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Reichsadler und Nazi-Spruch über dem Schuleingang – frisch aufpoliert

KÜNZELSAU. Eine Lokalposse sorgt im baden-württenbergischen Hohenlohekreis für Wirbel: Die Brüder-Grimm-Schule in Künzelsau, ein Bau aus den 30er Jahren, wird saniert – samt Reichsadler und völkischem Spruch über dem Eingang. Die Lehrerschaft der Schule wollte die Nazi-Insignien entfernt haben. Doch der Schulträger, die Stadt, hat anders entschieden.

Der Reichsadler ist schon wieder fast wie neu: Die Brüder-Grimm-Schule in Künzelsau während des Umbaus. Foto: Brüder-Grimm-Schule

Der Reichsadler ist schon wieder fast wie neu: Die Brüder-Grimm-Schule in Künzelsau während des Umbaus. Foto: Brüder-Grimm-Schule

Rund 1,9 Millionen Euro investieren Stadt und Land, um das Haus der Förderschule behindertengerecht umzubauen, eine Aula einzubauen sowie die Wände und die Fenster zu erneuern. Bei den Arbeiten allerdings kommt einem Bericht der „Südwest-Presse“ zufolge im Treppenhaus ein Wandgemälde aus der Nazi-Zeit zum Vorschein, das jahrzehntelang durch Paneelen verdeckt war. Das Fresko zeigt eine groß gewachsene Frau in antikem Gewand, die sich zu Jungen und Mädchen mit Tornistern herunterbeugt. „Die Kinder sehen aus wie minimalisierte Erwachsene. Sie sind höchstens dunkelblond, die Mädchen alle brav bezopft, die Buben barfuß, die Lehrerin auf einem Podest in germanischer, gottesähnlicher Kleidung“, so beschreibt Schulleiterin Anita Neher der Lokalzeitung „Heilbronner Stimme“ zufolge das Werk. Das Kollegium sei sich einig: Das Gemälde passe nicht zu einer Schule, die Kinder darin unterstütze, „zu aufrechten, selbstbewussten Persönlichkeiten zu werden, die Vielfalt und Toleranz zu schätzen wissen. Wir wollen das Gemälde auf alle Fälle nicht.“

Also weg mit dem Nazi-Kitsch und alles klar? Beileibe nicht. Im Gemeinderat regt sich Widerstand gegen eine Entfernung. „Das Bild gehört einfach zur Schule“, meint ein Volksvertreter laut „Stimme“, der die Schule einst selbst besuchte und deshalb meint: Das Wandgemälde dürfe nicht wieder verhängt werden, nur „weil einige Lehrer das wollen“. Auch andere Ratsvertreter verstehen die Aufregung nicht. „Das ist doch ein schönes Bild.“ „Ich kann in dem Bild nichts Anstößiges erkennen.“ „Die Lehrer können sich damit abfinden.“ – So zitiert das Blatt einige Lokalpolitiker. Der 28-jährige Bürgermeister Stefan Neumann möchte das umstrittene Werk allerdings weder Schülern noch Lehrern zumuten, auch wenn es, wie er laut „Südwest-Presse“ sagt, „mit der Geschichte des Hauses und der Stadt verbunden“ sei. Salomonische Lösung: Das Wandgemälde wird wieder verhängt, und zwar so, dass ihm „nichts passiert“. Eine Informationstafel wird es dem Bericht zufolge aber nicht geben.

„Nichts für uns. Alles für Deutschland“

Damit wäre die Geschichte zu Ende, wenn es nicht noch weitere Spuren der Vergangenheit am Schulgebäude gäbe. Und die gibt es – unübersehbar: Über dem Eingang der Schule prangt ein martialischer Reichsadler, dem man einst das Hakenkreuz aus den Klauen gemeißelt hat, ohne allerdings sämtliche Spuren davon zu tilgen. Jetzt, nach der Sanierung, sieht der Vogel wieder fast aus wie neu. Noch ärger: In den Balken unter dem Dach ist der zynische Spruch „Nichts für uns. Alles für Deutschland“ in großen Lettern eingraviert. Das Kollegium wollte auch diese Relikte der Nazi-Zeit entfernt haben. „Das haben wir schon früher beim Landesdenkmalamt moniert“, erklärt die Schulleiterin der „Heilbronner Stimme“. Doch die Beschwerde blieb ohne Erfolg. Adler, Gemälde und Schriftzug gälten – obwohl das Gebäude nicht unter Denkmalschutz stehe – als erhaltenswert, berichtet die Zeitung und zitiert die Schulleiterin: „Seit der Sanierung ist der Schriftzug unter dem Dach noch besser zu lesen.“

Die „Hohenloher Zeitung“ wollte von ihren Lesern wissen, ob „Nazi-Relikte wie Reichsadler, Inschrift und Wandgemälde in den modernen Schulalltag passen“. Nur eine knappe Mehrheit – 52 Prozent – meinte: Nein. (red)

(4.1.2012)

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