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Keinen Sonderstatus: Hochbegabte Schüler brauchen ein normales Umfeld

BOCHUM. Oft zeigt sich schon im Kleinkindalter, wenn Mädchen und Jungen besonders helle Köpfe sind. Etwa daran, dass sie Dinge wie Sprechen oder Laufen viel früher als Gleichaltrige lernen oder sehr kreativ sind. «Sie entwickeln meist sehr früh ein Verständnis für komplizierte Sachverhalte und die Fähigkeit, sich selbstständig etwas beizubringen», sagt Christian Fischer, Professor für Erziehungswissenschaft an der Uni Münster. Als hochbegabt werden die Kinder aber nicht zwingend erkannt. Stattdessen gehen die meisten ganz normal zur Schule, ohne dass ihr Potenzial auffällt.

Nur zwei Prozent der Deutschen verfügen über einen IQ von mehr als 130. Foto: orangeacid / flickr (CC BY-NC 2.0)

Nur zwei Prozent der Deutschen verfügen über einen IQ von mehr als 130. Foto: orangeacid / flickr (CC BY-NC 2.0)

Manche Kinder jonglieren schon im Kindergarten mit Zahlen und Buchstaben und finden Spiele wie Mensch-Ärgere-Dich zu einfach. In der Grundschule verschlingen sie Romane, während andere noch lesen lernen. Grund für den Entwicklungsvorsprung kann eine überdurchschnittlich hohe intellektuelle Begabung sein. «Von der spricht man klassischerweise ab einem IQ von 130. Diesen Wert erreichen nur etwa 2 Prozent der Deutschen», sagt Karsten Otto von der Hochbegabtenförderung in Bochum.

Bei den meisten Betroffenen allerdings fällt das kaum auf. «Von 100 Hochbegabten fallen etwa 80 durchs Raster, weil sie sich mit ihrem Umfeld arrangieren und es ihnen die Anregung, die sie brauchen, quasi instinktiv bietet», sagt Manuela-Angelika Mahn von der Deutschen Gesellschaft für das hochbegabte Kind in Berlin. Die übrigen 20 fielen auf. Teils durch extremen Wissensdurst, teils aber auch negativ: So entwickeln Hochbegabte, die nicht das Glück haben, dass ihre Umgebung sich auf ihre Bedürfnisse einstellt, oft psychische Probleme. Das können beispielsweise Versagensängste, ein gestörtes Sozialverhalten, Depressionen und Wutstörungen sein. Dazu kommen Leistungsverweigerung und schlechte Noten.

„Sie brauchen herausfordernde Denkaufgaben und Projekte“

«Das zeigt, wie wichtig es ist, auf die Bedürfnisse hochbegabter Kinder einzugehen. Sie brauchen herausfordernde Denkaufgaben und Projekte, sonst sind sie schnell gelangweilt», erklärt Fischer. Wenn der Verdacht auf Hochbegabung besteht, sollten Eltern dem also unbedingt nachgehen. Klarheit bringt die Untersuchung bei einem Experten, der ausführlich mit dem Kind spricht und einen standardisierten IQ-Test macht. Ist das Ergebnis positiv, heißt es fördern und fordern.

Eltern zerbrechen sich schnell den Kopf darüber, was das genau heißt. «Viele sind sehr unsicher und fühlen sich überfordert. Dabei ist das alles gar nicht so dramatisch», sagt Mahn. Im Grunde brauchen Hochbegabte dasselbe wie alle Kinder: genügend Zuwendung und Aufmerksamkeit, ein offenes Ohr für ihre Bedürfnisse und Lernanreize, durch die sie ihre Fähigkeiten entfalten können. Der Unterschied ist nur, dass sie etwas mehr Anregung brauchen. Außerdem sollten sich Eltern bei der Wahl der Lern- und Spielmaterialien nicht am Alter von Sohn oder Tochter orientieren. «Was zählt, ist der individuelle Entwicklungsstand. Wenn ein Kind etwa schon früh lesen oder rechnen lernen will, sollte man es ihm ermöglichen», sagt Fischer. Gleiches gilt, wenn es wissen möchte, wie ein Flugzeugmotor funktioniert oder welche Planeten zum Sonnensystem gehören.

Wichtig ist vor allem, dass es das, was es lernt, auch emotional verarbeiten kann: «Ein hochbegabtes Kind ist vom Kopf her weiter, es ist aber immer noch ein Kind und manches, was es versteht, verkraftet es vielleicht noch gar nicht», sagt Otto.

Wissen Erwachsene nicht, wo sie die Grenze ziehen sollen, kann eine Hochbegabten-Beratungsstelle weiterhelfen. Die Fachkräfte vor Ort haben einen großen Erfahrungsschatz und die Expertise, um geeignete Lernanreize für die kleinen Genies zu finden. Neben Büchern und Lernspielen können das kindgerechte Lerngruppen und Kurse sein, die man unter anderem über Vereine für Hochbegabte findet. «Das alles sollten die Kinder aber auch wollen. Es ist nicht gut, sie zu etwas zu drängen, nur weil man weiß, dass sie einen hohen IQ haben», warnt Mahn.

Generell sollten Eltern sich nicht auf die Hochbegabung ihres Kindes fokussieren, sondern ihm vielfältige Erfahrungen ermöglichen: Etwa durch Ausflüge in die Natur, die Mitgliedschaft in einem Sportverein oder das Lernen eines Instruments. «Es sollte nicht unter einer Käseglocke aufwachsen und ständig nur von Hochbegabten umgeben sein», erklärt Otto. Besser ist ein gemischtes Umfeld: So macht es die Erfahrung, dass es noch mehr Menschen wie es selbst gibt, ist aber gleichzeitig in die normale Welt integriert. NICOLA MENKE, dpa

(28.2.2013)

Hier geht es zu Empfehlungen für Lehrer zum Umgang mit hochbegabten Schülern.

Ein Kommentar

  1. Ein sehr vernünftiger Beitrag auf dem aktuellen Stand der Fachwissenschaften. Leider gibt es viel zu viele Versuche insbesondere der privaten Bildungsindustrie, die Eltern überdurchschnittlich leistungsfähiger Kinder in irgendwelche Eliteschulen und Eliteinternate zu locken. Auch die Wirtschaft spricht sich mehrheitlich gegen „Sonderschulen für Hochbegabte“ aus. Der Personalberater Dr. Stefan Fourier etwa hält „das Konzept einer
    gesonderten Ausbildung von Eliten, etwa in Internaten und Eliteuniversitäten,“ für „Blödsinn“ (vgl. http://zfi.beepworld.de/files/internateelitebildungininternatenbldsinn.pdf).

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