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Heftiger Disput um Kooperation von Schulen mit der Bundeswehr

STUTTGART. Von einer «Verbannung» der Bundeswehr aus den Schulen könne keine Rede sein, betonte Baden-Württembergs neuer Bildungsminister Mathias Stoch (SPD). Die Grünen wollen die Kooperationsvereinbarung kündigen, Stoch will sie weiterentwickeln.

Die Besuche von Jugendoffizieren an den Schulen in Baden-Württemberg haben für eine hitzige Debatte im Landtag gesorgt. Der neue Kultusminister Stoch kündigte an, das Kooperationsabkommen mit der Bundeswehr rasch zu überprüfen. «Wir wollen deutlicher aufzeigen, dass Jugendliche auf dem Weg zum mündigen Staatsbürger in Fragen der Außen- und Sicherheitspolitik sowohl mit der Bundeswehr als auch mit anderen Organisationen diskutieren sollen», sagte er bei seinem Debüt als Ressortchef im Landtag in Stuttgart. Das Abkommen zwischen Land und Truppe erwecke den Eindruck, dass diese beim Zugang an die Schulen privilegiert sei. Letztendlich liege es aber in der Verantwortung der Lehrer, wen sie in den Unterricht einladen wollten.

Soldaten an einem Infostand der Bundeswehr

Infostand der Bundeswehr (beim Tag der offen Tür im Bundesverteidigungsministerium 2012). In mehreren Bundesländern mehrt sich die Kritik an Vereinbarungen zur Zusammenarbeit mit Schulen. Foto: Bundeswehr-Fotos Wir.Dienen.Deutschland./Flickr (CC BY-ND 2.0)

CDU und FDP warnten davor, die Bundeswehr aus den Schulen zu «verbannen» und sie nicht genug zu achten. Der CDU-Abgeordnete Matthias Pröfrock rief die Grünen auf, ihren «kalten Krieg» mit den Streitkräften zu beenden. Nachdem Rot-Grün zu Regierungszeiten im Bund für die Auslandseinsätze deutscher Soldaten verantwortlich gezeichnet habe, sei es «scheinheilig und unaufrichtig» von Grün-Rot im Land der Bundeswehr zu signalisieren, sie habe an den Schulen nichts zu suchen. Der Grünen-Landesparteitag hatte Ende 2012 beschlossen, das Abkommen zu kündigen.

Stoch betonte, es gehe nicht um das Ansehen der Bundeswehr, die Opposition solle den «Pegel nicht auf 120 Dezibel» hochfahren. Es gehe lediglich um die geeigneten Informationen für Schüler, um auf wichtige politische Fragen eigenständig Antworten finden zu können. Von einer «Verbannung» der Bundeswehr aus den Schulen könne keine Rede sein. Dagegen hielt der FDP-Abgeordnete Timm Kern der Regierung vor, sie misstraue der Professionalität der Lehrer und bringe den Jugendoffizieren eine «Grundskepsis» entgegen.

Sandra Boser von den Grüne plädierte für eine Gleichberechtigung aller Gruppen. Die Entwicklung in Nordafrika habe gezeigt, dass auch Menschen ohne Waffen großen Einfluss haben könnten. Stefan Fulst-Blei (SPD) betonte, es gebe einen breiten Konsens über die Bundeswehr als «Teil des demokratischen Staatswesens», den aufbrechen zu wollen, die Opposition Grün-Rot unterstelle.

Minister Stoch kündigte an, im Februar mit Friedensorganisationen und der Bundeswehr zu sprechen, um die Kooperation möglicherweise weiterzuentwickeln. Er nannte als Beispiel Nordrhein-Westfalen, in dessen Abkommen gleiche Rechte für Friedensorganisationen wie für die Bundeswehr verankert seien. Es gebe eine noch ältere Grundlage für politische Bildung an den Schulen: den Beutelsbacher Konsens. Dieser verbiete den Lehrern einseitige Einflussnahme und halte sie an, strittige Themen auch als solche darzustellen.

Laut der Initiative «Schulfrei für die Bundeswehr» werden Jugendoffizieren Privilegien eingeräumt, die keine andere Gruppe bekomme. So sei die Bundeswehr an der Aus- und Fortbildung von Lehrern beteiligt sei, erläuterte Klaus Pfisterer von dem Bündnis. Für Referendare sei die Teilnahme an den Seminaren Pflicht – weigerten sie sich, könne dies durchaus Konsequenzen für sie haben.

Auch informierten die Jugendoffiziere nicht objektiv. «Sie stellen einfach nur die Arbeit des Verteidigungsministeriums vor, ohne auf die Kriegswirklichkeit und Folgen für Soldaten einzugehen, so Pfisterer. Zwar sei es den Jugendoffizieren untersagt, in den Schulen aktiv für die Bundeswehr zu werben. «Aber das Auftreten in Uniform ist automatisch mit Werbung verbunden.»

Der Beutelsbacher Konsens

Im schwäbischen Dorf Beutelsbach im Rems-Murr-Kreis sind 1976 die theoretischen Grundlagen der politischen Bildung in Deutschland formuliert worden. Bei einer Tagung der Landeszentrale für politische Bildung einigte man sich auf drei Grundregeln für die pädagogische Praxis:

1) Das Überwältigungsverbot untersagt den Pädagogen, die Schüler im Sinne einer bestimmten Meinung zu überrumpeln und damit an der «Gewinnung eines selbstständigen Urteils» zu hindern.

2) Was kontrovers ist, muss auch im Unterricht kontrovers erscheinen. Heißt: Die Lehrer dürfen unterschiedliche Standpunkte nicht unter den Tisch fallen lassen.

3) Der Schüler muss in die Lage versetzt werden, eine politische Situation und seine eigene Interessenlage zu analysieren.(dpa)

(30.01.2013)

zum Bericht: Grün-Rot streitet um Besuche der Bundeswehr an Schulen

zum Bericht: Die GEW drängt die Bundeswehr aus den Schule

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