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Schule ade, scheiden tut auch Lehrern weh – eine Glosse

BERLIN. Lehrer haben es auch nicht leicht. Vor allem dann nicht, wenn sie altersbedingt dem entsagen sollen, was sie ein Berufsleben lang gequält hat: dem Schuldienst. Eine Glosse von Gabriele Fryrdrych.

Frech. Der Titel des neuen Buches von Gabriele Frydrych.

Frech. Der Titel des neuen Buches von Gabriele Frydrych.

Abschiedsschmerz

Der Sektvorrat im Keller schwindet zusehends. Hat mein Partner dem „Bitburger“ entsagt und trinkt heimlich „Schloss Wachenheim“? Vielleicht sollte ich ihn bei der Suchtberatung anmelden. Sich beim Trinken im Keller zu verstecken, ist schon suspekt.

Mein Partner wehrt sich, als ich ihn frühmorgens mit zwei Flaschen Wachenheim erwische: „Ich will doch nur mit meinem Leistungskurs anstoßen. Heute ist unsere letzte Deutschstunde vorm Abitur.“ Die anderen Sektflaschen seien bei seiner letzten Fachkonferenz, bei der letzten Präsentationsprüfung und bei der letzten Jahrgangsdienstbesprechung draufgegangen. Glücklicherweise zechen die Kollegen und Kolleginnen ja weitaus weniger als in jungen Jahren.

Das waren noch Zeiten, als wir freitags im Lehrerzimmer saßen, die Becher aufs Wochenende hoben, sogar das ein oder andere lustige Lied sangen und im Kollegium nach Flirtpartnern Ausschau hielten. Jede Gesamtkonferenz endete in der Kneipe um die Ecke. Wenn wir heute nach Unterrichtsschluss ausnahmsweise mal beisammen sitzen, reden wir bei einem leckeren Mineralwasser über unsere Zipperlein. Die diversen Pillen vertragen sich einfach nicht mit Alkohol.

Mein Partner hat das offizielle Rentenalter erreicht und arbeitet noch bis zu den Sommerferien. Sein Gefühlsleben schwankt zwischen offenem Triumph („Nie mehr so blöde Eltern!“) bis hin zu schmerzlicher Wehmut („Eigentlich habe ich immer gern unterrichtet!“). Daheim feilt er an seiner letzten Abiturrede und an den deutlichen Worten, die er dem konfliktscheuen Schulrat zum Abschied an den Kopf werfen will. Über seinem Schreibtisch hängen gerahmte Kopien: „Mein letzter Stundenplan“, „Meine letzte Geschichtsklausur“, „Mein letztes Protokoll“.

Jeden Montag geht er mit aussortierten Büchern in die Anstalt. „Fundgrube für Vertretungsstunden“, „Cybermobbing im Kollegium“ und „Verhaltensoriginelle Jugendliche“ werden ihm aus der Hand gerissen. Der Sammeltrieb ist auch in den nachwachsenden Lehrergenerationen ungebrochen.

Ich will in der Schulrechtssammlung nachsehen, ob Grubenausheben eine entwürdigende Sanktion für renitente Jugendliche ist. Mein Partner ist ein wenig verlegen. Das dicke Schulgesetzbuch hat er längst seiner Nachfolgerin vermacht. Mit der Zeit verschwinden die Deutsch- und Geschichtsordner Klasse 7 bis 13 aus der Schrankwand. Wir überlegen, einen Container für den Papiermüll anzufordern. Vielleicht müssen wir doch keinen Wintergarten anbauen, wenn bis zu den Sommerferien die Hälfte des Inventars verschwunden ist. Dinge mit hohem Erinnerungswert bleiben allerdings in unserem Haushalt: die Lateinlernkartei aus dem Grundstudium, die handschriftlichen Unterlagen über Minnesang, Macchiavelli und römisches Recht.

An seinem letzten Studientag lehnt sich mein Partner zurück und lauscht schmunzelnd den neuesten Reformideen der Fortbilder. Seiner Altersweisheit ist es vermutlich zu verdanken, dass er nicht offen verkündet, all diese Bahn brechenden Neuerungen seien vor 30 Jahren schon mal „erfunden“ worden. Er freut sich still, dass er nicht mehr an zeitintensiven Maßnahmen teilnehmen muss, deren Effektivität er schon damals zu Recht bezweifelt hat. Tendenziöse Zeitungsberichte über alte Lehrer und das Versagen der Schule nimmt er abgeklärt zur Kenntnis: „Wie schön, das regt mich alles nicht mehr auf.“

Am letzten Wandertag lädt er seine 10. Klasse in den Heidepark Soltau ein. Für die letzte Gesamtkonferenz spendiert er zwei Spanferkel und ein Fass Bitburger. Ferne Verwandte im Westfälischen fordern eine große Festivität zur Pensionierung. Dieses letzte Dienstjahr geht ins Geld.

Mein Partner überlegt, womit er seine besten Jahre verbringen kann. Einen Bildungsroman schreiben? Aphorismen dichten? Den Rasen neu anlegen? Salsa lernen? Ein Ehrenamt ausfüllen? Ich erwische ihn, als er eine Anzeige aus der Zeitung rupft: „Senior Partners for school gesucht“. Das sind Silver-Ager, die Streit zwischen Schülern schlichten. „Das machst du nicht!“, erkläre ich.

Es gibt ja wirklich Menschen, die nicht vom Schuldienst lassen können. Die inständig darum bitten, auch weiterhin als Stundenkraft beschäftigt zu werden – und sei es in der Lehrbücherei. Und genug Schulen sind auf diese Pensionäre dringend angewiesen. Die Grundschule gegenüber sucht Lesepaten und Kräfte für die Essensausgabe. Mein Partner sieht sehnsüchtig zu den kreischenden Kindern auf dem Spielplatz hinüber. Er kann doch so gut vorlesen. Ich überzeuge ihn, dass es viel dringender ist, unseren Keller trockenzulegen, damit er sich dort sein kleines Reich schaffen kann. In Loriots Film „Papa ante portas“ werden viele pensionierte Männer artgerecht im Hobbykeller gehalten. Nach den Sommerferien und dem Kellerumbau verschwindet mein Partner täglich für mehrere Stunden im Untergeschoss. Er hat sich sogar einen eigenen Zugang gegraben.

Was er da unten macht? Er gibt Nachhilfeunterricht für verhaltensoriginelle Jugendliche.

Der Text ist dem neuen Buch von Gabriele Frydrych entnommen. Titel: “Die Dümmsten aus meiner Klasse sind Lehrer geworden!” Das Buch ist bei “Books on Demand” erschienen und kostet 11,90 Euro. News4teachers

(10.2.2013)

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