dr. Christoph Krick

    @Aufmüpfer:
    Sie schreiben: „In der Schule bestimmen primär Lehrplan und Lehrer, was das Gehirn lernen soll…“

    Ich stimm Ihnen zu, dass es ein Konsens über die zu erlernenden Kulturtechniken, Grundlagen unserer gesellschaftlichen Ordnung sowie die Wissensbasis zum Bestehen im Berufsleben geben muss. Ich stimme Ihnen auch zu, dass dieser Konsens aus der Lebens- und Berufserfahrung der Pädadogen heraus getragen werden sollte. Das können auch Kinder gar nicht leisten, so dass es gar nicht darum geht, dies den Schulkindern überlassen zu wollen.

    Aber Sie können nicht ein Kind von außen lernen machen. Sie können ja auch kein Kind essen machen. Ein Schulkind muss beides selbst tun. Und nun kommt die spannende Frage ins Spiel: Wie klappt das „Appetit machen“ am besten, um über Einsicht wecken, Ziele erkennen, aktives Mitgestalten, engagiertes Mitdenken und Freude am Lernerfolg den willkürlichen Lernprozess im Kinderkopf zu beflügeln?

    Die Vokabel „Spaßpädadogik“ soll ja eigentlich eine Verunglimpfung von „Lernfreude“ bzw. „Freude am Lehrberuf“ sein – im Konstrast zu „ernsthaft arbeiten“. Aber ungeachtet von notwendigen Lernzielen ist doch ein positives Arbeitsklima die Voraussetzung für selbstgewolltes Engagement. Das ist ja nicht nur eine Erkenntnis, die sich zunehmend in Betrieben durchsetzt. Kinder und ihre Lehrer funktionieren dahingehend ja nicht anders als andere Menschen. Insofern finde ich durchaus die Frage beantwortenswert, ob und wie das schulische Arbeitsklima so positiv gestaltet werden kann, dass am Ende nachhaltig die „Produktivität“ steigt.

    Warum sollte es – ähnlich dem Konsens über die schulischen Lernziele – nicht auch einen Konsens über erprobte Maßnahmen in Richtung Lernklima und Lerneffizienz geben? – Ich habe dazu mal eine Frage: Wie lernt im Moment eigentlich ein angehender Lehrer, die beiden Variablen einzuschätzen und zu optimieren? – Um diese Kovariaten der Lernarbeit einschätzen zu können, braucht man ja entsprechende Rückmeldungen der SuS, die über die reine Leistungsbewertung hinausgehen. Und die Lehrkräfte brauchen die Zeit, diese Rückmeldungen auch auszuwerten. Welche Instrumente verwenden Sie persönlich denn dazu?

  114. @Dr. Krick
    Sie fragen: „Welche Instrumente verwenden Sie persönlich denn dazu?“
    Ich verwende als Hauptinstrument meine Lehrerpersönlichkeit und mein Einfühlungsvermögen in die verschiedensten Schüler und Situationen. Dies in allen Einzelheiten näher zu beschreiben, ist unmöglich.
    Typisch jedoch ist Ihre Frage nach den „Instrumenten“, Herr Dr. Krick. So fragt vor allem ein psychologischer oder pädagogischer Technokrat, der für den Lernprozess aller Schüler ein funktionierendes und allgemein gültiges Regelwerk aufstellen und den Schulen „verkaufen“ möchte. Solch ein Regelwerk reicht aber vorn und hinten nicht und kann sogar Schaden anrichten, wenn es stur befolgt wird. Der Lehrer mit seiner Intuition, seinen entsprechenden Entscheidungen und Maßnahmen ist durch keine noch so ausgeklügelte Methode annähernd zu ersetzen. Seinem Einfallsreichtum stehen unzählige Methoden nebst Varianten zur Verfügung, zu denen er geplant oder auch spontan greifen kann und die in keinem „Instrumentenkatalog“ stehen.
    Zur Spaßpädagogik nur so viel: Natürlich ist Lernen mit Lust und Freude wichtig und effektiv. Das wissen doch alle Lehrer und Eltern auch ohne neurobiologisches Studium. Aus diesem Wissen kann man jedoch nicht eine allgemein gültige Methode für den gesamten Unterricht ableiten, weil Schüler auch vieles lernen müssen, was ihnen keinen Spaß macht.
    Dieses Lernen habe ich im Verlauf meines Berufslebens sogar immer mehr zu schätzen gewusst, weil hier auch so etwas wie Selbstdisziplin und Überwindung von Unlustgefühlen gelernt wird, worauf kein Mensch verzichten kann, wenn er nicht zum Sozialfall werden will.
    Schule als Schonraum und Pfleganstalt für Lustverhalten ist lebensfremde Verwöhnung, die zur Lebensuntüchtigkeit führen kann, weil erfolgreiches Leben AUCH erfolgreiches Lernen der Überwindung innerer Widerstände bedeutet. Wenn ich mich recht erinnere, hat „sofawolf“ auf diese Seite der Medaille schon einmal hingewiesen. Seine Meinung teile ich vollkommen.
    Und noch etwas: Die Freude und der Stolz auf sich selbst, die Kinder ausstrahlen, wenn sie eine Aufgabe durchgeführt haben, welche mühselig und keineswegs „spaßig“ war, ist meiner Beobachtung nach größer als die nach lustbetontem Tun. Die Schüler spüren, dass sie hier eine besondere Leistung erbracht haben, weil sie neben dem Arbeitsauftrag auch ihren inneren Schweinehund in den Griff kriegen mussten. Sich in dieser Weise selbst zu besiegen schafft erhebliches Vertrauen in die eigenen Kräfte, also Selbstvertrauen.
    SOL hin oder her. Für mich stellt es weiterhin die Überbetonung einer Lernmethode dar, die Lehrer ohnehin seit eh und je anwenden, auch wenn sie bisher keinen Namen dafür hatten, weil niemand diese Methode dermaßen in den Mittelpunkt stellte und ihr eine solche Vorrangstellung zuschrieb.

  115. Dr. Christoph Krick

    @Aufmüpfer:
    Sie schreiben: „Die Freude und der Stolz auf sich selbst, die Kinder ausstrahlen, wenn sie eine Aufgabe durchgeführt haben, welche mühselig und keineswegs „spaßig“ war, ist meiner Beobachtung nach größer als die nach lustbetontem Tun. Die Schüler spüren, dass sie hier eine besondere Leistung erbracht haben, weil sie neben dem Arbeitsauftrag auch ihren inneren Schweinehund in den Griff kriegen mussten. Sich in dieser Weise selbst zu besiegen schafft erhebliches Vertrauen in die eigenen Kräfte, also Selbstvertrauen.“

    Diese Art des zielorientierten Handelns mitsamt der nachfolgenden Reflektion über das Erreichte wurde – in Anlehnung an Optimierungsprozesse in der Natur im Spannungsfeld zwischen Ressourcen und gewonnener Fitness – mit der Vokabel „Selbstorganisiertes Lernen“ belegt. Es handelt sich bei SOL also nicht um ein neues „Wundermittel“, sondern um altbewährte Einsichten, die biologischen Prinzipien gehorchen und die mir daher auch aus neurobiologischer Sicht plausibel erscheinen.

    Sie schreiben: „Ich verwende als Hauptinstrument meine Lehrerpersönlichkeit und mein Einfühlungsvermögen in die verschiedensten Schüler und Situationen. Dies in allen Einzelheiten näher zu beschreiben, ist unmöglich.“

    Auch ich halte die soziale Dimension der pädagogischen Arbeit – mitsamt der damit einhergehenden Empathie – für unverzichtbar. Diese Kompetenz macht aus Schülersicht einen „guten Lehrer“ aus. Wenn Sie, Ihre Kollegen und Ihre Kolleginnen – auch gerade jüngere – nun entscheiden würden, diese lobenswerte Berufseinstellung und die Erfahrungen hinsichtlich einer positiven Lernumgebung klassen- und fächerübergreifend im Konsens anzuwenden, dann müssten Sie jedoch spätenstens dann Ihre pädagogische Vorgehensweise in Worte und Regeln überführen, um sich darauf im Team verständigen zu können… Aber Vorsicht: Auch dieser Teambildungsprozess selbst, dessen Zielsetzungen und die Reflektion über das gemeinsam Erreichte ist letztlich „selbstorganisiertes Lernen“… Und Lernen kann man – wie gesagt – nicht von außen steuern, so dass weder Politik noch Wissenschaft Ihrem Lehrerteam etwas „überstülpen“ könnten…!

    In ähnlicher Weise kann man aber auch den SuS nichts überstülpen, weil in der Klasse eben dieselben Prinzipien gelten. Auch Schulkinder verwahren sich gegen „Zwangsbelehrung“, so wie Sie sich gegen „übergestülpte“ Verordnungen aus dem Ministerium wehren würden, Insofern ist das Überlassen der eigenständigen Selbstorganisation innerhalb eines gesellschaftlich gegebenen Rahmens in beiden Fällen eine gute Idee…

  116. Sie schreiben: „Wenn Sie, Ihre Kollegen und Ihre Kolleginnen – auch gerade jüngere – nun entscheiden würden, diese lobenswerte Berufseinstellung und die Erfahrungen hinsichtlich einer positiven Lernumgebung klassen- und fächerübergreifend im Konsens anzuwenden, dann müssten Sie jedoch spätenstens dann Ihre pädagogische Vorgehensweise in Worte und Regeln überführen, um sich darauf im Team verständigen zu können“.
    Ja das müsste ich, wenn ich meine Einsichten auf ein Team übertragen wollte oder könnte. Das möchte ich meistens aber gar nicht, weil niemand ein Erfolgsschema aus seinen persönlichen Vorgehensweisen machen sollte, die immer wieder wechseln und variieren – je nach Schülern und Situation. Wie bereits gesagt, halte ich von sturen Regeln wenig, weil sie nicht generell auf alle Personen und Situationen übertragbar sind. Jeder Lehrer weiß, dass er am besten fährt, wenn er sich nicht an Regeln festkrallt, sondern sie bei Bedarf ändert oder beiseite schiebt, um auf seine innere Stimme zu hören, die ein viel besserer Seismograph und Ratgeber ist als jedes Regelwerk, das ich kenne. Regeln können nur grobe Anhaltspunkte sein, mehr nicht.
    Sie schreiben zum Schluss: „Auch Schulkinder verwahren sich gegen “Zwangsbelehrung”, so wie Sie sich gegen “übergestülpte” Verordnungen aus dem Ministerium wehren würden.“
    Nein, Herr Dr. Krick, weder ich noch meine Kollegen würden sich wehren, weil das aussichtslos wäre und hässliche Folgen haben könnte. Ein bisschen intern meckern und Frust ablassen können wir natürlich, viel mehr aber auch nicht. Da wissen Sie zu wenig über die Ohnmacht, die Fesseln und Maulkörbe, mit denen wir Lehrer herumlaufen. Diese sind äußerlich ja auch nicht sichtbar.
    Eigentlich müsste jedem wachen Zeitgenossen auffallen, wie wenig öffentliche Kritik es seitens der Lehrer am Schulwesen gibt – und wenn, dann geschieht sie anonym. Warum ist das wohl so? Sind Lehrer nicht prädestiniert für konstruktive Vorschläge und Kritik?

  117. Dr. Christoph Krick

    @Aufmüpfer:
    Sie schreiben: „Ja das müsste ich, wenn ich meine Einsichten auf ein Team übertragen wollte oder könnte. Das möchte ich meistens aber gar nicht, weil niemand ein Erfolgsschema aus seinen persönlichen Vorgehensweisen machen sollte,“

    Nun ja, jeder Mensch ist ein Unikat… Die gilt auch für Pädagogen. Und für Ärzte. Auch ein Arzt muss sich auf Berufserfahrung, Empathie und Fachwissen stützen. Das hält Ärzte aber nicht davon ab, in Fachkonferenzen Ihre Erfahrungswerte in Richtlinien zu überführen, damit für die Patienten der Arztbesuch nicht zur Lotterie wird. Die Richtlinien sind aber wiederum kein Ersatz für das individuelle Reagieren auf die Besonderheiten jeder Behandlungssituation. Warum sollte ausgerechnet der Lehrerberuf eine analoge Prinzipienbildung verbieten? – Immerhin wird jeder erfahrene Lehrer auf solche (autodidaktisch erworbene?) Prinzipien zurückgreifen, sie mit einiger Wahrscheinlichkeit bei verschiedenen Lehrern ähnlich sein dürften.

    Im Saarland haben die neuen Gemeinschaftsschulen eine gewisse Freiheit beim schulinternen Ausgestalten der pädagogischen Herangehensweise gewonnen. Ich kann nicht sagen, inwieweit diese Autonomie geht und wie sie im Allgemeinen genutzt wird. Ich plädiere jedoch dafür dafür, solche Freiräume aus der Schule heraus (nicht von außen gesteuert!) so gut wie möglich zu nutzen, um ein Stück weit der Ihrerseits ins Feld geführten Ohnmacht zu entkommen. Ich finde daher den gewählten Weg der Robert-Bosch-Schule richtig.

    • Ihr Vergleich von Medizin und Pädagogik ist meiner Meinung nach nicht nur schief, Herr Dr. Krick, sondern auch unzulässig. Die Schulmedizin ist eine Naturwissenschaft, die Pädagogik jedoch nicht. Diese hat sich vielmehr zum Tummelplatz für politische, ideologische und wirtschaftliche Interessen entwickelt, bei denen das Wohl der Schüler zwar immer betont wird, häufig aber nur als Feigenblatt dient.
      Pädagigische Methoden sind daher mit schulmedizinischen nicht zu vergleichen. Ärzte wenden Methoden erst dann an, wenn diese strenge Auflagen erfüllt und zweifelsfreie Erfolge erzielt haben. In der Pädagogik können positive Ergebnisse jedoch herbeigeredet werden, weil sie so gut wie niemand nachprüft und sich die Wahrheit erst nach Jahren herausstellt, wenn Tausende von Schülern bereits geschädigt sind und durch Defizite auffallen.
      Wer es ernst meint mit dem Wohl der Schüler, der stärkt die Position der Lehrer und nicht die von Methoden. Leider wird seit Jahrzehnten anders herum verfahren, so als seien Lehrer nicht fähig, ohne die Anweisung von oben und außen guten Unterricht zu machen. Dabei könnten sie das ohne weiteres, wenn man sie endlich in Ruhe ließe und sich nicht ständig mit Bürokratie und Besserwisserei in ihre Arbeit einmischte.
      Schließlich sei noch gesagt, dass ich von Gemeinschaftsschulen gar nichts halte. Der Name klingt zwar anheimelnd, hinter ihm steht jedoch das inklusive Lernen, das fast jedem Lehrer schlaflose Nächte bereitet, weil er nicht weiß, wie er die Herkulesaufgabe bewältigen soll, in einer maßlos heterogenen Schülergruppe jedem Kind noch annähernd gerecht zu werden.
      Was nützt die von Ihnen gepriesene pädagogische Freiheit, wenn sie nur deswegen existiert, weil die Bildungspolitiker in Fragen Inklusion selbst überfordert sind und darum nur allzu gern das Heft aus der Hand geben? Hier handelt es sich nicht um Freiheiten für den Lehrer, sondern um feige Drückebergerei der Verantwortlichen.

  118. Dr. Christoph Krick

    @Aufmüpfer:
    Sie schreiben: „Wer es ernst meint mit dem Wohl der Schüler, der stärkt die Position der Lehrer und nicht die von Methoden.“

    Dahingehend differieren unsere Meinungen doch gar nicht. (SOL ist im Übrigen keine LEHRmethode, sondern eine brauchbare Ansammlung von LERNprinzipien, die aus den Ergebnissen der empirischen Human- und Neurowissenschaften abgeleitet wurden.)

    Die Grenze zwischen Pädagogik, Psychologie und Neurobiologie verläuft im Kinderkopf. Deswegen kann aber ein Neurobiologe oder ein Psychologe nicht definieren, was „guter Unterricht“ sein soll. Umgekehrt könnte aber ein Pädagoge aus den Einblicken in die Lernforschung profitieren, um eventuell besser auf relevante Veränderungen in den Kinderstuben – und daher in den „Oberstübchen“ – der Schulkinder reagieren zu können. Das ist keine Besserwisserei, sondern ein Angebot. Unterricht ist heute sehr viel schwieriger als vor 20 Jahren. Und das liegt alleine nur an den wechselnden Strömungen in der Bildungspolitik, sondern auch am Wandel von Werten und Einflüssen im Jugendalter. Was Lehrer und Lehrerinnen aus meinem Angebot machen, ist natürlich deren Sache. Als Laie bezüglich Schulpädadogik würde ich mir eine Einmischung auch gar nicht anmaßen.

    Was mich hier stutzig macht, sind die 10 demonstrativ entgegen gehaltenen Finger zwecks prinzipieller Abwehr solch eines Wissenstransfers. Mir erscheint es unschädlich, wenn Pädagogen die Möglichkeit erhalten, hinter die Grenzlinie zwischen Sozial- und Naturwissenschaften zu blicken, da diese Grenze während der Lernarbeit im Kinderkopf fließend wird.

    Könnten Sie mir mal Ihre „10-Finger-Geste“ erklären?

  119. @Aufmüpfer
    Danke für Ihre guten Kommentare, denen ich auf ganzer Linie zustimme!
    Vielleicht interessiert Sie ein Artikel in der Wochenzeitung DIE ZEIT über den Bildungsforscher John Hattie, einem Professor an der University of Melbourne. Sein Buch „Visible Learning“, das auf 15 Jahren Forschungsarbeit basiert, gilt in der pädagogischen Welt als Meilenstein. „Es hat den Anspruch, die wichtigste Frage der Bildungsforschung umfassend zu beantworten: Was ist guter Unterricht?“
    Hier sind 3 Textstellen des Artikels, die Ihnen in Ihren Ansichten recht geben:

    „Systemfragen sollte man nach Hattie am besten gar nicht mehr stellen. Der Neuseeländer rückt den Lehrer wieder dorthin, wo sein Platz sein sollte: ins Zentrum allen Redens über Schule. Er ist der Hauptverantwortliche dafür, was Schüler lernen. Er entscheidet darüber, ob Schule besser wird. »Die Schulen sollen endlich einmal in Ruhe arbeiten«, lautet eine nach Jahren hektischer Schulreformen populäre Forderung. Sie richtet sich an unsere Bildungspolitiker.“

    „Das ist Hatties zentrale Botschaft, die er aus dem Datengebirge zutage gefördert hat: Was Schüler lernen, bestimmt der einzelne Pädagoge. Alle anderen Einflussfaktoren – die materiellen Rahmenbedingungen, die Schulform oder spezielle Lehrmethoden – sind dagegen zweitrangig.“

    „Auf den guten Lehrer kommt es also an. Das klingt banal, meint man. Das weiß doch jeder, heißt es. Doch warum glaubt die Politik noch immer, Lernergebnisse mit Strukturreformen verbessern zu können? Wieso blüht gerade in der deutschen Schuldebatte ein Methodenglauben?“

    http://www.zeit.de/2013/02/Paedagogik-John-Hattie-Visible-Learning/komplettansicht

  120. @Ursula: Sorry, aber so weit waren wir schon am 11. 1., da hatte ich den Artikel schon verlinkt, und es gab auch schon Kommentare dazu…

  121. @klexel
    Tut mir leid. Ich habe die zwischenzeitlichen Kommentare nicht gelesen. Doppelt gemoppelt ist aber nicht schlimm.

  122. @ Ursula, mir war der Beitrag entgangen. Danke. Was ich lese, ist ganz nach meinem Geschmack – wenn ich das mal so ausdrücken darf.

  123. Q Dr. Krick
    Es ist ermüdend und frustrierend, immer wieder auf das einzugehen, was Sie sagen, während Sie ausweichen, um ständig Ihre Werbung für SOL zu wiederholen und scheinbar interessierte Fragen an mich stellen, von denen ich mich missverstanden fühle.
    Frau Prasuhn möchte ich danken für den Hinweis auf den Bildungsforscher John Hattie, dessen Thesen dem SOL widersprechen. Auch mir ist es so ergangen wie sofawolf, dass ich den erstmaligen Link von klexel nicht genügend wahrgenommen habe.

  124. Dr. Christoph Krick

    @Aufmüpfer:
    In der ganzen Diskussion sehe ich ein Kommunikationsproblem, das ich mal mit einer Analogie beschreiben will: Nehmen wir mal an, wir würden hier über Fußballtraining und Tore schießen sprechen…

    Dann müssten wir annehmen, Hattie hätte statt Schulunterricht die Effiziez von Fußballtraining hinterfragt. Er wäre dann sicherlich zum Schluss gekommen, dass der Fußballtrainer und dessen Führungskompetenz die wichtigste Rolle spielen – und nicht das Stadion, die Beschaffenheit des Rasens oder die Vereinsstatuten. Das hätte ebenso niemanden von uns überrascht.

    Ich hätte dann versucht zu argumentieren, wie junge Fußballspieler am besten lernen, Tore zu schießen. Ich stelle dabei überhaupt nicht in Frage, dass der Trainer über dessen pädagogische Kompetenz dazu die entsprechende Einsicht über Regeln und Strategie stiften muss… Ich bin doch über 140 Kommentare hinweg deselben Meinung! – Ich würde jedoch argumentieren wollen, dass die Kompetenz der Spieler zum Toreschießen aus einer Lernarbeit in den Köpfen der Fußballspieler erwächst. Der Lernerfolg resultiert dann daraus, dass die zum Fußballspielen nötigen Regeln und Strategien über eigenständiges Anwenden, Ausprobieren und inneres Überprüfen von erfolgreichen oder ungünstigen Aktionen verfestigt werden müssen. Dieses Verfestigen wiederum unterliegt aber ebenfalls gewissen Regelmäßigkeiten, die im Kopf passieren müssen. Dies lässt sich nicht von außen steuern, so dass hierbei die innere Regie dafür an den Spieler selbst abgegeben werden muss.

    Beim Fußballtraining käme daher niemand auf die Idee, ein eigenständiges Ausprobieren und Agieren – unter den Augen des Trainers – auf dem Rasen in Frage zu stellen. Aber genausowenig käme jemand auf die Idee, einfach 11 junge Leute auf eine Wiese zu stellen, mit dem Auftrag, nun selber die Fußballregeln herauszufinden. Genau so unsinnig wäre die Idee, jedem in der Mannschaft zu überlassen, ob er nun lieber in einem bunten Durcheinander Fußball, Handball oder Volleyball spielen wollte. So eine „Beliebigkeit“ meine ich eben nicht nicht mit „Selbstorganisation“, sonderm eher eine eigenständige Reflexion der Lernenden über die erworbenen Kompetenzen, um dieselben über den Spaß am Spiel und Torerfolg zu vermehren. Die Eigenregie, die dafür im Kopf passieren muss, hängt natürlich damit zusammen, wie gut verständlich, zielorientiert, transparent, klar stukturiert und reflektierend der Trainer über äußere Maßnahmen der Verhaltenssteuerung diese inneren Mechanismen anzustoßen weiß. Die transparenten Zielvorgaben des Lehrenden und die Selbstreflexion der Lernenden über das Wie, das Warum und das Wohin scheint entscheidend.

    Hatties Studie findet auch nichts anderes heraus, weil alles andere unnatürlich wäre: „Kein anderes Instrument kann in Hatties Ranking eine größere Effektstärke aufweisen als die systematische Selbsteinschätzung von Schülern.“ Und das am besten ab der Grundschule. Noten und damit einhergehende Fremdbewertung scheinen nicht so effektiv zu sein wie das „selbstorganisierte“ und selbstbewertende Herangehen an die Lernziele. Aber die „Selbstorganisation“ können Kinder nicht ganz alleine „selbst organisieren“. Sie brauchen dazu transparente und helfende Instrumente aus der Hand eines kompetenten Lehrers. Ob die jetzt „Punktekonto“ und „Ich-kann-Liste“ heißen, ist meines Erachtens sekundär.

    Die Frage ist also, wie ein „guter Lehrer“ seine Steuerungskompetenz einsetzt, um die Schulkinder systematisch darin zu unterstützen, die inneren Regeln der Lernarbeit und der Selbstreflexion anzuwenden, um den Lernprozess möglicht effizent gestalten kann.

    Ein „guter Lehrer“ ist aus der Schülerperspektive ganz sicher ganz wichtig. Passende Lernstrategien auch. Beides schließt sich doch aber nicht gegenseitig aus…!

  125. Doch, eins schließt das andere sehr wohl aus, wenn eine Methode wie SOL den Lehrer zum Hampelmann macht, der sich gefälligst zurückzuhalten und grundsätzlich nach den Schülern und deren momentaner Stimmungslage – genannt Wissbegier – zu richten hat. Bei SOL ist der Lehrer nicht mehr Trainer, sondern Erfüllungsgehilfe von Lust und Laune der Schüler.
    So kann man die Sache auch sehen, Herr Dr. Krick, wenn man die Medaille umdreht und nicht nur auf die Seite stiert, die Sie immer wieder vor die Nase halten.

  126. Dr. Christoph Krick

    @Aufmüpfer:
    Sie schreiben: „Doch, eins schließt das andere sehr wohl aus, wenn eine Methode wie SOL den Lehrer zum Hampelmann macht, der sich gefälligst zurückzuhalten und grundsätzlich nach den Schülern und deren momentaner Stimmungslage – genannt Wissbegier – zu richten hat.“

    Mmmh, das bewusste Ausrichten des pädagogischen Handelns nach der Physiologie des jugendlichen „Lernorgans“ und dessen Emotionalität (Erfolgserwartung, soziale Verstärkungseffekte und positives Selbstkonzept als motivierende „Lernfreude“) bedeuten doch nicht, dass man sich selbst „unwichtig“ oder zum „Hampelmann“ der Kinder macht. Die Kehrseite der Ihrerseits polarisierend ins Spiel gebrachten Medaille wäre dann ein permanentes Antreiben und Steuern von mehr als zwei Dutzend Kindern über die ganze Schullaufbahn hinweg. Das riecht nach „Burnout“…

    Ich erlebe beim Umgang mit Studenten in zunehmendem Maß so etwas wie eine „erlernte Hilflosigkeit“. Wenn ich genau vorgebe, was wann wie genau nacheinander getan werden muss, dann funktioniert das halbwegs. Wenn die Aufgabe darin besteht, selbsttätig an ein Problem heranzutreten, es zu analysieren und eigene Ideen dazu zu generieren, stehen die jungen Erwachsenen immer häufiger in einer „mentalen Sackgasse“. Ich würde mir wünschen, dass die Schulen verstärkt die Problemlösekompetenz über eigenständiges Nachdenken und gegenseitiges Reflektieren fördern mögen. Die Studiengänge leisten dies nämlich leider auch immer weniger, weil deren zunehmende „Verschulung“ zumeist auch in einer Folge von vorgegebenen Handlungs- oder Lernaufforderungen, die unreflektiert zu befolgen sind, mündet. Ein junger Arzt steht dann später vor einem Erkrankten, der dann nicht mehr mit konkreten Handlungsanweisungen aufwartet. Das ist spätestens dann der Sprung in kaltes Wasser…

    Was Instrumente zu Selbstreflexion, Peer-Coaching und Motivation der Kinder im Verlauf des eigenen Lernprozesses anbetrifft, so sollten diese daher nicht durch die Lehrperson „selbstentwertend“ als „Knebel“ oder als Ersatz für pädagogisches Handelns eingesetzt werden (das sollte ja ein fähiger Pädagoge steuern können), sondern einerseits als „Katalysator“ bzw. „Sensor“ für die Effizienz des Unterrichts in allen Kinderköpfen und andererseits als Schulung einer allgemeinen Problemlösekompetenz.

    Die Bemühungen des Lehrenden haben ja den größten Effekt, wenn möglichst alle Kinder im Unterrichtsfortgang mitgenommen werden. Ähnliche Stoßrichtungen verfolgen zwar auch zeitnahe (mündliche) Abfragen, die aber dann Zeit und Nerven der Lehrkraft kosten und zudem nur stichprobenartig (bezüglich Stoff- oder Stichprobenumfang) ein Bild über den Lernfortschritt ergeben, so dass sowohl das Aufwand-zu-Nutzen-Verhältnis auf Lehrerseite als auch der damit einhergehende Lerneffekt auf Schülerseite (oder muss man jetzt „Hattie-Effekt“ sagen?) ungünstiger auszufallen scheinen.

  127. @Dr. Krick
    Sie können es drehen und wenden, wie Sie wollen, ich bin nach wie vor gegen SOL als primäre Methode des Lernens. Hin und wieder ja, wo es sinnvoll ist, aber nicht als möglichst durchgängiges Prinzip.
    In fast jeder pädagogischen Vorgehensweise steckt wahrscheinlich ein Stückchen Wahrheit. Dieses aber zu verabsolutieren, wie Sie das streckenweise tun, und daraus eine Heilsbotschaft zu machen, halte ich weiterhin für gefährlich.
    Ich hoffe, dass SOL seinen traditionellen Stammplatz im Unterricht behält, aber nicht zu einer modischen Übergröße wird, die andere bewährte und notwendige Lernwege verdrängt.
    Ihre Ausführungen, Herr Dr. Krick, erinnern mich im Übrigen an die sog. antiautoritäre Erziehung, welche meiner Meinung nach eine reinrassige SOL-Strategie war und als solche ein Irrtum mit unseligen Folgen.
    Auch ohne Neurobiologie existiert das selbstorganisierte Lernen als Erfahrungswissen schon lange. Der Vater der antiautoritären Erziehung, der Engländer A.S. Neill, wendete es bereits vor fast einem Jahrhundert exzessiv und voller Begeisterung in seinem Internat „Summerhill“ an. Über diese Schule heißt es:
    „Auch gibt es keine Prüfungen, keine Noten und kein Sitzenbleiben. 60-70 Kinder zwischen 8 und 17 Jahren aus verschiedensten Nationen besuchen das Internat, das Neill lieber als ’von Kindern selbst geleitete Gemeinschaft’ betitelte.“
    Kritisiert wurde an Neills Konzept, „dass in Summerhill hinsichtlich der späteren Anforderungen auf das gesellschaftliche und kulturelle Leben zu wenig gelernt würde. Und schlussendlich, dass weder die Geschichte der Menschheit, noch die Geschichte der Pädagogik jemals bewiesen hätte, dass ein Kind sich ganz aus seinem eigenen Antrieb entsprechend seinen Möglichkeiten entfalten kann.“
    Ich denke, auch die Neurobiologie kann diesen fehlenden Beweis nicht erbringen. Lassen wir also – was SOL angeht – die Kirche besser im Dorf, Herr Dr. Krick.
    http://www.neon.de/artikel/wissen/ausbildung/summerhill-der-traum-eines-jeden-schuelers/636875

  128. Dr. Christoph Krick

    @Frau Prasuhn:
    Ich stimme Ihnen von Herzen zu, dass weder wissenschaftliche Hypothesen, noch pädagogische Herangehensweisen, noch Lernprinzipien wie „Religionen“ behandelt werden sollten. Alle diese Konzepte gehören in der Lebenswirklichkeit überprüft – am Besten im Schulterschluss mit den beteiligten Lehrern. Und das begründet ja meine berufliche Berührung mit der hier besprochenen Thematik. Das Festhalten an Glaubensrichtungen überlassen wir lieber mal den Religionsgemeinschaften…

    Wissenschaftliche Erkenntnisse sind im Übrigen nicht mit einem Absolutsheitsanspruch behaftet (den hat nur der Papst), sondern mit einem Wahrscheinlichkeitswert. Beispielsweise grenzt die Wahrscheinlichkeit für eine bestehende Beziehung zwischen kindlicher Lernfreude und schulischem Engagement (ist das die hier verponte „Kuschelpädagogik“?) an „Sicherheit“ (>99,999 % laut FLEX-Studie aus 2006). Solches Vorwissen ist halt wesentlich beim Formulieren neuer Hypothesen über Lernwege. Aber letztlich muss und wird jede Beobachtung an unseren Kindern immer deren Wohl im Auge haben und nicht das Festhalten am wissenschaftlichen Ansatz.

    Und nein, Summerhill ohne Hierarchie, ohne Schulpflicht und ohne verpflichtende Lernziele ist eine andere Baustelle.

  129. Dr. Christoph Krick

    Kleiner nachdenkenswerter Link zu Ihrem Zitat:
    „Und schlussendlich, dass weder die Geschichte der Menschheit, noch die Geschichte der Pädagogik jemals bewiesen hätte, dass ein Kind sich ganz aus seinem eigenen Antrieb entsprechend seinen Möglichkeiten entfalten kann.“

    Link:
    http://www.gravima.de/erfolgsgeschichten-marketing/spannendes-experiment-tablet-pc-ersetzt-lehrer-in-afrika/

  130. Aber ja, das gibt es!!!
    Was meinen Sie, was afghanische Mädchen alles tun würden, um Lesen und Schreiben zu lernen? Die riskieren sogar ihr Leben, um zur Schule zu gehen.
    Ich weiß aber, was Sie im Sinne von SOL wieder sagen wollen.
    Hätten die Kinder aus der sog. dritten Welt Bildungsmöglichkeiten und Computer im Überfluss wie unsere Kinder, würden sie dann noch immer so handeln?

  131. @ Aufmüpfer, ich finde solche Äußerungen (frustrierend und ermüdend) unpassend. Es klingt danach, als wenn man sauer ist, dass der andere nicht endlich einsieht, dass man ja selbst im Recht ist. Herr Krick hat seine Meinung. Die darf er vertreten und verteidigen. Es ist eine Illusion zu glauben, dass am Ende einer Diskussion alle einer Meinung sein werden bzw. man die anderen überzeugt hat. Ich finde auch nicht, dass das Ziel sein sollte. Eine Diskussion ist für mich ein Meinungsaustausch, in dem man erfahren kann, wie die anderen denken und vor allem auch warum. Herr Krick muss nichts einsehen. Er darf bei seiner Meinung bleiben. Und andere bei ihrer!

  132. Mir scheint immer mehr, dass Lernen, natürliches Lernen, vor allem ein Nachahmen und (ständiges) Korrigieren ist. So lernen Kinder z.B. die Sprache, so lernen sie jede Art von Spiel, so lernen sie, sich die Schuhe zuzubinden, mit Messer und Gabel zu essen und Fahrrad zu fahren. Am besten lernt man das von jemandem, der es richtig gut kann und nicht von jemandem, der es nur zum Teil oder auch nicht kann. Da sehe ich die Rolle des Lehrers. Er ist Lenker und Leiter der Lernprozesse und er ist „Vorbild“ (Vormacher, Erklärer, Korrekteur und auch Mutmacher und „Anschupser“). In der Schule, das schrieb ich ja schon, lernen die Kinder nicht, was sie gerade brauchen, sondern was wir gesellschaftlich festgelegt haben, dass sie das lernen sollen. Das ist dann nicht immer gerade interessant für die Kinder und sie müssen aushalten (= aushalten lernen), dass man sich auch mit Dingen beschäftigen muss, die man im Moment gerade nicht braucht und im Moment gerade nicht interessant findet. Schule ist eben gelenktes, vorgegebenes, organisiertes Lernen, wo eben nicht auf jedes individuelle Bedürfnis Rücksicht genommen werden KANN (wenn z.B. der eine länger Zeit braucht, mehr Wiederholungen benötigt oder weniger). Man kann und sollte versuchen, Individualität zu berücksichtigen, aber soll sich nicht der Illusion hingeben, dass das immer möglich (und sinnvoll) ist.

  133. @sofawolf
    Danke für Ihre berechtigte Kritik. (13:42)
    Ihren Ausführungen zum Lernvorgang und zur Rolle des Lehrers (13:49) stimme ich uneingeschränkt zu.

  134. Dr. Christoph Krick

    @Frau Prasuhn:
    Sie fragen zurecht: „Hätten die Kinder aus der sog. dritten Welt Bildungsmöglichkeiten und Computer im Überfluss wie unsere Kinder, würden sie dann noch immer so handeln?“

    In diesem Spannungsfeld zwischen Wollen und Müssen einerseits und Mangel und Überfluss im Informationsangebot andererseits bewegen sich die Schülerbedürfnisse. Da der innere Antrieb des Wollens gerade in jungen Jahren ziemlich gut zu funktionieren scheint, wenn der „Wert“ einer Fähigkeit oder eines Wissensgewinns „gefühlt“ wird, sollten wir nach Wegen suchen, Wert und Wollen des Lernens in dieser kindlichen Emotionalität nicht durch ein allzu enges Korsett aus „Müssen“ ganz verebben zu lassen. So altbekannt diese Binsenweisheit ist, so schwierig scheint deren Umsetzung im Informationsüberfluss unserer Wissensgesellschaft und angesichts der „Eineichung“ unserer Kinder auf mediale Spaßbereiter hier bei uns.

    @Sofawolf:
    Ihre Ausführungen treffen meines Erachtens ins Schwarze. Es ist dann in der Schule vor allem schwierig, die nun mal erforderlichen Lernzele so darzustellen, dass diese den Kindern so nachahmens“wert“ ober erstrebens“wert“ erscheinen, dass sie „Lust“ darauf haben, es selber umsetzen zu wollen. – Auch das Empfinden von „Wert“ (im vorderen Cingulum) und das Fühlen von „Lust“ (im unteren Striatum) sind nun mal Gehirnfunktionen, deren kindlich-biologischen Bedürfnisse saturiert werden wollen. Übersättigung (bspw. durch Computerspiele) oder zu viel sozialer Druck (bspw. täglicher Hausaufgaben-Kampf) oder Versagensängste (bspw. durch Wissenslücken) führen jedoch nachhaltig zu Unlust. Und das ist jene Baustelle, die das Unterrichten so schwierig macht.

    Es ist logisch, dass kein Mensch immer „Lust“ auf die tägliche Arbeit hat. Die Motivation hängt an vielen Dimensionen des Erlebnischarakters der Arbeit. Das geht Kindern nicht anders als Erwachsenen. Wenn man sich das für uns Erwachsene mal überlegt, erscheint das Übertragen in die Schulklasse logischer:

    1) Wir arbeiten aus Verpflichtung gegenüber den Kollegen. Wenn ich nicht arbeite, muss ein anderer meinen Part übernehmen. Ich verliere aber dadurch die Kontrolle darüber, was passiert und habe keinen anteil mehr an den Ergebnissen. Dies würde mein Autonomiebestreben tangieren, weswegen ich mich lieber engagiere. Solch eine Gruppendynamik nutzt man in der Teamarbeit in Kleingruppen aus.

    2) Wenn ich vor mich hinarbeite, aber habe das Gefühl, dass es keinen interessiert, was ich tue, oder keinen Ertrag bringt, dann fühle ich mich wie der sprichwörtliche Sisyphos. Ich arbeite jedoch dann gerne, wenn ich erwarte, dass mein Engagement zu einem brauchbaren Ergebnis führt. In der schulischen Arbeit muss also (altersentsprechend häufig) ein geschickt eingewebtes Gefühl der Erfolgserwartung (Punkte oder Beachtung) mitschwingen.

    3) Wenn ich eine Forschungsarbeit erledigt habe, über die ein anderer veröffentlichen würde, dann würde mir solch eine Unverschämtheit die „Lust“ an der Arbeit vergällen. Es macht hingegen gar nichts, wenn noch andere Autoren mit ihren jeweiligen Kompetenzen auf dem Paper stehen. Auch Kinder wollen spüren, dass sie „Autor“ oder „Urheber“ des erreichten Ergebnisses sind. Eine zu lernendes Tafelbild, deren Urheber der Lehrer ist, hat daher weniger „Wert“ als ein selbst erarbeitetes oder recherchiertes Ergebnis. Letzteres wird auch mehr memoriert, weil die emotionale Verbindung – und damit die persönliche Relevanz – zur Information für den Gedächtniseintrag den „Superkleber“ beisteuert. Es macht dabei gar nichts, wenn eine ganze Gruppe die Urheberschaft beansprucht. Hauptsache, jeder Beteiligte kann sich damit selbst identifizieren.

    Nun ja, vielleicht finden Sie ja noch ein paar weitere Aspekte, die Sie an die Aufzählung anhefen könnten…

  135. @ alle bisherigen Mitdiskutierer:
    Meiner Meinung nacht krankt die ganze Sache daran, dass in dieser unserer Gesellschaft zu viel auf den Lehrpersonen herumgehackt wird. Jeder, der selbst einmal Schüler war (wie wir alle vermutlich), hält sich deshalb bereits für einen Experten, was das gewünschte/geforderte Handeln und Verhalten sowie die Methoden angeht, die man von einem „guten Lehrer“ (dessen „Güte“ doch stets nur im Auge des Betrachters liegt) erwarten darf.
    Wenn ich mich an meine eigene Schulzeit erinnere, so waren die Lehrer, die wir damals für „gut“ hielten, nicht diejenigen, die uns zum Arbeiten angehalten haben – aber im Nachhinein bin ich diesen strengen Lehrern, die wir damals so verteufelt haben, echt dankbar, denn nur durch ihren straff durchgezogenen Frontalunterricht ohne irgendwelche „Bespaßungsaktionen“ habe ich das nötige Fachwissen erworben, das mich befähigt hat, die Aufnahmeprüfung an meiner Hochschule zu bestehen und studieren zu können. Und wenn meine Instrumentallehrer (ich bin Musiker) mich nicht gezwungen hätten, täglich mehrere Stunden zu üben, hätte ich diesen Beruf wohl kaum wirklich erfolgreich erlernen und heute noch ausüben können! Meine älteren Kinder haben bereits begriffen, dass ein Lehrer, der ihnen viel zu tun aufgab, nicht notwendigerweise ihr Feind war, und mein Jüngster (zur Zeit 10. Klasse) sagte erst neulich zu mir. „Papa, die Frau X. erklärt usn das viel besser, als der Herr Y., bei dem müssen wir uns alles selbst raussuchen, und dann kapier ich das nicht“. Das ist kein Einzelfall, viele Mit-Eltern in der Klasse berichten von ähnlichem. Der Frontalunterricht führt dort generell zu besserem Verständnis des Stoffs.
    Wenn man ein Kind nur lernen lässt, wann und worauf es gerade Lust hat, wird es dies in den seltensten Fällen wirklich tun. Vor allem dann nicht, wenn seitens des Elternhauses eine frühkindliche Förderung und Schulung nicht stattgefunden hat – Stichwort „bildungsferne Schichten“ – wer aus einer solchen Familie stammt, kann doch gar nicht selbstorganisiert lernen, denn er/sie hat noch nie gelernt, wie so etwas geht! Also muss doch eine/r her, der diesen bedauernswerten Kindern (und auch den vielen luxusverwöhnten Prinzchen und Prinzesschen aus „gutem Hause“) sagt, was Sache ist – und das ist nunmal der Lehrer/die Lehrerin.
    Mein Vorschlag, anstatt ständig mit neuen (alleinseligmachenden???)Methoden und neuen Aufgaben und Anforderungen an die Lehrerschaft unserer Kinder herumzuexperimentieren: Bringen wir doch als Eltern unserem Nachwuchs mal wieder RESPEKT vor den Lehrerinnen und Lehrern bei! Wenn das Wort des Lehrers/der Lehrerin wieder gewicht hat, und wenn wir als Eltern nicht bei jedem quersitzenden „F…“ unserer Kinder gleich dem Lehrer/der Lehrerin die Schuld geben, sondern diese/n in seiner/ihrer Arbeit unterstützen würden, anstelle unsere Lehrerschaft von (auch zum Teil nicht wirklich hochklassig ausgebildeten) Politikern verunglimpfen zu lassen (Zitat Altbundeskanzler Schröder „Eure Lehrer sind alles faule Säcke“), dann würden unsere Kinder auch wieder besser lernen. Wann war denn Deutschlands Intelligenzklasse Weltspitze, mit jeder Menge international geachteter Forscher, Entdecker, Künstler (echte Künstler, keine so genannten „Superstars“ oder „SongContest-Gewinner“!)? In der ach so verpönten Zeit, als man den Lehrer noch als Respektsperson betrachtete, und ihn einfach seine Arbeit machen ließ!
    Das heißt jetzt nicht, dass ich für die Paukschule und die Wiedereinführung der Züchtigungen bin, ganz im Gegenteil. Aber kein Kunde würde sich anmaßen, dem Bäcker in seiner Backstube Vorschriften darüber zu machen, wie er seinen Brotteig auszurollen hat, solange er sich an die geltende Gesetzeslage hält. Auch dem Arzt vertraut jeder sein Leben an und lässt sich gerne helfen, weil der Arzt nunmal der Fachmann ist. Nur den Lehrenden will jeder irgendwie dreinreden – das muss aufhören, sonst geht das deutsche Bildungswesen nochmehr den Bach runter.
    So, das musste mal gesagt werden – bin mal neugierig, wie sich der unvermeidliche Aufschrei der Gutmenschen und der Reformwütigen anhören wird 😉

  136. Dr. Christoph Krick

    @Sofawolf:
    Ihre Worte über die Lehrerolle als Lenker, Vorbild, Vormacher, Erklärer, Korrekteur, Mutmacher und Anschupser gehören meines Erachtens umrahmt und über die Klassentür gehängt! – Sehr schön! – Solche Lehrer hätten wir in meinen Schülertagen auf Händen getragen. Dass ich dies genau so sehe, habe ich ja schon deutlich gemacht. Ich möchte dies trotzdem nochmals unterstreichen.

  137. @ Dr. Krick

    Sprechen wir hier nicht über Selbstverständlichkeiten?
    Für mich ist es ebenfalls selbstverständlich, den Unterricht so zu gestalten, dass ALLE SchülerInnen den Lernstoff verstehen und die HA problemlos erledigen können. Geschickt ist es auch, den Unterricht so zu organisieren, dass mit den HA noch im Unterricht begonnen werden kann. Überall, wo sich Mütter z.B. als „Hilfslehrer“ begreifen und die HA für ihre Kinder anfertigen müssen, läuft m.E. ganz gewaltig etwas schief. Ich bat die Eltern sogar inständig, ihren Kindern nicht zu helfen, sondern mich darüber im Mitteilungsheft zu informieren, sodass ich es den Kindern in der Stunde erneut erklären konnte.

  138. Mir gefallen Selbstverständlichkeiten sehr viel besser als Spitzfindigkeiten ideologischer, politischer, behördlicher oder auch wissenschaftlicher Art, mit denen die Schulen in den vergangenen Jahrzehnten zu kämpfen hatten – meist ohne Gewinn, aber mit Verlust.
    Selbstverständliches beruht auf Erfahrungswissen. Dieses wieder hoffähig zu machen, indem man darüber spricht, es in Erinnerung ruft und sich seiner Stärken besinnt, halte ich für gut und überfällig. Darum begrüße ich es, wenn sofawolf „Selbstverständlichkeiten“ ausspricht und Herr Dr. Krick diese zumindest teilweise unterstreicht.

  139. Dr. Christoph Krick

    @Beobachter:
    Kein Aufschrei. Ihr Plädoyer für Respekt ist doch gar nicht verkehrt. Viele Kinder müssen heutzutage erst noch lernen, was dieses Verhaltesmerkmal bedeutet. Das sind Lernziele, die es zu früheren Zeiten nicht so häufig gab wie jetzt.

    Sie schreiben: „Wenn man ein Kind nur lernen lässt, wann und worauf es gerade Lust hat, wird es dies in den seltensten Fällen wirklich tun.“

    Beobachten Sie mal die Aktivitäten eines Halbwüchsigen beim Erkunden der unendlichen Welt der Computerspiele… Das Kerlchen will die alle mit viel „Lust“ kennen lernen… (Die Lerninhalte sind halt bloß in dieser Welt nutzlos.) Wenn man sich überlegt, wieso aber diese Erkundungstour so attraktiv ist, dann kommt man zum Schluss, dass die Spielestrategen die natürlichen Verhaltensmuster junger Menschen sehr gut verinnerlicht haben, um diese für die „Kundenbindung“ zu missbrauchen. Ich frage mich immer wieder, wieso wir – trotz umfangreichen Wissens über das Kindergehirn – diese Strategien alleine der Unterhaltungsindustrie überlassen sollten. Wenn ich Kinder im SOL-Unterricht oder über Jugend-forscht-Projekten beobachte, so arbeiten diese oftmals mehr als sie „müssen“. Wie kommt das? – Das liegt daran, dass jeder Organismus das „günstigste“ Verhältnis zwischen Aufwand und Nutzen im Sinne von „Sattelfestigkeit“ einstellen will. Dieses Antriebsprinzip gilt von einzelligen Schleimpilzen
    (Siehe: http://www.pm-magazin.de/a/geniale-schleimpilze)
    bis zu uns Menschen, wobei bei uns zum Glück natürlich noch ein paar höher kognitive und soziale Einflüsse hinzukommen… Es kommt aber im Grunde auch bei uns auf den subjektiven Nutzen an, der den selbst gewählten Aufwand bestimmt. Beim Erreichen eines situationsabhängig optimalen Verhältnisses zwischen „Mut zur Lücke“ und „Standfestigkeit“ wird dann auf den „Energiesparplan“ umgeschaltet. Wenn der persönliche Nutzen unklar bleibt, indem Ziele oder Lern- und Arbeitsmethoden im Nebel stehen, dann verebbt das eigene Engagement eben früher. In solchen Fällen bleibt dann nur der mühsame Antrieb von außen. Ihr Satz von oben müsste daher eigentlich lauten:

    „Wenn man ein Kind nur lernen lässt, was wir gerade vorgeben, wird es dies in den seltensten Fällen wirklich mit Lust tun.“

  140. @Beobachter
    Auch von mir keinen Aufschrei, denn Sie haben einen Kommentar abgegeben, der mir rundum gut gefällt. Herzlichen Dank!
    An meinen Kindern habe ich sogar beobachtet, dass sie die sog. „strengen“ Lehrer nicht nur als kompetenter empfanden, sondern auch als authentischer und aufrichtiger. Wenn diese eine Meinung bzw. Beurteilung abgaben, dann haben meine Kinder ihnen vertraut und sich entsprechend gefreut und angestrengt.
    Lehrer mit guten Führungsqualitäten werden von den Schülern fast geliebt, während andere, die sich partout beliebt machen wollen durch lasche Anforderungen, Kumpelhaftigkeit oder krampfhaftes Witzeln eher auf Verachtung stoßen und zum Widerstand herausfordern.
    Kinder und Jugendliche haben ein feines Gespür dafür, ob Lehrer gestandene Persönlichkeiten sind, die es gut mit ihnen meinen und darum wissen, was zu tun ist. Ihnen möchten sie gefallen, für sie strengen sie sich an.
    Neben dem Sachinteresse ist dies wohl die größte Lernmotivation – besonders für jüngere Kinder. Sie lernen weitgehend „für“ den Lehrer.
    Leider wurde in den vergangenen Jahrzehnten vieles getan, um die persönliche Note der „Schulmeister“ zu beschränken und den Eltern das Gefühl zu vermitteln, sie müssten die Oberaufsicht über die Lehrer führen, weil diese zum großen Teil faul, unengagiert, ungerecht oder gar übergriffig seien. Lehrerschelte wurde zum regelrechten Medien- und Volkssport.
    Kein Wunder, dass sich die Lehrer zunehmend zurücknahmen und auf Sicherheit gingen. Verlust an persönlichen Vorgehensweisen zugunsten genormter Methoden wurden zum Kennzeichen moderner, angeblich fortschrittlicher Pädagogik.
    Möge John Hattie mit seinen Forschungsergebnissen eine längst überfällige Rückbesinnung auf die herausragende Bedeutung der Lehrerpersönlichkeit bewirken und mit ihm echten Fortschritt anstatt herbeigeredetem.

  141. Dr. Christoph Krick

    @Frau Prasuhn:
    Ja, ich denke auch, dass junge Kinder in der Grundschule vor allem für die positive Rückmeldung durch die Lehrkraft arbeiten. Das ist dann der „subjektive Nutzen“.
    Link dazu: http://mobil.stern.de/kinderkrankheiten/aktuelles/hirnforschung-kleine-kinder-koennen-mit-kritik-nichts-anfangen-640570.html
    Im Verlauf der Jugend ändert sich jedoch das Empfinden für extrinsische Rückmeldungen. Bei Jugendlichen ist dann „subjektiver Nutzen“ etwas komplizierter, weil dann auch die Sozialdynamik und die Eigendarstellung eine große Rolle spielt. Das (zunächst unreflektierte) Autonomiestreben als biologisches Programm der Pubertät verlangt nach „Austesten von Regeln und deren Grenzen“. In Urzeiten haben daher ganz sicher nicht alle Jugendlichen überlebt… Diejenigen Regeln, die dem jugendlichen Rütteln nebst Selbstgefährdung widerstanden haben, werden dann später „verklärt“ (oder aufgeklärt?) in die nächste Generation traduiert. Daher sind feste und nachvollziehbare Prinzipien auch und gerade in der Pubertät wichtig. Ich denke, die höhere Motivation der Jugendlichen bei geradlinigen und konsequenten Lehrerpersönlichkeiten ist an den somit klareren Zielvorgaben festzumachen. Und wie oben angeführt: Je klarer die Ziele sind, umso mehr steigt die Anstrengungsbereitschaft.

    So, und jetzt kombinieren Sie mal ein transparentes Prinzipienmuster der Lernarbeit und eine geradlinige Lehrerpersönlichkeit, die auch noch gemäß Sofawolf zu motivieren und gut zu erklären weiß, mit einem Reglement zum Freiraum zwecks Ausleben des jugendlichen „Wollens“…! – Welche Hypothese würden Sie in den Raum stellen?

    Ich denke, nach all den Überlegungen kommen wir zu einem gemeinschaftlich zusammengetragenen Muster für ein „optimales“ Unterrichtsmodell, das auf drei Säulen zu stehen kommt.
    (1) führungsstarke „Sofawolf“-Lehrerprsönlichkeit, die Vorwissen und Einsicht in die anstehenden Lernziele stiftet
    (2) Halt gebende Lernprinzipien mit klaren Zielvereinbarungen und transparenten Instrumenten, die Gruppenarbeit ermöglichen
    (3) fest implementierte Phasen von selbständiger Teamarbeit unter Schülern, um für die Lehrkraft Freiräume als „Korrekteur“ und Coach zu schaffen.
    (4) zunehmend eigenverantwortliche Zielverfolgung durch die Schüler über Selbstreflexion mit „selbstbelohnendem“ Ergebnis zwecks Schulung con Problemlösekompetenz

    Was meinen Sie zu der Aufzählung? – Was fehlt denn noch?

  142. Ihr Säulenmodell ist zweifellos gut durchdacht, Herr Dr. Krick. Wo wir meiner Meinung nach aber immer wieder aneinander vorbeireden, ist der „menschliche Faktor“ zwischen Lehrern und Schülern oder auch Schülern untereinander, den ich in seiner positiven als auch negativen Weise vermutlich sehr viel höher einschätze als Sie, obwohl auch Sie die führungsstarke Lehrerpersönlichkeit für wichtig halten.
    Mir fällt es schwer, jemandem begreiflich zu machen, was ich meine, der die Faktoren des Lernprozesses eher nüchtern von der Neurobiologie her kennt bzw. aus Laborversuchen, anstatt aus der Schulpraxis.
    Ich will es aber versuchen und setze bei der Gruppenarbeit an, von der Sie offensichtlich sehr viel mehr halten als ich. Nur selten war ich mit den Ergebnissen dieser Arbeitsform zufrieden.
    Ein einfaches Beispiel, das kaum Erklärungen erfordert: Ein Mitschüler hatte sich beim Toben in der Pause erheblich verletzt und musste ins Krankenhaus. Das schien mir ein Anlass für Gruppenarbeiten mit dem Auftrag: „Schreibt einen Brief an Kai und überlegt, was ihn interessiert und worüber er sich freut. Ich werde ihm die Ergebnisse mit Euren Unterschriften überbringen.“
    Der Verlauf der Arbeit war eine einzige Enttäuschung. Nach anfänglicher Begeisterung aller blieb die Arbeit bald an den beiden üblichen „Zugpferden“ jeder Gruppe hängen, die sich daraufhin über mangelnde Unterstützung beklagten und selbst die Arbeitslust zu verlieren drohten. Ermahnungen an die Drückeberger nützten nichts. Dass dennoch ein halbwegs akzeptables Ergebnis zustande kam, lag nur daran, dass ich den „Störenfrieden“ schließlich einzeln befahl, was sie tun sollten. Der eine sollte ein Bild für Kai malen, der andere einen Witz zu Paper bringen oder ein Rätsel, jeder konnte sich aussuchen, was er tun wollte. Mein Eingreifen bedeutete jedoch, dass ich innerhalb der Gruppenarbeit eine Partnerarbeit für die „Zugpferde“ machte und Einzelarbeiten für die anderen.
    „mehrnachdenken“ hat bereits darauf hingewiesen, dass er/sie mit Gruppenarbeit schlechte Erfahrungen gemacht hat und Partnerarbeit vorzieht. Mir geht es genauso. Teamarbeit erfordert meiner Erfahrung nach eine möglichst gleichwertige Leistungsfähigkeit und Leistungsbereitschaft der Beteiligten. Unter Bedingungen von Modell- und Laborversuchen mögen Gruppenarbeiten klappen, weil die beteiligten Kinder unter den besonderen Umständen nicht so reagieren wie gewöhnlich. Sie sind ja nicht blöd und wollen glänzen.
    Zu den zweifellos interessanten und richtigen Ausführungen im Artikel von „stern.de“ fallen mir auch Fragen und Einwände aus praktischer Erfahrung ein, doch mein Kommentar ist eh schon unverschämt lang. Darum soll jetzt Schluss sein.

  143. Wow, habe selten eine so engagierte und aufschlussreiche Diskussion gelesen.

  144. Bevor Wissenschaftler solche Forschungsprojekte anstrengen (mit deren Fördermitteln gewiss ein paar befristete Stellen verlängert und interuniversitäre Imagepflege betrieben werden konnten), sollten sich die Projektleiter und -bearbeiter einmal für 12 Monate zuerst leibhaftig in die aktuelle Schulwirklichkeit begeben und sich über diese eine Bild machen.
    Stattedessen gehen sogenannte Experten gerne den umgekehrten Weg: Sie erfinden tolle Innovationen und wohlklingende Strategien in ihren „Laboren“ für eine Welt, die überhaupt nicht existiert und „beglücken“ damit dann die Lebenswirklichkeit.
    In unserer wissenschafts- und fortschrittssgläubigen Kultur, in der praktische Erfahrungswerte einen schlechten Stand haben, gelten Produkte aus den akademischen Elfenbeintürmen automatisch als etwas Positives. Hinzu kommen oft meinungsgenormte Bildungspolitiker, welche von den Schulen die Annahme dieser Kunstprodukte fordern. Dass dafür andere Schulverhältnisse geschaffen werden müssten, wissen sie vielleicht, müssen diese Tatsachen jedoch qua Amt ignorieren.
    Den Lehrern bleibt dabei nur übrig, tapfer zu sein und bei aller Offenheit für Neues mit Selbstvertrauen an den eigenen Erfahrungen festzuhalten, wenn möglich, auch ab und zu mit Zivilcourage gegen Panikmache und Innovationsfetisch Stellung zu beziehen.
    Da die gegenwärtige Bildungspolitik aber vor allem methodische und Meinungsbevormundung der Schulen von Seiten der Schulämter bedeutet – angefangen mit der Gehirnwäsche Referendariat – ist eine Bildungsverbesserung als Demokratie „von unten“ nicht zu erwarten.

    • Das war jetzt wirklich eine interesante Diskussion.
      Ich beschäftige mich gerade internsiv mit SOL und daher auch mit Herrn Krick, den ich persönlich kennen lernen durfte.

      Ja , es gibt sie, die Wissenschafter, die eine Profession haben und zudem Kopf, Herz und Verstand und ein ausgeprägtes Gespür für elemtare Dinge die uns bewegen wie die Bildung unserer Kinder.

      Unzweifelt ist die Kenntnis des Schulbetriebs von Vorteil, macht aber zuweilen auch betriebsblind. Daher sehe ich die Ausführungen von Herrn Krick als sehr erfrischend. Erkenntnisse der Neurobiolgie können durchaus einen wertvollen Beitrag zum Verstehen von Lernen liefern. Aufgrund ihrer empirischen Fundierung -warum sollten sie nicht genutzt werden? Vielfach belegen sie einfach auch Annahmen, die bereits bekannt sind.
      Eine der Kommentatorinnen sprach z.B. soziale Wärme im Schulbetrieb oder im Kindergarten an. Vertrauen wie auch soziale Wärme sind auch im Schulbetrieb möglich und notwendig. Das Interesse an Kindern und Jugendlichen ist eine wesentliche Voraussetzung, um als Lehrkraft bzw. Erzieher/in gute Arbeit leisten zu können.
      Ich bin neugierig auf weitere Untersuchungsergebnisse.

  145. Wie „geht’s“ dem Versuch? Erstaunlich lange haben wir nichts mehr gehört.

    Ist dieses „innovative“ Projekt nicht für den Deutschen Lehrerpreis vorgeschlagen worden?

  146. Dr. Christoph Krick

    @mehrnachdenken
    @Frau Thüre

    Vielen Dank für das Interesse am Fortgang des Schulentwicklungsprozesses!

    Inzwischen sind einige Jahre vergangen, und die damals begonnene Umstellung des Unterrichtens ist zwischenzeitlich „in die Pubertät geraten“… 😉 Die Messungen aus der Langzeit-Evaluation zeigen jedoch, dass Lernbereitschaft und Arbeitsklima im Vergleich zu „konventionellem“ Unterricht die landläufige schulischen Motivationskrise (fast) vermissen lassen. Die Effektstärke (Cohen’s d) des SOL-Unterrichts auf die förderlichen Parameter des Lern- und Arbeitsklimas der Siebtklässler beträgt 0,9 auf hohem Signifikanzniveau: Die Wahrscheinlichkeit, dass der beobachtete Effekt bloß auf Zufällen beruht, ist viel kleiner als ein Tausendstel, so dass man umgekehrt den positiven SOL-Einfluss inzwischen getrost als gesichterten Befund berichten darf.

    Noch spannender ist meines Erachtens der Wertewandel in den Köpfen der Schulkinder, was Einflussgrößen zur Lernmotivation und zur sozialen Wärme anbetrifft. Insbesondere das real gelebte „social network“ unter den Jugendlichen wird offensichtlich vermehrt zur Ressource und zur Triebfeder des Unterrichtsgeschehens. Im „konventionellen“ Unterricht ist dies hingehen eher der äußere Leistungsdruck, der vermehrt seitens der Lehrperson aufrecht erhalten werden muss.

    • mehrnachdenken

      Herr Dr. Krick, vielen Dank für die Rückmeldung.

      Die positiven Effekte des Modelversuches hinsichtlich der Lernbereitschaft und des Arbeitsklimas sowie eine verbesserte Lernmotivation und die Stärkung der sozialen Wärme sind nicht zu unterschätzende Parameter für gute Lernergebnisse.
      Deshalb interessiert mich, ob die genannten positiven Effekte auch zu deutlich besseren Lernresultaten führten im Vergleich zu einem konventionellen Unterricht.

      Professor Hilbert Meyer, der „Vater“ des offenen Unterrichts (sein Standardwerk „Leitfaden zur Unterrichtsvorbereitung“ war in den 80er Jahren so etwas wie DIE Bibel für jeden Referendar) relativierte mittlerweile seine damals vertretene Auffassung von der Überlegenheit des offenen Unterrichts gegenüber dem eher lehrerzentrierten.

      Anlässlich seines 2004 erschienen Buches „Was ist guter Unterricht“ gab er „Bildungsklick“ ein Interview:

      „Meyer: Von der Vorstellung, dass man auch empirisch nachweisen kann, dass der so genannte offene Unterricht, der handlungsorientierte Unterricht, deutlich besser ist als der so genannte Frontalunterricht. Das muss man differenzieren. Bei der Vermittlung kognitiven Wissens ist der herkömmliche, weitgehend frontale Unterricht doch deutlich leistungsstärker als ich gedacht hatte. Bei der Vermittlung von Sozial- und Methodenkompetenz ist dieser so genannte offene Unterricht ein bisschen überlegen, aber die Unterschiede sind gar nicht so groß. Deswegen ist auch das Fazit meines Buches: Mischwald ist besser als Monokultur. Ein Kollegium muss gemeinsam dafür sorgen, dass beides angeboten wird.“

      Herr Dr. Klick, in dem von Ihnen begleiteteten Modellversuch beobachten Sie offensichtlich vor allem soziale Kompetenzen. Wir erfahren jedoch nichts darüber, ob und wie sich das Unterrichtsmodell auf das „kognitive Wissen“ auswirkt.

      Ich formuliere noch zugespitzter: Warum bedarf es eines Modellversuches mit großer medialer Begleitmusik, wenn die daraus gewonnenen Erkenntnisse längst auf dem Tisch liegen?

      Wer seinen Schülern also kognitives Wissen vermitteln möchte, darf sich nicht nur auf die offenen Unterrichtsformen beschränken. Ein guter Lehrer berücksichtigt in seinem Unterricht sowohl die offenen Formen als auch die lehrrzentrierten. Wie sagt doch Prof. Meyer so schön plakativ: „Mischwald ist besser als Monokultur“. Wer möchte ihm da widersprechen?

      Ist Wissen im herkömmlichen Sinne eigentlich überhaupt noch gefragt? Wenn ich mir den kompetenzorientierten Unterricht ansehe, habe ich da so meine Zweifel.
      Was die Schüler für ein Abi der Zukunft brauchen, kann ihnen auch im kompetenzorientierten Unterricht und in offenen Unterrichtsformen vermittelt werden.
      Gibt es zwischen PISA – Einheitsschule – kompetenzorientiertetem Unterricht – offenen Unterrichtsformen evtl. einen genialen, uns bisher verborgenen Zusammenhang?

      • Ich frage mich, inwieweit Lernbereitschaft, Arbeitsklima sowie eine verbesserte Lernmotivation messbar sind und nicht vom Wunsch des Wünschelgängers abhängen.
        Es konnte z. B. nie bewiesen werden, dass die integrierten Gesamtschulen, ein Jahrzehnte altes Lieblingskind erst der SPD, dann auch der Grünen, mehr „soziale Kompetenz“ vermittelt hätten als herkömmliche Schulen, obwohl sie zum alles überragenden Lernziel erklärt wurde. Es wurde sogar gemunkelt, das Gegenteil sei der Fall.
        Nur eins ließ sich nachweislich feststellen, dass die Leistungen in den Schulfächern schwach waren.
        Das machte aber nichts, denn „Leistung“ war in diesen bildungspolitischen Kreisen sowieso verpönt und galt als ungerechtes Instrument für soziale Besserstellung.
        Heute ist das kaum anders.

  147. Dr. Christoph Krick

    @mehrnachdenken:
    Ganz bestimmt ist die komplexe Beziehung zwischen Lernatmosphäre und Produktivität ein wesentlicher Aspekt. Da Sie PISA ansprachen: In fernöstlichen Drill-Schulen ist laut PISA 2012 der Lernfortschritt unter eher spröden Arbeitsbedingungen höher als bei uns 😉 . Allerdings zeigten die PISA-Ergebnisse auch – mal abgesehen vom chinesischen Selbstverständnis einer Schule, dass die Lernsozialisation in der Kindheit eine wesentliche Rolle spielt. In der saarländischen Gemeinschaftsschule wird man sicherlich vermehrt Kinder antreffen, deren Schulstart diesbezüglich eher holprig verlief, da ansonsten die vorhandenen Kinder hierzulande vehement von den Gymnasien aufgesaugt werden. Gerade in Bezug zur zuträglichen Arbeitshaltung finde ich das Ergebnis eines verbesserten Zugangs in die schulische Lernarbeit insbesondere über die gegenseitige Unterstützung daher recht wichtig für unsere Zielgruppe.

    Während jedoch die Untersuchung der Lernatmosphäre einen Zustandbericht liefert, ist der Wettlauf mit den schulischen Lehrplänen ein Prozess mit dem Zielpunkt eines geeigneten Schulabschlusses. Dieser wird erst in ein paar Jahren vergleichend zu evaluieren sein… Die jungen Leute scheinen sich aber bislang auch kognitiv gut zu entwickeln. Ansonsten möchte ich hier weder herumspekulieren, noch irgendwie polarisieren.

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