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Grün-Rot treibt die Gemeinschaftsschule voran

STUTTGART. Auch wenn Baden-Württembergs Kultusminister Andreas Stoch (SPD) beteuert, Qualität gehe vor Schnelligkeit – die grün-rote Landesregierung von Baden-Württemberg bringt schwungvoll ihr bildungspolitisches Prestigeprojekt voran: die Gemeinschaftsschule. Im vergangenen Jahr hatte sie bereits 42 genehmigt; zum nächsten Schuljahr kommen 87 neue hinzu.

Sieht in Gemeinschaftsschulen einen Beitrag zur Bildungsgerechtigkeit: Andreas Stoch (SPD). Foto: Staatskanzlei Baden-Württemberg

Sieht in Gemeinschaftsschulen einen Beitrag zur Bildungsgerechtigkeit: Andreas Stoch (SPD). Foto: Staatskanzlei Baden-Württemberg

Dabei seien noch 27 der insgesamt 114 entscheidungsreifen Anträge von Schulträgern abgelehnt worden. «Wir wollen möglichst viele gute Gemeinschaftsschulen, aber nicht möglichst schnell möglichst viele», sagte Stoch in Stuttgart. Es gibt bereits 42 Gemeinschaftsschulen, in denen Kinder mit Grundschulempfehlung für die Haupt-/Werkrealschule, die Realschule und das Gymnasium zusammen unterrichtet werden. Diese Schulart sei ein wichtiger Baustein für mehr Bildungsgerechtigkeit, der den Druck der «Auslese» nach Klasse vier nehme, betonte Stoch.

Aus Sicht von FDP-Fraktionschef Hans-Ulrich Rülke ist die Genehmigung der 87 weiteren Gemeinschaftsschulen zu schnell, unkoordiniert und rein ideologisch motiviert erfolgt. «Das Ministerium hätte zunächst Schulentwicklung, Lehrpläne und die Lehrerbildung klären müssen», meinte er. Die CDU unkte, die Bildungslandschaft werde nach grün-roter Ideologie «festzementiert».

Unter den ursprünglich 120 Anträgen waren keine von Gymnasien und auch nur vier von Realschulen. Der Leiter der Stabsstelle Gemeinschaftsschulen, Norbert Zeller, erwartet aber für die dritte Bewerbungsrunde bis zu 20 Realschulen. Laut Stoch denken die Realschulen in Richtung Gemeinschaftsschule um. Denn sie sähen, dass die Herausforderungen einer immer vielfältigeren Schülerschaft durch das Angebot der neuen Schulart mit Schwerpunkt auf individueller Förderung besser bewältigt werden könnten. Anderseits gebe es das Gefühl, bewahren zu müssen, was man hat, sagte er. Ein Zwang auf bestimmte Schulen, sich in Gemeinschaftsschulen zu wandeln, werde vonseiten der Schulverwaltung aber nicht ausgeübt.

Zwar sei das Interesse von Gymnasiallehrern groß, stundenweise auch an Gemeinschaftsschulen zu unterrichten, berichtete Zeller. Ein Wechsel sei nicht populär, weil sie an Gemeinschaftsschulen zwei Stunden pro Woche mehr unterrichten müssten. Stoch wertete es als «ermutigend», dass zwölf Prozent der Schüler an den bereits bestehenden Gemeinschaftsschulen eine Gymnasialempfehlung hatten.

Nur neues Türschild für die Hauptschule?

Der CDU-Bildungsexperte Georg Wacker befürchtet dagegen angesichts dieser Übergangsquote und der geringen Zahl von Realschulen unter den Bewerbern, dass die Gemeinschaftsschule nur ein neues Türschild für die bisherigen Haupt- und Werkrealschule werde. Auch Landeshandwerkspräsident Joachim Möhrle sieht diese Gefahr. Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) zeigte sich angesichts von 87 Genehmigungen überrascht. Denn die Vorbereitung sei sehr aufwendig und die Gemeinschaftsschulen seien «keineswegs luxuriös, sondern ungenügend ausgestattet», sagte GEW-Landeschefin Doro Moritz.

Für die kommenden Jahre prognostizierte Stoch kleinere Antragszahlen. «Am Anfang war der Druck im Kessel relativ hoch.» Für das Schuljahr 2014/15 rechnet er mit bis zu 75 Schulen. Die ursprüngliche Zahl von 120 Anträgen hat sich nach Angaben von Zeller auch deshalb verringert, weil einige kleinere Schulträger sich zusammengetan haben, um eine Gemeinschaftsschule zu gründen. In der Regel würden dann die Klassen fünf bis sieben und acht bis zehn auf zwei Standorte aufgeteilt. Das sei etwa in den Gemeinden Rosenfeld und Geislingen (beide Zollernalbkreis) geschehen.

Stoch betonte, die Gemeinschaftsschule könne mehr Schulstandorte erhalten als beim bisherigen dreigliedrigen Schulsystem. Vor allem in Kommunen mit 5000 bis 10 000 Einwohnern sei die Gemeinschaftsschule eine interessante Option, Schüler aller Begabungen am Ort zu halten.

Die in diesem Schuljahr eingeführte Gemeinschaftsschule ist deutlich von der Gesamtschule zu unterscheiden. Davon existieren in Baden-Württemberg nur drei, nämlich in Heidelberg, Freiburg und Mannheim.

Der Hauptunterschied ist, dass in der Gemeinschaftsschule Schüler mit der Grundschulempfehlung für das Gymnasium, für die Realschule und für die Haupt- und Werkrealschule in einem Klassenverband unterrichtet werden. Individuelle Förderung soll dabei groß geschrieben werden. Dagegen lernen die Schüler in den meist großen Gesamtschulen je nach ihren Leistungen in Niveaukursen. Meist gibt es davon drei, jeweils orientiert an den Lehrplänen für das Gymnasium, für die Realschule und die Haupt-/Werkrealschule. So kann es sein, dass ein sprachlich
begabter Schüler im Fach Englisch einen A-Kurs besucht, in Chemie aber einen C-Kurs. Dadurch setzt aus Sicht der Landesregierung der in der Gemeinschaftsschule vorgesehene Effekt nicht ein, dass die Stärkeren die Schwächeren mitziehen. dpa
(4.2.2013)

Hier geht es zu einem Video-Interview mit dem neuen baden-württembergischen Kultusminister Stoch.

4 Kommentare

  1. Warum nur stört mich der Name „Gemeinschaftsschule“?
    Vielleicht deshalb, weil in sozialistischen Ländern wie der UDSSR der staatliche Zugriff zum Zwecke der Gleichmacherei des Nachwuchses in sog. Gemeinschaftshäusern stattfand. Der nette Begriff „Gemeinschaft“ stand gewöhnlich für Staatsinteressen und nicht für die Interessen der Individuen.

  2. Der Gegriff Gemeinschaftsschule in in zweierlei Hinsicht problematisch:
    1. Existieren ja nebenher weiterhin Gymnasien und Privatschulen und
    2. suggeriert er ein glückliches voneinander und miteinander Lernen.

    Das ist aber weitgehend nur Wunschdenken, denn die Schwachen lernen eben eher nicht von den Gute, wie zwanghaft erwartet, sondern bremsen diese dauerhaft aus.
    Das Niveau sinkt kontinuierlich, seitdem auch noch das Sitzenbleiben abgeschafft und MSA Hürden immer weiter geschleift wurden und weiter werden.

    Mich erinnert diese Situation immer mehr an Pressemeldungen aus den USA der 70er Jahre, wo Eltern Schulen verklagt hatten, die deren Kindern Schulabschlusszeugnisse gegeben hatten, ohne dass diese lesen, schreiben und rechnen gelernt konnten.

  3. letzte Wort natürlich: hatten.

  4. @cefalu
    Ich teile Ihre Bedenken bezügl. des inklusiven Lernens in Gemeinschaftsschulen und wundere mich, dass nicht größerer Widerstand aus der Lehrerschaft kommt.
    Diese weiß doch genau, dass Gemeinschaftsschulen auf Grund der enormen Begabungsunterschiede keinem Schüler mehr annähernd gerecht werden.
    Statt einer Verwirklichung von Menschenrechten läuft hier alles auf das Gegenteil hinaus, obwohl das inklusive Lernen angeblich einer diesbezüglichen Anmahnung seitens der UNO entspricht. Über die Meinung von UNO und OECD habe ich mich schon mehrfach gewundert und frage mich allmählich, welche Kräfte sich dort breitmachen.

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